Ein älteres Ehepaar sitzt an einem Tisch und geht gemeinsam seine Enterben-Dokumente durch.

Der Pflichtteil: Warum “enterben” in Deutschland so schwierig ist 4.5/5 (2)

Jemanden vollständig zu “enterben” ist in Deutschland nur schwer möglich. Denn das Gesetz sieht Pflichtteile beim Vererben vor. Was der Pflichtteil ist und wer Anspruch darauf hat, weiß das Netzwerk Deutscher Erbrechtsexperten e. V. (NDEEX).

“Dass man frei darüber bestimmen kann, wer das eigene Vermögen erbt, ist ein weit verbreiteter Irrtum”, sagt Joachim Mohr, NDEEX-Mitglied und Fachanwalt für Erbrecht. “Denn den nächsten Verwandten steht in jedem Fall ein Pflichtteil zu.”

Ein älteres Ehepaar sitzt an einem Tisch und geht gemeinsam seine Enterben-Dokumente durch.
Jemanden zu enterben ist nicht ganz so einfach© iStockphoto

Wer hat Anspruch?

Der Pflichtteil kommt dann zum Tragen, wenn bestimmte Personen, die einen gesetzlichen Erbanspruch haben, per Testament vom Erbe ausgeschlossen – also “enterbt” – werden. In diesem Fall können sie immer noch die Hälfte des gesetzlichen Erbes für sich beanspruchen. Beispiel: Wenn eine verwitwete Frau drei Kinder hinterlässt, würden diese nach der gesetzlichen Erbfolge zu gleichen Teilen erben, also je ein Drittel. Schließt die Frau ein Kind vom Erbe aus, steht diesem als Pflichtteil immer noch die Hälfte des gesetzlichen Erbes zu, in diesem Fall ein Sechstel.

Geschwister erhalten keinen Pflichtteil

Pflichtteilsberechtigt sind nur Kinder, sowie jeweils deren Nachkommen, wenn die Kinder selbst vorverstorben sind, Ehemann und Ehefrau, eingetragene Lebenspartner und -partnerinnen sowie die Eltern der verstorbenen Person, falls es keine Nachkommen gibt. Keinen Anspruch auf einen Pflichtteil haben Großeltern, Geschwister, Nichten und Neffen sowie Stief- und Pflegekinder.

Der Pflichtteilsanspruch entfällt nur,

  • wenn die berechtigte Person vor einem Notariat einen Pflichtteilsverzichtsvertrag oder einen Erbverzichtsvertrag abgeschlossen hat oder
  • wenn sie das Erbe insgesamt nebst Pflichtteil ausschlägt.

Der Anspruch auf den Pflichtteil verjährt nach drei Jahren zum Jahresende.

Zahlungspflichtig sind die Erbinnen und Erben. Pflichtteilsberechtigte können dazu die Offenlegung aller relevanten Zahlen zur Ermittlung des Anteils fordern, sogar Sachverständigengutachten zur Wertermittlung von beispielsweise Immobilien. Das kostet alle Beteiligten Geld und Nerven. NDEEX empfiehlt deshalb, eine Fachanwältin oder einen Fachanwalt für Erbrecht zu konsultieren, um das eigene Erbe rechtssicher wie gewünscht zu verteilen. “Eine professionelle Beratung hilft, rechtliche Ausnahmen und Pflichten einzubeziehen. Eigenständig verfasste Testamente sind häufig fehlerhaft, weil die nötige Expertise fehlt”, sagt Joachim Mohr.

Video zum Pflichtteilsanspruch

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Über NDEEX

Das Netzwerk Deutscher Erbrechtsexperten e.V. (NDEEX) besteht seit 2003. In dem Verein haben sich Fachanwältinnen und Fachanwälte für Erbrecht aus ganz Deutschland und Europa zusammengeschlossen. Seine Ziele sind die hochkompetente Beratung der Mandantinnen und Mandanten, Erfahrungs- und Wissensaustausch untereinander sowie die allgemeine Aufklärung über Fragen des Erbrechts. Im FOCUS-Spezial “Ihr Recht 2020” waren 15 von 89 ausgezeichneten Anwältinnen und Anwälten für Erbrecht NDEEX-Mitglieder. Auf der Website www.ndeex.de finden Interessierte umfangreiche Informationen zum Thema sowie die Kontaktdaten von kompetenten Erbrechtsanwältinnen und -anwälten. Außerdem betreibt NDEEX den YouTube-Kanal “Erbrecht TV”.

Quelle: Netzwerk Deutscher Erbrechtsexperten e.V.

War dieser Beitrag hilfreich? Hat er Ihnen gefallen?

Das könnte Sie auch interessieren:

Wie aus einer Gutsanlage von 1760 ein Mehrgenerationen-Werkdorf wird: Interview mit Wolf Meyer-Plate

In der Altmark soll aus einem alten Gutshof ein Werkdorf für Jung und Alt entstehen. Wolf Meyer-Plate über den Neustart mit Mitte 60 und die Herausforderungen, eine neue Dorfgemeinschaft aufzubauen.

Babyboomer-Immobilien: Was der Generationenwechsel für Eigentümer und Käufer bedeutet

Millionen Boomer-Immobilien könnten in den kommenden Jahren weitergegeben oder verkauft werden. Für Eigentümer und Käufer verändert das den Markt.

Warum Seniorenbungalows in einen Wohnpark für alle Generationen gehören: Interview mit Oliver Zirn

In Großpösna bei Leipzig ist ein ganzes Quartier für alle Generationen entstanden, mit Kita, Familienhäusern und Pflegedienst, zu dem jetzt 42 barrierefreie Seniorenbungalows mit eigenem Garten dazukommen. Was macht diesen Ort so besonders?