Schöne Haltegriffe, elegante Rollatoren, clevere Küchen und Badezimmer mit Spa-Atmosphäre: Wer sagt eigentlich, dass altersgerechtes Design langweilig aussehen muss? Wie durchdachte Gestaltung den Alltag erleichtert und weshalb unsere Ansprüche an schönes Wohnen mit dem Alter keineswegs verschwinden.

Warum ist gutes Design für ältere Menschen so selten?
Mal ehrlich: Warum darf ein Kinderwagen ein stylisches Designobjekt sein, während ein Rollator häufig noch aussieht wie ein medizinisches Hilfsmittel? Warum werden Badezimmer für ältere Menschen mit weißen Kunststoffgriffen ausgestattet, obwohl es längst elegante Alternativen gibt? Und warum denken wir bei altersgerechtem Wohnen überhaupt so schnell an Beige, Grau und Krankenhausatmosphäre?
Dabei verschwinden unsere Ansprüche an schönes Design doch nicht mit dem 60. oder 70. Geburtstag. Wer ein Leben lang Wert auf eine schöne Einrichtung gelegt hat, möchte das auch weiterhin tun. Vielleicht sogar mehr denn je.
Ich finde, gerade dann, wenn wir irgendwann Unterstützung im Alltag benötigen, sollte unser Zuhause weiterhin ein Ort sein, der uns gefällt. Mit Möbeln, Farben und Materialien, die wir mögen. Und mit praktischen Lösungen, die sich ganz selbstverständlich in unsere Einrichtung einfügen.
Zum Glück gibt es immer mehr Produkte und Gestaltungsideen, die Funktionalität und Ästhetik miteinander verbinden. Vom eleganten Haltegriff bis zur höhenverstellbaren Küche.
Das Spannende daran ist, dass sich inzwischen auch die Wissenschaft damit beschäftigt, wie wichtig gutes Design für unsere Selbstständigkeit und unser Wohlbefinden sein kann.
Warum bleiben manche Hilfsmittel lieber im Schrank?
Viele Hilfsmittel wurden traditionell vor allem nach funktionalen Gesichtspunkten gestaltet. Sie sollen ihren Zweck erfüllen, sicher und möglichst einfach zu bedienen sein.
Das ist selbstverständlich wichtig. Doch ihre Gestaltung vermittelt manchmal eine Botschaft, die Menschen gar nicht mit sich selbst verbinden möchten.
Ein Rollator, ein Haltegriff oder ein spezieller Stuhl kann sichtbar machen, dass jemand Unterstützung benötigt. Manche Menschen haben damit überhaupt kein Problem. Andere empfinden solche Produkte als unangenehme Erinnerung an körperliche Einschränkungen.
Und genau hier wird Design zu einer Frage, die weit über guten Geschmack hinausgeht.
Denn wie wir ein Produkt wahrnehmen, kann beeinflussen, ob wir es gerne benutzen, nur widerwillig akzeptieren oder vielleicht sogar ganz darauf verzichten.
Dabei ist es doch eigentlich absurd: Warum sollte ein Gegenstand, der unseren Alltag erleichtert, gleichzeitig das Gefühl vermitteln, dass wir alt oder hilfsbedürftig geworden sind?
Wie wichtig ist schönes Design?
Wie wichtig die Gestaltung solcher Produkte sein kann, zeigt eine interessante Untersuchung der Newcastle University, die im März 2025 in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift BMJ Open veröffentlicht wurde.
Das Forschungsteam befragte 33 Menschen in England, die bereits speziell gestaltete Haltegriffe in ihrem Zuhause nutzten. Das Durchschnittsalter der Teilnehmenden lag bei 64 Jahren.
Das Besondere an den Produkten: Sie sahen teilweise aus wie ganz normale Einrichtungsgegenstände.
Eine Ablage in der Dusche war gleichzeitig ein Haltegriff. Ein Toilettenpapierhalter konnte zusätzlichen Halt bieten. Auch ein Spiegel und ein Geländer für den Außenbereich gehörten zu den untersuchten Lösungen.
Viele Befragte empfanden die Gestaltung als modern und attraktiv. Sie schätzten besonders, dass die Hilfsmittel sich harmonisch in ihre Wohnung einfügten und weniger an klassische medizinische Produkte erinnerten.
Eine 82-jährige Teilnehmerin brachte ihre Haltung auf den Punkt: Auch in ihrem Alter empfinde sie sich keineswegs als altmodisch.
Ich finde, treffender kann man es kaum sagen.
Die Befragten berichteten außerdem, dass die Haltegriffe ihnen bei alltäglichen Bewegungen mehr Sicherheit vermittelten und sie sich dadurch selbstständiger fühlten.
Doch die Studie brachte auch eine überraschende Erkenntnis ans Licht.
Einige Menschen hatten gar nicht erkannt, dass die schönen Alltagsgegenstände gleichzeitig als Haltegriffe gedacht waren. Andere waren unsicher, ob sie ihnen tatsächlich Halt bieten würden.
Das zeigt: Gutes Design darf eine wichtige Funktion elegant integrieren. Diese Funktion muss aber verständlich, zuverlässig und sicher bleiben.
Die Untersuchung war mit 33 Teilnehmenden relativ klein und nicht repräsentativ. Sie liefert jedoch einen interessanten Einblick, wie eng die Gestaltung von Hilfsmitteln mit unserem Selbstbild und unserem Sicherheitsgefühl verbunden sein kann.
Was ist Universal Design?
Hinter vielen modernen Gestaltungskonzepten steckt eine Idee, die sich Universal Design nennt.
Der Ansatz wurde unter anderem durch den amerikanischen Architekten und Designer Ronald L. Mace geprägt.
Das Prinzip ist ebenso einfach wie überzeugend: Produkte, Gebäude und Räume werden möglichst von Anfang an so gestaltet, dass sie von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen genutzt werden können.
Dazu gehören eine intuitive Bedienung, ein geringer körperlicher Kraftaufwand, gute Erreichbarkeit und möglichst wenig unnötige Hindernisse.
Das Beste daran ist, dass viele dieser Lösungen das Leben für alle Generationen angenehmer machen.
Eine bodengleiche Dusche ist mit 35 genauso schön wie mit 75. Ein Aufzug erleichtert den Alltag mit Kinderwagen, schweren Einkäufen oder Rollator. Und wer hat sich nicht schon einmal über einen Küchenschrank geärgert, bei dem die wichtigsten Dinge ganz hinten stehen?
Universal Design versucht, solche Probleme von Anfang an mitzudenken.
Dabei geht es auch um eine ästhetische Qualität. Denn praktische Lösungen werden eher selbstverständlich genutzt, wenn sie zu unserem Leben und unseren persönlichen Vorlieben passen.
Wie schön kann altersgerechtes Design sein?
5 Beispiele:
1. Badezimmer mit Spa-Gefühl statt Krankenhausoptik
Ein modernes Badezimmer darf großzügig, elegant und komfortabel sein. Und es kann gleichzeitig so gestaltet werden, dass es auch bei eingeschränkter Beweglichkeit gut funktioniert.
Bodengleiche Duschen, ausreichend Bewegungsfläche, rutschhemmende Bodenbeläge und leicht bedienbare Armaturen gehören zu den wichtigsten Möglichkeiten.
Auch Haltegriffe gibt es inzwischen in unterschiedlichen Formen, Oberflächen und Farben. Manche sind so gestaltet, dass sie zur übrigen Badausstattung passen oder zusätzliche Funktionen übernehmen.
Wichtig ist allerdings, dass es sich um ausdrücklich dafür vorgesehene und fachgerecht befestigte Haltegriffe handelt. Ein gewöhnlicher Handtuchhalter kann eine sichere Haltemöglichkeit nicht ersetzen.
Und manchmal kommt es auf Details an, die man auf den ersten Blick kaum bemerkt: eine bequem erreichbare Ablage, eine gut positionierte Armatur oder ausreichend Platz, um sich sicher zu bewegen.
2. Küchen, die mitdenken
Eine schöne Küche gehört für viele Menschen zu den wichtigsten Räumen ihres Zuhauses.
Doch was passiert, wenn das Bücken irgendwann schwerer fällt oder die oberen Schränke schlechter erreichbar werden?
Hier gibt es viele clevere Lösungen.
Vollauszüge machen den Inhalt tiefer Schränke leichter zugänglich. Herunterziehbare Oberschrankelemente bringen Geschirr und Vorräte in eine bequem erreichbare Höhe. Gut platzierte Steckdosen und leichtgängige Beschläge erleichtern die tägliche Nutzung.
Auch höhenverstellbare Arbeitsflächen oder unterfahrbare Bereiche können sinnvoll sein, wenn sie zu den individuellen Bedürfnissen passen.
Das alles lässt sich in eine hochwertige, moderne Küche integrieren.
Und ganz nebenbei: Wer die Küche schon heute ergonomisch plant, hat möglicherweise viele Jahre Freude daran.
3. Rollatoren, die man gerne benutzt
Der Rollator ist vielleicht das beste Beispiel dafür, wie sehr Gestaltung unsere Wahrnehmung beeinflusst.
Warum sollte eine Mobilitätshilfe immer nach medizinischer Versorgung aussehen?
Es gibt inzwischen Rollatoren mit klaren Formen, unterschiedlichen Farben und hochwertigen Materialien. Einige Hersteller beschäftigen sich ausdrücklich mit einer Gestaltung, die Mobilitätshilfen als selbstverständliche Alltagsbegleiter erscheinen lässt.
Aber gutes Design bedeutet hier weit mehr als eine schöne Farbe.
Ein Rollator muss zur Körpergröße passen, stabil sein und sich zuverlässig bremsen lassen. Gewicht, Wendigkeit und eine einfache Handhabung sind ebenfalls entscheidend.
Ein besonders elegantes Modell hilft wenig, wenn es sich kaum zusammenklappen lässt oder im Alltag unpraktisch ist.
Die beste Lösung verbindet deshalb schöne Gestaltung mit einer Funktion, auf die man sich verlassen kann.
4. Gutes Licht, das den Alltag erleichtert
Auch Licht ist ein wichtiger Bestandteil altersgerechter Gestaltung.
Mit zunehmendem Alter können sich das Sehen und die Wahrnehmung von Kontrasten verändern. Manche Menschen benötigen mehr Licht, reagieren aber gleichzeitig empfindlicher auf Blendung.
Gerade deshalb lohnt es sich, die Beleuchtung zu Hause sorgfältig zu planen.
Helles, blendarmes Arbeitslicht in der Küche, eine gute Leselampe am Lieblingssessel und ausreichend Licht an Treppen können den Alltag erleichtern.
Auch eine dezente nächtliche Wegebeleuchtung zwischen Schlafzimmer und Badezimmer kann sinnvoll sein.
Besonders angenehm sind unterschiedliche Lichtstimmungen, die sich je nach Tageszeit und Tätigkeit einstellen lassen.
So verbindet gute Lichtplanung Sicherheit und Komfort mit einer Atmosphäre, in der man sich wohlfühlt.
5. Möbel, aus denen man auch wieder gut aufstehen kann
Ein tiefer Designersessel kann fantastisch aussehen. Wenn das Aufstehen daraus allerdings irgendwann schwierig wird, verliert er einen Teil seines Reizes.
Wie wäre es also mit einem ebenso schönen Sessel, der eine etwas höhere Sitzfläche, stabile Armlehnen und eine angenehme Polsterung hat?
Auch Betten mit einer passenden Liegehöhe oder Esstische mit ausreichend Beinfreiheit können den Alltag erleichtern.
Es geht dabei keineswegs darum, die gesamte Wohnung mit speziellen Seniorenmöbeln auszustatten.
Viel wichtiger ist die Frage, ob ein Möbelstück zu den eigenen Bedürfnissen passt.
Wer schön wohnen möchte, sollte schließlich nicht zwischen gutem Aussehen und gutem Komfort wählen müssen.
Kann gutes Design auch das Wohlbefinden beeinflussen?
Unser Zuhause besteht natürlich aus mehr als einzelnen Möbeln und Produkten.
Auch Licht, Materialien, Farben und die Anordnung von Räumen prägen, wie wir uns in einer Wohnung fühlen.
In der Architektur wird in diesem Zusammenhang häufig über sogenannte Healing Environments gesprochen. Gemeint sind Umgebungen, deren Gestaltung Wohlbefinden, Erholung und Orientierung unterstützen soll.
Ein angenehmer Blick ins Grüne, ausreichend Tageslicht oder ein gut gestalteter Gemeinschaftsbereich können dazu beitragen, dass wir Räume gerne nutzen.
Allerdings wäre es übertrieben, jedem schönen Raum automatisch eine gesundheitsfördernde Wirkung zuzuschreiben.
Ein Gemeinschaftsraum verhindert keine Einsamkeit. Eine Holzverkleidung verbessert nicht von selbst die Gesundheit. Und eine moderne Einrichtung garantiert noch lange keine Lebensqualität.
Entscheidend ist, wie die Räume auf die Bedürfnisse der Menschen abgestimmt sind und welche Möglichkeiten sie im Alltag bieten.
Eine interessante Ergänzung liefert eine systematische Übersichtsarbeit von 2025, die 20 Studien zu Wohnraumanpassungen auswertete. In mehreren Untersuchungen zeigten sich positive Effekte auf die Selbstständigkeit, die Sicherheit oder die Lebensqualität älterer Menschen. Besonders häufig wurden Anpassungen in Badezimmern, Haltegriffe und Veränderungen an Treppen untersucht.
Die Ergebnisse unterscheiden sich in ihrer Aussagekraft. Dennoch zeigen sie, dass gut geplante Veränderungen im Wohnumfeld weit mehr leisten können als eine optische Aufwertung.
Quelle: A Systematic Review of Home Modifications for Aging in Place in Older Adults, 2025.
Altersgerechtes Design muss nicht erst im Alter beginnen
Eigentlich ist das vielleicht die schönste Erkenntnis an diesem Thema.
Viele praktische Lösungen sind schon lange hilfreich, bevor wir sie aufgrund körperlicher Einschränkungen wirklich benötigen.
Eine großzügige Dusche, gut erreichbare Küchenschränke, eine durchdachte Beleuchtung oder bequeme Sitzmöbel sind in jedem Alter angenehm.
Warum also erst dann darüber nachdenken, wenn der Alltag mühsamer wird?
Natürlich lassen sich nicht alle individuellen Bedürfnisse mit einer einzigen Gestaltungslösung erfüllen. Manchmal sind speziell angepasste Hilfsmittel oder bauliche Veränderungen notwendig.
Aber wenn wir von Anfang an mehr Komfort, Flexibilität und gute Erreichbarkeit einplanen, kann unser Zuhause möglicherweise länger zu unserem Leben passen.
Und es bleibt dabei genau das, was wir uns wünschen: ein schöner Ort, an dem wir gerne leben.
Schön wohnen kennt keine Altersgrenze
Vielleicht sollten wir grundsätzlich aufhören, bei altersgerechtem Design zuerst an Einschränkungen zu denken.
Denn unsere Persönlichkeit verschwindet schließlich nicht mit dem Älterwerden.
Wer Farben liebt, wird nicht plötzlich zum Beige-Fan. Wer moderne Architektur mag, möchte auch später in schönen Räumen leben. Und wer sich für Design begeistert, möchte diese Freude auch dann behalten, wenn manche Dinge etwas mehr Unterstützung erfordern.
Ich wünsche mir deshalb mehr Produkte und Wohnkonzepte, bei denen gutes Design und praktische Funktion ganz selbstverständlich zusammengehören.
Ein bisschen mehr Kreativität, ein bisschen weniger Klischees und vor allem mehr Aufmerksamkeit für die Menschen, die diese Produkte tatsächlich nutzen.
Denn gutes Design sollte uns möglichst lange begleiten und sich mit unseren Bedürfnissen verändern dürfen.
Und wenn es dabei auch noch richtig gut aussieht, umso besser.
Quellen und weiterführende Informationen
Dickson, S. et al. (2025): „They don’t squeal, ‘Disabled’“: Using qualitative interviews to explore user perceptions of stylish grab rails. BMJ Open, 15(3), e093698. Qualitative Untersuchung mit 33 Teilnehmenden zur Akzeptanz und Nutzung ästhetisch gestalteter Haltegriffe.
North Carolina State University: Center for Universal Design. Ursprung, Definition und sieben Prinzipien des Universal Design.
Systematische Übersichtsarbeit (2025): A Systematic Review of Home Modifications for Aging in Place in Older Adults. Auswertung von 20 Studien zur Wirkung von Wohnraumanpassungen.
US National Institute on Aging: Home Safety Tips for Older Adults. Empfehlungen zu sicheren Wohnumgebungen, Haltegriffen und Beleuchtung.
American Academy of Ophthalmology: Eye Health Information for Adults Over 65. Informationen zu altersbedingten Veränderungen der Sehfähigkeit, Kontrastwahrnehmung und Lichtanpassung.
Hinweis: Die dargestellten Design- und Einrichtungsideen dienen der allgemeinen Orientierung. Bei konkreten Mobilitäts- oder Sicherheitseinschränkungen sollten Hilfsmittel und bauliche Anpassungen individuell ausgewählt und gegebenenfalls fachlich geplant werden.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.



































































































