Was Werbekampagnen von heute oft fehlt und warum die Ein-Wort-Strategie zeitlos ist.
Ein Mann, der die Werbung revolutionierte, ein kreativer Kopf, der immer noch voller Ideen steckt, und ein Musiker mit Herz und Humor:
Michael Conrad erzählt in unserem LIVVING Podcast von seinem außergewöhnlichen Lebensweg. Warum ihn die Werbung nie ganz loslassen kann, welche Rolle ältere Generationen in der Kreativbranche spielen und warum er in Memphis einen Song schrieb – all das erfahren Sie in dieser besonderen Episode.
Warum ein Interview mit Michael Conrad?
Weil er das ist, was viele wohl als „Werbelegende“ oder „Werbeikone“ bezeichnen würden.
Michael Conrad, Jahrgang 1944, hat als international agierender Werbemann die Markenwahrnehmung der Boomer-Generation nachhaltig geprägt. Von ihm stammen ikonische Werbeslogans wie „An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD“ aus dem Jahr 1971. Durch seine kreativen Ideen wurde der Fiat Panda zur „tollen Kiste“, und er hat über zwei Jahrzehnte dazu beigetragen, dass der Marlboro-Mann fest im Sattel blieb.


Wer ist Michael Conrad?
Michael Conrad begann 1968 seine beeindruckende Werbekarriere:
- Texter bei Young & Rubicam Frankfurt
- Creative Director bei Ogilvy & Mather Frankfurt
- 1972: Partner der Neugründung TBWA Frankfurt
- 1975: Partner von Lürzer, Conrad Frankfurt, die sich später mit Leo Burnett zusammenschloss
- 1986: Wechsel nach Chicago als Präsident von Leo Burnett International
- Chief Creative Officer und Vice Chairman von Leo Burnett Worldwide
Für seine herausragenden Leistungen wurde Michael Conrad vielfach geehrt:
- 2001 Aufnahme in die Hall of Fame der Deutschen Werbung
- Ehrenmitglied des Deutschen, Schweizer und Europäischen Art Directors Clubs
- seit 2013 Ehrenmitglied des Deutschen Designer Clubs.
Anfang 2003 verabschiedete er sich offiziell in den Ruhestand – aber ein Visionär wie er bleibt nicht lange untätig. 2004 gründete er mit dem ADC Deutschland (Art Directors Club) die „Berlin School of Creative Leadership“, eine Institution, die sich der Ausbildung kreativer Führungskräfte widmet. Heute lebt Michael Conrad in Zürich, berät weiterhin Unternehmen und bleibt eine kreative Inspirationsquelle für die Branche und darüber hinaus.
Trotz dieser großartigen Erfolge ist er bescheiden geblieben, mit sympathischer Bodenhaftung und feinsinnigen Humor 😉
Das Wichtigste aus dem Interview mit Michael Conrad auf einen Blick
- Michael Conrad ist eine Werbeikone – seine Kampagnen haben die Markenwelt geprägt.
- Altersdiskriminierung in der Werbung? – Für ihn ist das weniger ein Problem als schlechte Werbeplanung.
- Erfahrung zählt – ältere Kreative bringen oft entscheidende Ideen, wie das Beispiel McDonald’s zeigt.
- Lebenssinn ist entscheidend – Michael bleibt aktiv, weil er seine Leidenschaft für Kreativität nie verloren hat.
- Neue Herausforderungen bereichern – aktuell lernt er Klavier und bleibt so geistig und kreativ fit.
- Musikalisches Talent – Am Ende des Podcasts gibt es als Bonustrack exklusiv seinen Song „Got broke in Memphis“ zu hören – mit einer Stimme, die an Johnny Cash erinnert.


Wie sieht Michael Conrad die Darstellung älterer Menschen in der Werbung?
Die Werbung hat oft ein Problem mit dem Alter – das ist zumindest ein weit verbreiteter Vorwurf. Doch Michael sieht das differenzierter:
„Ich bemerke keine Altersdiskriminierung, aber ich bemerke sehr viel unstrategische, klischeehafte Werbung.“
Für ihn geht es weniger um das Alter an sich, sondern darum, psychografische Zielgruppen zu erkennen – also Menschen mit gemeinsamen Verhaltensweisen und Bedürfnissen, unabhängig vom Geburtsjahr. Besonders hebt er Marken hervor, die dies bereits umsetzen, wie die Dove-Kampagnen, die sich auf authentische Schönheit konzentrieren.
Doch in vielen Fällen wird laut Michael Conrad zu schnell und zu oberflächlich gearbeitet. Gute Werbung brauche einen starken strategischen Ansatz – und das sieht er in vielen modernen Kampagnen nicht mehr.
Warum sind ältere Generationen in der Kreativbranche so wertvoll?
Viele Werbeschaffende über 50 haben das Gefühl, dass sie in der Branche keine Rolle mehr spielen. Ein Fehler, sagt Michael. Gerade in der Kombination aus Erfahrung und frischen Ideen liegt großes Potenzial.
„McDonald’s hat ‘I’m loving it’ nicht von jungen Kreativen bekommen, sondern von zwei erfahrenen Werbern über 60. Und der Slogan läuft seit über 20 Jahren erfolgreich.“
Sein Vorschlag: Unternehmen sollten gezielt ältere Mitarbeitende einbinden – als Berater, als Mentoren oder als kreative Köpfe. Denn in der Werbung geht es nicht darum, jung zu sein, sondern darum, Menschen zu verstehen.


Warum Michael Conrad immer noch als Kreativ-Berater gefragt ist
Michael Conrad hat sich offiziell aus der Werbung zurückgezogen, doch wenn es um starke Kampagnen geht, bleibt er eine gefragte Stimme. Sein Erfolgsprinzip? Klarheit, Fokus und die zeitlose Kraft der Ein-Wort-Strategie!
Wenn Unternehmen ihn um Rat fragen, stellt er eine entscheidende Frage:
„Was ist eigentlich eure Ein-Wort-Strategie?“
Oft folgt darauf Ratlosigkeit. Dabei ist die Idee simpel und zeitlos: Große Marken funktionieren mit nur einem Wort.
„BMW steht für Freude, Volvo für Sicherheit, Disney für Magie.“
Ein starkes Wort schafft Identität, Wiedererkennbarkeit und emotionale Bindung. Genau deshalb ist Michael Conrad als Berater gefragt – seine jahrzehntelange Erfahrung gibt ihm den geschärften Blick für das Wesentliche.
Was macht ein erfülltes Leben aus?
Mit 80 noch aktiv sein? Für Michael Conrad ist das keine Frage. Seine Leidenschaft für kreative Ideen hat ihn nie losgelassen.
„Ich mache, was auf mich zukommt – und ich versuche immer, Menschen zum Schmunzeln zu bringen.“
Ob als Berater, als Geschichtenerzähler oder als Musiker – Neugierde und Humor sind für ihn die wichtigsten Zutaten für ein erfülltes Leben. So hat er sich vor Kurzem eine neue Herausforderung gesucht: Er lernt Klavier spielen.
„Es ist erstmal noch kein Hobby – es ist eine Herausforderung.“
Exklusiver Bonustrack im Podcast
Wie ein Wochenende ohne Gitarre zu einem Song wurde: Ein ganz besonderes Highlight erwartet die Hörer:innen am Ende dieser Podcast-Episode: Michael Conrad ist leidenschaftlicher Songwriter, Sänger und Gitarrist. Aus kleinen Alltagsgeschichten werden so großartige Songs.
Hier die Geschichte zu „Got broke in Memphis“:
„Meine Tochter Anja hat Schulfreunde in Memphis, die ein Studio betreiben. Sie hat mir drei Studiotage zum Geburtstag geschenkt – und wir sind auf nach Memphis.“
Ursprünglich wollte er dort vier Songs covern – doch dann kam alles anders.
Auf dem Flug schrieb er einen eigenen Song für seine verstorbene Mutter, die 97 Jahre alt wurde und bis ins hohe Alter für Partystimmung sorgte:
„Sie hat gerne mit uns bis in die frühen Morgenstunden geparty’t und zu unserer Musik oft auf den Töpfen getrommelt. Außerdem war sie nie betrunken, obwohl sie immer mit angestoßen hat. Meine Frau Helga hat dann entdeckt, dass sie die schöne alkoholisierte Flüssigkeit in ihren Ausschnitt goss. Nicht bei Sekt oder Wein, aber beim Schnaps. Also musste es ein Song mit Partystimmung werden.“
Doch dann kam ein unerwartetes Hindernis:
„Ich wollte mir eine Gitarre besorgen, um übers Wochenende die Songs zu proben – aber es ist mir nicht gelungen, eine zu kriegen. Dilemma? Nein. Song!“
So entstand „Got broke in Memphis“, ein Lied, das durch eine spontane Idee, ein kleines Missgeschick und eine große Portion Humor zum Leben erweckt wurde.
Der Song ist erstmalig als Bonustrack am Ende der Podcast-Folge zu hören – und das Beste: Michael Conrad klingt dabei wie Johnny Cash! Seine tiefe, warme Stimme und der typische Country-Vibe machen den Song zu einem echten Highlight.
Also, unbedingt bis zum Ende dranbleiben – es lohnt sich 😉 !
Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten?
Michael Conrad ist eine Inspiration – nicht nur für Werber, sondern für alle, die kreativ, neugierig und offen für Neues bleiben wollen. Sein Humor, seine Geschichten und seine Leidenschaft für Ideen machen dieses Gespräch zu einer wahren Bereicherung.
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Weitere Informationen 'Lieber lesen, als Podcast hören? Interview zum Nachlesen!
Interview mit Michael Conrad: Die Werbelegende über legendäre Slogans, Altersbilder und Neuanfänge
Claudia Mattheis:
Herzlich willkommen zu einer neuen Folge des LIVVING Podcast Interviews. Diese Folge ist für uns aus drei Gründen etwas ganz Besonderes. Erstens, weil heute wieder zwei Gastgeber am Mikrofon sind – mein Mann Siegbert Mattheis und ich. Zweitens, weil unser Gast Michael Conrad ist, einer der erfolgreichsten Werbefachleute der letzten Jahrzehnte, den wir beide für seine Arbeit sehr bewundern. Und da auch mein Mann und ich aus der Werbung kommen, ist das für uns ein echter Fanmoment, den wir gern mit euch teilen möchten. Michael ist nicht nur ein begnadeter Werbetexter, sondern auch ein großartiger Musiker. Er singt, spielt Gitarre und schreibt sogar eigene Songs. Ein Beispiel davon findet ihr als Bonustrack am Ende dieses Interviews.
Claudia Mattheis:
Viel Spaß beim Zuhören! Herzlich willkommen in unserem LIVVING Podcast Studio, lieber Michael Conrad.
Michael Conrad:
Hallo.
Claudia Mattheis:
Wir haben dich eingeladen, weil du das bist, was viele als Werbelegende bezeichnen würden. Du bist Jahrgang 1944 und hast als international agierender Werbemann die Markenwahrnehmung der Boomer-Generation nachhaltig geprägt. Von dir stammen Werbeslogans wie „An meine Haut lasse ich nur Wasser und CD“ aus dem Jahr 1971. Durch dich wurde der Fiat Panda zur „tollen Kiste“ und du hast über zwei Jahrzehnte dazu beigetragen, dass der Marlboro-Mann fest im Sattel blieb. Anfang 2003 bist du zwar offiziell in den Ruhestand gegangen, hast dann aber 2004 in Berlin gemeinsam mit dem ADC Deutschland die Berlin School of Creative Leadership gegründet. Du bist weiterhin als Consultant tätig und lebst in Zürich. Es gibt also viele Gründe und Anlässe für viele, viele Fragen an dich für unser LIVVING.
Siegbert Mattheis:
Auch von mir ein herzliches Hallo. Ich bin heute ebenfalls dabei und freue mich sehr, dass wir dich interviewen dürfen.
Claudia Mattheis:
Wir sind heute also zwei Gastgeber: ich, Claudia Mattheis, und Siegbert Mattheis, die beiden Hosts des LIVVING Podcasts. Die allererste Frage, Michael: Der Werbebranche wird oft vorgeworfen, die Jugend zu feiern und ältere Menschen zu diskriminieren. Du hast die Werbebranche über Jahrzehnte geprägt und auch international erlebt. Wie siehst du die Darstellung älterer Menschen in der Werbung? Werden sie deiner Meinung nach eher realistisch oder oft klischeehaft dargestellt?
Michael Conrad:
Du meinst in der veröffentlichten Werbung, wie man sie sieht?
Claudia Mattheis:
Ja.
Michael Conrad:
Das registriere ich so gar nicht. Ich kann nicht sagen, dass Menschen dort diskriminiert werden. Manchmal, vielleicht früher noch etwas mehr, wurden Frauen als unselbstständige Putzhilfen dargestellt, das war schon schlimm. Wir haben in unserer Agentur damals sehr darauf geachtet, dass das weltweit nicht passiert. Aber natürlich kam es hier und da doch vor, dass jemand diskriminiert wurde. Einmal haben wir sogar wegen Diskriminierung einen weltweiten Etat verloren. Das hat uns erst richtig auf den Pfad gebracht, aktiv etwas zu unternehmen.
In irgendeinem unserer Länder, wo wir eine Agentur hatten, wurde eine Werbung gemacht, die manche lustig fanden, aber viele andere eben nicht. Aber wenn ich heute Werbung sehe: Ältere Menschen werden aus meiner Sicht nicht diskriminiert, eher im Gegenteil – sie werden verjüngt dargestellt. Wenn man sich zum Beispiel Haribo anschaut, ist es doch schön zu sehen, was man mit älteren Menschen macht.
Siegbert Mattheis:
Denkst du, dass es in der Werbebranche eine Tendenz gibt, ältere Menschen – sei es als Zielgruppe oder als kreative Köpfe – zu übersehen? Oder was müsste sich deiner Meinung nach ändern, um Altersdiskriminierung entgegenzuwirken?
Michael Conrad:
Mir ist Altersdiskriminierung gar nicht bewusst – weder was die Beschäftigten in Agenturen betrifft, noch in der Werbung selbst. Wenn ich mir Commercials anschaue, sehe ich keine Diskriminierung wegen des Alters. Nehmen wir zum Beispiel die DAF-Kampagne: Das war strategisch wunderbar, wie man sich älteren Menschen gewidmet hat, die nicht dem werblichen Idealbild einer Frauenfigur entsprechen. Besonders der Anfang der Kampagne war sehr berührend. Ich weiß nicht, wie die Kampagne heute weitergeführt wird, aber da kann ich nur applaudieren.
Siegbert Mattheis:
Da hat sich tatsächlich vieles zum Positiven entwickelt, das stimmt. Auf der anderen Seite ist es aber oft so, dass ältere Menschen entweder als Oma oder Opa dargestellt werden – also Personen über 60 – oder quasi nur noch als Pflegefall oder überzeichnet, grell und bunt erscheinen. Das ist ja ein häufiger Vorwurf. Siehst du das anders?
Michael Conrad:
Nein, ich sehe das nicht. Vielleicht nehme ich es nicht wahr. Was ich allerdings feststelle, ist sehr viel unstrategische, klischeehafte Werbung. Vielleicht fällt das, was ihr ansprecht, darunter. Das hängt wahrscheinlich auch mit der Zerrissenheit der Medienlandschaft zusammen. Oft wird versucht, schnell irgendwelche Statements zu setzen und kurzfristige Erfolge zu erzielen, statt konzentriert und fokussiert an Kommunikation zu arbeiten – wie man es zum Beispiel sehr schön bei Hornbach sieht.
Das ist nie langweilig. Vieles, was die Hamburger Agenturen wie Jung von Matt oder Scholz & Friends machen, ist führend: menschlich, witzig, unlangweilig und provokant. Wir haben damals zum Beispiel „Geiz ist geil“ kreiert – ich weiß nicht, wie das heute gesehen wird, aber damals war das eine erfrischende Kampagne. Oder die fliegenden Haare von Frau Merkel – ob das eine Diskriminierung ihres Alters war, weiß ich nicht, aber die Haare waren jedenfalls sehr lebendig.
Claudia Mattheis:
Das Thema Altersdiskriminierung in der Werbung – der Werbebranche wird oft vorgeworfen, dass sie daran schuld ist, dass das Altersbild in der Gesellschaft so negativ ist, weil die Jugend überhöht und als Ideal dargestellt wird.
Siegbert Mattheis:
Oder die berühmte „werberelevante Zielgruppe von 14 bis 49“ – da fühlte man sich als Älterer quasi ausgeschlossen, obwohl das eigentlich ein Witz war.
Michael Conrad:
Ich sehe das nicht als Diskriminierung, sondern als schlechte Werbeplanung. Es ist doch egal, wie alt jemand ist. Für mich war es immer wichtig, eine psychografische Zielgruppe zu finden, also Menschen mit bestimmten Verhaltensweisen. Zum Beispiel hat Paul Hanneman in den 1970er Jahren den BMW auf die Überholspur positioniert. Das Briefing an die Ingenieure war: „Im Rückspiegel eines Mercedes muss die Botschaft entstehen: Ich bleibe lieber rechts, da will mich jemand überholen.“ Daraus wurde die Kommunikation „Freude am Fahren“. Das läuft bis heute.
In England hieß es „The Ultimate Driving Machine“, in Amerika genauso. Diese „notorischen Überholer“ gibt es in jedem Alter. Das kann eine ältere oder eine jüngere Person sein. Und wenn so jemand das erste Mal ein Baby badet, wickelt, eincremt – dann verändert sich das Leben, und plötzlich wird aus dem Überholer jemand, der auch Verantwortung übernimmt. Dann kommt vielleicht ein anderes Auto in den Kopf – und wenn die Marke das richtig macht, bekommt zum Beispiel Volvo das Geschäft, weil sie verantwortungsvolle Väter ansprechen.
Entscheidend ist also die psychografische Zielgruppe, nicht das Alter.
Siegbert Mattheis:
Juckt es dich manchmal noch in den Fingern, wieder aktiv Ideen für Werbung zu entwickeln oder die Branche zu verbessern?
Michael Conrad:
Eigentlich nicht. Ich gebe ab und zu konzeptionell einen Rat, der dann auch umgesetzt wird. Aber im Detail arbeite ich nicht mehr. Ich habe ja auch eine Familie, die in mehreren Städten lebt – Berlin, bei Frankfurt, in Wien – und wir reisen viel. Ihr wisst ja, dass ich gerne Gitarre spiele und eigene Lieder schreibe. Im Februar bin ich in St. Moritz ausgerutscht – ich nenne es jetzt „St. Morutsch“. Die Lösung ist für mich, nicht zu jammern, sondern zu singen. So sind einige Lieder entstanden, die mir durch den Schmerz geholfen haben und andere zum Lachen bringen.
Claudia Mattheis:
Wir kennen einige deiner selbst gespielten und gesungenen Lieder.
Siegbert Mattheis:
Die sind wirklich toll.
Claudia Mattheis:
Kann man die irgendwo veröffentlichen? Sind sie online? Denn sie sind wirklich großartig.
Michael Conrad:
Nein, sie sind nicht online, aber wenn ihr eins veröffentlichen wollt, könnt ihr das gerne tun.
Claudia Mattheis:
Das wäre super.
Siegbert Mattheis:
Dann packen wir den Link gleich in den Podcast.
Claudia Mattheis:
Ich möchte noch einmal zur Werbebranche zurückkommen. Sigi und du habt euch bei einer Veranstaltung in Hamburg kennengelernt. Da ging es auch um das Thema Altersdiskriminierung. Viele Werbeleute 50+ fühlen sich in der Branche plötzlich ausgeschlossen und finden keinen Job mehr. Siehst du dieses Problem auch oder woran liegt das deiner Meinung nach?
Michael Conrad:
Mein Vorschlag wäre, in Agenturen, wo wirklich tolle kreative Leistungen entstehen – wie etwa bei Jung von Matt, Scholz & Friends, Heimat, TBWA usw. – einmal zu untersuchen, wie alt das kreative Personal dort ist. Ich vermute, dass in weniger kreativen Agenturen versucht wird, günstigeres, also jüngeres Personal einzustellen. Ältere Menschen mit mehr Erfahrung verdienen historisch gesehen mehr, und vielleicht will man diese Kosten nicht mehr tragen und trennt sich deshalb von ihnen. Das sollte man untersuchen. Ein Beispiel: 2002 hatte McDonald’s ein Problem mit Shitstorms wegen schlechter Essensqualität und schmutzigen Restaurants. Es gab ein weltweites Briefing, um diese Shitstorms zu bekämpfen. Eine Münchner Agentur, damals geführt von Jürgen Knauss und Norbert Herold, beide um die 60, hat aufgrund ihrer Erfahrung erkannt: Das ist das falsche Briefing. Man muss die Leute stärken, die gern zu McDonald’s gehen, statt auf die Shitstorms einzugehen. Daraus entstand der Slogan „Ich liebe es“ („I’m loving it“), der seit 2002 weltweit unverändert läuft und sehr erfolgreich ist. Das kommt eben nicht von ganz jungen Leuten ohne viel Marketing-Erfahrung. Erfahrung ist entscheidend, und jede Agentur sollte auf Qualität und Erfahrung setzen, um Kunden erfolgreich zu beraten.
Claudia Mattheis:
Das lässt sich sicher auch auf Unternehmen allgemein übertragen. Wie sollten Unternehmen die Erfahrung älterer Mitarbeitender besser nutzen? Hast du Ideen oder Praxisbeispiele, wie man die Generationen besser integriert?
Michael Conrad:
Wenn die Unternehmensführung nicht erkennt, wie wichtig Erfahrung für bessere Arbeit ist, kann man es vergessen. Aber selbst wenn Leute im Ruhestand sind, kann man ihre Erfahrung noch nutzen – zum Beispiel durch regelmäßige Meetings oder Sessions, vielleicht vierteljährlich, in denen ehemalige Mitarbeitende ihre Einschätzung zu aktuellen Herausforderungen geben. Das wäre eine smarte Lösung. Menschen, die lange in einer Firma gearbeitet haben, bringen oft Herzblut mit. Es ist einfach dumm, diese Ressource nicht zu nutzen – emotional und inhaltlich kann das großartig sein.
Siegbert Mattheis:
Dein Beispiel mit McDonald’s war ein großartiger Appell, auch Leute über 60 einzustellen – gerade in der Werbung.
Claudia Mattheis:
Wie sieht das international aus? Ist der Umgang mit älteren Menschen in anderen Ländern anders als in Deutschland?
Michael Conrad:
Bei Leo Burnett war es so: Wer im Vorstand war, musste mit 57 gehen, um einen Stuhl für die nächste Generation freizumachen.
Claudia Mattheis:
Musste man wirklich ganz gehen oder andere Aufgaben übernehmen?
Michael Conrad:
Man konnte weiter dableiben und andere Aufgaben übernehmen, aber aus dem Vorstand musste man raus. Ich war bis 59 dabei, habe dann von Zürich aus gearbeitet und die Firma weltweit noch fünf Jahre beraten – mit einem Drittel meines Einkommens, das habe ich gern gemacht. Zeitgleich habe ich die Berlin School gegründet, das Curriculum geschrieben und das mit dem Art Directors Club umgesetzt, der 2009 leider ausgestiegen ist. Das war schade, aber wir waren ohnehin interdisziplinär aufgestellt: Kreative aus Werbung, Medien, Journalismus, Unterhaltungsindustrie, Design, Fashion, Architektur, Kommunikationstechnologie und Marketing. Das war eine spannende Mischung für eine Klasse von 25 Personen aus 18 Ländern. Auch das Durchschnittsalter lag bei 39, aber es waren auch über 50-Jährige dabei, die noch einen Executive MBA machen wollten.
Besonders interessant ist Japan: Dort gibt es keine Altersdiskriminierung, im Gegenteil – das Alter wird sehr gewürdigt. Gurus bekommen wegen ihres Status den Job – mit der Auftragsvergabe gilt der Job als erledigt, ohne Präsentationspflicht. Das wäre bei uns undenkbar. In Asien ist der Respekt vor dem Alter generell größer als im Westen.
Siegbert Mattheis:
Ab 60 gilt man dort als Weise – ein schöner Geburtstagstitel.
Michael Conrad:
Das ist tatsächlich eine schöne Bezeichnung – und auch effektiv. Wenn ich heute aufgrund meiner Erfahrung um Hilfe gebeten werde, frage ich zuerst nach der Größe des Problems. Große Marken funktionieren oft mit einem einzigen Wort. Dann erkläre ich das und helfe bei der Entwicklung einer solchen Strategie – wenn der Kunde das möchte. Auch mit 80 könnte ich sicher noch ein guter Berater sein und weiß, wo meine Grenzen liegen. Urteilsfähigkeit habe ich auf jeden Fall.
Claudia Mattheis:
Bist du noch als Berater tätig oder ist das inzwischen eher ein Hobby?
Michael Conrad:
Es ist eher ein Hobby, aber ich unterstütze Bekannte, die eine Firma haben, zum Beispiel mit einer Einwortstrategie oder einem Slogan.
Claudia Mattheis:
Was motiviert dich, was begeistert dich, dass die Werbung dich nicht loslässt?
Michael Conrad:
Es ist der Witz, die Sprache, die Möglichkeit, sich auszudrücken. Gestern zum Beispiel war ich zum Geburtstag meiner Tochter in Frankfurt. Ich erinnerte mich daran, wie ich sie vor 54 Jahren nach der Geburt gehalten habe. Ich nahm sie jetzt noch einmal auf den Arm – jemand machte ein Foto, ich postete es, und es gab binnen 24 Stunden 400 oder 500 Likes. Mir macht es nach wie vor Spaß, zu kommunizieren, Headlines zu schreiben oder zu provozieren.
Heute werde ich zum Beispiel noch die Inauguration von Jimmy Carter posten – war das nicht ein schöner 20. Januar?
Claudia Mattheis:
Auf welchen Kanälen bist du aktiv? LinkedIn kenne ich – wo noch?
Michael Conrad:
Facebook, Instagram – und bei X (früher Twitter), aber das schmeiße ich jetzt raus, das nervt mich nur noch. Es gibt aber eine neue Plattform mit einem Schmetterling als Logo – Blue Sky. Da habe ich mich jetzt angemeldet.
Claudia Mattheis:
Die schauen wir uns gleich mal an.
Michael Conrad:
Sehr sympathische Plattform.
Siegbert Mattheis:
Viele suchen im Ruhestand Ruhe, aber du bleibst aktiv und engagiert. Was treibt dich an? Ist es der Spaßfaktor, den du erwähnt hast?
Michael Conrad:
Ich bin 1952 als Achtjähriger mit meiner Familie aus der DDR in den Westen geflohen. Ich hatte schlechte Schulnoten, weil ich nach der Schule arbeiten musste – damals gab es noch Kinderarbeit. Seitdem bin ich immer beschäftigt, und es kommen ständig neue Aufgaben auf mich zu. Eigentlich dürfte ich jetzt gar nicht mit euch sprechen, sondern müsste endlich meinen Schreibtisch aufräumen – aber ich mache eben, was auf mich zukommt, und das ist selten langweilig. Ich versuche, die Dinge so zu machen, dass ich dabei Spaß habe, und lege viel Wert darauf, andere Menschen zum Schmunzeln zu bringen – meist unbewusst.
Siegbert Mattheis:
Das hast du auch beim ADC-Vortrag gut geschafft. Man hat gemerkt, dass du Spaß hattest – auch als du die Songs gespielt hast. Es kam rüber, dass du deine Erfahrung gern weitergibst.
Michael Conrad:
Ja, das sehe ich genauso.
Siegbert Mattheis:
Mit der Berlin School of Creative Leadership hast du Generationen von Führungskräften geprägt. Was würdest du heute jemandem mitgeben, der in die Kreativbranche will?
Claudia Mattheis:
Gibt es Skills, die heute wichtiger sind als früher oder genauso wichtig, aber vielleicht vergessen wurden?
Michael Conrad:
Wer in die Branche will, sollte es einfach tun. Ich hatte damals unglaubliches Glück – ich kam nur durch Zufall in die Werbung. Ich hatte ein Filmskript geschrieben, „Der König speist um 05:05 Uhr“, eine Comedy, nachdem ich ein halbes Jahr mit König Ibn Saud und seiner Entourage unterwegs war. Nach meiner Rückkehr nach Wien traf ich in Frankfurt einen Freund in einer Bar, zeigte ihm mein Skript, er fand es lustig und meinte, ich sollte Texter werden. Ich wusste nicht mal, was ein Texter macht. Er vermittelte mir ein Vorstellungsgespräch bei Wolfgang Krug, dem Textchef von Young & Rubicam. Ich wurde eingestellt – und das war eine der kreativsten und professionellsten Agenturen überhaupt. Dort lernte ich alles Wichtige, las sofort die drei wichtigsten Bücher, und das war fantastisch. Wer in die Werbung will, sollte sich unbedingt eine richtig gute Agentur suchen, bei der er wachsen kann. Und das gilt genauso für jede andere Branche: Wer wirklich Leidenschaft mitbringt, ist im Vorteil. Unser Sohn hat jahrelang versucht, bei Apple zu arbeiten – jetzt hat er es geschafft und arbeitet im Store. Es gehört dazu, dass man sich in der Branche wirklich gut auskennt und weiß, wo die besten Firmen sitzen.
Siegbert Mattheis:
Das heißt, Leidenschaft ist ein ganz wichtiger Antrieb – dieses Desire, das man mitbringen sollte?
Michael Conrad:
Absolut. Das ist meine Erfahrung.
Siegbert Mattheis:
Und Quereinsteiger sind in der Kreativbranche willkommen, so wie du es warst?
Michael Conrad:
Ja, ich war vorher Verkäufer und hatte damit auch Erfolg. Verkaufen ist im Grunde auch ein ganz wesentlicher Teil der Werbung. Die Kreation darf ruhig verrückt sein, aber sie muss immer auch etwas Verkäuferisches haben. Insofern war mein Weg als Verkäufer keine schlechte Voraussetzung.
Claudia Mattheis:
Das hat ja auch viel mit Sinnhaftigkeit zu tun – du hast für das gebrannt, was du gemacht hast. Wenn wir zum Stichwort „Longevity“ – also Langlebigkeit – kommen: Was macht für dich ein gutes, langes Leben aus? Und wie hat sich dein Verständnis von Lebenssinn über die Jahre verändert?
Michael Conrad:
Lebenssinn bedeutet für mich, Verantwortung zu übernehmen. Über Jahre hinweg kamen immer wieder neue Herausforderungen auf mich zu, und wenn ich sie gut gelöst habe, brachte das Lebensfreude. Zum Beispiel hatte unsere Tochter gestern Geburtstag in Frankfurt. Es war kein runder Geburtstag, aber wir haben spontan entschieden, sie zu überraschen – ein schöner Moment. Auch wenn nicht alles so lief wie geplant, war es das wert. Das Leben besteht aus vielen solcher kleinen Gedanken und Momente, und es muss nicht immer ein strenger Lebensplan dahinterstehen. Ich nehme mir oft Dinge vor, aber es ergibt sich ohnehin so viel. Wenn man eine positive Grundeinstellung hat, ergibt sich vieles von selbst.
Claudia Mattheis:
Du hast im Vorgespräch erzählt, dass du jetzt Klavier lernst. Ist das eher Hobby oder Herausforderung?
Michael Conrad:
Es ist erstmal eine Herausforderung. Ich spiele ja schon lange Gitarre, nicht brillant, aber ganz ordentlich, und möchte jetzt auch mehr Melodiegitarre machen – Eric Clapton fasziniert mich. Klavier ist für mich eine echte Herausforderung, weil ich keine Noten lesen kann und das jetzt lernen muss. Für mich ist zum Beispiel der Ringfinger für „F“ zuständig, aber auf dem Klavier ist das ein anderer Finger – das sorgt für Verwirrung, aber es ist auch lustig.
Claudia Mattheis:
Großartig! Und jetzt noch die letzte Frage: Du wohnst in Zürich. Wie stellst du dir dein Leben in Zukunft vor? Bleibst du in Zürich, willst du noch einmal um die Welt reisen, noch ein Unternehmen gründen? Was sind deine Pläne?
Michael Conrad:
Die Pläne sind nicht sehr weitreichend. Wir fühlen uns in Zürich sehr wohl und freuen uns immer, wenn es wieder warm ist und wir im See schwimmen können. Der See hier ist zwar kleiner als der in Chicago, aber genauso nass. Wir besuchen oft unsere Kinder, dafür sind Reisen notwendig. Meine Frau findet allerdings, dass die Winter hier inzwischen zu kalt sind – deshalb werden wir künftig im Winter mehr Zeit in wärmeren Regionen verbringen.
Ein Unternehmen werde ich sicher nicht noch einmal gründen, das ist zu komplex. Es müsste wirklich innovativ sein und Veränderungen bringen, aber das kostet viel Kraft, und ich habe auch so genug zu tun. Ich muss mich nicht mehr beweisen – ihr habt mich ja schon als Werbelegende vorgestellt.
Claudia Mattheis:
Ich weiß, du magst es, wenn man dich so vorstellt.
Michael Conrad:
Ich möchte dazu sagen: Das Ergebnis war immer Teamarbeit. Ich hatte Freude daran, ein guter Chef zu sein, aber der Erfolg kam durch viele Mitwirkende – auch viele Ältere. Zum Beispiel wurde ich selbst von einem etwa 60-Jährigen eingestellt, der später auch in unserer eigenen Agentur arbeitete. Wir haben auch Kollegen im Retirementalter eingestellt – aus Qualitätsgründen.
Siegbert Mattheis:
Du hast also nie aufs Alter geschaut, sondern auf Qualität?
Michael Conrad:
Ja, Respekt vor der Leistung war entscheidend. Wir waren bei der Bezahlung immer fair: Wer als Texter zu uns kam, wurde auch als Texter bezahlt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Viele wollten das nicht, aber einige waren von unserem Werdegang fasziniert und haben zugesagt.
Claudia Mattheis:
Lieber Michael, wir hätten noch viele weitere Fragen. Das würde aber wohl noch ein paar Stunden dauern. Vielleicht machen wir irgendwann eine Fortsetzung, wenn du ein Domizil im Süden gefunden hast. Vielen Dank für deine Zeit und die spannenden Einblicke in dein Leben!
Michael Conrad:
Danke, Claudia – es hat mir Freude gemacht.
Siegbert Mattheis:
Uns auch.
Claudia Mattheis:
Danke.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.































































