Mutter und Sohn

Ist man als Kind für seine Eltern verantwortlich? 4.85/5 (13)

Haben wir unseren Eltern gegenüber eine Verantwortung? Ich meine, nein. Nicht per se. Nicht, weil sie uns aufgezogen haben, uns zu essen gegeben haben, Kleidung gekauft, uns ein Zuhause gegeben haben.

Denn wir haben nicht darum gebeten, auf die Welt kommen zu dürfen. Wir wurden in diese Welt geworfen*. Allein aus dem Wunsch unserer Eltern heraus. Oder aus rein sexueller Begierde. Oder aber auch, weil es Gesetze unmöglich gemacht haben, uns abzutreiben.

Jede:r Einzelne von uns wuchs im Leib einer Mutter heran, die uns entweder unbedingt wollte, dazu gezwungen wurde oder uns zumindest nicht verhindert hatte oder verhindern konnte.

Aber nun sind wir da. Genauso wie unsere Mütter und Väter einmal einfach da waren, von ihren Eltern geboren wurden.

Mutter und Sohn
Für meine Mutter hatte ich im Alter gerne Verantwortung übernommen © Siegbert Mattheis

Keine automatische Verantwortung den Eltern gegenüber

Daraus ergibt sich aber keine Verpflichtung, keine automatische Verantwortung.

Eine ähnliche Meinung vertritt auch die Philosophin Barbara Bleisch in einem Interview mit dem ZEIT-Magazin.

Sicher haben Eltern Erwartungen und Wünsche an ihre Kinder, wollen vielleicht auch, dass die Kinder die eigenen, nicht verwirklichten Träume umsetzen. Das ist ein sehr vielschichtiges und weitreichendes Thema. Ein Freund von mir z.B. beging im Alter von 44 Jahren einen schrecklichen Selbstmord. Er verbrannte sich in einem Papiercontainer, weil er gezwungen war, das Unternehmen der Eltern – einen bedeutenden Verlag – weiterzuführen. Sein Traum war jedoch immer gewesen, Opernsänger zu werden.

Im antirassistischen Film „Guess who’s coming to dinner“ von 1967, mit Sidney Poitiers, Katherine Hepburn, Roy Glenn und Spencer Tracy in seinem letzten Film wollen ein schwarzer Arzt und eine weiße Tochter heiraten, aber die Eltern sind trotz aller Liberalität dagegen. Dort gibt es einen heftigen Disput zwischen Vater und Sohn: Johns Vater, (Roy Glenn) ein Postbote, verweist darauf, dass er durch harte Arbeit seinem Sohn erst die Bildung ermöglicht habe und dieser durch die Heirat seinen Erfolg gefährde, doch John (Sidney Poitiers) erwidert, dass es sein Leben und nicht das seines Vaters sei und er seinem Vater nichts schulden würde.

Gesetzliche Verantwortung

Ich rede aber hier nicht von den gesetzlich verankerten Pflichten, denn Kinder sind hierzulande generell verpflichtet, für den Unterhalt der Eltern zu sorgen – im Rahmen ihrer finanziellen Möglichkeiten.

Siehe auch Verbraucherzentrale Elternunterhalt: Kinder zahlen erst ab 100.000 Euro Jahreseinkommen.

Und natürlich haben wir als Kinder bis zur Volljährigkeit natürlich auch Pflichten. Im deutschen Bürgerlichen Gesetzbuch BGB (§ 1619) steht dazu: „Das Kind ist, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten“.

Ich bin davon überzeugt, dass jedem Menschen das Recht zusteht, sein eigenes Leben zu gestalten, seine eigenen Träume, Sehnsüchte, Pläne zu verwirklichen, solange er niemand anderen dabei behindert, dasselbe für sich tun zu können.

Keine Schuldgefühle

Dafür darf sich niemand schuldig fühlen, solange es nicht auf Kosten anderer geschieht. Und Eltern dürfen ein solches Schuldgefühl – denn natürlich tauchen solche Gefühle den Eltern gegenüber auf – niemals ausnutzen noch befördern. Natürlich sieht es ganz anders aus, wenn wir durch unser Verschulden unsere Eltern in Not gebracht haben, sei es, dass wir z.B. als Jugendliche:r gezündelt haben und das Haus unserer Eltern in Brand gesteckt oder sie in finanzielle Nöte gebracht haben oder auch, wenn wir ihnen als Erwachsene Schaden zugefügt haben, aber das sollte der Ausnahmefall sein.

Jede:r von uns kennt bestimmt den vorwurfsvollen Ton in der Stimme eines Elternteils in der (allerdings selten so direkt gemachten) Aussage „Du rufst mich ja nie an!“. Aber dieser Vorwurf schwingt oft mit. Und schon fühlen wir uns schuldig.

Dabei ist es an den Eltern selbst, etwas dafür zu tun, gefragt oder angerufen zu werden. Zum Beispiel, indem sie spannende Gesprächspartner bleiben, die nicht nur von den eigenen Sorgen, Befindlichkeiten oder Tratsch erzählen, sondern im Gegensatz auch gut zuhören können.

Freiwillige Verantwortung

Denn wenn sie gut zu uns waren, uns unterstützt haben, für uns da waren, so gut sie es konnten (denn sie hatten ja natürlich auch ihr eigenes Leben) dann nehmen wir gerne Verantwortung auf uns, kümmern uns, helfen, soweit wir können. Aber es muss freiwillig geschehen, nicht aus Druck oder einen diffusen Schuldgefühl heraus, weil die Eltern doch so viel für uns in der Kindheit getan haben.

Denn das haben sie getan, weil sie es wollten. Oder mussten, weil sie uns auf die Welt gebracht hatten.

Siegbert Mattheis

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