Mit 70 ein Unternehmen gegründet, mit 76 noch täglich im Büro: Wie Produktdesignerin Elke Jensen die Lücke zwischen Einkaufstrolley und Rollator mit dem CityCaddy gefüllt hat – und was das mit gutem Design, Haltung und einem langen Leben zu tun hat.
Zwischen dem klassischen Einkaufstrolley und dem Rollator klafft eine Lücke. Eine, die lange niemand gefüllt hat. Elke Jensen hat sie gesehen – und statt abzuwarten, hat sie selbst gehandelt. Als Produktdesignerin aus Hamburg entwickelte sie den CityCaddy: Shopper, Trolley und Gehhilfe in einem, in hochwertigen Materialien, nachhaltig in Manufakturen in Deutschland produziert und so gestaltet, dass man ihn auch wirklich benutzen möchte. Das klingt einfach. War es nicht.
Warum wir Elke Jensen eingeladen haben
LIVVING Chefredakteurin Claudia Mattheis hat Elke Jensen in den LIVVING Podcast eingeladen, weil kaum jemand so viele der Themen verkörpert, die LIVVING.de beschäftigt – auf einmal. Mobilität im Alter, Design als Haltung, Selbstbestimmtheit, das Neudenken von Altersbildern – und: was es bedeutet, mit über 70 noch einmal ganz neu anzufangen. Elke Jensen ist 76 Jahre alt, Geschäftsführerin ihres eigenen Start-ups CityCaddy UG und sitzt noch immer täglich in einer kreativen Bürogemeinschaft in Hamburg. Nicht weil sie müsste. Weil sie es will.
Die wichtigsten 3 Erkenntnisse aus dem Interview
- Zwischen Einkaufstrolley und Rollator gibt es eine Design-Lücke. Elke Jensen hat sie geschlossen. Der CityCaddy entstand aus einer schlichten Beobachtung: Es fehlte an etwas, das Gangsicherheit gibt, beim Tragen hilft und trotzdem gut aussieht.
- Mit 70 ein Unternehmen zu gründen braucht Netzwerk, Gelassenheit und Hartnäckigkeit. Jensen finanzierte die CityCaddy UG über zehn stille Gesellschafter aus dem eigenen Umfeld – ohne Bankkredit, ohne externe Investoren.
- Mobilität im Alter ist mehr als Fortbewegung. Wer sich bewegt, bleibt sozial eingebunden, geistig aktiv und selbstbestimmt. Jensen lebt das selbst: mit Bürogemeinschaft, Netzwerk in räumlicher Nähe und dem Prinzip Aging in Place.


Warum gibt es zwischen Einkaufstrolley und Rollator nichts Schickes?
Die Lücke, die niemand gesehen hat – bis Elke Jensen kam
Der Rollator ist eine großartige Erfindung. Das sagt Elke Jensen selbst, ohne Einschränkung. Aber er ist nicht für alle gedacht, die älter werden – und er hat ein Problem, das wenig mit Technik zu tun hat.
„Nicht alle, die älter sind oder das eine oder andere kleinere Handicap haben, brauchen gleich einen Rollator. Aber wir brauchen etwas, das uns Gangsicherheit gibt, das uns beim Tragen unterstützt und das uns trotzdem noch schick dastehen lässt.”
Es war die eigene Körperwahrnehmung, die Elke Jensen auf die Idee brachte. Sie merkte an sich selbst die ersten Unsicherheiten, die das Alter bringen kann – und suchte nach einer Lösung. Und fand nichts. Nur den sogenannten Hackenporsche auf der einen Seite und den Rollator auf der anderen.
„Dann habe ich überlegt, was es da gibt, und mir fiel eine Lücke auf: zwischen dem, was man klassisch ‚Hackenporsche’ nennt, und dem Teil, was man braucht, wenn man wirklich krank ist.”
Also entwickelte sie selbst. Als klassische Designerin hatte sie zunächst geplant, die Idee zu verkaufen. Das scheiterte. Also gründete sie ein Unternehmen. Technisch ist der CityCaddy so konzipiert, dass man ihn vor sich herschiebt – nicht hinter sich herzieht. Das ist kein Zufall.
„Die Geometrien sind so gestaltet, dass man zwischen den beiden Hinterrädern geht, sodass man nicht seitlich umkippen kann und das Teil vorne nicht unbeabsichtigt hochspringt.”
Das Gestell ist aus Edelstahl, stufenlos höhenverstellbar von 70 bis 100 cm, faltbar und treppentauglich. Die Taschen – in Leder (CC.PARIS), Paperbag-Optik (CC.MAILAND) oder aus ausrangierten Riesenpostern (CC.HAMBURG) – sind kein Beiwerk, sondern der gestalterische Kern. „Mit der Tasche bekommt er erst richtig seine Bedeutung”, sagt Jensen.

Was bedeutet es, mit 70 Jahren ein Unternehmen zu gründen?
Zehn stille Gesellschafter, ein schweißender Bruder und ein sehr langer Atem
Die Idee entstand 2015. Der erste Prototyp wurde vom Bruder geschweißt. Es folgten sechs Jahre Produktentwicklung, Testphasen, Investorensuche, Messen, Gespräche mit potenziellen Herstellern.
„Der Weg war lang und zäh. Da habe ich schon eine gewisse Zurückhaltung aufgrund meines Alters gespürt.”
Bei der KfW-Bank kam direkt die Frage, ob sie nicht jemand Jüngeres ins Unternehmen aufnehmen könnte. Zur Hausbank ist Jensen gar nicht erst gegangen. 2019 gründete sie die CityCaddy UG. Das nötige Kapital kam aus dem eigenen Netzwerk – Friends & Family: zehn stille Gesellschafter, keine externen Kredite.
„Ich denke, man muss nicht alles selbst beherrschen, jedoch wissen, wie man sich organisieren kann. Allen Beteiligten danke ich sehr, denn ohne diesen Gemeinschaftsgedanken wäre ich heute nicht dort, wo ich stehe.”
Die größte Herausforderung war nicht die Finanzierung. Es war die Fertigung.
„Die größten Herausforderungen lagen noch viel stärker in der Fertigung, weil ich ja mit Stahl zu tun hatte. Und Stahl ist ein absolut männliches Material, würde ich mal sagen. Und dann dort hineinzukommen, als eher zierliche ältere Frau, und zu behaupten, ich möchte das genau so haben – da braucht man schon eine deutliche Ansage.”
Heute wird der CityCaddy ausschließlich in deutschen Manufakturen gefertigt. Er ist reparierbar, langlebig und wird bei Nichtgebrauch zurückgekauft, aufgearbeitet und mit Garantie weiterverkauft. Das erklärte Vorbild: die Firma USM Haller.
„Mir ist – besonders im Vergleich zu meiner früheren Selbständigkeit – meine Endlichkeit heute schon bewusster. Daher ist auch die Nachfolge bereits geregelt. Aber die nächsten großen Schritte und einen gewissen Erfolg würde ich wahnsinnig gern noch miterleben.”
Warum ist Mobilität im Alter so viel mehr als nur Fortbewegung?
Wer sich bewegt, bleibt lebendig – und wer das verstanden hat, denkt Alter anders
In dem Moment, in dem Elke Jensen nach einer Krankheit zum Arzt ging, merkte sie, wie viel ihr der CityCaddy bedeutet: „Gott sei Dank, dass ich dieses Ding habe.” Das war keine Aussage über ein Produkt. Das war eine Aussage über Selbstständigkeit.
Dass Mobilität etwas mit Geisteshaltung zu tun hat, zeigt auch ihr eigener Alltag. Sie hat einen festen Schreibtisch in einer Bürogemeinschaft in Hamburg, zusammen mit Fotografen, Illustratoren und Architekten. Nicht aus wirtschaftlicher Notwendigkeit.
„Ich merke das auch schon: Ich muss das Haus verlassen, um auch mal mit anderen zu sprechen. Dieser menschliche Austausch ist mir enorm wichtig. Ich kann nicht nur alleine zu Hause sitzen. Rein wirtschaftlich betrachtet könnte man es günstiger halten und von zu Hause aus arbeiten, das ist mit den heutigen Möglichkeiten klar. Aber das ist eben nicht alles.”
Die gesellschaftliche Dimension ist Jensen dabei ebenso wichtig wie die persönliche. Sie plädiert gegen ein Generationengegeneinander und für eine differenziertere Sprache über das Alter.
„Ich finde es ganz schrecklich, wenn über Ältere gesprochen wird, als wären wir alle Pflegefälle. Das ist ja nicht wahr. Wir sind in allen Altersstufen unterschiedlich. Wir sollten schauen: Wie kriegen wir für alle ein möglichst gutes Leben hin, für die Alten wie für die Jungen?”
Aging in Place – also selbstbestimmt und sozial eingebettet im eigenen Stadtteil zu leben – lebt Jensen selbst in Hamburg-Eppendorf: in Gehweite zum Park, mit einem sozialen Netzwerk in räumlicher Nähe.
„Bei allen sozialen Medien und allen technischen Möglichkeiten: Wir brauchen den direkten Energieaustausch mit anderen Menschen.”

Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten
Elke Jensen ist kein Rollenmodell, weil sie mit 70 ein Unternehmen gegründet hat. Sie ist eines, weil sie dabei geblieben ist, ehrlich und klarsichtig zu denken – über das Alter, über Design, über Haltung, über das, was ein gutes Leben bedeutet. Dieses Gespräch macht Mut, ohne Kitsch. Es zeigt, was passiert, wenn jemand eine echte Lücke sieht und nicht fragt, ob das noch geht, sondern einfach anfängt. Alle weiteren Informationen und den Link zum CityCaddy finden Sie in den Show Notes.
Häufige Fragen zum CityCaddy und zum Interview
Was ist der CityCaddy?
Der CityCaddy ist ein Alltagsbegleiter auf Rollen, der Shopper, Trolley und Gehhilfe in einem vereint. Entwickelt von der Hamburger Produktdesignerin Elke Jensen, kam er im April 2021 auf den Markt. Er richtet sich an Menschen, die sicher und aufrecht gehen möchten, ohne auf Ästhetik zu verzichten.
Wer hat den CityCaddy erfunden?
Elke Jensen, Produktdesignerin aus Hamburg, hat den CityCaddy entwickelt. Die Idee entstand 2015, der erste Prototyp wurde vom Bruder geschweißt. 2019 gründete Jensen die CityCaddy UG mit 70 Jahren und brachte das Produkt im April 2021 auf den Markt.
Ist der CityCaddy eine Rollator-Alternative?
Ja. Der CityCaddy ist als elegante Alternative für Menschen konzipiert, die Gangsicherheit und Stützung im Alltag benötigen, aber keinen klassischen Rollator verwenden möchten. Er fördert eine aufrechte Körperhaltung und ist für eine Stützlast von bis zu 100 Kilogramm ausgelegt.
Wo wird der CityCaddy hergestellt?
Der CityCaddy wird in Deutschland gefertigt. Die Taschen entstehen in der Creativ-Ledermanufaktur in Sangershausen. Das Edelstahlgestell wird in Zusammenarbeit mit deutschen Manufakturen produziert. Nur die Räder sind zugekaufte Ware.
Wie viel kostet der CityCaddy?
Das Gestell ohne Tasche liegt bei 1.200 Euro. Die Variante mit Ledertasche (CC.PARIS) kostet 1.690 Euro, mit alternativer Tasche 100 Euro weniger. Weitere Informationen unter www.citycaddy.de.
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Transkript: LIVVING Podcast Interview mit Elke Jensen
Claudia Mattheis: Herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast Studio, liebe Elke Jensen. Ich habe dich eingeladen, weil du ein Produkt entwickelt hast, das gleich mehrere gesellschaftlich relevante Themen zusammenbringt: Mobilität, Selbstständigkeit und die Frage, wie wir im Alter leben wollen. Du bist Produktdesignerin und Erfinderin des City Caddy, einem durchdachten Alltagsbegleiter, der Shopper, Trolley und Gehhilfe in einem ist. Die Idee dazu entstand aus einer einfachen Beobachtung: Es fehlte an Lösungen, die Sicherheit geben und gleichzeitig gut aussehen. Genau das hast du verändert, mit einem Produkt, das funktional ist, ästhetisch gestaltet und in Deutschland nachhaltig produziert wird.
Bemerkenswert ist aber auch dein Weg. Du hast ein Unternehmen mit über 70 Jahren gegründet und entwickelst die Idee bis heute konsequent weiter, mit klaren Vorstellungen davon, wo es hingehen soll. Gleichzeitig bleibst du aktiv im Austausch: Mit 76 Jahren arbeitest du noch immer in einer kreativen Bürogemeinschaft und holst dir dort bewusst Impulse von außen. Ich möchte heute gerne mit dir darüber sprechen, wie es zu der Idee des City Caddy kam, über Unternehmertum im späteren Leben und über die Frage, wie gutes Design unseren Alltag und unser Älterwerden verändern kann. Liebe Elke, schön, dass du da bist im LIVVING Podcast.
Elke Jensen: Danke für die Einladung.
Claudia Mattheis: Erzähl mir doch erst einmal, wie genau ist die Idee zum City Caddy entstanden und was war der Auslöser?
Elke Jensen: Der Gedanke hat mich schon lange bewegt: Wie wollen wir Unterstützung haben? Wie wollen wir aussehen, wenn wir älter sind? Es gibt natürlich den Rollator. Das ist auch eine wunderbare Unterstützung, aber er verweist sehr schnell auf Gebrechlichkeit und Krankheit. Und ich denke: Nicht alle, die älter sind oder das eine oder andere kleinere Handicap haben, brauchen gleich einen Rollator. Aber wir brauchen etwas, das uns Gangsicherheit gibt, das uns beim Tragen unterstützt und das uns trotzdem noch schick dastehen lässt.
Das war eigentlich der Auslöser. Ich selbst merkte an mir auch schon die ersten Schwächen, die nun mal mit den Jahren kommen. Und dann dachte ich: Ich will aber eigentlich keinen Rollator. Ich werde ihn eigentlich auch nicht brauchen. Ich bin ja so eine Mischung zwischen fit und nicht mehr ganz so fit. Dann habe ich überlegt, was es da gibt, und mir fiel eine Lücke auf: zwischen dem, was man klassisch “Hackenporsche” nennt, und dem Teil, was man braucht, wenn man wirklich krank ist. Ich habe dann nachgeforscht, wie man diese Lücke füllen kann. Als klassischer Designer wollte ich eine Idee zu einem gewissen Stand entwickeln und sie dann verkaufen. Das hat mit dem Verkaufen der Idee aber nicht geklappt.
Claudia Mattheis: Okay, was ist dann passiert?
Elke Jensen: Dann dachte ich: Wenn das keiner sieht, dass das eigentlich ein guter Gedanke ist und dass man daraus etwas machen könnte, dann bleibt dir nichts anderes übrig, dann musst du das selbst in die Hand nehmen. Ich komme ursprünglich vom Möbeldesign und hatte im Kopf: Eine Serie fertigzustellen, ein Stuhl, das dauert ungefähr zwei Jahre. Das, dachte ich, wird hier auch so sein. Ich entwickle das weiter, hatte die ersten Vorentwürfe, machte Prototypen. Ich gab mir zwei Jahre und dachte, dann steht zumindest ein Teil so weit fertig, dass man es zeigen kann.
Das war aber lange nicht so. Da stellte ich fest: Alles, was Räder hat, wird zum Fahrzeug, auch wenn es zum Schieben ist. Und alles, was sich auf der Straße bewegt, hat seine eigenen Gesetze. Das ist nicht wie in einem schönen, glatten Innenraum, sondern wir haben da Widerstände, sei es der Kantstein. Das war natürlich ein viel, viel längerer Entwicklungsprozess. Und dann ist es natürlich auch Hardware. Ich habe erst formal ergründet, wie es ist, dann die Optik überlegt. Man bleibt ja auch immer hängen an dem, was man kennt und was man sieht. Ich kam erst gar nicht davon weg: Nach längerem Zeichnen wurde alles plötzlich ein Rollator. Dann dachte ich: Nein, das will ich nicht, das gibt es ja schon, und es ist auch wunderbar. Dann orientierte ich mich eher an Caddies oder diesen Golf-Shoppern auf dem Golfplatz. Irgendwann sah ich in der Bahn eine Frau mit einem Kinderwagen, auf dem stand “Caddy”. Da dachte ich: Es muss auch einen anderen Namen kriegen. So entstand der City Caddy. Und mit dem Namen hat sich eigentlich auch die Form weiterentwickelt.
Claudia Mattheis: Um unseren Hörerinnen ein Bild zu geben, was dieser City Caddy ist und wie er aussieht: Anders als klassische Einkaufstrolleys zieht man ihn nicht hinter sich her, sondern man schiebt ihn vor sich her.
Elke Jensen: Ja, das Schieben geht davon aus, dass man von vorne eine ganz andere Kraft hat, wenn man etwas schiebt. Und dann ist es so, dass man für die Gangsicherheit etwas zum Schieben braucht. Die Geometrien sind so gestaltet, dass man zwischen den beiden Hinterrädern geht, sodass man nicht seitlich umkippen kann und das Teil vorne nicht unbeabsichtigt hochspringt. Es ist ein Produkt, das einem Gangsicherheit gibt. Und vorne hat es verschiedene sportliche oder elegante Taschenmöglichkeiten, die man je nach Bedarf befüllen kann oder je nach Typ für sich auswählt, ob in Leder oder in waschbarem Papier mit Ledergarnitur. Ich bin noch jemand, der das Material Leder verwendet, weil ich finde, das ist ein großartiges Material, das langlebig ist und viel Form zulässt.
Claudia Mattheis: Also ursprünglich wurde das ja auch entwickelt, damit Leute damit einkaufen gehen können.
Elke Jensen: Das war nicht der Ursprungsgedanke, nein. Es ist einfach automatisch so, dass man, wenn man eine größere Tasche hat, auch einkaufen gehen kann. Die eigentliche Absicht war: ein eleganter Rollator-Ersatz, der auch eine Tasche hat.
Claudia Mattheis: Okay. Was stört dich so am Rollator? Ich muss da direkt einmal nachfragen, weil es gibt ja durchaus auch attraktive Modelle, und sie haben ja auch einen wirklich funktional hohen Nutzen für Menschen, die nicht stabil laufen können.
Elke Jensen: Absolut, mich stört gar nichts am Rollator. Aber der Rollator erfordert eine ganz andere Gangart, als wir sie auf der Straße nutzen, weil man beim Schieben die Neigung hat, ihn von sich wegzuschieben. Deswegen sehen fast alle Menschen mit einem Rollator immer leicht gebückt aus: Sie beugen die Arme seitlich nach vorne. Die Idee wäre eigentlich, dass man die Griffe viel mehr seitlich vom Körper hat und nicht so weit nach vorne schiebt. Diese Körperhaltung führt fast immer dazu, dass Rollatornutzer auf der Straße krumm aussehen. Beim Kinderwagenschieben dagegen ist das nicht der Fall: Man bleibt viel gerader im Rücken.
Claudia Mattheis: Nun weiß ich aber auch, wir beschäftigen uns bei LIVVING.de viel mit Rollatoren, und auch mein Vater hat selbst einen, deswegen bin ich da sehr im Thema. Und daher weiß ich auch, dass sehr viele Menschen ihren Rollator falsch benutzen, und dann passiert nämlich genau das, was du sagst: Die Leute laufen vorne übergebeugt, und deswegen entsteht diese krumme Haltung. Ich weiß aber auch, dass mein Vater sich sehr lange dagegen gewehrt hat, einen Rollator anzunehmen. Und ich weiß, dass meine Mutter mit einem City Caddy vermutlich sehr, sehr glücklich wäre, weil er wirklich verschiedene Aspekte gut bedient. Ist das ein Produkt, das eher für Frauen konzipiert ist?
Elke Jensen: Man sagt ja immer, die kurzen Wege sind weiblich. Frauen sind diejenigen, die meistens einkaufen und auch viel mehr zu Fuß unterwegs sind. Männer greifen im Alter viel, viel schneller zum Auto, während Frauen dann viel mehr zu Fuß machen oder noch Fahrrad fahren. Das ist das eine. Und klar, ich bin eine Frau, ich treffe den Geschmack von Frauen wahrscheinlich auch schneller. Im Grunde arbeite ich ja für meine eigene Zielgruppe, für mich.
Claudia Mattheis: Bislang ist das aktuelle Modell des City Caddy für Menschen bis 100 Kilo geeignet.
Elke Jensen: Ja, 100 Kilogramm Stützlast. Man setzt sich ja nicht darauf. Stützlast bedeutet auch: wenn man irgendwo gegenkommt und dann noch mit Druck dagegen arbeitet.
Claudia Mattheis: Nun bist du Designerin, und wie wichtig war dieser Aspekt Design tatsächlich bei der ganzen Entwicklung und auch jetzt im Vergleich zu klassischen Hilfsmitteln wie einem Rollator?
Elke Jensen: Das war extrem wichtig. Ich bin nicht wie ein BWLer herangegangen und habe überlegt, wie kann ich das günstig produzieren lassen, sondern ich bin den ganz anderen Weg gegangen. Da merkt man die Designerin: Für Kaufleute ist das zum Haare raufen, was ich gemacht habe. Ich bin von dem ausgegangen: Was ist aus meiner Sicht das optimale Produkt? Ich habe nicht gedacht, wo finde ich jetzt jemanden, wie kann man das schnell umsetzen. In der Wirtschaft wird ja fast immer anders herum gedacht.
Claudia Mattheis: Und wie kann man sich den Entwicklungsprozess vorstellen? Das hat ja einige Jahre gedauert. Hast du dann wirklich auch selbst Prototypen zusammengeschweißt?
Elke Jensen: Nein, ich kann gar nicht schweißen, das kann ich wirklich nicht. Die ersten Prototypen waren eher formaler Natur, um die Proportionen im Maßstab 1:1 zu prüfen. Ich habe wirklich einen hohlen Grundkörper genommen und Draht eingebaut, um die Dimension und Proportionen direkt am Menschen hinzubekommen. Und dann hat mein Bruder mich unterstützt und einen Prototypen geschweißt, um zu prüfen, ob die Idee, die ich mir ausgedacht hatte, überhaupt funktioniert. Schweißen ist eine ganz schwere Arbeit, das muss man schon können.
Claudia Mattheis: Und dann hast du das Produkt weiterentwickelt und schließlich eine Firma gegründet.
Elke Jensen: Ich habe das zunächst gemeinsam mit einem Fahrradhersteller weiterentwickelt. Der war bereit, das überhaupt zu machen. Man muss in Deutschland erst mal eine Firma finden, die bereit ist, sich auf Produktentwicklung einzulassen. Da sträuben sich alle, weil es Zeit braucht und Geld kostet. Die meisten sind überhaupt nicht willens, sich darauf einzulassen. Dann habe ich aber einen kleinen Fahrradhersteller gefunden, der auch einen jungen Ingenieur hatte, mit dem wir gemeinsam weitergetüftelt haben: Welche Materialstärken brauchen wir, welche Schweißnähte? Und dann ging es erst richtig los mit den verschiedenen Prototypen, weil ich bestimmte Anforderungen hatte: Es sollte zum Schieben sein, aber auch mal zum Ziehen, und außerdem kleiner gemacht werden können. Am Anfang will man ja ganz viel, ein paar Reduktionen musste ich dann machen. Aber die Hauptargumente sind geblieben: dass man es schieben kann und bei Bedarf so feststellen kann, dass man es auch ziehen kann, zum Beispiel beim Treppensteigen oder einer Rolltreppe. Ich habe immer gedacht: Diese kleinen Hürden muss man gut bewältigen können.
Claudia Mattheis: Und aus welchem Material ist der City Caddy, und er ist auch zusammenfaltbar?
Elke Jensen: Der City Caddy ist aus Edelstahl. Er ist verkleinerbar, zumindest so weit, dass er in einen Smart-Kofferraum passt.
Claudia Mattheis: Okay. Ich gehe jetzt noch mal zurück zu den Anfängen. Du hast mit 70 ein Unternehmen gegründet. Das ist ein Alter, wo man sagt, das geht ja noch, aber es ist schon eher untypisch.
Elke Jensen: Ja, das ist natürlich alles ein bisschen aus der Not geboren. Ich musste ein Unternehmen gründen beziehungsweise eine Mini-GmbH, eine UG, weil ich alleine gar nicht die wirtschaftliche Kapazität hatte, in die Weiterentwicklung zu gehen. Produktentwicklung frisst Geld, da gibt es gar kein Vertun, und zwar viel Geld, das muss man schon sagen. Dafür musste ich natürlich Leute gewinnen. Ich habe die UG gegründet, und durch meinen großen Bekanntenkreis, in dem sich verschiedene Leute befinden, die die Idee für gut hielten, haben diese sich dann wirtschaftlich engagiert. Ich habe stille Gesellschafter, zehn Personen.
Claudia Mattheis: Großartig. Du bist Geschäftsführerin des Unternehmens und hast es seitdem auch konsequent weiterentwickelt. Jetzt gehe ich noch mal ein bisschen zurück zu den Anfängen. Ein neues Produkt, das es so noch nicht gibt, an den Markt einzuführen, ist ja auch nicht so einfach. Die Leute müssen erst verstehen, was du von ihnen möchtest und welches Problem du löst. Wie bist du da rangegangen?
Elke Jensen: Da würde ich sagen, habe ich relativ schnell klug gehandelt. Ich habe eine große Fotosession mit einem Fotografen gemacht, hier aus Hamburg, mit Enver Hirsch. Er hat alle Fotos für den City Caddy gemacht, das ist alles sehr professionell gestaltet. Dann hatten wir eine sehr professionelle Grafikerin, die die Website gemacht hat. Und dann bin ich auch gleich intensiv mit starker Öffentlichkeitsarbeit an die Presse gegangen, mit einer Frau, die sich sehr engagiert für die PR eingesetzt hat.
Dann gab es natürlich das Interessante: die Ältere, die noch mal eine Firma gegründet hat. Das war einmal die Geschichte und dann das Produkt. Das hatte eine große Resonanz in allen Printmedien, was für meine Zielgruppe genau das Richtige ist. Und TV ist für uns natürlich auch noch interessant. In den sozialen Medien können wir nicht so sehr viel verbreiten, weil diese Zielgruppe dort noch nicht so präsent ist. Das sind eher die Kinder der Zielgruppe, aber die Hauptzielgruppe selbst ist noch sehr analog unterwegs und liest Tageszeitung.
Claudia Mattheis: Wie alt ist denn deine durchschnittliche Käuferin? Gibt es auch jüngere Nutzerinnen, von denen du weißt?
Elke Jensen: Der Durchschnitt liegt tatsächlich bei 80. Meine jüngste Nutzerin ist 38. Das ist eine an MS erkrankte Lehrerin. Für diese Zielgruppe, MS-Erkrankte, gerade Frauen, die noch im Beruf stehen und weiterarbeiten, spielt der City Caddy schon eine große Rolle. Bei bestimmten Krankheiten, also neurologischen Bewegungsstörungen, ist er sehr relevant.
Claudia Mattheis: Was du gerade im Marketing gesagt hast, dass es sehr stark von deiner Geschichte abhängt, das stimmt natürlich. Man braucht Geschichten. Und es gibt nicht so viele Rollenvorbilder, und ich würde dich schon als eines bezeichnen. Den Mut zu haben, mit 70 noch mal etwas Neues aufzubauen, hat ja nicht jeder. In der Presse ist ja das Riesenthema: Die Boomer-Generation geht jetzt in Rente und Vorruhestand, und ab 65 fängt dann das gute Leben an. Das war für dich aber offensichtlich keine Option.
Elke Jensen: Was ist ein gutes Leben, zu Hause zu sitzen und zu warten, dass man stirbt? Das ist doch kein gutes Leben. Ich war vor einigen Wochen krank, und da habe ich gemerkt, wie sehr ich daran hänge: Ich war auch im Kopf schlapp, nicht nur im Körper. Da dachte ich, wie sehr ich daran hänge, wieder lebendig zu werden, wieder meine Herausforderungen zu meistern, wieder kreativ zu sein, über etwas nachzudenken. Ich glaube, Herausforderungen halten fit und jung, gefordert werden. Natürlich in dem Sinne, wie wir es selbst wollen. Ob man ein leidenschaftlicher Golfspieler ist oder Reisen plant, alles ist eine Herausforderung. Aber ein gutes Leben ist das, was mit einem selbst zu tun hat. Und das ist für die Allerwenigsten, nur irgendwo herumzusitzen.
Claudia Mattheis: Du hattest mir im Vorgespräch auch erzählt, dass du einen Schreibtisch in einer Bürogemeinschaft hast, obwohl du das eigentlich gar nicht müsstest. Du könntest theoretisch auch von zu Hause aus arbeiten, aber dir ist dieser soziale Austausch besonders wichtig.
Elke Jensen: Ja, das ist mir sehr wichtig. Ich merke das auch schon: Ich muss das Haus verlassen, um auch mal mit anderen zu sprechen. Und hier habe ich natürlich ein sehr kreatives Büro. Es sind mehrere Fotografen, ein Illustrator, Architekten dabei. Das sind auch Menschen, mit denen ich über meine Herausforderungen reden kann oder denen ich Veränderungen zeigen kann: Wie siehst du das, was hältst du davon? Es ist eine Bürogemeinschaft im echten Sinne: Man sitzt manchmal zusammen, trinkt Kaffee oder isst auch mal zusammen. Dieser menschliche Austausch ist mir enorm wichtig. Ich kann nicht nur alleine zu Hause sitzen. Rein wirtschaftlich betrachtet könnte man es günstiger halten und von zu Hause aus arbeiten, das ist mit den heutigen Möglichkeiten klar. Aber das ist eben nicht alles.
Claudia Mattheis: Wenn man das rein wirtschaftlich auf das Unternehmen bezogen sieht, vermutlich ja. Aber wenn man sieht, was das für einen Input auch auf deine Gesundheit hat und wie wichtig das für dich ist, allein dieses Sich-fertig-Machen und Ins-Büro-Gehen: Ich weiß das selbst, ich könnte theoretisch auch zu Hause arbeiten, finde es aber großartig, ins Büro zu gehen, weil das eine andere Art von Disziplin erfordert. Allein der Weg ins Büro, die vielen Reize, viel Austausch mit anderen Leuten. Ich glaube schon, dass das dazu beiträgt, dass du noch so fit bist.
Elke Jensen: Ja, das ist ein Beitrag dazu, das denke ich auch.
Claudia Mattheis: Also insofern ist diese Büromiete so ein bisschen ein Investment in Langlebigkeit und Gesundheit.
Elke Jensen: Ja, und es ist auch so: Wenn mal jemand kommt oder Presse da ist, finde ich es auch schöner, wenn man sich nicht in irgendeinem Café treffen muss, sondern sagen kann: Kommen Sie hierher, wir können das hier besprechen, Sie können sich das anschauen. Das gibt dem Ganzen auch eine größere Ernsthaftigkeit, über den sozialen Aspekt hinaus.
Claudia Mattheis: Definitiv. Du hattest gesagt, dass du in deiner Bürogemeinschaft die Älteste bist, das ist einfach mal eine Tatsache. Aber gerade in der Kreativszene, und wahrscheinlich überall, gibt es ja viel Altersdiskriminierung im Berufsleben. Merkst du davon etwas? Fühlst du dich diskriminiert?
Elke Jensen: Ich habe ja gefragt, ob ich hier sein darf, man hat mich aufgenommen. Und nein, überhaupt nicht, ganz im Gegenteil. Ich bin bei weitem die Älteste, die Nächsten sind dann 60. Das sind immerhin 16 Jahre Unterschied.
Claudia Mattheis: Jungspunde! Dieses Thema Altersdiskriminierung ist definitiv da. Es ist auch in jungen Jahren da, aber es ist natürlich auch bei älteren Menschen im Berufsleben greifbar. Und ich möchte, dass LIVVING.de auch so einen mutmachenden Aspekt hat. Deswegen jetzt auch die Frage: Du hast mit 70 ein Unternehmen gegründet, gab es dabei Momente, wo das Alter eine Rolle gespielt hat, wo die Leute gesagt haben: So alt, ernsthaft?
Elke Jensen: Das eine Mal war es bei der KfW-Bank: Da kam ganz direkt die Frage, ob ich nicht jemand Jüngeres mit ins Unternehmen nehmen könnte. Da war mir natürlich klar: Das war aus ihrer Sicht eine ganz praktische Ansage. Und ich wusste auch, wenn ich zur normalen Hausbank gegangen wäre und gesagt hätte, ich mache noch einen Unternehmenskredit, dann kringeln die sich, das ist ganz klar. Also bin ich da erst gar nicht hingegangen.
Claudia Mattheis: Ja, okay, aber das hat man mit 50 auch schon. Wenn du mit über 50 noch eine Immobilie kaufen möchtest und nicht so viel Eigenkapital hast, hast du auch ein Problem. Aber abgesehen davon: Was waren denn so die größten Herausforderungen für dich als Jungunternehmerin?
Elke Jensen: Die größten Herausforderungen lagen noch viel stärker in der Fertigung, weil ich ja mit Stahl zu tun hatte. Und Stahl ist ein absolut männliches Material, würde ich mal sagen. In der ganzen Verarbeitung kannst du Frauen suchen. Und dann dort hineinzukommen, als eher zierliche ältere Frau, und zu behaupten, ich möchte das genau so haben, da braucht man schon eine deutliche Ansage. Gott sei Dank habe ich Brüder. Man muss ganz klar sagen: Hier steht die Chefin, und die zahlt den ganzen Kram.
Claudia Mattheis: Ich schätze dich aber so ein, dass du das kannst. Man muss ja nicht groß und laut sein, um sich durchzusetzen. Ich glaube, das geht auch subtiler.
Elke Jensen: Ja, aber es ist dann doch so, dass man das ganz eindeutig sagen muss.
Claudia Mattheis: Du lässt ausschließlich in Deutschland produzieren.
Elke Jensen: Bis auf die Räder, das ist zugekaufte Ware. Alles, was ich produziere, wird in Deutschland gefertigt.
Claudia Mattheis: Warum? Es geht doch auch billiger woanders.
Elke Jensen: Das ist so einfach nicht. Man muss ja in Mengen bestellen. Erstens liebe ich Manufakturware, dann liebe ich die direkte Kommunikation, und dann ist es mir tatsächlich auch wichtig: Ich möchte weg von dem Gedanken, dass immer andere für uns billig buckeln. Ich sage das jetzt mal so in dieser Härte. Ich plädiere für gute Ware zu einem reellen Preis. Lieber ein Stückchen weniger und dafür das Stück wertig. Das ist eine Wertfrage. Mir geht es nicht darum, möglichst billig zu produzieren, davon haben wir genug.
Claudia Mattheis: Völlig richtig. Und es ist ja auch ein Designerstück. Letztendlich verkaufst du Lebensqualität. Es ist vom Wert her wie eine Markenhandtasche.
Elke Jensen: Ja, es geht schon etwas in diese Richtung. Ich habe immer gesagt, mein Vorbild, mein Firmenvorbild ist die Firma USM Haller, ich komme ja vom Möbel. Einfach so, dass selbst das Sekundärmöbel noch sehr hochwertig bleibt. Dass es, wenn es weiterverkauft werden soll, einen hohen Wiederverkaufswert behält, wie man das beim Auto sagt.
Claudia Mattheis: Was ist ein Sekundärmöbel, für alle, die das nicht kennen?
Elke Jensen: Wir haben auch schon teilweise: Wenn die Menschen den City Caddy nicht mehr brauchen, haben wir ihn schon zurückgekauft. Dann wird er etwas aufgearbeitet, und wir können ihn sogar mit Garantie wieder verkaufen. Dann ist er ein bisschen günstiger.
Claudia Mattheis: Den City Caddy kann man also bei dir online kaufen.
Elke Jensen: Ja, über unsere Vertriebspartnerin können wir das über das Netz verkaufen, genau. Weil wir im Moment ja so wenige Stationen haben. Uns gibt es zum Anschauen in Wien, dann hier in Hamburg und in Dänemark, in Munkebo, glaube ich.
Claudia Mattheis: Wie willst du den City Caddy weiterentwickeln? Was sind da deine Pläne?
Elke Jensen: Tja, Pläne hatte ich schon viele, und das eigentliche Leben hat die Pläne manchmal zerschossen. Bevor man eine Firma gründet, macht man ja einen Dreijahresplan und rechnet eine leichte Steigerung durch. Dann kam Corona, dann kamen zwei Kriege. Im Grunde ist alles nicht planbar, wir sehen das ja, die ganze Wirtschaft ist gerade nicht planbar.
Natürlich: Ich möchte schnell auf eine stärkere Sichtbarkeit kommen. Das ist mir sehr wichtig. Ich träume davon, dass es an mehreren Orten im Bundesgebiet kleine Shops gibt, wo man die ganze Palette des City Caddy sehen kann. Als Pop-up oder dauerhaft, oder innerhalb eines anderen Geschäfts, aber auf jeden Fall so, dass man das Produkt wirklich erleben kann.
Claudia Mattheis: So kleine Pop-up-Stores mit schickem Design…
Elke Jensen: Mit Leuten, die sich wirklich dafür engagieren. Unser Problem ist natürlich, dass wir in Deutschland fertigen lassen, was einen höheren Einstiegspreis bedingt und uns nicht in der normalen Handelsmarge bewegt. Der aktuelle Preis der teuersten Variante mit der Ledertasche liegt bei 1.690 Euro. Dann gibt es eine Variante mit einer anderen Tasche für 100 Euro weniger. Und der City Caddy alleine, ohne Tasche, liegt bei 1.200 Euro. Aber mit der Tasche bekommt er erst richtig seine Bedeutung, würde ich sagen.
Claudia Mattheis: Das meinte ich. Das ist wirklich ein extrem schönes Modell. Ich würde damit auch rumlaufen. Ich hatte, ganz ehrlich, letztes Jahr massive Probleme mit dem Rücken nach einer Sportverletzung, und ich hätte mir so etwas gewünscht, um damit zur Arbeit zu laufen.
Elke Jensen: Ja, das glaube ich gerne. Ich habe es jetzt selbst auch so gemerkt: Als ich nach meiner Krankheit zum Arzt gegangen bin, dachte ich: Gott sei Dank, dass ich dieses Ding habe.
Claudia Mattheis: Ja, und das ist auch genau dieses: In dem Moment, wo man so einen Helfer hat, ist man auch wieder mobiler, bewegt sich mehr, das ist wiederum gut für die Gesundheit. Es ist also ein echter Kreislauf. Man läuft aufrechter, ist sicherer, und das wiederum stärkt das Selbstbewusstsein. Ich finde das Produkt absolut großartig. Das ist ja auch so das, was uns bei LIVVING.de umtreibt: Was können wir tun, damit ältere Menschen möglichst lange fit und mobil bleiben? Und da leistest du natürlich einen ganz wesentlichen Beitrag. Aber du beschäftigst dich ja auch viel mit gesellschaftsrelevanten Themen. Was müsste sich denn aus deiner Sicht verändern, damit Menschen länger mobil und selbstständig bleiben können?
Elke Jensen: Ich denke: dieses Altersbild anerkennen, dass wir im Alter genauso divers sind wie in anderen Generationen. Ich finde es ganz schrecklich, wenn über Ältere gesprochen wird, als wären wir alle Pflegefälle. Das ist ja nicht wahr. Und dann finde ich auch das Thema “Generationsgerechtigkeit” ein schwieriges Wort. Da jagt man die Generationen aufeinander, und das kann doch nicht die Lösung sein. Wir müssen gemeinsam schauen, wie wir Systeme, die nicht mehr funktionieren, in diesem Fall das Rentensystem, verändern können. Anderswo funktioniert es ja auch. Man kann doch nicht sagen: Weil wir jetzt ein nicht mehr funktionierendes System haben, dass wir eine schlimme Generation sind oder dass die Boomer-Generation, die jetzt kommt, das so ist. Das finde ich problematisch. Wir müssen sehr aufpassen, wie wir über Generationen sprechen. So wie man nicht sagen kann, die Jungen seien alle nur noch bequem und wollten nicht mehr arbeiten. Das stimmt nicht. Wir sind in allen Altersstufen unterschiedlich. Und wir sollten doch schauen: Wie kriegen wir für alle ein möglichst gutes Leben hin, für die Alten wie für die Jungen?
Claudia Mattheis: Da sagst du viele wahre Worte. Und das geht ja auch ums Thema: Welche Altersbilder gibt es, und welches Altersbild hat man selbst von sich im Alter? Viele Menschen sind ja ihre härtesten Kritiker: Ich bin zu alt dafür, ich kann das nicht mehr.
Elke Jensen: Ja. Und auch dieses, dass Alter nicht nur etwas Wertloses ist, das macht einen kratzig, wenn man denkt, irgendwann bin ich nur noch Schrott. Das kann es doch nicht sein. Und ich habe auch kein Problem damit, Falten anzunehmen. Ich denke: Das, was das Alter mit sich bringt, annehmen. Ich habe nichts gegen graue Haare, ich werde das sicher auch irgendwann machen. Aber einfach sagen: Jedes Alter bringt Veränderungen. Wenn ich Teenager bin, verändere ich mich auch zum Erwachsenen. Ich war auch in meinen jüngeren Jahren nicht immer nur glücklich und fröhlich. Das ist ja auch nicht wahr. Man hat Liebeskummer, man findet sich zu dick. Das gibt es doch in jedem Alter, da hat man etwas an sich zu kritisieren.
Claudia Mattheis: Definitiv richtig. Ich finde diesen ganzen Jugendwahn auch wirklich sehr, sehr schwierig. Ich finde es auch schwierig, wenn Frauen mit 60 oder 65 sich in sozialen Medien so darstellen: Schau mal, ich sehe noch genauso gut aus wie eine 40-Jährige. Wo ich auch denke: ja, aber und? Und nun? Und ich finde es auch schlimm, wenn Frauen mit Ende zwanzig sich schon Botox spritzen lassen, weil Falten angeblich so fürchterlich schlimm seien. Ich denke: Ist es nicht eigentlich viel relevanter, etwas Spannendes zur Unterhaltung beizutragen, als einfach nur hübsch daneben zu sitzen?
Elke Jensen: Ja. Und dann die Frage: Was ist überhaupt hübsch? Das ist ja immer nur eine Behauptung. Das ist wie in der Kunst: Was ist das Schöne?
Claudia Mattheis: Was ich so spannend finde: Du beschäftigst dich ja mit Design, und da gibt es Designklassiker, die wirklich Jahrzehnte alt sind und trotzdem gut altern. Warum gibt es das bei Menschen nicht so?
Elke Jensen: Gut, aber auch die, die gut gealtert sind, haben Spuren. Ich habe so ein Lederstück von Eileen Gray. Das hat natürlich Spuren. Auch gut alternde Designklassiker haben Spuren.
Claudia Mattheis: Ich meine, wobei ich jetzt eigentlich meinte: Es gibt auch bei Menschen natürlich solche, die gut altern. Ich meine einfach nur, dass das so anerkannt wird, wie bei einem Designklassiker. Dass man einfach sagt: Das ist ein Sofa von Eileen Gray, hat Benutzungsspuren, man sieht das einfach, aber es ist trotzdem noch wunderschön und super bequem und ein echtes Schmuckstück.
Elke Jensen: Das hat Wert. Ja, und der hat einen Wert. Ich glaube, die Älteren können auch selbst dazu beitragen, indem sie akzeptieren, dass man einfach ist, wie man ist, und dass das einen Wert hat. Ich bin zum Beispiel jemand: Wenn mir im Bus ein Platz angeboten wird, nehme ich ihn sofort dankend an. Weil ich denke: Da hat sich jemand einen Kopf gemacht und sieht, dass ich ein älterer Mensch bin. Viele sagen, das brauche ich nicht, und dann denke ich: Wie verunsichert man damit diesen Menschen, der so höflich ist?
Claudia Mattheis: Ich finde das auch total freundlich. Das ist auch so: Wenn jemand mir die Tür aufhält oder mir in die Jacke hilft, denke ich: Das ist doch auch nett. Die Leute denken nicht, dass man das nicht mehr könnte, sondern es ist einfach eine nette Geste.
Elke Jensen: Ja, es ist doch auch freundlich, oder? Das war ja nicht so gemeint, dass man damit sagt: Die ist alt. Naja, und wenn man sieht, dass ich älter bin, ja, dann stimmt das eben. Gerne setze ich mich dann hin.
Claudia Mattheis: Ja, genau. Also ich finde das großartig. Du plädierst wirklich für eine entspannte Haltung: Es ist, wie es ist, und man macht das, was man kann und möchte.
Elke Jensen: Ja. Ich hatte auch sehr gute Altersvorbilder in meinen Großmüttern. Das waren immer arbeitende Frauen. Als Bäuerin arbeitest du, bis du umfällst. Die haben sich selbst bis weit in die Neunziger auch sehr akzeptiert. Ich denke, das hilft vielleicht auch ein bisschen, wenn man das gesehen hat. Die hatten dann auch das eine oder andere. Das ist klar, der Körper macht hier und da mal schlapp.
Claudia Mattheis: Ja. Aber man ist nicht automatisch ein Opfer, nur weil man alt ist. Und man ist auch nicht automatisch geistig nicht mehr ganz dabei. Nein, das ist auch nicht bei allen so. Es gibt ja auch viele jüngere Menschen, wo man denkt, da gibt es Defizite. Aber gut. Liebe Elke, jetzt noch mal zum Abschluss eine ganz persönliche Frage: Wie möchtest du selbst in Zukunft leben und vor allen Dingen auch wohnen? Was ist dein Plan?
Elke Jensen: Selbstbestimmt leben, so lange das möglich ist, das möchte ich, wie viele Ältere auch. Wenn ich das kann, tue ich alles dafür. Meine Wohnung erlaubt es mir auch, sie ist nur ein paar Stufen hoch. Ich bin jetzt umgezogen, aus einem anderen Stadtteil. Ich wohne jetzt in Eppendorf. Also für die Hamburger, die das kennen: Das ist ein sehr schöner Stadtteil.
Claudia Mattheis: Du bist noch mal umgezogen, das hast du mir im Vorgespräch erzählt.
Elke Jensen: Davor wohnte ich noch in der Schanze, in einem Jahrhundertwende-Haus. Das sollte leider abgerissen werden. Ich bin Mieterin, ich habe kein Eigentum. Ich habe jetzt etwas wirklich Schönes gefunden, etwas näher am Park. Ich bin noch mal ganz happy mit meiner Wohnung. Sie passt von der Größe. Da möchte ich bleiben, so lange das Schicksal es so mit mir meint, wie es das gerade meint.
Claudia Mattheis: Das ist natürlich auch so eine Wunschvorstellung: dass man zentral wohnt, dass man alles in Fußnähe hat, diese Idee der 15-Minuten-Stadt, “Age in Place”, alles da, was man braucht und liebt, und dass man nicht abgeschoben wird.
Elke Jensen: Das hatte ich tatsächlich davor auch schon. Und das war mir sehr wichtig. Ich habe lange überlegt, kostengünstiger wäre es, in einer ländlichen Region zu wohnen. Das muss man sagen, die Großstadt ist teures Pflaster. Aber mir war es wichtig, meine sozialen Kontakte zu halten. Ich lebe allein. Und wenn man allein lebt, ist es enorm wichtig, dass man seinen Freundeskreis pflegt und ihn in räumlicher Nähe hat.
Elke Jensen: Bei allen sozialen Medien und allen technischen Möglichkeiten: Wir brauchen den direkten Energieaustausch mit anderen Menschen.
Claudia Mattheis: Klar, und das ist letztendlich auch eine Lebensversicherung. Wenn es einem nicht gut geht, dass jemand auf einen achtet, und du auf der anderen Seite auch da bist für andere, die Gesprächsbedarf haben. Ganz herzlichen Dank, liebe Elke, ich könnte noch sehr viel länger mit dir sprechen. Den Link zu deiner Website und alles Weitere gibt es in den Show Notes. Ich wünsche dir alles, alles Gute und bin gespannt, wie sich der City Caddy weiterentwickelt.
Elke Jensen: Vielen Dank fürs Dabeisein.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.











