Ein älterer Mann mit kurzen Haaren steht im Freien, trägt ein schwarzes Hemd und eine schwarze Jacke, im Hintergrund ist Grün zu sehen.

Fußball-Legende Gernot Rohr: Warum er nicht an Ruhestand denkt 5/5 (1)

Mit 73 Jahren trainiert er eine Nationalmannschaft, führt zwei Hotels, reist zwischen Afrika und Frankreich hin und her und bringt seine Tochter zum Fußballtraining. Was treibt Gernot Rohr an, während viele Gleichaltrige längst ihren Ruhestand genießen?

Älterer Mann in schwarzem Kapuzenpulli und grafischem T-Shirt, der im Freien sitzt, mit Grünzeug im Hintergrund.
Gernot Rohr im Gespräch mit T-Shirt des legendären "staubigen Elfmeters" seines Großonkels Oskar Rohr © Siegbert Mattheis

Wir hatten den Fußballer und Trainer im Mai 2026 in seinem charmanten Hôtel des Pins in Cap Ferret bei Bordeaux besucht. Wir sprachen mit ihm u. a. über Fußball (natürlich 😉 , über seine Beziehung zu Frankreich, sein Leben in Cap Ferret und darüber, ob er an Ruhestand denkt.

Er ist uns auf Anhieb sympathisch, zurückhaltend und bescheiden, mit Bodenhaftung und ohne irgendwelche Allüren, wie man das von anderen mit einer derart langen und erfolgreichen Karriere erwarten würde.

Zunächst erzählt er uns über seinen Frankreich-Bezug und wie das alles auch mit seinem Großonkel Oskar Rohr zusammenhängt.

Drei Erwachsene mit Sonnenbrillen lächeln an einem sonnigen Tag im Freien mit Bäumen und einem Haus im Hintergrund.
Selfie mit Gernot Rohr vor seinem Hôtel des Pins in Cap Ferret mit Claudia und Siegbert Mattheis © Siegbert Mattheis

Wer ist Gernot Rohr?

Gernot Rohr gehört zu den bekanntesten deutschen Trainern im afrikanischen Nationalmannschaftsfußball. Geboren wurde er im Juni 1953 in Mannheim.

Profikarriere als Spieler

Seine Profikarriere begann Gernot Rohr beim FC Bayern München. Dort spielte er unter Trainer Udo Lattek mit den Spielergrößen Franz Beckenbauer, Sepp Maier, Gerd Müller, Uli Hoeneß und Paul Breitner in einer Mannschaft und wurde mit ihnen zwei Mal deutscher Meister.

Danach spielte er für den SV Waldhof Mannheim und die Kickers Offenbach. Seine prägendste Station hatte er jedoch bei Girondins Bordeaux, wo er von 1977 bis 1989 über 350 Pflichtspiele absolvierte und mehrere französische Meisterschaften gewann.

Karriere als Trainer

Nach dem Karriereende wechselte Rohr ins Trainergeschäft und arbeitete zunächst mehrfach bei Bordeaux. Große Aufmerksamkeit erhielt er 1996, als er die Mannschaft mit Spielern wie Zinedine Zidane, Christophe Dugarry und Bixente Lizarazu ins UEFA-Cup-Finale führte. Dort unterlag Girondins allerdings seinem ehemaligen Verein Bayern München.

Weitere Trainerstationen in Europa waren unter anderem OGC Nice, BSC Young Boys, AC Ajaccio und FC Nantes.

Rohr und Afrika

Seinen größten internationalen Ruf erarbeitete sich Rohr jedoch in Afrika. Ab 2010 trainierte er nacheinander die Nationalmannschaften von Gabun, Niger, Burkina Faso, Nigeria und schließlich Benin.

Besonders erfolgreich war seine Zeit in Nigeria von 2016 bis 2021. Er führte die „Super Eagles“ zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 und erreichte beim Afrika-Cup 2019 den dritten Platz. Trotz sportlicher Erfolge wurde er Ende 2021 kurz vor dem Afrika-Cup entlassen.

Heute gilt Rohr als einer der erfahrensten europäischen Trainer im afrikanischen Fußball. Er stand bereits bei weit über 100 A-Länderspielen als Nationaltrainer an der Seitenlinie und ist seit 2023 Trainer der Nationalmannschaft von Benin.

Wie kam es zur Liebe zu Frankreich?

“Ach, die Geschichte der Familie Rohr mit Frankreich und Fußball ist schon von meinem Großonkel Oskar Rohr geschrieben worden,” beginnt er in leichtem Mannheimer Dialekt, “denn der war der Einzige bei Bayern München, der den Mut hatte, den Elfmeter zu schießen, damals 1932 im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft. Alle anderen haben Angst gehabt, aber der Käpt’n hat zu ihm gesagt: ‘Ossy, du gehst hin und machst ihn rein!’

Und er, mit nur 20 Jahren, läuft dann an, der Elfmeterpunkt hatte damals viel Kalk, tritt ein bisschen in den Boden, und da wurde diese Staubwolke gebildet durch diesen Schuss, aber der Ball ging trotzdem rein, weil der Torwart im anderen Eck war. Und Bayern wurde zum ersten Mal Deutscher Meister. Dieser “Staubelfmeter” ging also in die Geschichte ein!”

Er lächelt und deutet auf sein T-Shirt.

Fußballspieler feiern ein Tor, während die gegnerischen Spieler auf einer Wiese in der Nähe des Torpfostens sitzen und stehen.
Der "staubige Elfmeter" am 12. Juni 1932 in Nürnberg, mit dem Oskar Rohr den Bayern den ersten deutschen Meistertitel sicherte © Screenshot aus Wochenschaubericht

“2022, zum 100. Jubiläum, haben die Bayern übrigens mit diesen Trikots wieder gespielt.”

Dann erzählt Rohr die Geschichte weiter, wie es 1933 losging mit der Ausgrenzung von Juden. Wie er, obwohl kein Jude, seinem jüdischen Trainer zu den Grasshoppers Zürich gefolgt war, weil er einfach Vertrauen in ihn gehabt hatte. Denn der hatte ihn schon von Mannheim zu den Bayern gebracht. Dort gab es viele jüdische Fußballer, auch der Bayern-Präsident Kurt Landauer war Jude und legte 1933 aus Protest sein Amt nieder.

“Und so kam Ossy Rohr 1933 in die Schweiz. Ein Jahr später wurde er von dort nach Frankreich irgendwie über die Grenze geschmuggelt, es war ja alles bewacht damals. Und dann hat er bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs bei Racing Club Straßburg gespielt.

Er wurde bis dahin bester Torschütze von Frankreich, er war im Pokalendspiel in Paris, hat alles mitgemacht. 1939 allerdings konnte er nicht mehr nach Deutschland zurück, weil die Nazis ihn als Verräter ansahen und auch die Familie Rohr bedrohten. In Frankreich hatte er es andererseits als Deutscher schwer, denn sie wollten ihn nicht einbürgern.

Also ist er in die freie Zone geflüchtet nach Sète, wo damals noch keine deutsche Besatzung war. Als die Deutschen im November 1942 auch dahin kamen, hat er sich in die Fremdenlegion gemeldet, denn er musste ja irgendwo unterkommen. Und dann wurde er gefangen genommen, ins Konzentrationslager nach Deutschland verschickt und an die russische Front geschickt.

1944 wurde er dort schwer an der Schulter verletzt. Alle Sanitätsflugzeuge waren schon voll, aber von einem der letzten war, Gott sei Dank, der Pilot ein Bayernfan, und hat ihn erkannt. ‘Bist du nicht der Oskar? – Doch, das bin ich!’ Und er lag da auf der Bahre, also schob ihn der Pilot noch irgendwie mit rein. Also kam er als einer der Letzten noch aus dem Kessel heraus und konnte uns das alles erzählen. Er war übrigens, so wie ich, der letzte von sechs Kindern.”

Wie war das mit deinem Vater?

“Oskars ältester Bruder war der Philipp Rohr, mein Opa. Der war 13, 14 Jahre älter als er, so dass dann mein Vater „Fips“ Rohr (auch Fußballer) und Oskar Rohr nur vier Jahre auseinander waren, obwohl er der Onkel war von meinem Vater.

Als er 1945 in französische Kriegsgefangenschaft kam, haben dort die Franzosen gefragt: ‘Rohr, Rohr, Rohr? Hast du was zu tun mit dem Oskar Rohr, dem Spieler von Straßburg?’ Denn der war als bester Torjäger Frankreichs noch immer im ganzen Land bekannt. Und mein Vater meinte, ja, das wäre sein Bruder. Und so konnte er dann die Fußballmannschaft im Lager trainieren, bekam besseres Essen und wurde nach einem statt zwei Jahren aus der Gefangenschaft entlassen. So wurde mein Vater auch frankophil und später Französischlehrer.

So, das war die Geschichte mit den Rohrs, mit Frankreich.”

Wie kam Gernot Rohr nach Cap Ferret?

“Also hierher kam ich mit 16 durch meinen 5 Jahre älteren Bruder Volker. Der studierte Französisch und kam dann schon öfters hierher. Er sagte dann mal zu mir: ‘Anstatt so wie früher an die Nordsee zu fahren, komm doch mal mit, hier gibt’s auch schöne Wellen, das ist noch schöner mit dem Strand und den Dünen, alles.’ Und dann bin ich mit, das war 1969, und seit der Zeit kam ich regelmäßig im Sommer in Urlaub hier.

Wie sah das damals hier aus?

“Wie der wilde Westen, Far West, sagen die, also so wie es Jacques Cousteau beschrieben hatte (der in Cap Ferret geboren wurde; Anm. d. Red.), wild, ursprünglich wie am Anfang der Welt. Die Straßen waren nicht geteert, es gab keine Wasserleitungen, Straßenbeleuchtung und so weiter.”

Ich habe immer schon hier wohnen wollen, seit ich 1977 bei Girondins Bordeaux unterschrieben hatte. Meine Schwester war mit einem Spieler bei Bordeaux verlobt, Gérard Lafont, der hier wohnte. Am Anfang hatte ich bei den beiden gewohnt, dann hat er mir ein Haus gefunden, das konnte ich relativ günstig erwerben in Lège-Cap-Ferret.

Partnerschaft mit Sandhausen

“Dann entstand 1980 die Partnerschaft zwischen Sandhausen und Lège-Cap-Ferret. Als der Bürgermeister von Sandhausen, Walter Reinhard, nach Cap Ferret zu den Feierlichkeiten kam, wurde der Dolmetscher krank. Da rief mich der Bürgermeister von Lège-Cap-Ferret, Robert Cazalet, aufgeregt an, ob ich aushelfen könne. Sandhausen ist ja direkt bei mir in Mannheim vor der Tür, wir sprechen sogar denselben Dialekt, kurpfälzisch”, schmunzelt er.

“Da bin ich also gekommen und da hat er mir seine Tochter vorgestellt. Und kurz darauf wurde sie meine erste Frau. So war ich also schnell integriert hier.”

Walter Reinhard war zudem auch Präsident des Fußballclubs SV Sandhausen. Heute gibt es einen Place Walter Reinhard in Cap Ferret.

Wie hat Rohr das Hotel des Pins entdeckt?

“Ich hatte damals als Fußballer schon ganz gut verdient, aber nicht was man heute da so sieht.

1996 war ich dann Trainer und wir hatten das Viertelfinalspiel gegen AC Mailand im Europapokal.

Da sagte mir der Präsident: ‘Wenn du das schaffst mit der Mannschaft, dann werden wir eure Prämie verdreifachen!’

AC Mailand war damals einer der besten Mannschaften Europas. Aber wir haben das geschafft, wir haben 3:0 gewonnen. Also musste er die dreifache Prämie zahlen. Da hatte ich dann ein bisschen Cash und konnte mir das erlauben, das Hotel zu kaufen. Ich war gut befreundet mit Michel Sammarcelli, dem damaligen, deutschfreundlichen Bürgermeister und Direktor des Petit Train, den Jacques Milet hier wieder aufgebaut hatte, mit dem mich übrigens auch eine enge Freundschaft verbunden hatte.

Den hatte ich gefragt, ob ich das Hôtel des Pins kaufen sollte, und er meinte: ‘Ja, das kannst du machen!’ Habe ich dann also gekauft, es war günstig und noch in Franc damals, natürlich nicht zu vergleichen mit den Preisen heute.

Hattest du denn Erfahrung mit der Hotellerie?

“Nein, hatte ich nicht,” lacht er, “aber ich liebte das Café, und es war gerade zu verkaufen. Es war nicht heruntergekommen, aber es war nicht so wie jetzt. Vorne war es ganz offen, die Front hatte mein Freund, der Maler Jean-Pierre, im ersten Jahr noch gemalt.”

Hôtel des Pins

Das charmante Haus war ursprünglich Anfang des 20. Jahrhunderts ein Theater- und Konzertsaal. Erst später wurde daraus ein Hotel, erzählt er weiter. Wer heute in einem der Zimmer übernachtet, schläft teilweise dort, wo früher die Bühne stand.

„Wir sind ein Hotel aus einer anderen Zeit“, sagt er mit einem Lächeln. Er hat den ursprünglichen Charakter des Hauses bewahrt, aber statt auf Luxus setzt das kleine Hotel auf Atmosphäre, Geschichte und Authentizität.

Mehr über das Hôtel des Pins und Cap Ferret können Sie demnächst in unserem anderen Magazin ambiente-mediterran.de nachlesen.

In diesem Moment kommt seine jetzige Frau Fabrinah dazu, er stellt sie uns vor:

“Fabi kümmert sich hier wunderbar um die Gäste, macht immer das Frühstück, und wenn die Putzfrau ihren freien Tag hat, macht sie auch die Zimmer und schaut nach, ob z. B. eine Glühbirne kaputt ist usw.”

Eine Frau in einem geblümten Kleid steht neben einem Mann, der an einem Tisch mit Papieren in einem warm beleuchteten Raum sitzt.
Fabrinah Rohr und der Maler Jean-Pierre in der Lobby des Hotels © Siegbert Mattheis
Ein Mann und eine Frau stehen an einem sonnigen Tag zusammen vor einer verglasten Veranda mit der Aufschrift Les Pins.
Gernot und seine Frau Fabrinah Rohr © Siegbert Mattheis
Vier Personen stehen zusammen auf einer weißen Außentreppe vor einem Gebäude mit Grün und Bäumen drum herum.
Fabrinah und Gernot Rohr, Mitarbeiterin Monika aus Polen und Koch Will aus Haiti © Siegbert Mattheis
Vier Personen stehen an einem sonnigen Tag auf den Stufen unter dem Eingangsschild des Hotel des Pins vor einem Restaurant.
Koch Will, Monika, Fabrinah und Gernot Rohr© Siegbert Mattheis

Wie habt ihr euch kennengelernt?

“Ich hab seit 2001 auch noch ein anderes kleines Hotel auf der Insel La Réunion direkt am Strand. Als ich es neu einrichten wollte, hat man mir ein Geschäft in Diego Suarez auf Madagaskar empfohlen, das Möbel aus tollem Holz baut und sie mit dem Schiff in einem Tag auch nach La Réunion transportieren würde.

Also bin ich rübergeflogen und dort habe ich dann Fabrinah kennengelernt. Wir haben unsere Hochzeit dann hier mit vielen Freunden im Dezember 2007 gefeiert.”

Mittlerweile haben die beiden zwei Kinder.

“Die Elisa ist 16, die bringe ich heute Abend wieder ins Training nach Bordeaux bei Girondins Bordeaux. Die haben die verpflichtet, die ist gut! Und sie spielt jeden Freitag hier im Hotel Klavier”, erzählt er mit sichtlichem Stolz in der Stimme. “Und der Johann wird 14 im Juni und spielt hier Fußball in Cap Ferret.”

Gernot Rohr und Ruhestand?

Ob das nicht etwas viel sei, hier das Hotel, die beiden Kinder, dann das andere Hotel in La Réunion und die Trainerarbeit in Benin, fragen wir. Könnte er sich ein Leben als klassischer Rentner vorstellen?

„Nein”, antwortet er ohne zu zögern: “Reisen, schauen, dass die Leute sich wohlfühlen. Das macht Spaß. Kein Stress.“

Als Benin ihn angerufen hatte, um eine neue Mannschaft aufzubauen und zu trainieren, stellte Rohr die Bedingung, dass er nicht ständig vor Ort sein müsse, denn er habe die Familie hier. Und sie waren einverstanden.

Das hat so gut geklappt, dass es Benin beim Afrika Cup in Marokko bis ins Achtelfinale geschafft und die Teilnahme an der WM 2026 nur ganz knapp verpasst hatte.
Demnächst fliegt er wieder hin.

Mit 73 Jahren denkt Gernot Rohr also noch immer nicht ans Aufhören. Er bleibt aktiv, reist, lernt neue Menschen kennen. Er engagiert sich für seine Familie und verfolgt Projekte, die ihm Freude machen.

Und vielleicht ist genau das sein Erfolgsgeheimnis.

Nicht das Alter entscheidet darüber, wie wir leben, sondern die Bereitschaft, neugierig zu bleiben. Für Gernot Rohr bedeutet Aktivität auch Sinn, Struktur und soziale Kontakte.

Er fährt regelmäßig Fahrrad, trainiert auf seinem Heimtrainer und verfolgt dabei Fußballspiele im Fernsehen. Er achtet darauf, in Bewegung zu bleiben, auch wenn die Knie nach einer langen Profikarriere nicht mehr alles mitmachen.
„Ein bisschen Sport muss man schon machen. Sonst fehlt mir etwas.“

Sein Rat an Menschen im Ruhestand klingt einfach: Wer in Rente geht, sollte etwas haben, das ihn erfüllt. Reisen. Hobbys. Bewegung. Aufgaben.

Claudia und Siegbert Mattheis

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