Pflegebauernhöfe: Leben und Pflege in der Natur
Ein Pflegebauernhof verbindet landwirtschaftliches Leben mit professioneller Betreuung. Für pflegebedürftige Menschen, Menschen mit Behinderung oder psychischen Erkrankungen kann diese Wohnform eine sinnvolle Alternative zur klassischen Heimunterbringung sein. Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen rund um das Thema Pflegebauernhof.
Was ist ein Pflegebauernhof?
Ein Pflegebauernhof ist ein landwirtschaftlicher Betrieb, der Menschen mit Pflegebedarf, Behinderungen oder psychosozialen Einschränkungen einen Lebens- und Wohnort bietet. Die Bewohnerinnen und Bewohner nehmen je nach Fähigkeit am Alltag auf dem Hof teil, sei es in der Tierpflege, im Garten oder in der Küche. Gleichzeitig erhalten sie dort professionelle pflegerische, therapeutische oder pädagogische Betreuung.
Das Konzept stammt aus den Niederlanden, wo sogenannte “Zorgboerderijen” seit den 1990er-Jahren fest im Versorgungssystem verankert sind. Dort gibt es inzwischen über 1.300 sog. Pflegefarmen. Das sind Bauernhöfe, auf denen sich die Bauern mit Fachleuten in der Regel tagsüber um hilfsbedürftige Menschen kümmern. Bei uns gewinnt das Modell zunehmend an Bedeutung, allerdings gibt es hier erst etwa 20 bis 30 solcher Einrichtungen.
Ein sehr schönes Beispiel ist Hilde`s Heim an der Lahn, das 2026 fertiggestellt wurde.
„Für mich war klar: Meine Mutter in eine klassische Pflegeeinrichtung zu geben, ist keine Option. Solange ich die Kraft habe, bleibt sie in ihren eigenen vier Wänden. Und das ist auch der Grundgedanke hinter ‚Hilde’s Heim‘: eine Wohngemeinschaft, die sich gegenseitig unterstützt.“ sagt die Initiatorin Petra Zugmann.
Lesen Sie auch unser Interview mit Petra Zugmann.
Andererseits gibt es in Deutschland bisher (noch) keine einheitlich gesetzlich definierte Kategorie „Pflegebauernhof“. Die Angebote können sich deshalb in Organisation, Pflegeumfang und Zielgruppe deutlich unterscheiden.

Was sind typische Bestandteile eines Pflegebauernhofs?
- Wohnen in kleinen Einheiten
- Gemeinschaftsräume
- Garten und Außenbereiche (manchmal mit Tieren)
- Einbindung in einfache Hofaktivitäten
- Betreuung und Pflegeleistungen
- Tagesstruktur mit festen Abläufen
Für wen eignet sich ein Pflegebauernhof?
Pflegebauernhöfe richten sich beispielsweise an Menschen:
- mit beginnender oder fortgeschrittener Pflegebedürftigkeit
- mit Demenz oder kognitiven Einschränkungen
- mit Einsamkeitserfahrungen
- die sich ein naturnahes Umfeld wünschen
- die keinen Heimcharakter möchten
Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen profitieren hier vom strukturierten Tagesablauf und der natürlichen Umgebung. Ältere Menschen, die Pflege benötigen, aber nicht in einem klassischen Pflegeheim leben möchten, finden hier eine persönlichere und ruhigere Atmosphäre. Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen können durch die Arbeit in der Natur Stabilisierung und Entlastung erleben.
Auch Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsverzögerungen oder Verhaltensauffälligkeiten können im Rahmen der Jugendhilfe auf Pflegebauernhöfen betreut werden.
Für Menschen, die ihr Leben lang aktiv waren oder ländliche Strukturen kennen, ist der Hofalltag vertraut und sie finden sich besser zurecht als in einem Pflege- oder Altersheim.
Allerdings bietet nicht jeder Pflegebauernhof medizinische Versorgung oder intensive Pflege an. Das Betreuungskonzept sollte immer genau geprüft werden.
Welche Leistungen bietet ein Pflegebauernhof?
Das Angebot variiert naturgemäß je nach Einrichtung und Träger. Manche Höfe bieten reine Tagesbetreuung an, andere bieten vollstationäres Wohnen. Einige sind auf eine bestimmte Zielgruppe spezialisiert, andere betreuen gemischte Gruppen.
Aber typische Leistungen umfassen in der Regel:
- Pflegerische Grundversorgung wie Körperpflege
- Medikamentengabe und gesundheitliche Begleitung
- Therapeutische Angebote wie Ergo-, Physiotherapie oder tiergestützte Therapie
- Pädagogische Begleitung und Förderung
- Einbindung in landwirtschaftliche und hauswirtschaftliche Tätigkeiten (entsprechend der individuellen Fähigkeiten)
- Soziale Teilhabe und Gemeinschaftsleben
- Tagesstrukturierung durch feste Aufgaben und Rituale.
Wie funktioniert der Alltag auf einem Pflegebauernhof?
Die Tagesstruktur orientiert sich am natürlichen Rhythmus des Hofes, was besonders für Menschen mit Demenz oder psychischen Erkrankungen therapeutisch wirksam ist.
Typische Elemente dabei sind:
- gemeinsames Frühstück
- Gartenarbeit nach Möglichkeit
- Tiere beobachten oder versorgen
- gemeinsames Kochen
- Bewegung im Freien
- kleine Aufgaben im Hofalltag
- Ruhezeiten und Betreuung
Viele Konzepte greifen dabei Erkenntnisse aus Natur- und Aktivierungsansätzen auf: Wiederkehrende Tätigkeiten, vertraute Abläufe und Sinneserfahrungen können Orientierung und Wohlbefinden fördern.
Das Ziel dabei ist nicht Leistung, sondern Teilhabe und Aktivierung. Niemand muss mitarbeiten. Die Bewohnerinnen und Bewohner erleben sich als nützlich und Teil eines lebendigen Gemeinwesens, was das Selbstwertgefühl stärkt.
Was unterscheidet einen Pflegebauernhof von einem Pflegeheim?
Der wesentliche Unterschied liegt in der Lebensqualität und Alltagsgestaltung. Ein Pflegeheim ist eine institutionelle Einrichtung mit medizinischem Fokus. Ein Pflegebauernhof hingegen ist ein Ort des gelebten Alltags in überschaubarer Gemeinschaft.
Ist ein Pflegebauernhof teuer als ein Pflegeheim?
Die Kosten für einen Pflegebauernhof sind nicht pauschal höher als für ein Pflegeheim. Sie hängen von der Art der Betreuung, dem Pflegegrad und dem Bundesland ab. In vielen Fällen werden die Kosten ganz oder teilweise von folgenden Kostenträgern übernommen:
- Die gesetzliche Pflegeversicherung übernimmt je nach Pflegegrad einen festgelegten Anteil
- Die Eingliederungshilfe (nach SGB IX) kommt für Menschen mit Behinderungen in Betracht
- Die Jugendhilfe (nach SGB VIII) finanziert Betreuungsangebote für Kinder und Jugendliche.
- Sozialhilfe kann ergänzend eingesetzt werden, wenn das Einkommen nicht ausreicht.
Nehmen Sie am besten frühzeitig Kontakt mit dem zuständigen Sozialamt oder der Pflegekasse auf, um die individuelle Finanzierungssituation zu klären.
Wie finde ich einen geeigneten Pflegebauernhof?
Wir bei LIVVING sind gerade dabei, alle Pflegebauernhöfe bei uns für Sie zu bündeln. In der Zwischenzeit können Sie sich auch an verschiedene andere Anlaufstellen wenden:
Die Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) und deren Mitgliedsorganisationen wie Caritas, Diakonie oder AWO listen anerkannte Einrichtungen.
Regionale Pflegestützpunkte und Sozialdienste helfen bei der Beratung und Vermittlung. Onlineportale wie Zukunft Pflegebauernhof oder die Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft bieten Übersichten und Suchfunktionen.
Besuchen Sie am besten potenzielle Höfe persönlich, beobachten Sie die Atmosphäre und sprechen Sie mit dem Betreuungspersonal und wenn möglich mit Bewohnerinnen und Bewohnern, bevor Sie eine Entscheidung treffen.
Ist ein Pflegebauernhof die richtige Wahl?
Ein Pflegebauernhof ist keine Universallösung, aber für viele pflegebedürftige Menschen eine bereichernde Alternative zum klassischen Pflegeheim. Die Verbindung von Naturerleben, sinnvoller Arbeit, überschaubarer Gemeinschaft und professioneller Betreuung schafft Lebensqualität auf eine Weise, die institutionelle Einrichtungen selten bieten können.
Wenn Sie sich für diese Wohnform interessieren, lohnt es sich, gezielt zu recherchieren, Beratungsangebote zu nutzen und sich die Zeit zu nehmen, verschiedene Höfe persönlich kennenzulernen. Die Entscheidung für eine Wohnform im Pflegefall ist eine der wichtigsten Entscheidungen im Leben, und ein Pflegebauernhof kann dabei eine Wahl sein, die nicht nur versorgt, sondern wirklich trägt.
Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle Beratung durch einen Sozialdienst, eine Pflegekasse oder einen rechtlichen Beistand.


