Vom altersgerechten Wohnen bis zur Reise in die Familiengeschichte: Tobias Fruh erzählt, wie der Umzug seines Vaters ihr Verhältnis verändert hat und warum gemeinsame Pläne keinen Aufschub vertragen.
Warum wir Tobias Fruh eingeladen haben
Tobias Fruh ist stellvertretender Leiter Marketing und Kommunikation und Pressesprecher bei Volkswagen Immobilien, einem Unternehmen, das 1953 gegründet wurde, um Wohnraum für die Beschäftigten des Volkswagenwerks zu schaffen, und das heute mehr als 9.000 Wohnungen in Wolfsburg besitzt.
Mit einer älter werdenden Gesellschaft verändern sich auch die Anforderungen ans Wohnen. Darüber spricht Claudia Mattheis, Chefredakteurin von LIVVING, mit ihm im ersten Teil des Gesprächs. Der zweite, ganz persönliche Grund für die Einladung: Sein eigener Vater ist vor einigen Jahren mit Ende 70 aus dem Stuttgarter Raum nach Wolfsburg gezogen, überraschend unkompliziert, wie sich im Gespräch zeigt, und wohnt heute, mit 84 Jahren, in einer Seniorenwohnanlage von Volkswagen Immobilien. Seitdem sind sich Vater und Sohn wieder näher. Anfang September wollen beide gemeinsam zu einem besonderen Roadtrip aufbrechen, mehrere Wochen lang, zurück an die Orte, die die Kindheit des Vaters geprägt haben.
Die wichtigsten 3 Erkenntnisse aus dem Interview
“Auf mich wirkt das wirklich wie eine ganz coole, tolle Ferienanlage”: So beschreibt Tobias Fruh die Seniorenwohnanlage von Volkswagen Immobilien in Wolfsburg-Fallersleben, in der sein Vater lebt, 88 Apartments in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz, mit direkt angeschlossenem Pflegeheim.
Warum es sich lohnt, Eltern frühzeitig eine passende Wohnform vorzuschlagen: Tobias Fruhs Vater zog mit Ende 70 aus dem Stuttgarter Raum in die Nähe seines Sohnes nach Wolfsburg, in eine altersgerechte Wohnung mit Unterstützung im Alltag, ein Schritt, der ihm überraschend leichtfiel.
Ein Roadtrip zu den Wurzeln: Im September reisen Vater und Sohn gemeinsam in die Heimat des Vaters in der Schwäbischen Alb, eine Erfahrung, durch die Tobias Fruh mehr über seinen Vater und die eigene Herkunft erfährt, und die er eines Tages auch seinen eigenen Kindern erzählen kann.

Warum zog der Vater mit Ende 70 in die Nähe seines Sohnes nach Wolfsburg?
Ein Anruf, ein Ja, und ein neues Leben in der Nähe des Sohnes
Tobias Fruhs Vater lebte lange in einer Dachgeschosswohnung im Stuttgarter Raum, ohne Aufzug, alles andere als altersgerecht. Als der Sohn merkte, wie weit die Distanz zwischen ihnen wirklich war, sprach er ihn direkt an: “Ich bin hier oben, ich brauche gute 5,5 Stunden, um bei dir zu sein, wenn irgendwas ist”, und fragte, “könntest du dir denn vorstellen, hier nach Wolfsburg zu kommen? Zumal wir da eine Möglichkeit haben, dich ganz gut unterzukriegen.” Die Antwort kam schneller als erwartet, obwohl sein Vater “ein Urschwabe, auch dialektisch gesehen und geografisch ist er da extrem verhaftet” ist: “ja komm, klingt vernünftig, ich glaube, das machen wir.”
Kurz darauf übertrug ihm sein Vater von sich aus Verantwortung: “kriegst du von mir jetzt hier auch eine Vollmacht für diese Sachen, weil ich merke selber, es bei mir wird es schon schwieriger und es ist gut, wenn du dich jetzt dann auch kümmerst.”
Wie hat sich das Verhältnis zwischen Vater und Sohn seit dem Umzug verändert?
Von wenig Kontakt zu gemeinsamen Vorsorgeuntersuchungen: eine neue Nähe
Vor dem Umzug hatten Vater und Sohn über Jahre kaum miteinander zu tun. Jeder lebte in seiner eigenen Welt. Das änderte sich grundlegend. Seitdem koordiniert Tobias Fruh Arzttermine, Bankgeschäfte und Vorsorgeuntersuchungen für seinen Vater, der selbst “niemals dran denken” würde, einen Termin zu machen. Was zunächst wie ein Experiment begann, wurde zu einer festen Routine: “Das Hauptrezept ist, glaube ich, echt da Vertrauen an der Stelle.”
Diese Nähe zeigt sich auch im Alltag der Seniorenwohnanlage, in der sein Vater lebt, einem Ort, den Tobias Fruh selbst als “ganz coole, tolle Ferienanlage” beschreibt. Mittags isst sein Vater grundsätzlich in der Kantine, “weil er keine Lust hat, sich da selber was zu machen, aber abends dann nur eine Scheibe Brot isst”. Kontakte zu knüpfen fällt ihm dabei schwer, er vermisst seine alten Freunde, von denen viele selbst nicht mehr mobil sind. Umso mehr überraschte ihn eine unerwartete Wendung: “Der hatte mal für 2 Wochen eine Affäre mit einer Bewohnerin, wo er mich damit überrascht hat, dass er da irgendwie plötzlich im Aufzug zu Liebeleien kam und ich dachte, Mensch, je oller, desto doller.”
Warum plant Tobias Fruh einen mehrwöchigen Roadtrip mit seinem Vater?
Alles ist endlich: die Reise zu den Wurzeln, bevor es zu spät ist
Im September brechen Vater und Sohn mit den Rädern im Gepäck auf, zurück in die Heimat des Vaters: Mengen im Landkreis Sigmaringen, Richtung Bodensee. Ein Ort, an dem Tobias Fruh selbst noch nie war, obwohl dort die Wurzeln seiner Familie liegen. “Ich würde mich total ärgern, wenn er mal eines Tages nicht ist und ich bin da nie gewesen, wo seine Wurzeln sind, wo auch mein Großvater herkommt, die Familie daherkommt”, erklärt er den Antrieb hinter der Reise.
Zur Dringlichkeit trägt bei, dass sein Vater “jetzt halt schon auch in einem älteren Zustand” ist, “wo er seine Routinen braucht” und “nicht mehr so ganz fit ist geistig”. Ausgelöst hat die Idee auch eine unerfüllte Erinnerung an die eigene Großmutter: “Die wollte mit mir immer noch mal Richtung Polen, wo sie herkam, noch mal. Und ich habe gesagt, ja, ja, irgendwann, irgendwann. Und dann war es zu spät.” Diese Erfahrung will Tobias Fruh nicht wiederholen. Auf die Frage, wovor er bei der Reise Angst habe, antwortet er offen: “dass er überfordert ist, ne, dass er sagt, dass er sich nicht wohlfühlt und irritiert ist und wir dann gegebenenfalls abbrechen müssen. Aber das kalkuliere ich voll mit ein.” Ein Rückweg von wenigen Stunden nach Wolfsburg bleibt als Sicherheitsnetz jederzeit möglich.

Warum du dieses Podcast-Interview hören solltest
Wer über 50 ist und älter werdende Eltern hat, kennt die leisen Fragen im Hintergrund: Wie lange geht es noch gut allein? Wie viel Zeit bleibt eigentlich noch, um gemeinsam etwas zu unternehmen, das man später nicht bereut? Tobias Fruh erzählt, wie er diese Fragen für sich und seinen Vater beantwortet hat. Im vollständigen Gespräch erfährst du außerdem, wie Volkswagen Immobilien Mieterinnen und Mietern mit kleinen Umbauten wie Rollatorboxen oder ebenerdigen Duschen hilft, und wie sich Tobias Fruh selbst sein eigenes Wohnen im Alter vorstellt, zwischen Meer und Bergen, mit einem festen Wunsch: die eigenen Kinder in der Nähe zu haben. Hör rein und lass dich von einer Vater-Sohn-Geschichte inspirieren, die zeigt, wie viel Nähe im Alter möglich ist, wenn man sich dafür entscheidet.
Häufig gestellte Fragen zum Wohnen im Ruhestand
Wie können erwachsene Kinder ihre Eltern beim Umzug ins Alter unterstützen?
Ein offenes Gespräch über die reale Entfernung und mögliche Unterstützung im Alltag kann, wie im Fall von Tobias Fruh, den entscheidenden Anstoß geben, auch wenn ein Umzug zunächst unwahrscheinlich erscheint.
Was bedeutet “Wohnen im Ruhestand” bei Volkswagen Immobilien?
Es ist der Name einer Seniorenwohnanlage von Volkswagen Immobilien in Wolfsburg-Fallersleben, betrieben in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz, mit 88 eigenständigen Ein- und Zweizimmer-Apartments.
Wie funktioniert der Übergang vom Seniorenwohnen zur Pflege?
Ein Pflegeheim ist direkt an die Anlage angeschlossen. Wird jemand pflegebedürftig, wechselt er nur den Gebäudeteil und kann sich frühzeitig einen Platz sichern. Ein neuer Umzug ist nicht nötig.
Was macht einen guten Zeitpunkt für eine gemeinsame Reise mit alternden Eltern aus?
Nach Tobias Fruhs Erfahrung zählt vor allem, die eigene Unsicherheit nicht zur Ausrede werden zu lassen. Alter und nachlassende Flexibilität sprechen für einen früheren statt einen späteren Zeitpunkt.
Weitere Infos
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Claudia Mattheis: Herzlich willkommen in meinem LIVVING.de Podcast Studio, lieber Tobias Fruh. Warum ich dich eingeladen habe, dafür gibt es sogar zwei gute Gründe: einen beruflichen und einen ganz persönlichen. Beruflich bist du stellvertretender Leiter Marketing und Kommunikation und Pressesprecher bei Volkswagen Immobilien. Das Unternehmen wurde 1953 gegründet, um Wohnraum für die Beschäftigten des Volkswagenwerkes zu schaffen. Heute gehören mehr als 9.000 Wohnungen in Wolfsburg zum Bestand, und mit einer älter werdenden Gesellschaft verändern sich auch die Anforderungen ans Wohnen. Darüber möchte ich mit dir im ersten Teil sprechen. Der zweite Grund für unser Gespräch ist ein persönlicher. Dein Vater ist vor einigen Jahren mit Ende 70 aus dem Stuttgarter Raum nach Wolfsburg gezogen und wohnt jetzt sogar in einer Seniorenwohnanlage von Volkswagen Immobilien. Heute ist er 84 Jahre alt. Anfang September wollt ihr gemeinsam zu einem besonderen Roadtrip aufbrechen. Ihr plant, einige Wochen lang unterwegs zu sein und dabei auch an die Orte zurückzukehren, die die Kindheit deines Vaters und sein Leben geprägt haben. Ich freue mich auf unser Gespräch über gutes Wohnen im Alter, über das Älterwerden und über eine Reise, die für deinen Vater und für dich als Sohn garantiert zu etwas ganz Besonderem wird. Lieber Tobias, herzlich willkommen in meinem Podcaststudio.
Tobias Fruh: So eine schöne Einleitung, vielen Dank, liebe Claudia. Ich habe ein bisschen Gänsehaut, weil es wirklich schön zusammenträgt, worüber wir jetzt die nächste halbe Stunde plaudern dürfen.
Claudia Mattheis: Genau so soll es sein, die Gänsehaut soll bleiben. Jetzt werden wir aber erst mal ein bisschen sachlich. Volkswagen Immobilien wurde ursprünglich gegründet, um Werkswohnungen für die Beschäftigten des Volkswagenwerkes zu bauen. Heute seid ihr einer der größten Wohnungsanbieter in Wolfsburg. Was ist von diesem ursprünglichen Auftrag der Werkswohnungen bis heute geblieben? Ihr baut und vermietet ja nicht nur an VW-Mitarbeitende.
Tobias Fruh: Das ist vollkommen richtig. Der Ursprungsgedanke ist so, wie du erzählt hast: 1953, in einer Zeit, in der es das Volkswagenwerk schon gab und viele Leute nach Wolfsburg kamen. Wolfsburg ist eine sehr junge Stadt, nicht mal 90 Jahre alt. Deswegen war Wohnraum schon sehr früh ein Thema vor Ort. Volkswagen hat dann entschieden, neben der städtischen Wohnungsgesellschaft, die es bereits gab, eine eigene Gesellschaft zu gründen, mit dem Zweck, Wohnraum für die Werk- und Konzernangehörigen zu schaffen. Das wurde in den 50er- und 60er-Jahren sehr beeindruckend umgesetzt, nicht nur in Wolfsburg, auch an anderen Volkswagen-Standorten wie Emden, Hannover, Braunschweig und Kassel.
Das war eine sehr gute Geschichte, um den Menschen hier vor Ort neben einem Arbeitsplatz auch Wohnraum anbieten zu können. Und was ist heute davon übrig? Wie du schon sagst, immer noch 9.000 Wohnungen in Wolfsburg, die inzwischen für alle zugänglich sind. In den 90er-Jahren war die Vermietungssituation eine andere. Viele sind in ein Eigenheim gezogen, und die Mietwohnung stand nicht mehr unbedingt ganz oben. Da wurde entschieden: Wir vermieten an alle. Und das ist bis heute so.
Claudia Mattheis: Okay, dann seid ihr ganz klassischer Immobilienbesitzer, Verwalter und Vermieter. Ihr habt also mit all den Themen zu tun, die alle anderen in diesem Bereich auch beschäftigen. Der demografische Wandel wird eure Arbeit in irgendeiner Weise tangieren. Was bedeutet die älter werdende Gesellschaft für euch als Immobilienbesitzer und Anbieter?
Tobias Fruh: Auch bei uns ist es so, dass wir ein hohes Interesse haben, unsere Mieterinnen und Mieter lange in den eigenen vier Wänden wohnen zu lassen. Das ist auch eine beliebte Frage: Wenn ihr zum Beispiel Volkswagen-Angehörige als Mieter habt, ist das dann an den Arbeitsvertrag gekoppelt? Das ist nicht der Fall. Auch im Ruhestand kann man weiterhin bei uns wohnen, weil das ein ganz normaler Mietvertrag ist. Deswegen wohnen die Leute im Durchschnitt sehr lange bei uns. Wir haben wirklich 50- und 60-jährige Mieterjubiläen im Bestand, weil die Leute in der Regel zufrieden sind, wo sie sind, und sich nicht groß verändern. Es sei denn, man wohnt in einer höheren Etage und ist auf einen Fahrstuhl angewiesen. Und den haben wir nicht in jedem Haus.
Gerade in den 50er- und 60er-Bauten ist nicht überall ein Fahrstuhl verbaut. Da muss man schauen, wie man den Mieterinnen und Mietern andere Angebote macht. Beispielsweise, indem wir Erdgeschosswohnungen barrierearm umgestalten oder Bäder umbauen und sagen: Die Badewanne kommt raus, und wir bauen eine ebenerdige Dusche ein. So kann man sich auch innerhalb unseres Bestandes verändern. Das sind Maßnahmen, die tragen. Und der Neubau berücksichtigt das im Grundsatz in vielerlei Hinsicht. Was wir außerdem haben, ist eine Seniorenwohnanlage, die wir in Kooperation mit dem Deutschen Roten Kreuz betreiben. Das DRK bietet dort seine Services für die Bewohnerinnen und Bewohner an. Das ist wirklich sehr altersgerecht. Perspektivisch sind wir dran, dieses Thema weiter zu vertiefen, und wollen mehr in Richtung seniorengerechtes Wohnen anbieten. Da gibt es gerade ein Projekt in der Pipeline, das noch nicht ganz spruchreif ist. Aber es gibt konkrete Überlegungen, um dem demografischen Wandel, wie du eingangs gesagt hast, gerecht zu werden.
Claudia Mattheis: Da merkt man den geborenen Pressesprecher. Du hast gerade meine nächsten vier Fragen schon beantwortet, ohne dass ich sie gestellt habe. Vielen Dank dafür. Dann hake ich beim Letzten ein. Du hast gesagt, ihr habt eine eigene Seniorenwohnanlage, WIR – Wohnen im Ruhestand, in der sogar dein eigener Vater wohnt. Dazu kommen wir gleich noch. Was ist das Besondere an dieser Anlage? Beschreib sie mal. Ist das betreutes Wohnen, Servicewohnen? Was ist das?
Tobias Fruh: Beides. Wenn du es optisch wahrnimmst, wirkt das auf mich wirklich wie eine coole, tolle Ferienanlage, ehrlich gesagt. Das ist ein zweigeschossiger Gebäudekomplex in einem sehr schönen Stadtteil von Wolfsburg, in Fallersleben. Schon wenn man davorsteht, wirkt das nicht wie ein Altersheim, um es salopp zu sagen, sondern es ist seniorengerechtes Wohnen. Das Besondere daran ist, dass man schon einziehen kann, wenn man durchaus selbstbestimmt ist. Es gibt Apartments mit einem oder zwei Zimmern. Man kann alleine oder mit dem Partner einziehen und ist autark, mit einer eigenen Küche. Diese Apartments vermieten wir als Vermieter an Seniorinnen und Senioren.
Das Besondere ist, dass wir das zusammen mit dem Deutschen Roten Kreuz machen. Das DRK hat zusätzliche Unterstützungsangebote. Ganz konkret, weil du es schon erwähnt hast: Mein Vater wohnt dort. Er hat zum Beispiel Unterstützung bei seinen regelmäßigen Tabletten. Da kommt jemand und ordnet sie, damit er die Woche über genau weiß, was er einnehmen muss. Damit ist er schon mal durcheinandergekommen. Das sind kleine Unterstützungsleistungen. Dazu kommen Veranstaltungen, Ausflüge und Einkaufsservices, verschiedene Dinge, die das Deutsche Rote Kreuz anbietet. Das ganz Besondere ist, dass an das Seniorenwohnen auch eine Pflegeeinrichtung angeschlossen ist, ein Pflegeheim. Wenn es so weit ist, dass man sich selbst nicht mehr versorgen kann oder pflegebedürftig wird, muss man den Ort nicht wechseln, sondern geht einen Gebäudeteil weiter und kann sich frühzeitig einen Platz sichern. Der Gedanke ist, dass man keinen weiteren Ortswechsel hat, sondern in einer vertrauten Umgebung wohnen bleibt.
Claudia Mattheis: Du hast gesagt, es erinnert dich eher an eine Ferienwohnanlage. Wie lange habt ihr dieses Objekt schon, oder wann wurde es gebaut?
Tobias Fruh: Jetzt erwischst du mich auf dem kalten Fuß. Der Pressesprecher würde jetzt sagen: Gute Frage, ich melde mich morgen bei Ihnen, ich schaue das nach.
Claudia Mattheis: Es scheint schon älter zu sein, sonst wüsstest du es aus dem Stegreif.
Tobias Fruh: Nein, ich weiß es schon, weil wir neulich ein Jubiläum hatten. Ich will nicht lügen: Ich glaube, es war das 30-jährige Jubiläum, also ungefähr 30 Jahre. Die Gebäude sind in den 90ern entstanden.
Claudia Mattheis: Okay. Was ich spannend finde: Ihr seid schon relativ früh auf die Idee gekommen, eine Seniorenwohnanlage zu bauen?
Tobias Fruh: Ja, wobei die Kapazität überschaubar ist. Das sind 88 Apartments insgesamt. Aber auch damals gab es schon genau diese Überlegung: Wie ist das, wenn ich nicht mehr in den eigenen vier Wänden leben kann? Welche Wohnformen gibt es da? Ich würde nicht sagen, dass wir besonders innovativ oder frühzeitig dran waren, aber wir haben das Thema damals schon mitgedacht. Parallel zu den Maßnahmen, die wir als Vermieter ohnehin machen, wenn Menschen auf uns zukommen und fragen: Gibt es Unterstützungsmöglichkeiten? Können Sie uns beraten, was altersgerechte Umbauten angeht? Wir unterstützen auch bei Förderanträgen. In erster Linie wollen wir unsere Mieterinnen und Mieter in ihren Wohnungen halten. Deswegen schauen wir zuerst: Was können wir aktiv tun, damit sie altersgerecht dort bleiben? Das sind manchmal kleine Veränderungen, etwa Haltegriffe, die man in der Badewanne montiert. Dabei ist es aber so: Die ältere Generation ist da sehr zurückhaltend. Man kommt nicht immer von selbst darauf, den Vermieter zu fragen.
Ich finde es schön, wenn Menschen das machen, weil es oft gar nicht viel Unterstützung braucht. Oder wenn jemand auf den Rollator angewiesen ist und die Frage ist, wo man den unterbringt. In gewissen Fällen treffen wir Einzelentscheidungen und stellen eine Rollatorbox vor dem Hauseingang auf, sodass jemand das Gerät abstellen kann, wenn es im Flurbereich zu eng ist.
Claudia Mattheis: Das ist ein guter Punkt. Ich glaube, viele Mieterinnen kommen gar nicht auf die Idee, ihren Vermieter so aktiv zu fragen. Sie sind ja erst mal selbst mit der sich verändernden Lebenssituation beschäftigt. Sie werden krank oder vielleicht auch nicht, brauchen aber Unterstützung oder andere Hilfsmittel. Da ruft man nicht zwangsläufig sofort beim Vermieter an und sagt: Ich hätte jetzt gern einen Treppenlift, eine Rollatorbox und ein barrierefreies Bad, bitte auch noch.
Tobias Fruh: Fairerweise muss man sagen, dass das nicht immer sofort möglich ist. Aber wir haben immer ein offenes Ohr und prüfen die Möglichkeiten. Wenn es sich zeigt, dass es an einem Ort nicht geht, schaut man weiter und sagt: Vielleicht haben wir eine andere Wohnform für dich. Da darf man sich ruhig mehr trauen und zumindest nachfragen. Ich sage nicht, dass jede Nachfrage zum Erfolg führt, und wir haben nicht für alles eine Lösung. Wichtig ist, dass man ins Gespräch kommt und Bescheid gibt, damit niemand für sich eingesperrt ist, weil das Laufen schwierig wird. In einer guten Nachbarschaft funktioniert vieles.
Das ist auch ein wichtiger Punkt: Manchmal bekommen wir den Hinweis von jemand anderem. Das muss nicht der Betroffene selbst sein. So etwas kriegen wir dann auch mit. Das macht eine gute Kultur aus, wenn Mieterinnen, Mieter und Vermieter ein gutes Miteinander haben.
Claudia Mattheis: Das spricht für euch als Vermieter, das ist nicht selbstverständlich. Ich komme aus Berlin, und hier gibt es sehr viele schauerliche Nachrichten von Vermietern, die vor allem profitorientiert unterwegs sind und sich weniger darum kümmern, wie es den Mieterinnen geht. Gibt es bei euch auch Wohnprojekte, Senioren-WGs zum Beispiel, wo mehrere ältere Menschen in einem größeren Objekt zusammenwohnen? Unterstützt ihr so etwas?
Tobias Fruh: Das gibt es bei uns tatsächlich nicht. Ich kann dir nicht ganz genau sagen, was der Grund dafür ist. Vielleicht ist es einfach nicht die Wohnform, die speziell in Wolfsburg gefragt ist. Vielleicht ist das eine Sache, die eher auf Initiative einzelner Menschen stattfindet. Konkret haben wir so etwas nicht. Wir hatten eher die Richtung Auszubildende und Studenten, solche Wohngemeinschaften. Bei Älteren ist mir nicht bekannt, dass es konkrete Wünsche oder Anfragen gab. Vielleicht ist das aber eine Sache, die mehr kommt.
In dem Fall machen wir das nicht. Es gibt eine andere Wohnungsgesellschaft bei uns in der Stadt, die in Richtung gemeinsame Bauträgerschaft geht und mit Baugruppen etwas ausprobiert. Bei uns ist das zumindest nicht der Standardfall.
Claudia Mattheis: Das ist auch noch relativ neu. Ich kenne das aus Gesprächen mit anderen Wohnungsbaugesellschaften, die sich da herantasten und Clusterwohnen anbieten. Jeder wohnt auf einer relativ kleinen Fläche mit einer kleinen Küchenzeile und einem eigenen Bad, und man teilt sich Gemeinschaftsflächen, ein großes Wohnzimmer und eine große Küche. So umgeht man das Thema Einsamkeit und hat gleich ein bisschen Unterstützung organisiert. Ich glaube schon, dass sich Wohnungsgesellschaften und Immobilienanbieter künftig mehr damit beschäftigen müssen. Vielleicht habt ihr auch das Problem, dass ältere Menschen tendenziell auf größeren Flächen wohnen als Jüngere. Sie wohnen schon lange da, sind irgendwann mit der Familie hingezogen und leben dann vielleicht nur noch allein dort. Ist das für euch auch ein Problem?
Tobias Fruh: Es ist zumindest ein Phänomen, das es bei uns auch gibt. Wobei unsere durchschnittliche Wohnungsgröße bei drei Zimmern liegt. Das ist noch aus der Zeit, in der die Kinder auf sieben, acht Quadratmetern ein Zimmer hatten. Heute hättest du wahrscheinlich das Jugendamt vor der Tür. In den 50er- und 60er-Jahren war ein kleines Kinderzimmer Standard, sodass die Wohnung in Gänze 60, 70, 80 Quadratmeter groß ist. Die kann man durchaus auch allein ganz gut bewohnen. Von der Bauform sind wir ein bisschen anders gestrickt. Aber du hast vollkommen recht, das ist sicherlich ein Thema. Wir merken es gerade bei Leuten, die ein großes Haus haben, weil wir auch einen Maklerservice bei uns haben. Die kommen auf uns zu und sagen: Mein Mann ist verstorben, oder uns beiden ist das Haus zu groß und zu mühsam. Können Sie das verkaufen? Wir würden im Alter gern in einer Mietwohnung wohnen.
Da machen sie das, was wir als Eigentümer eigentlich machen müssen, das haben wir schon. Und das Thema Einsamkeit, das du vorhin angesprochen hast, ist im WIR, dem Wohnen im Ruhestand, genauso präsent. Wir haben kleine Apartments, kleine Zellen, in denen die Leute autark sind. Aber es gibt Gemeinschaftsräume, zum Beispiel eine Kantine. Da kannst du Frühstück, Mittag und Abend essen, wenn du möchtest. Mein Vater geht zum Beispiel immer zum Mittagessen, weil er keine Lust hat, sich selbst etwas zu machen, isst abends dann aber nur eine Scheibe Brot.
Dort findet Gemeinschaft statt. Das ist eine Wohnform, die ich aus persönlichen Gründen sehr beobachte, über ihn und mit ihm, und die ich echt cool finde. Deswegen dieses Gefühl von Ferienappartement, weil die Älteren dort auch gern im Flur zusammensitzen. Neulich wurde ein Beamer aufgestellt, und mitten am Tag liefen Schlager auf dem Flur. Ich fand das eine coole Atmosphäre, weil ich dachte: Genauso, feiert ruhig noch ein bisschen euer Leben im Alter, auch wenn vieles nicht mehr so ist wie vorher. Das bleibt, das Feiern und die Gemeinsamkeit. Ich finde es wichtig, dass man dem Thema Einsamkeit entgegengeht, weil das viele ältere Leute betrifft.
Claudia Mattheis: Sehr viele. Ein Drittel der über 60-Jährigen lebt allein, und das wird tendenziell sogar mehr werden. Bevor wir uns deinem Vater widmen, noch eine Frage zu Volkswagen Immobilien. Du hast vorhin angesprochen, dass ihr ähnliche Seniorenprojekte plant. Gibt es da schon etwas, worüber du berichten kannst?
Tobias Fruh: Ja, es wird wahrscheinlich ähnlich sein wie das, was wir schon haben, nur im Prinzip unter dem Label Serviced Apartments. So etwas haben wir 2019 schon gebaut. Das sind in der Regel Business-Apartments für Leute, die bei Volkswagen arbeiten und für ein halbes Jahr oder ein Jahr in der Stadt sind, also Expats sowie Fach- und Führungskräfte. Für die haben wir ein Apartment-Konzept. Da haben wir gesagt: Warum nicht in etwas anderer Form, mit einem anderen Schwerpunkt, auch für Ältere? So ein Konzept ist gerade in Prüfung. Ich persönlich fände das schön, wenn wir neben den Dingen, die wir mit den Bestandswohnungen schon machen, auch spezifiziert etwas anbieten können. Ich glaube, der Bedarf ist auf jeden Fall da. Das ermöglicht Begegnung mit einer Zielgruppe, die dann auch untereinander ist.
Wobei ich es durchaus charmant finde, wenn wir eine Durchmischung in den Altersstrukturen haben, wo man sich in einem guten Hauseingang gegenseitig unterstützt. Auch diese Mischung finde ich wertvoll. Wichtig in der Diskussion ist: Wir wollen keine Insellösungen, sondern das Angebot erweitern. Für manche ist es schöner zu sagen: Ich bin mehr mit Älteren zusammen und habe mehr Service, zum Beispiel von einem karitativen Verband oder von einem Pflegedienst vor Ort. Das hat man im normalen Haushalt nicht. Da hat man vielleicht eine ambulante Pflege, die vorbeikommt. Hier ist es etwas mehr Angebot, da kommt vielleicht auch ein Friseur regelmäßig ins Haus.
Ich kann beides verstehen und finde es wichtig, dass wir unterschiedliche Angebote haben.
Claudia Mattheis: Absolut, weil sich die Nachfrage auch massiv verändert. Das merke ich in Gesprächen mit anderen Anbietern für Senior-Living-Wohnprojekte. Da diskutiert man schon Projekte, bei denen aus ehemaligen Büroimmobilien nicht nur Serviced Apartments für Studenten und Azubis werden, sondern man einen Teil des Gebäudes auch für Menschen 50 plus öffnet. Man hat eine Durchmischung und teilt sich einige Gemeinschaftsflächen, einen Coworking Space vielleicht oder einen Partyraum. Über ein Community-Management sorgt man dafür, dass die Leute altersübergreifend in Kontakt kommen. Da kann man sehr viele spannende Sachen machen, was auch für jüngere Menschen interessant ist, um mit anderen Generationen in Kontakt zu kommen.
Tobias Fruh: Absolut. Ich glaube auch, dass wir so eine Generation sind, Claudia, die sich das schon gut vorstellen kann. Die Generation meines Vaters ist da noch nicht so weit, das ist zumindest meine Beobachtung. Pauschale Aussagen sind immer gefährlich. Aber in unserer Generation, Boomer und Generation X, glaube ich schon, dass die Bereitschaft da wäre, solche Wohnformen auszuprobieren. Ob es dann das Finale ist, weiß ich nicht. Aber guck mal, ich bin gerade selbst im Umzugsfieber.
Ich ziehe jetzt zum 21. Mal in meinem Leben um und habe ganz unterschiedliche Wohnformen getestet, wirklich von zu Hause bei den Eltern über WG, Einzelwohnung bis Großfamilie. Ich glaube, man muss offen bleiben. Deswegen finde ich euren Podcast so spannend, weil ihr die Perspektive so breit streut, wie man leben kann, speziell mit Augenmerk auf 50 plus. Da wird es spannend, und man sieht, welche unterschiedlichen Möglichkeiten es gibt.
Claudia Mattheis: Offen sein ist ein gutes Stichwort. Jetzt schwenken wir zu deinem Vater. Was ich sehr beeindruckend finde, ist das, was du im Vorgespräch erzählt hast: dass dein Vater vor einigen Jahren mit Ende 70 aus dem Stuttgarter Raum nach Wolfsburg gezogen ist, obwohl er dort niemanden kannte außer dich. Und du bist der einzige Sohn. Wie kam es zu dieser Entscheidung? Warum hat er sich das angetan?
Tobias Fruh: Weil ich ihn gefragt habe, so könnte man es deutlich sagen. Bei ihm war das so: Er lebte schon sehr lange in einer Dachgeschosswohnung. Nett, zwei Balkone, alles fein, aber ohne Aufzug, mit Treppen, ein bisschen verschachtelt. Nicht wirklich altersgerecht, würde man sagen. Das war ihm mit 50, als er eingezogen ist, ziemlich wurscht. Er hatte da noch eine Lebensgefährtin, und die Beziehung ging dann quasi auseinander. Für ihn war das aber kein Riesenthema.
Er war dann in seiner Wohnung. Ich habe ihm wirklich die Frage gestellt: Guck mal, du steuerst jetzt stramm auf die 80 zu. Ich bin hier oben und brauche gute fünfeinhalb Stunden, um bei dir zu sein, wenn etwas ist. Und Eltern haben ja immer irgendetwas, sei es ein Thema am Computer, wo man wirklich mal unterstützen kann und sollte. Dann habe ich ihn gefragt: Könntest du dir vorstellen, hierher nach Wolfsburg zu kommen? Zumal wir eine Möglichkeit haben, dich gut unterzubringen. Du musst keine WG mit mir machen, aber ich habe eine spannende Wohnform für dich. Ich war selbst ein bisschen erschrocken über meinen Mut, ihn das zu fragen, weil er ein Urschwabe ist, auch dialektisch, und geografisch extrem verhaftet. Deswegen dachte ich, das macht er nie im Leben, und war total perplex, als er nicht lange überlegt hat.
Claudia Mattheis: Erzähl mal mehr, warum denn nicht?
Tobias Fruh: Dann ging das relativ zügig. Ich habe gesagt: Okay, wir haben hier die Möglichkeit, es gibt ein Apartment, in das du reinkönntest, das ist jetzt frei. Ich hatte dich auf die Liste gesetzt. Es gibt einen großen Run auf diese Apartments, und man weiß nie, wann eines frei wird. Jetzt wäre so ein Zeitfenster, in dem du es machen könntest. Ich war ganz erstaunt, als er sagte: Ja komm, klingt vernünftig, ich glaube, das machen wir. Gesagt, getan. Es hat dann natürlich ein bisschen gedauert, bis wir die Wohnung verkauft hatten, seine Sachen und so weiter. Aber er hatte zu einem bestimmten Zeitpunkt sein Apartment, und wir beide haben den Umzug zusammen mit dem großen Sprinter gemacht. Den haben wir mit seinen Sachen vollgeladen. Er musste sich ein bisschen reduzieren, und das haben wir gemeinsam gemacht.
Im Februar 2020 sind wir dann nach Wolfsburg gekommen, und er ist quasi zu mir in die Region gezogen.
Claudia Mattheis: Er ist dann in dieses Seniorenprojekt WIR von euch gezogen. Was du erzählt hast, hat so viele Aspekte, die viele Menschen in unserem Alter tangieren, das Thema älter werdende Eltern. Dass dein Vater so schnell Ja gesagt hat, spricht vielleicht auch dafür, dass er schon einen gewissen Leidensdruck hatte. Vielleicht hat er gemerkt, dass es einsam ist und Sohn und Enkelkinder nicht ständig vorbeikommen können. Vielleicht war es auch mühselig, dazu die Angst, was passiert, wenn ich stürze und keiner mich findet. Trotzdem erstaunlich, dass er sofort Ja gesagt hat. Hat er sich die Wohnung vorher angeschaut? Hast du eine Besichtigung mit ihm vor Ort gemacht?
Tobias Fruh: Ich habe ihm das gezeigt, erst mal als Prospekt, als ich bei ihm war. Natürlich habe ich gesagt: Guck es dir an. Mir war schon klar, das war für ihn fein, weil er die Eckdaten verstanden hatte und damit d’accord war. Ich hatte, wie du sagst, sogar das Gefühl, dass er in gewisser Weise gut auf so eine Geschichte vorbereitet war. Ich will nicht sagen, dass er erwartet hat, dass ich ihn frage, ob er nicht zu mir kommen möchte. Aber was er gemacht hat und was ich einen sehr klugen Schritt fand: Er hat schnell gesagt, damit hier alles gut funktioniert, kriegst du von mir eine Vollmacht für diese Sachen, weil ich selber merke, es wird schwieriger, und es ist gut, wenn du dich kümmerst. Da hat er sich in dem Moment fallen lassen, in dem er wusste, er kommt zu mir.
Damit war auch klar, dass sich meine Rolle ein bisschen verändert und ich mehr Verantwortung übernehmen soll, was ich auch wollte, mehr in Richtung, ihm zu assistieren. Es war ja sonst niemand da, der ihn unterstützt hat. Bis heute bin ich mega stolz, dass er diese Weitsicht und vor allem dieses Vertrauen hat zu sagen: Ich komme zu dir, dann kümmere dich aber bitte auch um die Dinge, und ich gehe da mit. Das ist bis heute so. Wir gehen zusammen zur Vorsorgeuntersuchung, da melde ich ihn an, weil er nie daran denken würde, dass er mal wieder zum Männerarzt muss. Das ist mein Job zu sagen: Komm, wir beide schauen da mal wieder vorbei. Oder seine Zahnarzttermine und Banktermine koordinieren. Das ist mehr Aufwand, aber es gibt mir ein total gutes Gefühl, weil ich weiß, er ist da, und ich kann aktiv etwas machen.
Ich kann mich auch abgrenzen. Das ist manchmal schwierig, wenn er anruft und sagt, dass der Fernseher gerade nicht funktioniert, und ich denke: Ja, darum kümmere ich mich nächste Woche, ich kann gerade nicht, das ist nicht lebensnotwendig. Es war auch ein Experiment für uns beide, weil wir sehr lange gar nicht mehr viel miteinander zu tun hatten. Ich war unterwegs, er war zu Hause in seiner Welt. Aber es hat total gut funktioniert. Das Hauptrezept ist echt das Vertrauen an der Stelle.
Claudia Mattheis: Das finde ich von deinem Vater sehr beachtlich. Ich muss noch mal kurz in die Situation gehen, als er umgezogen ist. Wenn du sagst, er hatte eine Dachgeschosswohnung mit zwei Balkonen, dann war die wahrscheinlich auch ein bisschen größer. Konnte er sich gut von Sachen trennen? Wenn er jetzt in so einem kleinen Apartment lebt, musste er sich ja von einem Großteil seines Besitzes verabschieden, oder?
Tobias Fruh: Mein Vater ist nicht so der Möbelästhet. Er ist sehr pragmatisch, sagen wir es so. Für ihn hat Wohnen eher pragmatische als ästhetische oder besonders tiefe Gründe. Da unterscheiden wir uns ein bisschen. Ich finde es bemerkenswert, wie pragmatisch er da ist. Wir hätten damals sonst auch die Option gehabt, etwas Größeres zu nehmen.
Aber da war er ganz Schwabe und hat gesagt: Nö, nö, das ist auch günstiger, das machen wir jetzt so, das passt mir schon, das ist alles recht, das ist gut. Damit war die Sache geschwätzt sozusagen.
Claudia Mattheis: Okay. Jetzt ist er in ein Objekt gezogen, in dem Gemeinschaft gelebt und organisiert wird, wo man nicht ganz anonym vor sich hin lebt. Hat ihm das geholfen, Kontakte zu knüpfen? Ist er gut aufgenommen worden, auch als Schwabe?
Tobias Fruh: Da muss man ehrlich sagen, das ist ein bisschen seiner Person geschuldet: Er steht gar nicht so darauf, viel Kontakt zu anderen zu haben. Ich glaube, für ihn ist wichtig, dass Menschen da sind, und zwar in seinem unmittelbaren Umfeld. Er ist sehr gern an seinem Tisch, wo er mittags isst. Aber er sagt schon, und das ist die Kehrseite, dass es eine andere Mentalität ist und er selbst sich schwertut, offen zu sein. Das gibt er ehrlich zu. Das sind die Momente, in denen ich denke, schade, weil er natürlich seine alten Kumpels vermisst, die nach und nach auch nicht mehr da sind. Das muss man auch sagen. Und sie sind nicht mehr so mobil.
Mein bester Kumpel zum Beispiel ist auch schon pflegebedürftig. Da ist nicht mehr das möglich, was sie als Hobbys zusammen gemacht haben. Aber das ist bei ihm nicht die erste Phase. Auf der anderen Seite passieren plötzlich Dinge. Er hatte mal für zwei Wochen eine Affäre mit einer Bewohnerin und hat mich damit überrascht, dass es im Aufzug plötzlich zu Liebeleien kam. Ich dachte: Mensch, je oller, desto doller. Das kann auch mal passieren. Aber die Geschichte war nicht so tragfähig, es war eine kleine Affäre, vielleicht ein kleiner Urlaubsflirt in der Seniorenanlage.
Claudia Mattheis: Ach, ich glaube, da passieren überraschende Dinge, die sich die Kinder oft gar nicht vorstellen können und vermutlich auch nicht wollen.
Tobias Fruh: Genau, das ist auch so ein Punkt. Aber ich freue mich. Wenn er so etwas hat, ist das großartig.
Claudia Mattheis: Alles Zwischenmenschliche muss ja auch irgendwie Platz haben. Jetzt ist dein Vater in deine Nähe gezogen. Ihr hattet vorher nicht so viel Kontakt, dann hattet ihr mehr, ihr seid wieder enger zusammengerückt. Und jetzt willst du das noch auf die Spitze treiben und sagst: Jetzt mache ich mit meinem Papa einen Roadtrip und reise mit ihm mehrere Wochen zurück zu seinen Wurzeln und in seine alte Heimat. Wie kommt man auf so eine Idee?
Tobias Fruh: Mir ist aufgefallen, dass wir es bis dato wirklich noch nicht geschafft haben, in seine Geburtsstadt zu fahren. Das ist Mengen im Landkreis Sigmaringen, ganz unten, ungefähr Richtung Bodensee, in der Schwäbischen Alb. Ich habe mir gedacht: Mensch, ich würde mich total ärgern, wenn er eines Tages nicht mehr ist und ich nie dort gewesen bin, wo seine Wurzeln sind, wo auch mein Großvater und die Familie herkommen. Er ist als kleiner Junge mit vier Jahren nach Stuttgart gekommen, aber trotzdem ist da eine Familiengeschichte. Bis dato gab es keinen richtigen Grund, dorthin zu fahren. Das wollte ich verbinden, dazu das Bewusstsein: Alles ist endlich. Und wenn ich ehrlich bin, in den klassischen Urlaubsphasen bin ich in erster Linie mit meinen Kindern oder meiner Familie unterwegs.
Da ist er ein bisschen runtergefallen. Dem wollte ich ein bisschen gerechter werden. Das geht nicht mit dem klassischen Urlaub. Deswegen bin ich froh, dass ich bei meinem Arbeitgeber die Möglichkeit habe, ein Sabbatical zu machen, also mehrere Wochen, in dem Fall drei Monate insgesamt, freizubekommen, um das als eins meiner persönlichen Projekte mit ihm zu machen. Nicht wissend, ob das über einen längeren Zeitraum tragfähig ist, weil ich schauen muss, wie er damit umgeht. Er ist jetzt schon in einem älteren Zustand, in dem er seine Routinen braucht und geistig nicht mehr so ganz fit ist. Manchmal ist er irritiert, wenn sich die Dinge verändern.
Es ist ein bisschen ein Experiment. Aber wir machen in erster Linie etwas, das ihm sehr Spaß macht. Was er wirklich regelmäßig macht, ist jeden Tag Fahrradfahren, 20 bis 25 Kilometer. Er ist wirklich fitter als ich, trotz E-Bike, aber er war schon immer sportlich. Da wollte ich ihn packen und habe gesagt: Mensch, lass uns das doch verbinden. Wir nehmen die Räder mit und fahren in den Süden. Wir fahren nicht nur in deinen Heimatort, sondern schauen, wie es rund um den Bodensee aussieht, und machen eine Tour. Damit kann man ihm immer eine Freude machen, wenn es heißt: Wir machen eine Fahrradtour.
Und im Alltag kommt das zu kurz. Deswegen die Idee, mit einer Ferienwohnung als Startpunkt zu schauen, was geht und was nicht. Ohne den großen Anspruch, dass jetzt etwas Megagroßes rauskommen muss, sondern einfach die Chance zu nutzen, diese Gemeinsamkeit zu erleben. Diese Zeit miteinander zu haben, auch in einem anderen Umfeld noch mal die süddeutsche Luft zu riechen. Die ist anders. Ich bin jetzt schon über 20 Jahre im Norden, aber jedes Mal, wenn ich zu Hause bin, ist das vom Klima und von der Umgebung bekannt, es ist Heimat. Ich könnte mir vorstellen, dass es ihm total guttut, wenn er da mit mir eintauchen kann.
Claudia Mattheis: Wie habt ihr das konkret geplant? Habt ihr nur eine Unterkunft, oder habt ihr mehrere Unterkünfte geplant und reist so durchs Land?
Tobias Fruh: Ich habe erst mal zwei gebucht. Dann schauen wir weiter, wie es läuft. Das bespreche ich mit ihm und entscheide situativ, wie es weitergeht. Ich habe ein großes Auto, da kommen die Räder rein. Zur Not könnten wir auch drin pennen. Mit meinem Vater kann ich solche Sachen machen und sagen: Komm, dann übernachten wir halt mal im Auto, wenn nichts frei ist. Ich glaube, was ihn ein bisschen von anderen älteren Menschen unterscheidet, soweit ich das mitkriege: Er lässt sich auf vieles ein. Ob das immer total gut ist, sei dahingestellt, aber er ist erst mal dabei und macht mit. Das finde ich total cool, weil ich diese Offenheit als Kind nicht von ihm kannte.
Er hat sich im Alter noch mal ein bisschen anders entwickelt. Das möchte ich für uns beide nutzen, diese Offenheit, um zu schauen, was das mit uns macht.
Claudia Mattheis: Gibt es etwas, wovor du Angst hast?
Tobias Fruh: Ja, dass er überfordert ist, dass er sich nicht wohlfühlt und irritiert ist und wir gegebenenfalls abbrechen müssen. Aber das kalkuliere ich voll mit ein. Wie gesagt, es ist kein programmatisches Ding, das wir durchspielen müssen, sondern ein Versuch. Wenn es für ihn nicht gut wäre, ist der Vorteil: Wir sind nicht in einem fremden Land, wir fahren ein paar Stunden zurück, und er ist wieder safe and sound in der Umgebung, in der er sich jetzt eingelebt hat.
Claudia Mattheis: Um das nicht so negativ stehen zu lassen: Worauf freut er sich am meisten, und worauf freust du dich am meisten?
Tobias Fruh: Er freut sich, glaube ich, wirklich, mit mir Fahrrad zu fahren. Das findet er immer am coolsten, wenn wir unterwegs sind. Dann ist es eine schöne Abwechslung für ihn. Ich freue mich, dass ich das überhaupt machen darf und von meiner Family den Rückhalt habe, dass wir das zu zweit machen und ganz intime Vater-Sohn-Momente haben dürfen. Mein Arbeitgeber und mein Team ermöglichen mir das direkt, weil sie mich freistellen. Ich freue mich einfach, dass wir es tun und angehen. Man denkt oft viel nach, was man alles machen könnte, dann macht man es vielleicht nicht und bereut es hinterher. Das möchte ich nicht. Ich möchte es anders machen, als sie es bei meiner Großmutter gemacht haben.
Die wollte mit mir immer noch mal Richtung Polen, wo sie herkam. Ich habe gesagt: Ja, ja, irgendwann, irgendwann. Und dann war es zu spät. Mein Vater hat mich jetzt zwar nicht explizit aufgefordert, aber für mich ist klar: Komm, lass uns das machen. Und nicht nur für ihn, ich glaube, ich brauche das auch. Ich möchte für mich ganz klar mitnehmen, dass ich das Gefühl habe, wir haben noch mal etwas richtig Cooles zusammen erlebt. Neben dem Alltag, der mit uns ganz gut funktioniert, setzt das noch die Kirsche auf die Sahnehaube sozusagen.
Claudia Mattheis: Ich finde die Idee wirklich bemerkenswert. Deswegen wollte ich so gern mit dir darüber reden, weil ich das bislang von keinem anderen gehört habe. Ich bin sehr gespannt, wie eure Reise verläuft, und hoffe, du wirst mir danach noch davon berichten. Jetzt sind wir aber schon am Ende dieses Interviews, und daher meine allerletzte Lieblingsfrage, die alle Leute von mir gestellt bekommen: Wie willst du in Zukunft selbst leben und wohnen?
Tobias Fruh: Das schwankt natürlich. Ich pendle gedanklich zwischen Meer und Bergen, weil ich mich für beides begeistern kann. Meine Partnerin liebt das Meer, ich bin eigentlich gern in den Bergen. Unterm Strich kann ich geografisch noch nichts entscheiden. Was ich mir wünschen würde, ist, in einer Wohnform zu leben, in der ich zumindest eines meiner Kinder in der Nähe habe, vielleicht ein ähnliches Modell fahre wie hier und hoffentlich ganz lange autark sein darf. Das muss nicht groß sein, eine kleine, überschaubare Wohnung, mit Fahrstuhl, gern unterm Dach. Kein Garten vielleicht, weil ich den jetzt habe. In 20, 30 Jahren möchte ich keinen Garten mehr haben.
Wenn du mich so konkret fragst: eine schöne Dachgeschosswohnung, klein, kuschelig, als Open House, wo man gern vorbeikommt. Im besten Fall die Kinder in Reichweite, sodass sie auch gern mal vorbeikommen.
Claudia Mattheis: Das ist doch ein schönes Schlusswort und ein schöner Plan. Lieber Tobi, herzlichen Dank für dieses Gespräch und für die vielfältigen Einblicke in dein berufliches und dein privates Leben. Danke, liebe Grüße nach Wolfsburg.
Tobias Fruh: Sehr gerne, vielen Dank für die Einladung, das schöne Gespräch und schöne Grüße auch nach Berlin.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.
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