Zwei Gastronomen aus Mannheim, ein Neuanfang mit Mitte 60: Wolf Meyer-Plate und Maike Fuchs haben ihr altes Leben aufgegeben und wollen in der Altmark einen ganzen Ort zum Wohnen und Arbeiten wiederbeleben. Wolf erzählt, was ihn dorthin gezogen hat, was der Einstieg kostet und warum er am liebsten irgendwann Kindern am Teich vorlesen würde.
Warum wir Wolf Meyer-Plate eingeladen haben
Gutleben Büttnershof ist ein genossenschaftliches Mehrgenerationen-Projekt in der Altmark in Sachsen-Anhalt, rund zwei Autostunden nordwestlich von Berlin, nahe der Elbe. Aus einer alten Gutsanlage soll ein „Werkdorf“ entstehen, ein Ort, an dem Wohnen und Arbeiten wieder zusammenrücken und in dem verschiedene Generationen und Berufe zusammenkommen.
Hinter dem Projekt stehen Wolf Meyer-Plate, Architekt und Bio-Gastronom, und seine Partnerin Maike Fuchs. Beide haben in Mannheim zwei Jahrzehnte lang in der Gastronomie und im Veranstaltungsbereich gearbeitet, bevor sie mit Mitte 60 in den Osten zogen. Genau diese Mischung macht das Gespräch für LIVVING interessant: Es geht um ein konkretes Wohnmodell für die zweite Lebenshälfte und zugleich um die Frage, ob man sich mit über 60 noch einmal völlig neu aufstellen kann.


Die wichtigsten 3 Erkenntnisse aus dem Interview
Neustart mit Mitte 60 statt Ruhestand. Wolf Meyer-Plate und Maike Fuchs verließen ihre Mannheimer Bio-Gastronomie und landeten über Umwege in der Altmark, einer Gegend, durch die man, wie Wolf sagt, sonst kaum kommt. Heute leben sie selbst in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt und entwickeln ihr eigenes.
Aus einer Gutsanlage von 1760 wird ein Werkdorf. Der historische Kern ist ein Fachwerkhaus von 1760, dazu kommen Ziegelbauten um 1900 und eine kleine Ortschaft mit derzeit 24 Bewohnerinnen und Bewohnern. Geplant sind rund 40 Wohneinheiten in Bestand und Neubau, getragen von einer Genossenschaft, mit barrierefreien Erdgeschosswohnungen für alle Generationen.
Der Einstieg ist niederschwellig, die Finanzierung offen. Die Mitgliedschaft kostet 300 Euro, die kleinste Wohnung mit 30 Quadratmetern rund 70.000 Euro Eigenanteil plus etwa 500 Euro Nutzungsgebühr. Für den Start braucht das Projekt 2,3 Millionen Euro. Ein großer Teil davon fehlt noch, und die persönliche Deadline ist das kommende Frühjahr.


Warum wagt ein Paar mit Mitte 60 den Umzug in die Altmark?
Von der Mannheimer Bio-Gastronomie in eine Gutsanlage an der Elbe
Wolf Meyer-Plate und Maike Fuchs waren schon immer viel unterwegs, mit Auslandsaufenthalten und häufigen Umzügen. Für beide fühlte sich der Wechsel in die Altmark wie ein echter Anfang an. „Das ist wie ein Neuanfang natürlich. Und wir sind schon immer umtriebig gewesen und auch sehr mobil insgesamt“, sagt Wolf über die Entscheidung. „Irgendwie haben wir das im Blut.“
Auf die Altmark stießen die beiden durch Zufall. Eigentlich hatten sie das Umfeld von Berlin im Blick, die Uckermark, das Oderbruch, den Spreewald, weil ihre Bio-Gastronomie ein passendes Umfeld braucht. Ein mögliches Projekt lag zufällig auf dem Weg, und so buchten sie sich mitten im Winter in ein Hotel in Tangermünde ein, um ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Es war kalt, windig und nieselig, und trotzdem war etwas los. „Und doch waren mitten im Winter dort Menschen, die dann mit einem Nachtwächter durch den Ort geführt wurden bei Dunkelheit“, erinnert sich Wolf. Für zwei Gastronomen war das ein Signal: „Gibt es da noch ein Leben, auch im Winter, auch außerhalb der Saison? Und tatsächlich gab es das.“
Was den Ausschlag gab, waren die Menschen. Wolf ist selbst auf einem Dorf in Nordrhein-Westfalen groß geworden und kennt das enge Miteinander kleiner Orte. „Man hilft sich gegenseitig, wenn jemand in Not ist, auch wenn man ansonsten spinnefeind ist. Man hilft sich einfach“, sagt er über die Region. So ausgeprägt wie hier habe er das in keiner anderen Gegend Deutschlands erlebt.
Den Büttnershof selbst entdeckte Wolf auf einer seiner Erkundungstouren, an einem Tag, an dem der Ort wie ausgestorben war. Im Park begegnete ihm der Besitzer, der sein mit Firmenlogo beschriftetes Catering-Auto gesehen hatte. „Und er fragte mich direkt, wollen Sie das nicht kaufen? Das steht zum Verkauf an.“ Damals lehnte Wolf noch ab, blieb aber in Kontakt, auch weil ihn das Konzept des Besitzers interessierte, der mit vielen Auszubildenden aus Vietnam arbeitete. Rund anderthalb Jahre ist das her. Später kam Wolf mit Maike zurück, mit einem Angebot: „Wir würden gerne darauf hinarbeiten, dass dieser Hof, ihr Lebenswerk sozusagen fortgeführt wird.“
Was ist ein Werkdorf und wie funktioniert das Wohnen dort?
Rund 40 Haushalte, drei Wohnungsgrößen und ein Park, der allen gehört
Der Begriff Werkdorf geht auf eine alte Idee zurück. „Es gibt vom Werkbund, diese Grundidee, dass eben verschiedenste Disziplinen, Handwerker, Architekten, Künstler zusammenarbeiten und dann eine Gemeinschaft entsteht“, erklärt Wolf. Am Büttnershof soll deshalb möglichst viel kleines, leises Gewerbe entstehen, eine Töpferei, eine Goldschmiedewerkstatt, eine Physiotherapie, dazu Platz für digitale Nomaden und jüngere Menschen aus dem IT-Bereich. Lärmintensive Betriebe sind durch die Bauvoranfrage ausgeschlossen.
Geplant sind rund 40 Wohneinheiten, teils in bestehenden Gebäuden, teils im Neubau, in drei Größen von 30, 60 und 80 Quadratmetern. Die Bauvoranfrage ist positiv beschieden, auch mit dem Denkmalschutz, und der Gemeinderat hat mit nur wenigen Gegenstimmen zugestimmt. Wer einzieht, kauft mehr als vier Wände. „Man wird Teilhaber von der gesamten Anlage, auch von dem Park, von den ganzen Bäumen und den Wiesen und dem Garten“, sagt Wolf. Gästezimmer, Gemeinschaftsküche und ein Coworking Space werden geteilt, ein leerstehendes Gästezimmer kann bei Bedarf an Touristen vermietet werden, was die Kosten für alle senkt.
Getragen wird das Ganze von einer Genossenschaft. Die Mitgliedschaft kostet bewusst nur 300 Euro, damit auch Menschen aus der Region mitmachen können. Die Satzung ist mit Anwälten vorbereitet, die Werte sind festgeschrieben und nicht mehr verhandelbar: respektvoller Umgang, Demokratie und Grundgesetz als Basis, Gewaltlosigkeit, Respekt vor Vielfalt. „Es sind tatsächlich konkrete Werte festgelegt, wie man respektvoll miteinander umgeht“, sagt Wolf. Gemeinschaftszwang gibt es dabei keinen. „Uns ist sehr wichtig, dass das Individuum einen klaren, abgegrenzten, individuellen, geschützten Bereich hat.“ Wer gemeinsam kochen oder gärtnern will, kann das tun, „aber wenn jemand da keine Lust zu hat, ist das überhaupt kein Problem.“
Der Büttnershof ist als Mehrgenerationen-Projekt gedacht. Bei älteren Interessenten ist er gerade allerdings fast zu beliebt. Die Erdgeschosswohnungen werden barrierefrei geplant, mit Bädern, die „bis ins hohe Alter auch mit Rollstuhl und Rolli benutzt werden können“. Weil das Interesse älterer Menschen so groß ist, denken Wolf und Maike bereits über eine Steuerung nach, „dass wir da quasi schon anfangen müssen, eine Art Filter davorzusetzen, dass wir am Ende nicht ein Wohnstift werden.“ Jüngere Familien sollen ausdrücklich dazukommen.


Wie reagieren die Menschen vor Ort, und was fehlt dem Projekt noch?
Ein kaputtes Fahrrad, ein frischer Zander und 2,3 Millionen Euro
Wie Integration im Alltag aussieht, erzählt Wolf an einer kleinen Geschichte. Jüngere Leute wollten ihr kaputtes Fahrrad mit seinem Lieferwagen in die Werkstatt fahren lassen. „Das können wir doch selber reparieren“, sagte er, reparierte das Rad mit ihnen zusammen und bekam am nächsten Tag von den Anglern an der Elbe einen frischen Zander. „So funktioniert Integration“, sagt er dazu. Ein älteres Nachbarpaar, das eigentlich sein Haus verkaufen wollte, hat den Verkauf sogar verschoben: „Wenn wir quasi mit Anschluss an euer Projekt haben, dann können wir uns vorstellen, hier zu bleiben.“ Auch die Zweigstelle des Standesamtes im Gutshaus soll bleiben, das hat Wolf dem Bürgermeister versprochen.
Ehrlich ist Wolf beim Geld. Auf die Frage nach einem großen Wunsch antwortet er trocken: „Das wäre so ein fetter Sack mit Geld.“ Für den Start braucht das Projekt eine konkrete Summe. „Das ist insgesamt ein Betrag von 2,3 Millionen, den wir jetzt für den Start brauchen.“ Davon muss ein Teil sofort liquide sein. Zwischenzeitlich war fast eine Million zusammen, aktuell sind es rund 0,3 Millionen. Und die Zeit drängt, auch persönlich: „Wir müssen das irgendwie im nächsten Frühjahr schaffen, sonst können wir auch nicht mehr weitermachen.“ Der Besitzer, der bald 80 wird, möchte aus gesundheitlichen Gründen verkaufen.
Ein Hemmschuh ist der Ruf der Region. Viele Interessenten hätten Vorbehalte wegen der politischen Lage im Osten, sagt Wolf. Seine eigene Nachbarschaft erlebt er anders, als es das Bild von außen vermuten lässt, und verweist auf ein aktives Miteinander vor Ort: „Es gibt eine superstarke Zivilgesellschaft mit ganz vielen Vereinen und Kulturvereinen.“ Nach einem großen Besucherstrom im Frühjahr sei das Interesse zeitweise eingebrochen, als die Debatte über die politische Situation lauter wurde. Über persönliche Ansprache und soziale Medien steuern Wolf und Maike dagegen, langsam kämen wieder mehr Menschen.


Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten
Im Gespräch wird spürbar, dass hinter den Zahlen ein sehr persönliches Bild steht. Wolf will das Projekt anschieben und zunächst den Vorstand der Genossenschaft übernehmen, aber nicht für immer: „Ich habe das tatsächlich so vorgesehen, dass ich das maximal 3 Jahre mache, und dann will ich langsam auf den Rückzug gehen.“ Danach hat er einen konkreten Wunsch: „Mein Idealbild wäre, irgendwo im Park dort am Teich zu sitzen und den Kindern, die bis dahin dort auch leben, ein bisschen was vorzulesen und ansonsten einfach den Tag genießen.“
Wer selbst mit dem Gedanken an gemeinschaftliches Wohnen spielt, bekommt im Interview außerdem sehr praktische Hinweise: Einmal im Monat gibt es Live-Treffen vor Ort, bei denen man den Ort kennenlernt und andere Mitmacher trifft. Und es werden noch Menschen gesucht, unter anderem ein Finanzvorstand und jemand für die Leitung des Restaurants. Das Interview zeigt, wie so ein Projekt wirklich entsteht, mit allen offenen Fragen, und was es heißt, sich mit über 60 noch einmal etwas Großes vorzunehmen.
Häufig gestellte Fragen zum Werkdorf Gutleben Büttnershof
Was ist Gutleben Büttnershof?
Gutleben Büttnershof ist ein genossenschaftliches Mehrgenerationen-Wohnprojekt in der Altmark. Aus einer historischen Gutsanlage soll ein „Werkdorf“ mit rund 40 Wohneinheiten, Gewerbe, Gastronomie und Gemeinschaftsflächen entstehen.
Wo liegt der Büttnershof?
Der Büttnershof liegt in der Altmark in Sachsen-Anhalt, nahe der Elbe und außerhalb der Hochwasserzone, rund zwei Autostunden nordwestlich von Berlin. Durch den Ort führt der Elberadweg mit jährlich 20.000 bis 30.000 Radfahrern.
Was ist ein Werkdorf?
Die Idee des Werkdorfs geht auf den Werkbund zurück: Verschiedene Berufe, Handwerk, Kunst und Dienstleistung, siedeln an einem Ort und bilden eine Gemeinschaft. Am Büttnershof ist nur leises Gewerbe erlaubt, etwa Töpferei, Goldschmiede oder Physiotherapie.
Was kostet der Einstieg?
Die Genossenschaftsmitgliedschaft kostet 300 Euro. Für die kleinste Wohnung mit 30 Quadratmetern sind rund 70.000 Euro Eigenanteil plus etwa 500 Euro Nutzungsgebühr vorgesehen. Mit dem Anteil wird man Teilhaber der gesamten Anlage inklusive Park.
Für wen ist das Projekt geeignet?
Für Menschen aller Generationen. Die barrierefreien Erdgeschosswohnungen sind bis ins hohe Alter nutzbar, gleichzeitig sollen ausdrücklich auch jüngere Menschen und Familien dazukommen.
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Claudia Mattheis: Herzlich willkommen in meinem LIVVING-Podcast-Studio, lieber Wolf Meyer-Plate. Warum ich dich eingeladen habe? Weil du gemeinsam mit deiner Partnerin Maike Fuchs in der Altmark mit Gutleben Büttnershof gerade ein Projekt entwickelst, bei dem es um viel mehr geht als um neuen Wohnraum. Und für alle, die nicht wissen, wo das liegt: Das ist ungefähr zwei Stunden Autofahrt nordwestlich von Berlin entfernt. Ihr wollt einen bestehenden Ort weiterentwickeln, mit dem, was schon da ist, und gemeinsam mit den Menschen, die dort leben. Es geht um Gemeinschaft über Generationen hinweg, um gegenseitige Unterstützung und darum, Wohnen und Arbeiten wieder stärker miteinander zu verbinden. Du und Maike, ihr kommt beide aus Mannheim. Dort wart ihr selbstständig in der Gastronomie und im Veranstaltungsbereich. Dann habt ihr mit Mitte 60 noch einmal einen ziemlich großen Schritt gewagt und seid in die Altmark gezogen. Heute lebt ihr bereits selbst in einem gemeinschaftlichen Wohnprojekt, und aus euren eigenen Erfahrungen mit dieser Form des Zusammenlebens ist auch die Idee für Gutleben Büttnershof weitergewachsen. Aus der bestehenden Gutsanlage soll ein lebendiges Werkdorf entstehen, mit neuem Wohnraum, Orten für Gemeinschaft und Arbeit und mit Angeboten, die auch das bestehende Dorf und die Region einbeziehen. Ich möchte mit dir heute darüber sprechen, was dich persönlich in diese Gegend gezogen hat, was du über gemeinschaftliches Leben gelernt hast und wie die Menschen vor Ort auf eure Pläne reagieren. Und natürlich möchte ich wissen: Wo steht Gutleben Büttnershof heute? Was soll dort konkret entstehen, und was braucht es noch, damit aus der Idee Wirklichkeit wird? Hallo, lieber Wolf, schön, dass du da bist.
Wolf Meyer-Plate: Hallo, schönen Dank, dass ich bei dir sein darf.
Claudia Mattheis: Dann starten wir doch erst mal mit einem kleinen Ausflug nach Büttnershof. Was ist das für ein Ort? Wie sieht es dort aus? Beschreib das doch mal.
Wolf Meyer-Plate: Das ist eine alte Gutsanlage. Und so wie hier oft im ländlichen Raum ist es eben kein Dorf im klassischen Sinne, sondern eine Gutsanlage. Es gibt sehr viele dieser Gutsanlagen mit einer kleinen Arbeitersiedlung dabei, ursprünglich, also vom Geschichtlichen her. Und dasselbe gibt es hier auch. Da ist dieser große Gutshof, der zum Teil leer steht. Ein anderer Teil wird als Hotel und Restaurant genutzt. Und es gibt diese kleine Ortschaft mit zurzeit 24 Mitbewohnern dort.
Claudia Mattheis: Beschreib mal die Architektur. Sind es Backsteingebäude? Sind es Fachwerkhäuser? Wie sieht es aus?
Wolf Meyer-Plate: Das ist eine Mischung. Das ursprüngliche alte Gutshaus ist von 1760, das ist tatsächlich ein Fachwerkhaus. Ein Teil der Scheunen ist auch Fachwerk. Auch in der Ortschaft selber gibt es noch alte Fachwerkhäuser, die möglicherweise auch aus der Zeit datieren. Das weiß man aber nicht, es gibt keine Aufzeichnungen darüber. Und dann gibt es aus der Zeit der Jahrhundertwende ganz viele Ziegelbauten. Es gab dort auch ganz in der Nähe, nur einen Kilometer entfernt, eine Ziegelei. Und in der Folge ist dann um 1900 herum eine ganze Menge in der Gegend in Ziegeln gebaut worden.
Claudia Mattheis: Und wovon haben die Menschen dort gelebt oder leben heute? Ist es Landwirtschaft, oder gibt es da noch andere Sachen?
Wolf Meyer-Plate: Es ist im Wesentlichen Landwirtschaft. Es ist natürlich auch touristisch geprägt. Ein besonders wichtiger Teil, der nicht stark ausgebaut ist, immer noch sehr unberührt, sehr viel Ruhe. Obwohl durch den Ort der Elberadwanderweg geht, was eine große Attraktion im Tourismusbereich ist. Da kommen im Jahr 20.000 bis 30.000 Radfahrer durch den Ort gefahren.
Claudia Mattheis: Und landschaftlich? Ist es eine Waldregion? Gibt es viele Seen, Wasser, Flüsse?
Wolf Meyer-Plate: Nein, es nennt sich tatsächlich die Wische, und Wische ist der niederdeutsche Begriff für Wiese. Das heißt, es ist quasi am Rand der Elbe eine ganz weitläufige Landschaft, hauptsächlich mit Feldern, wenig Wald dazwischen, ursprüngliche Auenlandschaften, kann man sagen.
Claudia Mattheis: Das klingt schon mal sehr traumhaft. Du und deine Partnerin Maike, ihr kommt ursprünglich aus Mannheim. Wie seid ihr überhaupt in der Altmark gelandet? Das ist ja nicht gerade um die Ecke.
Wolf Meyer-Plate: Das kam ein bisschen dadurch, dass wir erst viel herumgefahren sind. Wir hatten ursprünglich vor, in einem anderen Projekt unterzuschlüpfen, und hatten dafür vor allen Dingen das Umfeld von Berlin im Visier, vor allem die Uckermark, die Oderbruch- und Spreewaldgegend, weil dort sehr viele Alternativprojekte sind. Wir selber sind mit unserer Gastronomie 100 % Bio. Das erfordert, dass man auch danach guckt, dass man ein dazu passendes Umfeld hat. Und da ist nirgendwo etwas draus geworden. Auf die Weise sind wir überhaupt hier in den Osten gerutscht. Und dann passiert es irgendwann, dass wir durch puren Zufall hierherkamen, weil normalerweise fährt man durch die Altmark nicht. Selbst wenn man viel unterwegs ist, wie wir das zeitlebens waren, kommt man nicht durch die Altmark, wenn man hier nichts speziell zu tun hat. Und so hatten wir dann hier einen Anknüpfpunkt mit einem möglichen Projekt. Das lag gerade auf dem Weg, und auf die Weise haben wir die Altmark gefunden und kennengelernt. Das Besondere war: Wir sind zu einer ganz unwirtlichen winterlichen Zeit hier gewesen und haben uns in Tangermünde eingebucht, ins erste Hotel am Platz, mitten in der Stadt, um direkt ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Und was uns fasziniert hat: Es war kalt, es war windig, es hat genieselt. Und doch waren mitten im Winter dort Menschen, die mit einem Nachtwächter durch den Ort geführt wurden, bei Dunkelheit, und der den Leuten, den Touristen, tatsächlich den Ort gezeigt hat. Das hat uns schwer beeindruckt, weil wir als Gastronomen immer ein bisschen darauf gucken: Gibt es da noch ein Leben, auch im Winter, auch außerhalb der Saison? Und tatsächlich gab es das. Das war der erste Moment, der uns erstaunt und positiv aufgefallen ist. Es gibt zwar auch solche echten Schlaforte, aber generell kann man nicht sagen, dass hier außerhalb der Saison die Bürgersteige hochgeklappt werden.
Claudia Mattheis: Und dann habt ihr beschlossen: Hier bleiben wir jetzt und gucken, wo wir unterkommen.
Wolf Meyer-Plate: Das hat schon noch einen Moment gedauert. Ich bin sehr oft hergefahren, es ging auch um die Entwicklung eines anderen Projekts, wo es oft Sitzungen mit Bauern gab und solche Dinge. Und dann haben wir uns die Gegend mehr und mehr erschlossen. Was dann wirklich hinzukam und was besonders ist: dass die Menschen noch sehr ursprünglich, freundlich und hilfsbereit sind.
Claudia Mattheis: Echt?
Wolf Meyer-Plate: Das ist etwas, was zwar generell im Osten auch an anderen Orten zu finden ist, aber hier so ausgeprägt ist, wie wir das in keiner anderen Region Deutschlands gefunden haben. Ich bin selber auf dem Dorf groß geworden, in Nordrhein-Westfalen, und dort ist das in diesen alten dörflichen Strukturen ganz normal. Man hilft sich gegenseitig, wenn jemand in Not ist, auch wenn man ansonsten spinnefeind ist. Man hilft sich einfach. Das ist eine Selbstverständlichkeit in so einem kleinen Zusammenhang. Und das ist hier stark verwurzelt bei den Menschen, die auf dem Land leben. Das hat uns wirklich fasziniert.
Claudia Mattheis: Als dieser Entschluss kam, ihr zieht in die Altmark, da warst du ja schon über 60. Das sage ich jetzt einfach mal so direkt. Ich finde es schon spannend, dass man sich letztendlich auch unabhängig vom Alter immer wieder neu erfinden kann. Das war ja für euch auch ein Neuanfang.
Wolf Meyer-Plate: Das war und ist nach wie vor so, das ist ja mittendrin und noch ganz und gar nicht in trockenen Tüchern. Das ist wie ein Neuanfang natürlich. Und wir sind schon immer umtriebig gewesen und auch sehr mobil insgesamt. Auch wenn wir die letzten 20 Jahre in Mannheim waren, ist das Leben davor sehr vielfältig gewesen, mit Auslandsaufenthalten und sehr vielen Umzügen und dem Kennenlernen verschiedenster Regionen. Insofern, irgendwie haben wir das im Blut.
Claudia Mattheis: Ich taste mich jetzt langsam an Gutleben Büttnershof heran. Als ihr in der Altmark wart, seid ihr zunächst in einem anderen gemeinschaftlichen Wohnprojekt untergekommen, in dem ihr jetzt auch lebt, oder?
Wolf Meyer-Plate: Das ist nicht ganz korrekt. Uns ist eine Frau begegnet, die ein altes Dorf gekauft hat und das entwickeln wollte. Das hat aber nicht sehr gut geklappt. Weil das für uns eine gewisse Attraktion hatte, dort möglicherweise auch einen Standort für die Gastronomie hinzumachen, und weil ich von Hause aus Architekt bin, habe ich ihr einen Konzeptentwurf gemacht. Diese Entwicklung haben wir als Erstes gemacht. Das war das erste Jahr, das wir hier in der Altmark waren, das war im Schwerpunkt unsere Arbeit. Und diese Zusammenarbeit ist dann leider zerbrochen. Das braucht man jetzt nicht extra ausführen, aber es hat auf jeden Fall nicht geklappt. Daraufhin, durch vorher entstandene Kontakte, ging es dann sehr schnell, dass wir uns einmal kurz geschüttelt und dann am Büttnershof angefangen haben, weil wir die Besitzer schon kannten.
Claudia Mattheis: Und wie habt ihr den Büttnershof entdeckt? Durch Zufall? Ihr sagt, ihr kanntet die Besitzer schon.
Wolf Meyer-Plate: Ja, ich war in dieser ersten Zeit öfter alleine hier, wo es um die Entwicklung dieses anderen Projekts ging, wochenweise. Ich bin viel durch die Gegend gereist und bin Tipps von Menschen von hier gefolgt, die gesagt haben: Da ist ein besonderer Ort, den musst du dir mal angucken. Und so bin ich auch zum Büttnershof gefahren, zu einer Zeit, wo dort kein Mensch war, das war wie ausgestorben. Aber als ich durch den Park lief, begegnete mir der Besitzer. Der Witz war: Er hatte mein Auto gesehen, das mit unseren Firmensachen beschriftet ist, wo draufsteht, dass wir Catering machen. Und er fragte mich direkt: Wollen Sie das nicht kaufen? Das steht zum Verkauf an. Und ich sage: Nein, sorry, wir sind gerade mit anderen Dingen beschäftigt, aber ich komme gerne darauf zurück, oder wir können uns noch mal unterhalten. Er hatte dort auch ein besonderes Projekt, und zwar arbeitet er mit ganz vielen Auszubildenden aus Vietnam. Dieses Konzept, das dahintersteckt, interessierte mich. Davon hatte ich vorher schon im Vorfeld gehört. Und so sind wir in Kontakt geblieben. Später bin ich dann mit meiner Frau zusammen aufgeschlagen und habe gesagt: Jetzt ist es so weit. Wir haben zwar dieses Kleingeld nicht, aber wir würden gerne darauf hinarbeiten, dass dieser Hof, ihr Lebenswerk sozusagen, fortgeführt wird.
Claudia Mattheis: In welchem Jahr war das, damit man das besser einordnen kann?
Wolf Meyer-Plate: Das ist jetzt vor anderthalb Jahren gewesen, es war letztes Jahr im Frühjahr, im März.
Claudia Mattheis: Und wie geht es jetzt weiter? Was ist als nächster Schritt geplant? Du hast gesagt, das Kleingeld ist noch nicht da, das soll aber zusammengesammelt werden. Was sind die nächsten geplanten Schritte?
Wolf Meyer-Plate: Ein ganz wesentlicher Punkt, der im Moment ein bisschen holpert, ist tatsächlich, dass es bei den Interessenten sehr viele Vorurteile gegenüber dieser Region gibt, aufgrund der politischen Situation. Und das sind tatsächlich Vorurteile, weil die Gegend hier ist nicht so wie irgendwelche, ich sage mal, rechtsradikale Nester oder Ecken von Ostdeutschland. Das ist hier in der Gegend überhaupt nicht so. Ich habe gerade vorgestern noch mal im Internet recherchiert, die ganzen umliegenden Gemeinden. Ihre Gemeinderäte sind ganz bunt zusammengesetzt. Und es gibt eine superstarke Zivilgesellschaft mit ganz vielen Vereinen und Kulturvereinen und allem Möglichen, was hier los ist. Das trifft einfach nicht zu. Es gibt zwar viele Wähler am rechten Rand, aber keine Ausprägung, die in eine radikale Richtung geht.
Claudia Mattheis: Und ihr merkt jetzt, dass das Interesse oder die Umzugsbereitschaft von West nach Ost aktuell sehr leidet.
Wolf Meyer-Plate: Ja, sehr. Auch ein Umzug innerhalb des Ostens in Richtung Altmark beziehungsweise Sachsen-Anhalt ist im Moment gehemmt, ganz wortwörtlich. Wir hatten Zeiten im Frühjahr um Ostern herum, wo wir ganze Wochen hatten, in denen jeden Tag jemand zu Besuch kam. Also ein wirklich riesiger Zustrom an Interessenten. Der ist dann plötzlich abgebrochen, zusammen mit dem, dass die offizielle Berichterstattung über diese politische Situation sich verstärkt hat. Das ist im Moment eine sehr unheilsame Debatte, die vor allen Dingen sehr respektlos geführt wird. Das erschreckt die Menschen und macht Angst.
Claudia Mattheis: Okay, das blockiert also gerade die Weiterentwicklung. Was steht als Nächstes an? Ihr wollt das als Genossenschaft planen?
Wolf Meyer-Plate: Ja, tatsächlich halten wir dagegen und veröffentlichen auch sehr viel, gerade in den sozialen Medien, darüber, dass diese Gegend, das Umfeld ein anderes ist als das, was man zunächst in einem Land vermutet, das in dieser politischen Situation ist. Wir haben in unseren Netzwerken Menschen direkt angeschrieben und den großen Interessenpool, den wir sowieso haben, noch mal verstärkt persönlich angesprochen. Dadurch haben wir jetzt schon wieder eine ganze Menge Menschen, die herkommen und uns besuchen, es läuft gerade wieder an. Der wichtige Punkt ist, dass wir mehr Mitmacher finden, und zwar Mitmacher, die wohnen wollen, die an dem Projekt interessiert sind, die möglicherweise ein Gewerbe machen möchten oder in Teilen von dem, was schon existiert, tätig werden wollen. Wir suchen beispielsweise noch einen Finanzvorstand und eine Restaurantfachfrau, die die Restaurantleitung machen könnte. Es gibt ein paar Felder, bei denen klar ist, dass wir da noch Menschen brauchen. Und für die Gründung der Genossenschaft, die Träger des Ganzen sein soll, braucht es einfach mehr Mitmacher.
Claudia Mattheis: Und wie ist der Zeithorizont? Wie viel Zeit habt ihr euch gegeben, um die zusammenzusammeln? Denn erst dann könnt ihr das ja kaufen, oder?
Wolf Meyer-Plate: Das sind zwei parallele Dinge. Einmal der rechtliche Rahmen und die Möglichkeit, Geld für so ein Projekt einzusammeln. Dafür braucht es ein rechtliches Gerüst, und wir haben uns entschieden, das über eine Genossenschaft zu machen. Erst dann können wir konkret Gelder einsammeln, um mit der Genossenschaft zu kaufen. Und parallel sprechen wir hier in der Gegend regional Unternehmen an. Uns schwebt vor, eine Art Regionalkonferenz zum Erhalt des Büttnershofs zu machen und auf die Weise den Startschuss hinzukriegen. Denn diese Anfangsfinanzierung geht nur mit Geldern, die Menschen mitbringen, die mitmachen, und mit freiwilligen Investoren. Es funktioniert nicht mit Banken oder anderen Fördergeldern, weil es relativ schnell gehen muss. Der andere Grund ist, dass es keinerlei Sicherheiten oder Bewertungsmöglichkeiten für dieses ganze Projekt gibt, die bei den Banken die Bereitschaft hervorrufen würden, das zu finanzieren.
Claudia Mattheis: Was stellt ihr euch vor: Wie viele Genossenschaftsmitglieder sind der Idealzustand, und was muss man als Einlage mitbringen?
Wolf Meyer-Plate: Erst mal kostet die Mitgliedschaft selber 300 Euro. Das ist ganz wenig, extra sehr niederschwellig gehalten, weil wir wollen, dass Menschen aus dem Umfeld, aus der ländlichen Gegend, möglicherweise bei Teilen des Projekts mitmachen. Da ist also eine kleine Schwelle, was das Finanzielle anbelangt. Vorgesehen sind ungefähr 40 neue Wohneinheiten. Die sind teilweise in bestehenden Gebäuden, teilweise wird neu gebaut. Für diesen ganzen Block an Neubauten und Wohnmöglichkeiten gibt es eine Bauvoranfrage, die schon positiv beschieden ist, in all ihren Elementen, mit dem Denkmalschutz und mit sonstigen Behörden. Es hat auch Abstimmungen im Gemeinderat gegeben, mit ganz wenig Gegenstimmen. Da ist also schon ein Umfeld von Menschen da, die das Ganze befürworten und unterstützen. Und was man mitbringen muss, ist abhängig davon, wie groß der Anteil ist, den man bewohnen will. Im Moment streben wir drei standardisierte Größen an: 30 Quadratmeter, 60 und 80. Bei der kleinsten Einheit, diesen 30 Quadratmetern, muss man ungefähr 70.000 Euro als Eigenanteil mitbringen, und zusätzlich eine Nutzungsgebühr, ähnlich wie eine Miete, von ungefähr 500 Euro. Wichtig zu verstehen ist, dass man sich nicht wie in anderen Projekten nur in diesen kleinen Wohnraum von 30 Quadratmetern einkauft, sondern es ist ein Projekt, bei dem es sehr darum geht, dass man ganz viele Elemente dieses Dorfs gemeinsam nutzt. Es wird Gemeinschaftsräumlichkeiten geben, eine Gemeinschaftsküche als Möglichkeit, sich zu versammeln, aber auch individuell: Wenn man Geburtstag hat, kann man seine Freunde dorthin einladen und ein Fest feiern. Es wird einen Coworking Space geben, das heißt, man braucht den Arbeitsplatz nicht im eigenen Haus, sondern hat einen gemeinsamen Raum. Es gibt eine sehr gute Anbindung ans Internet.
Wolf Meyer-Plate: Was haben wir noch für Elemente? Das Ganze ist gastronomisch und touristisch mit einem kleinen Hotel und Ferienwohnungen ausgestattet. Was man normalerweise als Gästezimmer hätte, ist auch in diesem Projekt enthalten, und das bezahlt man quasi mit. Das heißt, man wird Teilhaber von der gesamten Anlage, auch von dem Park, von den ganzen Bäumen und den Wiesen und dem Garten und allem, was drumherum ist. Das gehört einem mit, mit dem Geld, das man einzahlt. Es ist nicht wie eine kleine Wohnung, wo man maximal vielleicht den Balkon hat, sondern man kauft quasi eine gesamte Infrastruktur mit dazu.
Claudia Mattheis: Man ist also Teil der kompletten Gemeinschaft und des gesamten Projekts.
Wolf Meyer-Plate: Und die Idee ist, dass man vieles, was sinnvoll ist zu teilen, tatsächlich teilt. Ein Gästezimmer zum Beispiel steht meistens ewig leer. Hier wird es geteilt, und wenn es nicht geteilt wird und jemand Bedarf für Gäste hat, wird es nach draußen an Touristen vermietet. Damit sinken die Kosten anteilig für jeden.
Claudia Mattheis: Und es ist auch als Mehrgenerationenprojekt gedacht.
Wolf Meyer-Plate: Genau, das ist vorgesehen. In den Erdgeschosswohnungen ist tatsächlich Barrierefreiheit angestrebt. Und wir werden einen Teil der Bäder so ausstatten, dass sie wirklich bis ins hohe Alter auch mit Rollstuhl und Rolli benutzt werden können. Gleichzeitig wünschen wir uns eine bunte Mischung aus allen Generationen. Weil das Interesse bei älteren Menschen riesig groß ist, vermuten wir, dass wir nicht mehr weit davon entfernt sind, eine Art Filter davorzusetzen, damit wir am Ende nicht ein Wohnstift werden. Wir wollen wirklich auch jüngere Leute anlocken und sind da ganz stark dabei, dass möglichst Jüngere dazukommen. Wobei wir schon das Modell hatten, dass Ältere auch ihre Kinder mitgebracht haben.
Claudia Mattheis: Genau, das kann es ja auch sein: dass man sagt, da sind viele Menschen 60, 70 plus, die dort hinziehen, wo es dann aber vielleicht auch eine Versorgungseinrichtung gibt, einen ambulanten Pflegedienst oder etwas vor Ort. Und da sind dann auch jüngere Leute.
Wolf Meyer-Plate: Ja, ganz genau. Das ist ein Punkt, den wir sehr stark im Visier haben. Wir hatten bisher Kontakt zu einem Startup hier, das nennt sich Altmark-Fürsorge. Das ist ein ganz neu entstandener Betrieb, der für die ländliche Gegend die älteren Leute mit versorgt. Der wollte gerne einen Standort bei uns machen. Es scheint, dass das jetzt nicht so gut klappt. Aber es gibt andere Einrichtungen, und wir haben einen starken Fokus darauf, so etwas ins Projekt hereinzuholen, dass das quasi ein Standort wird. Es ist sehr schön zentral gelegen, in einer Gegend, die komplett unterversorgt ist.
Claudia Mattheis: Also nehmt ihr auch noch Leute über 50 und 60 auf?
Wolf Meyer-Plate: Noch, ja.
Claudia Mattheis: Okay, weil ich meine, LIVVING richtet sich ja an Menschen 50 plus.
Wolf Meyer-Plate: Und tatsächlich ist es bei solchen Projekten oft so, das ist auch schon unsere eigene Erfahrung, dass die Älteren erstens diejenigen sind, die besser mit Geld ausgestattet sind, und auch diejenigen, die die Zeit und die Muße haben und gerne so etwas noch mal aufbauen möchten. Dagegen gehalten das, was mit Familien mit Kindern ist: Die haben schon eine ganz starre Struktur in Bezug darauf, wie die Kinder in die Schule gehen, wie so ein Übergang bei einem Umzug ist und wie die Planung für die nächsten Jahre aussieht. Die sind nicht so unterwegs, dass sie sagen: Ob das jetzt in zwei oder drei Jahren fertig ist, ist uns egal, wir machen einfach mit. Das ist meistens nicht die Lebensrealität von jungen Familien.
Claudia Mattheis: Also müssen die Kinder schon ein bisschen größer sein.
Wolf Meyer-Plate: Genau.
Claudia Mattheis: Oder man nimmt es als Wochenenddomizil. Das wäre ja auch eine Option.
Wolf Meyer-Plate: Ja, das ist durchaus eine Option.
Claudia Mattheis: Du bezeichnest es als Werkdorf. Was ist denn ein Werkdorf?
Wolf Meyer-Plate: Bei einem Werkdorf muss man immer ein bisschen ausholen. Es gibt vom Werkbund diese Grundidee, dass eben verschiedenste Disziplinen, Handwerker, Architekten, Künstler zusammenarbeiten und dann eine Gemeinschaft entsteht, aus diesem, ich sage mal, bunten Mix von verschiedensten Professionen und Berufen. Das ist das Bild, das wir haben. Wir möchten dort möglichst viel kleines Gewerbe ansiedeln, zusätzlich zu dem touristischen Betrieb, der schon da ist, auch mit dem kleinen Campingplatz im Übrigen. Und die einzige Auflage, die wir durch diese Bauvoranfrage haben, ist, dass es nur leises Gewerbe sein darf. Es ist also nicht möglich, dass dort plötzlich eine Schreinerwerkstatt aufmacht, sondern eher, ich sage mal, eine Töpferei, die keinen Lärm verursacht, oder eine Goldschmiedewerkstatt, oder Physiotherapie. Verschiedenste Berufe sind möglich. Und dieser bunte Mix aus Berufen ist das, was Werkdorf heißt. Angesprochen sind natürlich auch die ganzen Neuen. Es gibt sehr viele digitale Nomaden und vor allem jüngere Menschen, die im IT-Bereich tätig sind. Gerne sollen die sich auch bei uns ansiedeln.
Claudia Mattheis: Wie wichtig ist dir der gemeinschaftliche Gedanke? Wie soll das gelebt werden, wie intensiv?
Wolf Meyer-Plate: Das soll bei uns relativ frei gehandhabt werden. Uns ist sehr wichtig, dass das Individuum einen klaren, abgegrenzten, individuellen, geschützten Bereich hat, dass es nicht wie bei vielen anderen Projekten ein stark dogmatisch geprägtes Gemeinschaftsleben gibt. Das ist freiwillig. Wenn sich in dieser Gruppe, die sich jetzt zusammenfindet, Menschen befinden, die gerne gemeinsam kochen, dann können die sich zusammentun und das auch tun. Dafür sind auch Räumlichkeiten vorgesehen. Aber wenn jemand da keine Lust zu hat, ist das überhaupt kein Problem. Das ist der gedankliche Hintergrund dazu. Es ist willkommen, dass Menschen sich zusammentun. Gleichzeitig ist die Gruppe, wenn wir diese 40 Wohneinheiten nehmen, ungefähr 80 Menschen, die da wohnen. Dann ist es so, dass man nicht mit jedem direkt herumschmusen muss, sondern es können auch welche dabei sein, die ihr eigenes Ding machen. Man muss mit denen nicht zwangsweise gemeinschaftlich zusammenarbeiten, sondern kann sich die Menschen aussuchen, mit denen man zum Beispiel gerne zusammen Gartenarbeit macht, einen Gemüsegarten anlegt oder Sport treibt, Fahrradtouren im Umfeld macht und solche Dinge. Das ist möglich, aber es ist nicht als fester Rahmen vorgegeben.
Claudia Mattheis: Willst du den Prozess trotzdem irgendwie moderieren, oder willst du die Gruppe sich selbst überlassen?
Wolf Meyer-Plate: Wir haben gemerkt, dass es ein Stück weit ein Mix sein muss. Das völlig sich selbst zu überlassen, das geht nicht. Vor allem ist ja sehr viel als Basis schon da, und diese Basis muss erst verstanden werden, ehe man sie weiterentwickeln kann. Wir haben erlebt: Wenn man nicht moderiert und nicht darauf achtet, dass diese Basis erst mal geschaffen ist, das Verständnis für die Werte des Projekts, die festgelegt und sogar in der Satzung festgeschrieben sind. Es gibt also nicht ein beliebiges Zusammenleben wie in einer Wohnungsbaugenossenschaft, wo es nur darum geht, die Miete zu zahlen, sondern es sind tatsächlich konkrete Werte festgelegt, wie man respektvoll miteinander umgeht, dass bestimmte Grundwerte wie Demokratie und Grundgesetz einfach Basis sind, und Gewaltlosigkeit und auch der Respekt vor einer Vielfalt von verschiedenen Menschen aus aller Herren Länder.
Claudia Mattheis: Die Leitplanken habt ihr also schon definiert. Die sind auch nicht verhandelbar.
Wolf Meyer-Plate: Nein, die sind nicht mehr verhandelbar, das ist festgelegt. Es gibt dazu die Satzung der Genossenschaft, wo der ganze Rahmen festgelegt ist. Das ist mit Anwälten abgestimmt und so vorbereitet, dass wir in sehr kurzer Zeit tatsächlich gründen können, sobald ein paar mehr Menschen zusammen sind.
Claudia Mattheis: Vielleicht finden wir über LIVVING noch ein paar Interessenten, die sagen: Das ist genau das Projekt, wo ich gerne leben möchte. Aber man lebt dort ja nicht völlig losgelöst vom Rest der Welt. Es gibt ja schon Menschen vor Ort. Wie wollt ihr die einbeziehen, und wie reagieren die auf euch?
Wolf Meyer-Plate: Das ist natürlich so bunt wie allerorts: Wenn Fremde kommen, gibt es eine gewisse Skepsis. Gleichzeitig sind aber auch viele offen. Wir sind mit ihnen in Kontakt, wir haben persönliche Kontakte, wir haben Leute ganz gezielt zum gemeinsamen Kaffeetrinken eingeladen, aus dem weiteren Umfeld, nicht nur aus dem Dorf. Ich erzähle mal zwei kleine Geschichten. Das eine ist: Es gibt ein etwas älteres Pärchen, das eigentlich sein Haus verkaufen wollte. Das grenzt an das Gelände an, das wir jetzt bespielen. Dadurch, dass wir gekommen sind, haben die das jetzt hinausgeschoben. Die haben gesagt: Wenn wir quasi mit Anschluss an euer Projekt haben, dann können wir uns vorstellen, hier zu bleiben. Das war vorher nicht so, weil da keine Infrastruktur ist, nichts drumherum, was für ältere Leute geeignet ist, um einen guten Lebensabend zu haben. Das hat sie dazu bewogen, diesen Verkauf erst mal aufzuschieben. Eine andere kleine, nette Geschichte, um zu zeigen, wie man da zusammenwirkt: Ich habe plötzlich gemerkt, dass da jüngere Leute mit dem Fahrrad waren. Das Fahrrad war kaputt, sie wollten es in die Fahrradwerkstatt bringen und hatten mich angesprochen, dass ich das Fahrrad hinfahre, weil ich einen Lieferwagen habe. Und dann habe ich gesagt: Hey, geht’s noch? Das können wir doch selber reparieren. Und dann habe ich mit ihnen zusammen das Fahrrad repariert. Am nächsten Tag habe ich, weil wir hier an der Elbe sind und viele angeln, auch diese jungen Leute, direkt einen frischen Zander bekommen, als Gegenleistung sozusagen. Und so funktioniert Integration, das ist das, was wir ganz stark machen. Auch in Vereinen sind wir Mitglieder, die hier in der Gegend Kulturarbeit leisten. Wir sind in der Gegend eingebunden. Wir haben unglaublich viele Menschen getroffen, die in diesem Restaurant geheiratet haben.
Claudia Mattheis: Also in dem Restaurant, das bei euch auf dem Gutshof ist?
Wolf Meyer-Plate: Ja, genau. Das hat eine Bedeutung für die Gegend. Die Leute gucken da sehr drauf. Es gibt auch einen Flohmarkt, der vielen Leuten wichtig ist. Wir werden oft direkt gefragt: Bleibt das denn alles so, oder was verändert ihr? Es gibt schon Befürchtungen, dass, wenn etwas Neues passiert, das Alte verschwinden muss. Aber das ist nicht das, was wir vorhaben. Das Konzept sieht vor, dass wir auf das aufbauen und es modernisieren und wieder lebendig machen, aber die eigentlichen Einrichtungen, die da sind, erhalten. Im Gutshaus gibt es zum Beispiel eine Zweigstelle vom Standesamt. Da hat mich der Bürgermeister gefragt: Dürfen wir das behalten, wenn ihr kommt? Und das habe ich ihm zugesagt und versprochen. Ich hoffe, dass ich das halten kann.
Claudia Mattheis: Das ist eine schöne Vorstellung, und damit habe ich jetzt ein ganz anderes Bild von dem Ort. Denn das heißt ja, das ist ein Ort, der schon lebt, seit vielen hundert Jahren, der eine Identität hat, der geliebt wird, der eine Geschichte hat, die viele Leute aus der Region mit dem Ort verbinden. Denen ist es wichtig, was dort passiert. Gleichzeitig sind die Menschen aber auch offen dafür, dass sich das weiterentwickelt. Und ihr wollt Neues mit dem Tradierten zusammenbringen und daraus etwas Neues gestalten.
Wolf Meyer-Plate: Auf jeden Fall.
Claudia Mattheis: Das ist eine schöne Vorstellung.
Wolf Meyer-Plate: Wir werden, im Gegensatz zum jetzigen Besitzer, die Zusammenarbeit mit allem, was drumherum ist, auch ein bisschen intensivieren, beispielsweise mit der Feuerwehr. Da gibt es verschiedene Ansätze, wie wir sie stärker innerhalb des Projekts integrieren, sodass es ein Geben und Nehmen ist: dass der Feuerwehrverein etwas davon hat, Mittel bekommt, um seine eigenen Feste zu feiern, und wir gleichzeitig eine gewisse Hilfe von der Seite bekommen, um größere Veranstaltungen zu organisieren.
Claudia Mattheis: Angenommen, ich wäre die gute Fee und du hättest einen großen Wunsch frei, was wäre das für einer?
Wolf Meyer-Plate: Das Wesentliche, was am schwierigsten ist, ist tatsächlich, das Geld zusammenzubringen. Das wäre so ein fetter Sack mit Geld. Das wäre eine feine Sache.
Claudia Mattheis: Kannst du eine Summe in etwa nennen?
Wolf Meyer-Plate: Ja, es gibt den Kaufpreis, und es gibt eine Summe von ungefähr einer halben Million, die wir festgelegt haben. Ohne dass wir dieses Geld haben, werden wir nicht kaufen. Und das ist insgesamt ein Betrag von 2,3 Millionen, den wir jetzt für den Start brauchen. Danach braucht es natürlich viel mehr, aber dafür gibt es schon andere Modelle und Gespräche, die mit Banken stattgefunden haben, wie man die Umsetzung der Bauprojekte finanzieren kann. Das ist nicht so schwierig wie jetzt, diese Basis hinzubekommen.
Claudia Mattheis: Wie viel Prozent dieser Basis habt ihr jetzt schon erfüllt? Wo ist der Wasserstandsanzeiger gerade?
Wolf Meyer-Plate: Das ist immer wieder mal hin und her gegangen. Wir hatten schon mal eine Zeit, wo durch diejenigen, die im Umfeld waren oder mitmachen wollten, fast eine Million zusammen war. Das hat sich jetzt stark reduziert, und wir haben von den 2,3 Millionen im Moment die 0,3. Denn es geht immer darum, dass das ein Geld ist, das jetzt auch liquide vorhanden ist, nicht nur langfristig zur Verfügung gestellt wird. Es muss also Geld sein, das mehr oder weniger schon auf dem Konto bereitliegt, um es investieren zu können. Das ist ein Unterschied zu dem, was diejenigen, die sich schon committet haben mitzumachen, letztendlich bezahlen werden. Das ist mehr. Aber es geht darum, dass jetzt etwas liquide zur Verfügung steht.
Claudia Mattheis: Gibt es eine Deadline, bis zu der das alles zusammengesammelt sein muss, oder ist das offen?
Wolf Meyer-Plate: Das ist noch ein bisschen offen. Wir haben eine persönliche Deadline. Wir können das Ganze nicht mehr ewig so unterstützen und fördern, weil wir selber auch von irgendetwas leben müssen und keine großen Einnahmen haben. Unser eigenes Geld, das wir reingesteckt haben, ist limitiert. Wir müssen das irgendwie im nächsten Frühjahr schaffen, sonst können wir auch nicht mehr weitermachen. Das andere ist, dass im Hintergrund steht, dass der Besitzer unbedingt verkaufen will, weil er schon sehr alt ist, er wird jetzt 80, und mehr und mehr Probleme hatte, das Ganze überhaupt zu bespielen. Die möchten sehr schnell verkaufen und unternehmen auch andere Aktivitäten. Das machen sie schon seit drei Jahren und hatten zwischendurch immer mal pausiert, weil wir eben da waren. Aber da drängt die Zeit, weil sie wirklich verkaufen wollen. Aufgrund der gesundheitlichen Situation ist es ihnen dringend, weil sie das nicht mehr halten können.
Claudia Mattheis: Okay, verstehe ich. Auf eurer Webseite finden Interessentinnen alles, was relevant ist. Wenn ich sage, das will ich mir vor Ort angucken, mache ich einen Termin und treffe mich mit dir vor Ort?
Wolf Meyer-Plate: Genau so einfach geht das. Das ist auch wirklich eine Empfehlung. Auf der Webseite ist sehr viel Information, es ist fast anstrengend, das alles durchzugucken, weil es im Laufe der Zeit sehr viel geworden ist. Aber der nächste Punkt ist tatsächlich, zu einem unserer Live-Treffen zu kommen, die wir regelmäßig haben, in der Regel einmal im Monat. Denn dort kann man gleichzeitig andere treffen. Es geht einmal darum, den Ort kennenzulernen, sich in den Ort zu verlieben, die Magie zu erleben. Und der andere Teil ist, andere Mitmacher kennenzulernen.
Claudia Mattheis: Die klare Handlungsempfehlung ist also: hin zu euch, sich in den Ort verlieben und Genossenschaftsmitglied werden.
Wolf Meyer-Plate: Genau so einfach ist es eigentlich. Ganz simpel.
Claudia Mattheis: Ganz simpel. So, jetzt meine allerletzte Frage: Wie willst du selbst in Zukunft leben und wohnen? Vermutlich in deinem eigenen Projekt, oder?
Wolf Meyer-Plate: Absolut, natürlich. Die Leute lachen immer, weil ich im Moment natürlich der Macher bin. Es ist auch abzusehen, dass ich von der Genossenschaft erst mal den Vorstand übernehme, allein durch meinen beruflichen Hintergrund bin ich dafür einigermaßen geeignet. Aber ich habe das tatsächlich so vorgesehen, dass ich das maximal drei Jahre mache, und dann will ich langsam auf den Rückzug gehen. Mein Idealbild wäre, irgendwo im Park dort am Teich zu sitzen und den Kindern, die bis dahin dort auch leben, ein bisschen was vorzulesen und ansonsten einfach den Tag zu genießen.
Claudia Mattheis: Aber ich gehe davon aus, dass in deinem Werkdorf immer viel zu tun sein wird.
Wolf Meyer-Plate: Absolut, aber ich habe schon diese Idee, dass es entspannter wird. Das strebe ich an.
Claudia Mattheis: Ja, dann vielen herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in dein neues Projekt. Schön, dass du da warst.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.











