Warum junge Gründer mit Yorokani zeitlose Mode herstellen, die man auch ohne bewegliche Finger und fremde Hilfe anziehen kann. Millionen Menschen können Knöpfe nicht mehr problemlos schließen, weil die Finger im Alter steifer werden oder wegen Rheuma, Parkinson oder Multipler Sklerose. Yorokani stellt Hemden und Blusen her, die aussehen wie klassische Modestücke, sich aber per Magnet sekundenschnell schließen lassen, ohne dass man dafür bewegliche Finger oder fremde Hilfe braucht. Mit ihrem zeitlosen, hochwertigen Design sind sie für jeden relevant, dessen Alltag durch eingeschränkte Feinmotorik erschwert wird, unabhängig vom Alter.
Yorokani wurde 2020 von Franziska Rauch und Johannes Rauch in Wien gegründet. Das patentierte Magnetverschlusssystem ersetzt Knöpfe an Hemden und Blusen unsichtbar von innen und hält dabei jeder Belastung stand. Das Unternehmen wurde mit dem German Design Award 2022 sowie dem German Innovation Award ausgezeichnet.
Warum wir Franziska Rauch eingeladen haben
Franziska Rauch ist ausgebildete Soziologin und hat vor der Gründung von Yorokani Ausbildungen zur Lebens-, Sterbe- und Demenzbegleitung absolviert sowie ehrenamtlich auf einer Palliativstation gearbeitet. Was sie in dieser Zeit beobachtete, hat Yorokani bis heute geprägt: Hilfsmittel, die nicht zum persönlichen Stil eines Menschen passen, werden nicht benutzt.
Franziska hat Yorokani nicht am Schreibtisch entwickelt, sondern in direktem, kontinuierlichem Austausch mit der Zielgruppe: in Fokusgruppen in Seniorenresidenzen und neurologischen Zentren in Wien, immer wieder, von der ersten Idee bis zur Marktreife. Sie hat gefragt, zugehört und das Gehörte ins Produkt übersetzt. Und sie tut es noch immer. LIVVING Chefredakteurin Claudia Mattheis hat sie eingeladen, weil das eine Haltung ist, von der viele Unternehmen lernen könnten, weit über Kleidung hinaus.
Die wichtigsten 3 Erkenntnisse aus dem Interview
Ein Hilfsmittel, das nicht zum eigenen Stil passt, wird nicht benutzt, und das hat direkte Konsequenzen für Gesundheit und Sicherheit. Franziska hat das in ihrer Zeit auf der Palliativstation immer wieder erlebt. Wer sich im Pflegeheim nicht mehr so kleiden kann, wie er es von sich kennt, zieht sich lieber einen Pullover an, als im T-Shirt rauszugehen. Oder bleibt gleich zu Hause.
Viele ältere Menschen wissen gar nicht, dass Kleidung für ihren veränderten Körper anders geschnitten sein müsste. Die Modeindustrie schneidet nach einer Norm für 18-jährige Körper. Yorokani hat dagegen eigene Schnitte auf Basis der deutschen Reihenmessung entwickelt, bei der Masspunkte von Menschen verschiedenen Alters im Sitzen und Stehen genommen wurden. Die minimale Retourenquote gibt ihnen recht.
Wer ein wirklich neues Produkt entwickelt, kommt ohne den direkten Dialog mit der Zielgruppe nicht aus. Der erste Name war Pirol, nach einem Singvogel mit prachtvollem, knallgelbem Federkleid. Er scheiterte in den Fokusgruppen: Die Menschen wollten nicht zu bunten Vögeln gemacht werden. Sie sind selbstbewusst. Der Wechsel zu Yorokani, einem japanischen Kunstwort aus Freude und Leichtigkeit, war keine Korrektur, sondern eine Grundsatzentscheidung.

Wie ein Kinderwagen mit Elektroantrieb eine Unternehmensidee auslöste
Als Franziska Rauch im Oktober 2013 zum ersten Mal Mutter wurde, lebte sie auf einem Berg in Österreich und war bestens ausgerüstet: Kleidung und ein Babybett, die mitwachsen sowie ein Kinderwagen mit Elektroantrieb für die täglichen Spaziergänge. Doch was sie damals im Straßenbild wahrnahm, ließ sie nicht mehr los: „So durchdacht und schön gemacht, wie offensichtlich die Produkte für Kinder und Familien sind, umso hässlicher und ausschließlich funktional gedacht sind Produkte für die Demografie, viele, viele Jahrzehnte später.” Der Groschen, wie Franziska Rauch es nennt, fiel in dem Moment, als sie ihren Sohn im Arm hielt und sich fragte: „Oha, was geschieht denn mal mit dir, wenn der Johannes und ich nicht mehr sind? Und was für eine Gesellschaft erdenken wir uns eigentlich, wie wir in einer Gesellschaft älter werden wollen?” Das war keine abstrakte Frage. Es war der Beginn von Yorokani.

Wenn fremde Hände beim Ankleiden helfen müssen: Wie Franziska Rauch das ändern wollte
Franziska Rauch nutzte die Elternzeit für Ausbildungen zur Lebens-, Sterbe- und Demenzbegleitung und arbeitete ehrenamtlich auf einer Palliativstation. Sie hörte dort immer wieder: „Hilfsmittel, die nicht schön sind, weil sie eben ausschließlich funktional gedacht sind, stehen in der Ecke und kommen überhaupt nicht zur Verwendung. Wenn es nicht ästhetisch gedacht ist und zum eigenen Stil passt, wird es stehen gelassen zu Hause und es kommt dadurch zu Verletzungen und Unfällen.” Und noch etwas fiel ihr auf in den Gesprächen mit älteren Menschen: „Die Leute haben uns gesagt, es gibt eigentlich eh schicke Rollatoren und es gibt auch Stöcke aus Carbon, aber wenn ich in der Früh aufwach, habe ich ganz oft das Gefühl, jetzt kommen entweder wieder fremde Hände auf meinen Körper, um mich anzukleiden, wie ich das von mir erwarte, oder ich muss mir halt einen Pullover anziehen oder ein Leiberl überziehen.”
Um zu verstehen, was Menschen wirklich brauchen, schloss Franziska Rauch Partnerschaften mit Seniorenresidenzen und neurologischen Stationen in Wien und führte als Soziologin ausgedehnte Fokusgruppen durch. „Wir sind als Soziologinnen irgendwie geschult in der Geduld und im Beobachten und im Miteinander sprechen”, sagt sie. Diese Methode hat sie nicht abgelegt, als das Produkt fertig war. Sie ist bis heute Teil der Arbeit bei Yorokani. Und aus all diesen Gesprächen entstand eine ganz konkrete Idee: „Nachdem wir so oft gehört haben, ja, ich trage gerne Hemden oder Blusen, aber gefühlt ist jeder Knopf zu klein fürs Loch, haben wir uns gedacht, dann versuchen wir halt irgendwas mit diesen Knöpfen zu machen.”

Wie funktioniert der Magnetverschluss von Yorokani und was macht ihn einzigartig?
Die Idee klingt einfach. Die Umsetzung war es nicht. Franziska Rauch erklärt, was das System besonders macht: „Was wir mit diesen Knöpfen gemacht haben, ist ein Verschlusssystem, das magnetisch verschlossen ist, das auch nicht nur die sogenannte Haftkraft hat, so wie wir das vielleicht von einem Kühlschrankmagnet kennen, sondern auch gegen Zugkraft abgesichert ist. Das heißt, wir sagen immer, unsere Blusen und Hemden sind schnitzelfest. Das heißt, selbst wenn mal der Bauch richtig gut spannt, weil man gut gegessen hat, haben wir diese Haken, die sich ineinander verschließen und die Bluse dadurch geschlossen bleibt.”
Von außen sieht man nichts davon. Die Magnetelemente aus Neodym, einem Material mit einem Zehntel des Gewichts von Eisenmagneten bei gleicher Kraft, werden auf eine hauchdünne Gaze mit Ultraschall aufgeschweißt und verdeckt in das Kleidungsstück eingearbeitet. Die Knopfleiste sieht aus wie bei jedem anderen Hemd. Dass hinter dieser Entwicklung tatsächlich etwas Neues steckt, musste Franziska Rauch zunächst gegen Widerstand beweisen: „Der erste Patentanwalt hat uns quasi ausgelacht und hat gesagt, er kennt jedes Patent auf dieser Welt und was wir uns erdacht haben, das hat er schon gesehen. Dann haben wir in einer anderen Kanzlei vorgesprochen. Und natürlich unsere Recherche war richtig und wir haben völlig ohne Nachfrage dieses Patent bekommen.”

Warum schlottert Kleidung von der Stange so oft am älteren Körper?
Weil die Modeindustrie nach einer Norm schneidet, die für 18-jährige Körper entwickelt wurde. Franziska Rauch bringt es konkret auf den Punkt: „Wir haben einen eigenen Schnitt entwickelt, der reife Körper perfekt abbildet. Wir wissen, es rundet sich der Rücken ein bisschen, die Schultern flachen ab oder ganz praktisch bei Frauen: die Brustspitze rutscht 10 cm nach unten. Und natürlich wird man sich dann in einer herkömmlichen Bluse weniger gut wiederfinden.” Was viele dann tun: eine Nummer größer kaufen. „Dann schlottert es rum und sieht einfach nicht mehr so gut aus.”
Yorokani hat sich bei der Schnittentwicklung an der deutschen Reihenmessung orientiert, bei der Masspunkte von Menschen im Sitzen und Stehen in verschiedenen Altersgruppen genommen wurden. Das Ergebnis ist eine außergewöhnlich niedrige Retourenquote. Und die Zielgruppe ist größer als man zunächst denkt: Frauen in den Wechseljahren haben zu 75 Prozent Fingersteifigkeit. Menschen mit Multipler Sklerose, Parkinson, Rheuma oder Arthrose sind oft deutlich jünger als die Marke vermuten lässt. „Und dann ist einfach unser wichtigster Faktor die Mundpropaganda. Und wenn man jetzt an Leute verkauft, die Multiple Sklerose haben, kennen die natürlich andere Leute, die Multiple Sklerose haben.”

Wie gründet man mit dem eigenen Partner ein Unternehmen und bleibt dabei auch Paar?
Franziska Rauch und Johannes Rauch kamen beide aus völlig anderen Berufen: er war Unternehmensberater, sie arbeitete in internationalen Kinofilmproduktionen. Die Motivation war zunächst eine ganz persönliche: „Die Idee ist entstanden, weil wir sozusagen nach einem gemeinsamen Lebensentwurf gesucht haben, um mehr Zeit miteinander zu verbringen.” „Die ersten zweieinhalb Jahre war das ein riesengroßer Erfolg und eine riesengroße Freude. Und dann haben wir natürlich bemerkt, dass wir mehr Geschäftspartner sind als romantisches Ehepaar.”
Die Lösung war klare Aufgabenteilung: Johannes Rauch übernahm das betriebswirtschaftliche Umfeld, Franziska Rauch Produktentwicklung, Partnerschaften und Marketing. Und dann kam ein Rückschlag, den man sich nicht vorstellen möchte: Ein Wirbelsturm zerstörte die Produktionsstätte in Tschechien, bei der sie eineinhalb Jahre lang das Nähwissen für ihren besonderen Verschluss aufgebaut hatten. „Leider auch unser Ansprechpartner dort ist bei diesem Wirbelsturm ums Leben gekommen. Das war einer der Menschen, der von Anfang an an unser Konzept geglaubt hat, bei dem wir irgendwie gefühlt offene Türen eingelaufen sind und der wirklich einer unserer ganz, ganz großen Unterstützer war.” Danach tourten Franziska und Johannes Rauch bei 43 Grad durch Nordmazedonien, sprachen bei vier Nähereien vor und fanden einen neuen Hauptlieferanten, der bis heute an sie glaubt.

Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten
Franziska Rauch spricht in diesem Gespräch so, wie Menschen sprechen, die wirklich lange nachgedacht haben, bevor sie gehandelt haben. Sie erzählt, warum der Name Pirol scheiterte und was das über Haltung und Markenkommunikation verrät. Sie beschreibt, wie man als Ehepaar ein Unternehmen gründet, zwei Kinder großzieht und dabei lernt, Geschäftspartner und Liebespaar gleichzeitig zu sein. Und am Ende des Gesprächs sagt sie etwas über das Älterwerden, das bleibt: Ihre 101-jährige Großmutter hat ihr gezeigt, dass der wichtigste Faktor nicht Pflege ist, sondern Verbundenheit, nachgefragt werden, involviert bleiben, als wichtige Ressource für andere Menschen da sein. Hören Sie rein.
Häufige Fragen zu Magnetkleidung von Yorokani
Was ist Magnetkleidung von Yorokani?
Yorokani stellt Hemden und Blusen mit einem patentierten Magnetverschluss her, der die Knopfleiste und die Manschetten ersetzt. Das Verschlusssystem ist von außen nicht sichtbar, schließt sekundenschnell und bleibt auch bei Dehnung und Bewegung zuverlässig geschlossen. Das Unternehmen wurde in Wien gegründet und produziert in europäischen Nähereien.
Für wen ist Magnetkleidung geeignet?
Yorokani richtet sich an Menschen, die Schwierigkeiten mit kleinen Knöpfen haben, zum Beispiel durch Rheuma, Arthrose, Parkinson, Multiple Sklerose oder nach einem Schlaganfall. Frauen in den Wechseljahren haben zu 75 Prozent Fingersteifigkeit. Auch wer auf Unterstützung beim Ankleiden angewiesen ist und sich trotzdem formal kleiden möchte, findet bei Yorokani ein Produkt, das von außen wie ein ganz normales Hemd oder eine normale Bluse wirkt.
Hält der Magnetverschluss beim Waschen?
Ja. Die Verschlüsse bestehen aus Neodym-Magneten und sind bei 30 bis 50 Grad waschbar. Die neueste Bandgeneration ist auch für professionelle Reinigungen geeignet. Temperaturen über 90 Grad sollten vermieden werden.
Sieht man den Magnetverschluss von außen an der Kleidung?
Nein. Das Band mit den Magnetelementen wird verdeckt im Kleidungsstück eingearbeitet. Von außen ist eine gewöhnliche Knopfleiste zu sehen. Der Mechanismus erschließt sich erst, wenn man die Bluse öffnet oder schließt.
Wo kann man Yorokani kaufen?
Yorokani ist direkt über den Onlineshop auf yorokani.com erhältlich, mit Lieferung in viele europäische Länder.
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Transkript: LIVVING Podcast Interview mit Franziska Rauch
Claudia Mattheis: Herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast Studio. Liebe Franziska Rauch, warum ich dich eingeladen habe? Weil du gemeinsam mit deinem Mann Johannes eine Idee entwickelt hast, die auf den ersten Blick ganz einfach wirkt, im Alltag vieler Menschen aber einen echten Unterschied machen kann. Mit Yorokani habt ihr Kleidung mit magnetischen Verschlüssen entwickelt, die aussieht wie eine ganz normale Bluse oder ein ganz normales Hemd, sich aber deutlich einfacher öffnen und schließen lässt. Gerade für Menschen, deren Beweglichkeit eingeschränkt ist, die mit einer Erkrankung leben oder im Alter Unterstützung brauchen, kann das ein Stück Selbstständigkeit, Komfort und Lebensqualität bedeuten. Was mich dabei besonders begeistert: Ihr habt nicht einfach ein neues Produkt erfunden, sondern den alltäglichen Vorgang des Anziehens neu gedacht. Aus einer Frage an eurem Küchentisch wurde nach vielen Tests und Rückschlägen eine patentierte Entwicklung, für die es mittlerweile sogar mehrere Auszeichnungen gab. Ich freue mich auf unser Gespräch über die Entstehung von Yorokani, über Innovation mit gesellschaftlichem Nutzen und warum manchmal gerade die kleinen Veränderungen die größte Wirkung entfalten können. Hallo liebe Franziska.
Franziska Rauch: Hallo liebe Claudia. Vielen Dank für deine Anmoderation. Ich freue mich riesig hier zu sein.
Claudia Mattheis: Ich freue mich, dass du dabei bist. Ich bin ein großer Fan eurer Produkte und starte doch gleich mal mit der ersten Frage. Liebe Franziska, wie kamt ihr eigentlich auf die Idee, ausgerechnet den Hemdknopf neu zu denken?
Franziska Rauch: Die Idee ist entstanden in dem Moment, wo ich im Oktober 2013 erstmalig Mutter wurde. Und meinen Sohn im Arm gehalten habe und mir überlegt: oha, was geschieht denn mal mit dir, wenn der Johannes und ich, mein Mann und ich, nicht mehr sind? Und was für eine Gesellschaft erdenken wir uns eigentlich, wie wir in einer Gesellschaft älter werden wollen? Weil ich mich zu diesem Zeitpunkt logischerweise perfekt serviciert gefunden habe mit den tollsten Alltagshilfen für Jungmütter und für junge Eltern. Ich hatte Kleidung, die mitwächst, Babybetten, die mitwachsen. Wir leben auf einem Berg. Ich hatte die Möglichkeit, einen Kinderwagen zu kaufen mit einem Elektroantrieb für meine täglichen stundenlangen Spaziergänge und habe aber im Straßenbild gesehen: so durchdacht und schön gemacht, wie offensichtlich die Produkte für Kinder und Familien sind, umso hässlicher und ausschließlich funktional gedacht sind Produkte für die Demografie viele, viele Jahrzehnte später. Und da ist bei mir, wie man so schön sagt in Österreich, der Groschen gefallen, dass ich das gerne mitgestalten wollte.
Claudia Mattheis: Das sagt man in Deutschland auch.
Franziska Rauch: Oha, das ist schön. Meine Kinder wissen nicht einmal mehr, was ein Groschen ist. Die kennen nur noch diesen Ausdruck.
Claudia Mattheis: Ja, ich glaube, das ist auch ein bisschen Boomersprech – Groschen gefallen. Also das weiß hier, glaube ich, die junge Generation auch nicht mehr.
Franziska Rauch: Groschen. Ich finde, das ist eine schöne Erinnerung. Ja, und der Groschen ist gefallen und ich habe mir gedacht, gut, wie kann man das mitgestalten? Und nachdem ich mich in der, so in Österreich genannten, Karenzzeit befunden habe, habe ich mir gedacht, diese Zeit werde ich gut nützen und habe begonnen, Ausbildungen zu machen zur Lebensbegleitung, Sterbebegleitung, Trauerbegleitung. Ich habe eine Demenzbegleitung-Ausbildung gemacht und auch ehrenamtlich auf einer Palliativstation gearbeitet. Und in diesen fast zwei Jahren, wo ich so eine Ausbildung nach der anderen absolviert habe, habe ich natürlich auch ganz viele Gespräche geführt und gesehen, oder besser gesagt gehört, dass Hilfsmittel, die nicht schön sind, weil sie eben ausschließlich funktional gedacht sind, in der Ecke stehen bleiben und überhaupt nicht zur Verwendung kommen. Und gesehen habe ich, dass Hilfsmittel eigentlich eher grau und hässlich sind und überhaupt nichts mit der Lebensrealität von Menschen zu tun haben, mit ihrem Lebensumfeld und mit dem, wie sie sich eigentlich nach außen zeigen. Und die Gespräche haben genau das gezeigt: Wenn es nicht ästhetisch gedacht ist und zum eigenen Stil passt, wird es stehen gelassen zu Hause und es kommt dadurch zu Verletzungen und Unfällen. Und das habe ich halt total oft mit meinem Mann besprochen. Und wir sind da relativ tief eingestiegen und haben irgendwann erkannt, dass es eigentlich total schön wäre, dort etwas zu kreieren. Und nachdem ich ja schon relativ niederschwellig diesen Anschluss hatte, einerseits in dieses Kurszentrum und andererseits auch auf eine Palliativstation, haben wir dann den Weg gewählt, Partnerschaften zu schließen mit Seniorenresidenzen und auch mit neurologischen Stationen in Wien damals. Und nachdem ich ja von Ausbildungs wegen Soziologin bin und wir als Soziologinnen irgendwie geschult sind in der Geduld und im Beobachten und im Miteinander sprechen, habe ich mir gedacht, versuche ich doch einmal den Ansatz von Fokusgruppen und gehe in dieses Feld hinein und spreche mit den Menschen, die dort leben, darüber, wie sie eigentlich als Expertinnen für ihre Lebensrealität das wahrnehmen, was ich die zwei Jahre zuvor wahrgenommen habe auf meinen diversen Ausbildungsstationen. Und da sind wir relativ gut genau zu diesen Erkenntnissen gekommen, die ich eigentlich beobachtet habe. Und die Leute haben uns gesagt: es gibt eigentlich eh schicke Rollatoren und es gibt auch Stöcke aus Carbon, aber wenn ich in der Früh aufwach, habe ich ganz oft das Gefühl, jetzt kommen entweder wieder fremde Hände auf meinen Körper, um mich anzukleiden, wie ich das von mir erwarte, oder ich muss mir halt einen Pullover anziehen oder ein Leiberl überziehen. Und dann denke ich mir, würde ich eigentlich lieber zu Hause bleiben und nichts erleben, als im T-Shirt rauszugehen. Also wirklich wieder dieses Selbstbild, das man auch nach außen trägt, um dann wahrgenommen zu werden, war eigentlich so die Krux für den Moment, wo wir gesagt haben, vielleicht ist es an der Zeit, dass wir versuchen, Kleidung zu revolutionieren. Und nachdem wir so oft gehört haben: ja, ich trage gerne Hemden oder Blusen, aber gefühlt ist jeder Knopf zu klein fürs Loch, haben wir uns gedacht, dann versuchen wir halt irgendwas mit diesen Knöpfen zu machen. Und was wir mit diesen Knöpfen gemacht haben, ist dann ein Verschlusssystem, das magnetisch verschlossen ist, das auch nicht nur die sogenannte Haftkraft hat, so wie wir das vielleicht von einem Kühlschrankmagnet kennen, sondern auch gegen Zugkraft abgesichert ist. Das heißt, wir sagen immer, unsere Blusen und Hemden sind schnitzelfest. Das heißt, selbst wenn mal der Bauch richtig gut spannt, weil man gut gegessen hat, haben wir diese Haken, die sich ineinander verschließen und die Bluse dadurch geschlossen bleibt.
Claudia Mattheis: Nun habe ich selber eine Bluse von euch und war echt überrascht davon, wie hochwertig das aussieht. Wenn man sich so vorstellt, ja da ist jetzt eine Bluse oder ein Hemd und das ist jetzt magnetisch verschlossen, kann man sich das ja vielleicht irgendwie vorstellen, aber so habe ich es mir nicht vorgestellt, weil man sieht es wirklich gar nicht. Beschreib doch mal, wie das aussieht, weil es sieht ja aus wie ein normales Hemd, man sieht ja trotzdem Knöpfe. Also man sieht eine ganz normale Knopfleiste. Der Magnet ist ja da drunter. Das ist ja wirklich was Spezielles. Und das nicht nur an der Knopfleiste, sondern auch bei den Manschetten.
Franziska Rauch: Da war die erste Herausforderung einmal das Gewicht. Was wir kennen, sind Eisenmagnete, und was wir verwenden, sind Neodym-Magnete. Und die können bei einem Zehntel des Gewichts dieselbe magnetische Kraft entfalten. Das heißt, wir haben unsere ersten Tests mit Eisenmagneten gemacht und haben dann gesehen: hoppala, es braucht etwas viel kleineres, federleichtes, damit diese Alltagshilfe, die wir da entwickeln wollen, nicht das nächste Handicap darstellt, weil es einfach ganz schwer plötzlich ist. Dann ist es uns gelungen, eine Gaze, ein hauchdünnes Band zu entwickeln, auf das wir unsere Magnetelemente in Plastik verpackt mit Ultraschall aufgeschweißt haben. Das heißt, man kann sich vielleicht vorstellen wie ein Endlosband, wo im Abstand des jeweiligen Knopf-Abstandes diese Magnetelemente angebracht sind. Und diese Gaze, da gibt es sozusagen einen sogenannten männlichen und einen sogenannten weiblichen Teil, wird dann verdeckt verarbeitet auf das Kleidungsstück. Man kann sagen, es wird so umgeschlagen, dass es von außen niemals zu erkennen ist. Also es ist so, dass wenn ich auf Messen gehe oder in neurologischen Zentren stehe, um dort mit Personen zu sprechen über die Anwendung von unserer Kleidung, die Leute mir schon ganz oft gesagt haben: ja, okay, wenn es so irrsinnig toll ist, wieso tragen sie es dann nicht selber? Und dann mache ich immer meine Bluse auf. Und das ist dann wirklich ein extrem cooler Aha-Moment, weil die Leute sich einfach denken: okay, wow. Und dann erschließt sich dieses Produkt relativ gut, was sich ja über den Namen der Magnetkleidung vielleicht noch nicht so gut erschließt. Und auf Messen zum Beispiel haben wir dann ab der zweiten Messe gemerkt, Magnetkleidung ist irgendwie eine diffuse Assoziation, da wissen die Leute nicht wirklich. Und dann haben wir eine Puppe gebaut, die den ganzen Tag die Bluse auf und zu macht. Wir sagen, es ist unsere beste Mitarbeiterin und das ist ein guter Eyecatcher, um etwas zu zeigen, was eigentlich von außen nicht zu erkennen ist, nämlich das magnetische Verschlusssystem auf der Knopfleiste und auch auf den Manschetten.
Claudia Mattheis: Die Blusen und Hemden, die ihr anbietet, die sehen ja wirklich aus wie sehr hochwertige. Die sehen nicht nur so aus, es sind sehr hochwertige Blusen und Hemden. Ich selber habe ein weißes Hemd von euch. Wie ist es mit der Waschbarkeit? Und man muss es ja dann auch bügeln, und das alles macht der Magnet dann auch mit, oder wie?
Franziska Rauch: Das alles macht der Magnet mit. Es ist ein sogenannter Permanentmagnet. Und eine Sache, die Magnete gar nicht gerne haben, ist Hitze. Das heißt, selbstverständlich darf man diese Bluse nicht mit 90 Grad kochen, was aber wahrscheinlich eh nicht mehr üblich ist heutzutage. Unsere Blusen sind ganz normal waschbar von 30 bis 50 Grad. Und wir haben jetzt das Band in der zweiten Generation, weil wir von vielen Leuten gehört haben, wir würden unsere Blusen eigentlich gerne auch in die Putzerei, also in die professionelle Reinigung bringen. Wir haben Hemden, die wir eigentlich gar nicht zu Hause reinigen, das wird alles weggebracht. Und dieses neue Band ist jetzt sogar so, dass man es in der professionellen Reinigung in den Maschinen waschen kann und auf den Bügelautomaten bügeln kann. Also ja, man kann es genauso pflegen wie jedes andere Lieblingshemd auch. Und an und für sich reicht es eigentlich, dieses Hemd zu waschen und dann schön auszuschütteln, aufzuhängen und am besten gleich am nächsten Tag wieder anzuziehen.
Claudia Mattheis: Okay, jetzt kommen wir noch mal ganz kurz zurück zu den Anfängen. Was war zuerst da, die Produktidee oder der Name Yorokani?
Franziska Rauch: Als erstes war die Produktidee da, weil der erste Name war Pirol. Das ist ein gelber Vogel, der auf dem Dorf, wo ich aufgewachsen bin, sehr häufig war. Und der Pirol ist ein irrsinnig schöner, mittelgroßer Singvogel, der ein ganz prachtvolles, knallgelbes Federkleid hat. Und wir uns sozusagen gedacht haben, wir wollen dieses prachtvolle Federkleid nach außen tragen, dass man sozusagen selbstbewusst auch das Alter beschreiten kann. Riesen Fail. Das war eine der Sachen, die wir gelernt haben. Die Leute sind selbstbewusst, die Leute wissen, dass sie gelbe Vögel sind, wir müssen sie nicht zu dem machen. Das war eine der vielen Annahmen, die wir falsch getroffen haben. Es hat nicht den Pirol gebraucht, sondern was wir ermöglichen können, ist nicht das bunte Federkleid, sondern die Freude und Leichtigkeit im täglichen Ankleiden. Und das ist das, was unser Name bedeutet. Das ist ein japanisches Kunstwort, das sich aus dem Wort Yorokobi und Kani zusammensetzt. Und gemeinsam haben wir es als Yorokani etabliert und auch als Marke schützen lassen. Also zuerst war definitiv die Idee des Kleidungsstücks und dann erst die Erkenntnis, dass es einen anderen Namen braucht. Was wir nämlich immer gemacht haben, ist: wir haben halbtags Produktentwicklung gemacht und am anderen Halbtag haben wir an unserem Auftritt gearbeitet. Wie wollen wir als Marke sprechen? Wir haben überlegt, branden wir uns als Gesundheitsmarke, branden wir uns als Seniorinnen-Marke, oder sind wir vielleicht ein Lifestyle-Produkt oder eine Fashion-Marke? Und auch dazu haben wir große Fokusgruppen abgehalten. Und dann haben wir einmal einen Mann in den Fokusgruppen gehabt, der war 60 Jahre alt und war als Angehöriger Teilnehmer dabei. Und der hat uns auf einen Designvorschlag hin den Vorschlag zurückgeworfen und nur laut aufgelacht: das ist ja was für alte Menschen, na sowas kann ich meiner Mutter nicht vor die Nase legen. Und seine Mutter war zu dem Zeitpunkt über 90 Jahre alt. Und wir haben einige solcher Erfahrungen gemacht und damit war sonnenklar: was wir transportieren wollen, ist Freude und Leichtigkeit und nicht Krankheit und Sterben. Und deswegen ist es zu diesem Namen Yorokani gekommen.
Claudia Mattheis: Was seid ihr denn jetzt eigentlich für eine Marke, eine Fashion-Marke? So euer Selbstverständnis, wenn du sagst, ihr habt darüber nachgedacht – was seid ihr eigentlich?
Franziska Rauch: Wir wollen als Marke nicht über Krankheitsbilder und Defizite sprechen, sondern zufällig haben wir auch einen Magnetverschluss. Aber was wir gesehen haben in unseren Käufen, ist, dass ausschließlich Leute mit einem gewissen Leidensdruck unsere Hemden und Blusen erworben haben: das waren Menschen mit Rheuma, Menschen mit Arthrose, Multiple Sklerose oder auch Parkinson. Und damit wussten wir, wir haben eine Zielgruppe, die sich offensichtlich in einem vertrauensvollen Umfeld bei uns befindet, sodass man auch direkt mit ihnen kommunizieren kann über Krankheitsbilder oder einen Leidensdruck oder körperliche Defizite. Was wir jetzt gemacht haben zum Beispiel, ist, dass wir auf der Website Kategorien eingeführt haben, die über gewisse Krankheitsbilder sprechen. Und was wir beibehalten haben, weil es sich einfach sehr bewährt hat, ist unsere Bildsprache, dass wir eben diese Freude und Leichtigkeit auf den Bildern ausdrücken und auch, dass wir in den Texten ganz klar darüber sprechen, was es bedeutet, sich mit Freude und Leichtigkeit selbstbestimmt kleiden zu können und ganz am Alltag wieder teilhaben zu können.
Claudia Mattheis: Was ich da auch sehr interessant und auch wichtig finde, auch in eurer Positionierung: das ist ja kein Seniorenproblem. Also das ist ja jetzt nicht so, dass man erst mit 60, 70 plötzlich Probleme bekommt, seine Knöpfe zu schließen. Du hattest ja schon einige Krankheitsbilder angesprochen, die auch durchaus jüngere Menschen haben. Multiple Sklerose zum Beispiel. War das von vornherein eine Zielgruppe, die ihr im Kopf hattet, oder hat sich das eher so im Laufe der Zeit entwickelt, dass auch jüngere Menschen eure Produkte kaufen?
Franziska Rauch: Diese Zielgruppe von jüngeren Menschen haben wir überhaupt nicht am Schirm gehabt, weil erst im Laufe der Fokusgruppen, die wir abgehalten haben, habe ich überhaupt einmal erkannt, wie divers Alter sich gestaltet. Wir sind mit der Annahme reingegangen, wir machen ein Produkt für ältere Menschen. Wo fängt ältere Menschen an? 65, 60, 55, je nachdem wie man fragt, oder wenn man meine Großmutter fragt, mit 75. Und dann haben wir erst sozusagen am Thema älterer Menschen gearbeitet und haben uns gedacht, ältere Menschen haben Probleme mit der Augen-Hand-Koordination. Frauen, die in die Menopause kommen, haben zu 75 Prozent Fingersteifigkeit. Und sind erst dann eigentlich dazu gekommen, dass viele Leute sich nicht gut selbstbestimmt kleiden können, weil sie eben eine dieser Krankheiten haben, die wir jetzt gerade besprochen haben. Und dann ist einfach unser wichtigster Faktor die Mundpropaganda. Und wenn man jetzt an Leute verkauft, die Multiple Sklerose haben, kennen die natürlich andere Leute, die Multiple Sklerose haben. Und diese Demografie ist dann auch manchmal viel jünger. Und so sind wir auch über unsere Arbeit in den neurologischen Zentren auf jüngere Menschen gestoßen. Ich möchte aber ganz klar sagen: meine Leidenschaft und Expertise liegt bei einer etwas älteren Demografie und was wir bei unseren Kleidungsstücken besonders berücksichtigt haben, weil wir von Anfang an den Fokus auf ältere Semester gehabt haben, ist, dass wir einen eigenen Schnitt entwickelt haben, der reife Körper perfekt abbildet. Und das spielt uns insofern in die Karten, als dass wir nur eine Retoure auf Verkäufe haben, weil unser Schnitt der deutschen Reihenmessung folgt. Da wurden Masspunkte von Menschen im Sitzen und Stehen genommen, und zwar auch in der Demografie, die wir mit Yorokani bespielen, um sozusagen ein Kleidungsstück perfekt an diesen reiferen Körper anzupassen. Wir wissen, es rundet sich der Rücken ein bisschen, die Schultern flachen ab, oder ganz praktisch bei Frauen: die Brustspitze rutscht 10 cm nach unten, und natürlich wird man sich dann in einer herkömmlichen Bluse weniger gut wiederfinden, außer man trägt vielleicht einen Push-Up-BH, um die Brust wieder so zu heben, dass sie auch zum Brustabnäher passt. Und ich glaube, diese Ansprüche, die wir an die Kleidungsstücke gehabt haben, macht es halt einfach besonders praktikabel und gut als Alltagshilfe für unsere Zielgruppe.
Claudia Mattheis: Das finde ich total spannend. Also ich glaube schon, dass ich ein ziemlich modeaffiner Mensch bin, aber dass der reifere Körper, wie du das so charmant umschrieben hast, dass er sich verändert, das ist auch mir völlig plausibel und völlig klar, und dass es dazu eine umfangreiche Datenlage geben muss, ja klar, ist natürlich auch völlig plausibel. Aber gefühlt berücksichtigen das nicht so viele Hersteller, oder wie siehst du das?
Franziska Rauch: Ja, das sehe ich ganz genauso. Also die Industrienorm ist für 18-jährige Körper und das haben wir oft in unseren Interviews gehört, dass Leute sich dann mit kleinen Krücken sozusagen darüber hinweghelfen, indem sie ein Kleidungsstück beispielsweise ein oder zwei Größen größer erwerben, dann schlottert es rum und sieht einfach nicht mehr so gut aus. Aber sozusagen, nachdem ja für viele Menschen der Alltag auch vermehrt im Sitzen stattfindet, hat man dann plötzlich die Rückenfreiheit oder den etwas längeren Schnitt im Rücken, damit man sich gut sozusagen abgedeckt und gekleidet fühlt.
Claudia Mattheis: Eure Blusen und Hemden sehen jetzt aber auch nicht aus wie die klassische Freizeitkleidung. Also das ist schon so eher etwas, wo man einfach auch gut ins Büro oder zur nächsten Besprechung oder zu einem offiziellen Familienfest gehen kann. War euch das wichtig?
Franziska Rauch: Das war eigentlich der allerwichtigste Punkt, weil uns genau diese wahrscheinlich vier bis fünf Kontaktpunkte, die du jetzt aufgezählt hast, die häufigsten Anlässe waren, um sich formal, sagen wir mal unter Anführungszeichen, formal zu kleiden und wo es dann einen gefühlten gesellschaftlichen Ausschluss gegeben hat darüber, dass man sozusagen nicht mehr mitstehen kann, regelkonform, um sich im Hemd und der Bluse zu kleiden. Und ja, ganz viele Menschen arbeiten einfach lange und viele Menschen mit neurologischen Erkrankungen beispielsweise können aufgrund unserer Hemden sich sozusagen formal wieder so wiederfinden, wie es vielleicht im Büro oder in ihrem Job erforderlich ist.
Claudia Mattheis: Ihr habt für eure Blusen und Hemden sogar Designpreise gewonnen, was ich sehr, sehr spannend finde. Wie kam es dazu? Was wurde da prämiert und wie wichtig ist das auch für euch? Also entwickelt sich auch das Design weiter?
Franziska Rauch: Das war sozusagen, Preise einzureichen und die Hoffnung darauf, von einer Expertinnenjury, die in keiner Assoziation mit uns steht, auch die Auszeichnung zu erhalten, war von Anfang an ein ganz wichtiger Weg, um auch Marketing machen zu können. Weil wir gesagt haben, na klar, man kann für Marketing bezahlen und kann sagen, wir schalten Werbung für Yorokani Magnetkleidung. Aber natürlich weiß jeder, wenn man bezahlt, was dahintersteht. Und deswegen waren redaktionelle Beiträge und die Teilnahme an Awards für uns ein ganz wichtiges Standbein, um diese externe Expertise attestiert zu bekommen und auch am internationalen Radar zu erscheinen. Was wir auch haben, ist ein Patent für unsere Entwicklung. Und es war ganz lustig, weil der erste Patentanwalt, bei dem wir einreichen wollten, hat uns quasi ausgelacht und hat gesagt, also er kennt jedes Patent auf dieser Welt und was wir da uns erdacht haben, schön und gut, dass wir recherchiert haben, sechs Wochen lang auf der weltweiten Patentdatenbank, aber er ist sich ganz sicher, das hat er schon gesehen und das brauchen wir gar nicht einreichen. Und im Übrigen müssen wir auch die Stunde überhaupt nicht bezahlen, weil wir armen Verrückten müssen jetzt nicht auch noch einen finanziellen Schaden haben davon. Hat uns quasi gebeten zu gehen. Dann haben wir in einer anderen Kanzlei vorgesprochen und natürlich unsere Recherche war richtig und wir haben völlig ohne Nachfrage dieses Patent bekommen, was natürlich auch eine relativ wichtige Sicherungsmaßnahme für uns als junges Unternehmen ist und aber auch sozusagen attestiert, dass man wirklich etwas Revolutionäres als erstes Unternehmen erdacht hat. Weil ich glaube schon, dass die Wahrnehmung als das Original eine wichtige ist. Wir können uns vorstellen, dass man Magnetkleidung so etabliert, wie das zum Beispiel gelungen ist mit Tempo. Tempo ist ein Kategorienbegriff für Taschentücher, oder so wie Blackroll – das ist ein Kategorienbegriff für Faszienrollen. Und die Idee, dass wir die Ersten waren und das Original sind, ist schon, dass man vielleicht es schafft, Yorokani als Kategorienbegriff für Magnetkleidung zu etablieren. Weil wie wir wissen, wenn Konzepte funktionieren, dann werden sie auch nachgeahmt, und nachahmen kann man sozusagen nur als Zweiter und auch nicht mehr im Premium-Segment, sondern man muss ein Segment runtergehen. Und das wäre schön, wenn uns das gelingt, eine so stabile Marke aufzubauen, dass wir als eben das wahrgenommen werden, was wir sein wollen.
Claudia Mattheis: Okay, also ihr verortet euch im Premium-Segment?
Franziska Rauch: Ja.
Claudia Mattheis: Okay. Und die Frage, die ich hatte, war mit dem Design. Also das ist ein zeitloses Design, also schon modisch. Zeitlos klingt irgendwie manchmal auch ein bisschen langweilig, aber das kann man durchaus so sagen. Das sind zeitlose Blusen, die für die Frauen finde ich sogar noch ein bisschen moderner. Frage jetzt dazu: entwickelt ihr neue Designs permanent? Richtet ihr euch da auch an aktuelle Designentwicklungen beim Muster und beim Schnitt, oder ist das so ein Klassiker, All-Time-Favorite?
Franziska Rauch: Begonnen haben wir als All-Time-Favorite und auch das ist uns relativ schnell um die Ohren geschossen worden, weil die Leute gesagt haben: ja, ist schön und gut, dass ihr weiße Blusen und blaue Hemden habt, aber ich meine eigentlich die Woche hat sieben Tage und es gibt unterschiedliche Jahreszeiten und es wäre wirklich mal fällig, da auch ein bisschen Farbe und Knall reinzubringen. So sind diese zwei Blusen bei den Damen entstanden, an die du vermutlich jetzt gerade denkst. Und bei Herren ist der Superseller auf jeden Fall bunt karierte Hemden. Und das ist das, wo wir unser Sortiment ausbauen werden in Richtung bunt karierter Hemden.
Claudia Mattheis: Okay, aber ihr bleibt beim Thema Hemden und Blusen, oder sind jetzt auch noch andere Produkte wie zum Beispiel Jacken geplant?
Franziska Rauch: Wir bleiben auf jeden Fall beim Oberkörper und unser Sinnen ist es jetzt einmal, Magnetverschlüsse für den Oberkörper bekannt zu machen in Form von Hemden und von Blusen. Und nachdem wir ja sehr gut funktionierende Schnitte für männliche und weibliche Oberkörper haben, haben wir bereits auch andere Produkte entwickelt, so zum Beispiel Poloshirts oder auch Westen und Pyjamas. Und das ist etwas, was man sozusagen dann im weiteren launchen wird.
Claudia Mattheis: Okay, ich habe noch eine Frage zurück zu euren Anfängen. Du hast ja gesagt, ihr habt sehr viel geforscht und ausprobiert und immer wieder in Fokusgruppen auch das vorgestellt. Ihr habt sehr, sehr viele Prototypen entwickelt und getestet. Da gab es doch wahrscheinlich auch viele Rückschläge, oder nicht? Oder ging das einfach immer so kontinuierlich und super sauber durch?
Franziska Rauch: Du siehst mich Luft anhalten und nicken. Die Zuhörerinnen und Zuhörer nicht, die haben mich jetzt kurz schweigen gehört.
Claudia Mattheis: Ich will auch so eine Geschichte hören.
Franziska Rauch: Ja, wir haben einige wilde Stolperfallen erlebt. Zum einen haben wir in einer Näherei in Tschechien das Know-how aufgebaut, unsere Hemden und Blusen zu nähen. Das sind klassische Hemden und Blusen, Designklassiker sagen wir. Aber aufgrund dieses verdeckt verarbeiteten Verschlusses haben wir natürlich einen komplett anderen Durchlauf als andere Hemden. Und es hat lange gedauert, dieses Know-how dort anzusiedeln. Und dann ist leider gekommen ein wettermäßiges Unglück: ein Wirbelsturm hat die komplette Fabrik zerstört und dann mussten wir uns einen neuen Produktionsstandort suchen und auch sozusagen eine neue Produktionsleitung, weil leider auch unser Ansprechpartner dort bei diesem Wirbelsturm ums Leben gekommen ist. Das war natürlich eineinhalb Jahre so wirklich intensive Beziehungsarbeit. Das war einer der Menschen, der von Anfang an an unser Konzept geglaubt hat, bei dem wir irgendwie gefühlt offene Türen eingelaufen sind und der wirklich einer unserer ganz, ganz großen Unterstützer war, der auch diese Entwicklung stetig mit uns vorangetrieben hat und auch erklärt hat in seiner eigenen Firma, warum man uns wieder einen Slot gibt, um Prototypen nähen zu lassen, warum es wirklich sich auszahlt, noch einmal eine andere Nähtechnik zu verwenden. Und da ist uns ein riesengroßer Wegbegleiter abhandengekommen und dann haben wir nach einer neuen Produktionsstätte gesucht. Da sind wir eine Woche lang, mein Mann und ich, bei 43 Grad durch Nordmazedonien getourt und haben dort mit unseren kompletten Samples vorgesprochen bei vier verschiedenen Nähereien. Es funktioniert dann so, dass man Prototypen dort nähen lässt, die bekommt man ein paar Wochen später zugeschickt und dann wählt man aus, wo die Qualität am besten gepasst hat, wo die Sympathien auch gelegen sind. Weil bei diesen vier Nähereien waren die Sympathien relativ ungleich verteilt. Manche haben halt dieses Konzept nicht verstanden oder nicht so an uns geglaubt, wie sie es hätten müssen, weil die natürlich mit ihrem Vertrauen in eine totale Vorleistung gehen müssen. Wir sind ein nicht bewährtes junges Start-up aus Wien und sozusagen wer sich für uns in die Brennnesseln setzt, muss wirklich an uns glauben. Und haben ein Unternehmen gefunden, das eigentlich bis heute unser Hauptlieferant ist und an uns und unsere Idee vom sekundenschnellen Kleiden glaubt.
Claudia Mattheis: Jetzt frage ich noch etwas aus persönlichem Interesse. Also ich arbeite seit über 28 Jahren auch mit meinem Mann zusammen. Wir haben zusammen eine Werbeagentur hier in Berlin und ich weiß, dass das sehr schön ist, aber muss auch nicht immer so sein. Ihr habt als Ehepaar auch gegründet und gleichzeitig Familie und Unternehmen aufgebaut. Wie war das so?
Franziska Rauch: Die Idee ist entstanden, weil wir sozusagen nach einem gemeinsamen Lebensentwurf gesucht haben, um mehr Zeit miteinander zu verbringen, weil mein Mann war Unternehmensberater und ich habe in internationalen Kinofilmproduktionen gearbeitet. Dann haben wir unsere Kinder bekommen und haben irgendwie erkannt: mal arbeite ich dort, mal arbeitet er da, die Kinder sind auch noch da, wir sehen uns nicht so oft und so intensiv, wie wir das eigentlich wollen, weil wir einander richtig gerne haben und wirklich gerne miteinander Zeit verbringen. Und dann ist eben in stundenlangen Diskussionen und mit dieser Leidenschaft von mir für stilvolle Hilfsmittel die Idee gekommen: weißt du was, versuchen wir gemeinsam zu springen. Schauen wir, dass wir sozusagen die finanziellen Mittel dafür aufstellen im Rahmen einer Förderung. Diese Förderung hat es uns dann ermöglicht, dass wir eineinhalb Jahre lang hauptberuflich diese Produktentwicklung machen konnten und eigentlich wirklich 24 Stunden aneinander geklebt sind. Und das war, ich würde sagen, die ersten zweieinhalb Jahre ein riesengroßer Erfolg und eine riesengroße Freude. Und dann haben wir natürlich bemerkt, dass wir mehr Geschäftspartner sind als romantisches Ehepaar oder auch als Eltern. Und dann haben wir relativ klar begonnen, wie sozusagen diese Produktentwicklung abgeschlossen war, dass wir unsere eigenen Felder abstecken, sodass wir jeder unseren Arbeitstag auch getrennt voneinander begehen können, um uns dann gegenseitig auch reporten zu können und auch irgendwie einen Lead zu haben in einem Feld. Das heißt, er hat das betriebswirtschaftliche Umfeld für unser Unternehmen auf die Beine gestellt. Und für mich war ganz klar im Vordergrund die Verhandlung mit Partnerinnen und Partnern, die neue Produktentwicklung, das Marketingkonzept und die Arbeit an den Fokusgruppen, natürlich für mich als Soziologin eine der spannendsten Aufgaben.
Claudia Mattheis: Klingt interessant und ja, ich kann es bestätigen. Es ist ein guter Plan, die Arbeitsbereiche voneinander zu trennen. Aber euch war schon wichtig, auch gemeinsam, dass ihr ein Unternehmen macht mit einem, sagen wir mal, Social Impact, also mit einem tatsächlichen Mehrwert auch für Menschen. Das war von vornherein klar.
Franziska Rauch: Also wir haben gar nicht überlegt, hey, wir brauchen einen neuen Lebensentwurf, damit wir einander mehr sehen können, sondern es war wirklich eigentlich die Idee, die uns gerufen hat, dass wir gesagt haben: okay, das ist wirklich etwas, worauf wir nicht gewartet haben. Aber es hat plötzlich so laut geschrien, dass wir gesagt haben: okay, das Fenster ist offen, springen wir gemeinsam und lass uns das ausprobieren. Ich muss sagen, dadurch, dass wir in so eine besondere und bisher noch unbeschrittene Sparte hineingesprungen sind, haben wir dadurch ganz viele Möglichkeiten gehabt, weil sozusagen noch niemand vor uns verbrannte Erde gemacht hat oder weil der Diskurs ein ganz neuer war. Der Aspekt: wir als junges Gründerehepaar, das sich mit Demografie auseinandersetzt, das ein Produkt erdenken will für eine ältere Gesellschaft, das ist irgendwie auf offene Ohren und Türen gestoßen.
Claudia Mattheis: Nun habt ihr ja in der Zwischenzeit eine wahnsinnige Expertise entwickelt für Produkte für ältere Menschen oder für Menschen mit Einschränkungen. Was braucht es deiner Meinung nach, damit diese selbstverständlicher, attraktiver und alltagstauglicher werden? Kannst du das noch mal kurz zusammenfassen, jetzt nicht nur bezogen auf Kleidung, sondern allgemein? Weil die haben ja immer noch so einen Hilfsmittelcharakter und werden ja nicht so als selbstverständlich angenommen.
Franziska Rauch: Also ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft aufhören, von einer Krise oder von einer Welle oder von einem Tsunami zu sprechen. Und wenn wir über Pflegeherausforderungen sprechen, das nicht ausschließlich negativ zu konnotieren. Das ist für mich der erste Punkt. Dann würde ich gerne, und das ist ja auch schon der Fall, vermehrt in Film und Fernsehen unterschiedliche Demografien sehen. Und ich glaube, das ist für mich so der wirksamste Moment, das einfach ganz normal im Alltag integriert zu haben, ohne dass man sozusagen die Auseinandersetzung darüber aktiv führen muss, weil wir gemeinsam alle existieren in einer Gesellschaft und jeder an dieser Gesellschaft teilhaben kann.
Claudia Mattheis: Weise Worte. Jetzt noch mal meine allerletzte Frage: wenn du jetzt mal so an dein Alter denkst, wie immer du jetzt den Alterseintritt definierst, ob 50, 60 oder 70, aber wie willst du im Alter leben und wohnen? Was stellst du dir vor und was würdest du dir wünschen?
Franziska Rauch: Also ich würde jetzt mal meinen Alterseintritt mit 75 definieren, weil das ist wie gesagt das, was meine Großmutter gesagt hat, wo sie das erste Mal das Gefühl hatte: oha, jetzt bin ich im Leben angekommen, jetzt bin ich sozusagen auf der Schwelle in eine neue Generation. Und was sich laut ihr total bewährt hat, ist, dass man jugendliche Freundinnen und Freunde hat. Meine Großmutter ist jetzt 101 und die hat noch immer jugendliche Freundinnen und Freunde im Alter zwischen 80 und 85, logischerweise. Aber das gibt ihr die Möglichkeit, eine Perspektive auf die Welt zu haben und die Welt sozusagen aktiv zu erleben und nicht nur sozusagen in einem Defizit denkend zu sein, sondern involviert zu sein in gesellschaftliches Geschehen und auch noch nachgefragt als Ratgeberin und als Freundin und sozusagen als wichtige Ressource für andere Menschen. Und das ist etwas, was mein Mann und ich relativ aktiv, soweit das geht mit zwei kleinen Kindern, versuchen, dass wir uns diese menschlichen Ressourcen aufbauen, um dann auch im Alter erfüllte, schöne Auseinandersetzungen zu haben und coole Dinge zu erleben.
Claudia Mattheis: Ja, das ist doch ein super Schlusswort. Liebe Franziska, herzlichen Dank für dieses tolle Gespräch. Den Link zu Yorokani und auch diverse Bilder aus eurer Kollektion wird es auf unserer Webseite auch geben. Vielen, vielen Dank für das Gespräch.
Franziska Rauch: Ich danke dir vielmals für deine Einladung und danke für deine tollen Vorbereitungen und Fragen. Das war super interessant.
Claudia Mattheis: Gerne.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.
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