Ein ehrliches und warmherziges Buch über das Älterwerden voller Erkenntnisse und Lebensklugheit.
Offen gesagt: Die Romane von Ildikó von Kürthy haben mich nie so richtig erwischt. Charmant, ja. Witzig oft. Aber irgendwie immer ein bisschen zu glatt. Dieses Buch hier ist anders. Der Ton ist rauer geworden, ehrlicher, weniger auf Gefälligkeit aus. Und genau deshalb trifft es viel tiefer.
„Alt genug” ist das persönlichste Buch der Bestsellerautorin bisher: ein Memoir über das Leben jenseits der Lebensmitte, über Ängste, die man überwindet, und solche, die man einfach mitnimmt. Über Abschiede, die sich irgendwann nicht mehr wie Verlust anfühlen. Und darüber, dass bequeme Unterwäsche kein Kapitulationszeichen ist, sondern ein Zeichen von Freiheit.
7 Erkenntnisse aus „Alt genug”
1. Die inneren Giftzwerge haben einen Namen und das hilft
Eine der stärksten Passagen des Buches spielt vor einem Badezimmerspiegel in Hamburg. Von Kürthy steht da in ihrer „fleischfarbenen Unterwäsche mit hohem Komfort-, aber zero Erotikanteil” und beschreibt die Gedanken, die auf sie einprasseln, bevor sie auf eine Party geht, bei der sie kaum jemanden kennt. Sie nennt diese Gedanken „Giftzwerge”: eine Armee innerer Stimmen, die abwechselnd sie selbst und alle anderen kleinreden. Was auf den ersten Blick wie Selbstironie klingt, ist in Wirklichkeit ein sehr präzises Beobachtungsprotokoll davon, was im Kopf passiert, wenn das Selbstwertgefühl schwankt. Von Kürthy benennt es und nimmt ihm dadurch einen Teil seiner Macht.
2. „Du bist nicht allein” ist mehr als ein Trostfloskelsatz
Von Kürthy beschreibt, was sie als ihre eigentliche Botschaft versteht, und sie scheut das große Wort nicht: „Meine Botschaft ist Gemeinschaftsgefühl. Meine Botschaft lautet: Du bist nicht allein.” Sie schreibt, dass sie genau deshalb so offen über eigene Scham, Versagensangst und Selbstzweifel spricht: weil sie weiß, dass immer irgendwo eine Frau zuhört, die dasselbe kennt. Diese Haltung zieht sich durch das ganze Buch. Es geht nicht darum, Stärke vorzutäuschen, sondern darum, ehrlich zu zeigen, dass niemand diese Gefühle alleine hat.
3. Wer glaubt, man müsse sich andauernd selbst lieben, hat noch nicht ehrlich mit sich gesprochen
Von Kürthy hat wenig übrig für das, was sie das „Optimismus-Tourette der Lebenshilfe-Szene” nennt. Sie besucht ein großes Persönlichkeitsentwicklungs-Festival, wird beim Eingang zum High Five gezwungen, hört sich an, wie Tausende gemeinsam „Ich bin ein Gewinner!” rufen, und bleibt als Einzige bei den Standing Ovations für die Eröffnungsrednerin sitzen. „Das war ein gutes Gefühl”, schreibt sie trocken. Ihr Gegenentwurf ist nicht positives Dauerdenken, sondern das Recht, sich auch mal schlechtzufinden und trotzdem weiterzumachen. Sie zitiert Harald Schmidt, der vom „Flachland des Optimismus” spricht. Das passt gut.
4. Mit 57 bei Germany’s Next Topmodel bewerben? Warum eigentlich nicht!
Für dieses Buch hat von Kürthy sich in Situationen begeben, die sie sich vorher nicht hätte vorstellen können. Eine davon: Sie bewirbt sich als Kandidatin bei Germany’s Next Topmodel. Nicht um zu gewinnen, sondern weil sie die Bühne nicht „den Furcht- und Fantasielosen, den Ebenmäßigen, den Geradegewachsenen” überlassen wollte. Sie dreht ein Bewerbungsvideo, postet es auf Instagram, eine Million Menschen schauen es an. Was folgt, ist eine ehrliche Reflexion darüber, was Sichtbarkeit im Alter bedeutet und warum das Verblühen seine eigene Form von Schönheit hat. Goya lehnte es ab, seine gealternden Gemälde zu restaurieren. „Auch die Zeit ist ein Maler”, sagte er. Von Kürthy macht daraus einen ihrer leisen, aber sehr treffsicheren Kerngedanken.
5. Mit fast 60 zum ersten Mal in New York und George Clooney war schuld
Von Kürthy war nie in New York. Jahrzehntelang nicht. Ihr Mann war über dreißigmal dort, ihre Söhne fuhren hin, ihre Kollegen tauschten Tipps aus. Sie blieb, redete sich ein, sie würde innerlich weit reisen, und hatte in Wahrheit schlicht Angst. Mit achtzehn die erste Panikattacke, danach jahrelange Agoraphobie, Flucht- und Höhenangst. Für dieses Buch fliegt sie. Und kauft eine Karte in der dritten Reihe für das Broadway-Debüt von George Clooney. Mitten im Stück kommt die Panik, sie sieht schon, wie sie sich kreischend durch die Reihen bahnt, wie Clooney irritiert innehält. Dann ist es vorbei. „Beim Schlussapplaus jubelte ich den Schauspielern und auch mir selbst zu.” Es ist eine der witzigsten und gleichzeitig rührendsten Passagen des Buches.
6. Vom Grab der Eltern Abschied nehmen: Wenn die Wunde zur Narbe wird
Von Kürthy steht seit Mitte zwanzig mehrmals im Jahr am Grab ihrer Eltern in Aachen. Jahrelang weint sie dort bitterlich. Bis zu dem Moment, der sie selbst überrascht: Sie steht am Grab, und da ist kein Kummer mehr. Keine Wunde. Nur noch ein Grab mit einem verblichenen Gartenzwerg. „Ich lebe jetzt schon deutlich länger ohne sie, als ich mit ihnen gelebt habe”, schreibt sie. „Und auf einmal fühlte ich mich versöhnt.” Dieser Moment des stillen Loslassens, nicht als dramatischer Durchbruch, sondern als leises Ankommen bei sich selbst, gehört zu den eindrücklichsten Stellen des Buches.
7. Wissen, wohin man nicht gehört, ist auch eine Form von Mut
Von Kürthy beschreibt, wie sie einer Jury angehörte, die jährlich den Brigitte Award vergibt. Hochkarätige Frauen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Nach drei Stunden erkennt sie: Sie ist in dieser Runde nicht die Richtige. Sie bringt keine neuen Argumente, kann die Kandidatinnen nicht so vertreten, wie sie es verdienen würden. Statt das zu kaschieren, schreibt sie der Chefredakteurin: Bitte ersetzen Sie meinen Platz durch eine Frau, die ihn besser ausfüllen kann. „Ich werte diesen Rückzug nicht als Scheitern oder als Versagen, ganz im Gegenteil, ich empfinde ihn als sehr erfreulichen Zuwachs an Selbsterkenntnis und innerer Reife.” Das ist kein Einlenken. Das ist Klarheit.
Für wen ist dieses Buch?
„Alt genug” richtet sich an Frauen jenseits der Lebensmitte, aber nicht nur an sie. Es ist ein Buch für alle, die das Gefühl kennen, irgendwo zwischen wer man war, wer man sein sollte und wer man tatsächlich ist ein wenig verloren zu sein. Von Kürthy schreibt nicht darüber, wie man das alles in den Griff bekommt. Sie schreibt darüber, wie es sich anfühlt, wenn man aufhört, es in den Griff bekommen zu wollen, und was dann möglich wird. Das Buch liest sich schnell, lacht viel und hinterlässt mehr, als man erwartet.
Über die Autorin
Ildikó von Kürthy ist Journalistin und eine der meistgelesenen deutschen Schriftstellerinnen. Ihre Bücher sind Nummer-1-Bestseller, wurden mehr als sieben Millionen Mal verkauft und in 21 Sprachen übersetzt. Sie lebt mit ihrer Familie in Hamburg.

- Verlag: Ullstein Hardcover
- Erscheinungstermin: 26. Februar 2026
- 272 Seiten
- ISBN: 978-3550204128
- Autorin: Ildikó von Kürthy
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.








