Warum das Dorf der klügste Wohnplan für die zweite Lebenshälfte sein könnte – nicht nur als Seniorendorf.
Katrin Frische hat nicht lange gewartet, bis jemand anderes ein Dorf baut. Sie hat es selbst getan. Als eine Ehe endete und sie sich fragte, wie sie ihren drei Kindern ein gemeinschaftlicheres Leben bieten kann, stieß sie 2009 auf ein Architekturbüro, das sich dem Thema gewidmet hatte. Kein Projekt gefunden, aber einen Partner fürs Leben und für die Arbeit. Aus dieser Begegnung entstand Meerleben, ein Dorf an der Ostsee. Dann Borgo Batone in der Toskana. Dort lernte sie Nina Nisar kennen, die als eine der ersten der „verrückten Idee“ folgte. Die gemeinsame Arbeit an Borgo Batone zeigte, dass die Zusammenarbeit funktioniert. Daraus entstand die Geschäftsidee zu bzw.Dorf.
Seniorendorf ist meistgesuchter Begriff
Heute begleiten die beiden Gründerinnen Baugruppen, Genossenschaften und Wohninitiativen von der ersten Idee bis zur gelebten Gemeinschaft. Und weil „Seniorendorf“ zu den meistgesuchten Begriffen auf LIVVING.de gehört, Menschen zwischen 50 und 70 sich also offensichtlich etwas sehr Ähnliches wünschen, was Katrin Frische und Nina Nisar schon lange bauen, wollte ich sie unbedingt in meinen Podcast einladen.

Die wichtigsten 5 Erkenntnisse aus dem Gespräch
1. Das Dorf ist kein Nostalgieprojekt, sondern ein menschliches Grundbedürfnis.
Gemeinschaft ist keine nette Zugabe zum Wohnen, sondern ein echtes Bedürfnis. Nina Nisar nennt es schlicht: „Gemeinschaft ist wirklich ein Wohnbedürfnis von Menschen.“
2. Generationsoffen ist kein Kompromiss, sondern das Prinzip.
Katrin Frische lehnt Monokulturen ab, ob Altenheim oder Kinderviertel. „Lebendig und lebenswert wird eine Gemeinschaft tatsächlich mit der Vielfalt“, sagt sie. Das Dorf funktioniert genau deshalb, weil Jung und Alt sich gegenseitig brauchen.
3. Gemeinschaft muss man aktiv aufbauen, sie entsteht nicht von selbst.
bzw.Dorf begleitet Projekte nicht nur bis zum Einzug. Onboarding-Prozesse, Delegationen, gemeinsame Workcamps: Gemeinschaft, so Nisar, braucht Struktur und das bewusste Training, sich „vom Ich zum Wir zu bewegen“.
4. Das Wichtigste ist gegenseitiges Wohlwollen, und das lässt sich nicht erzwingen.
Katrin Frische bringt es auf einen Satz: „Das Allerwichtigste in solchen Gemeinschaften, dass die funktionieren können, ist ein gegenseitiges Wohlwollen. Und wenn das nicht vorhanden ist, dann hast du eigentlich schon verloren.“
5. Bauen ist Krise, und wer das weiß, hat die besten Voraussetzungen.
Für Baurechtsschaffung sollte man realistisch fünf Jahre einplanen. Wer Lösungsorientierung als Grundhaltung mitbringt, hat laut Frische die entscheidende Eigenschaft für ein gelingendes Projekt.



Warum wir Katrin Frische und Nina Nisar eingeladen haben
Die Geschichte hinter bzw.Dorf beginnt nicht mit einer Geschäftsidee, sondern mit einer ganz persönlichen Suche. Katrin Frische war in einer Lebensphase, in der eine Ehe endete, und fragte sich, was alternative Lebensformen bieten können. Sie sagt dazu:
„Ich habe mich gefragt, wie ich auch meinen Kindern, drei an der Zahl, irgendwie eine Form von gemeinschaftlicherem Leben und Einbettung in einer Gemeinschaft bieten kann.“
Diese Suche führte sie 2009 zu einem Architekturbüro und letztlich zu ihrem heutigen Partner, mit dem sie das erste Dorfprojekt an der Ostsee aufbaute.
Nina Nisar stieß über Borgo Batone in der Toskana ins Team. Die Zusammenarbeit an diesem Projekt funktionierte so gut, dass daraus die Geschäftsidee zu bzw.Dorf entstand.
Heute begleiten beide Gründerinnen Projekte von der Konzeptphase über Kommunikation und Veranstaltungen bis hin zum aktiven Gemeinschaftsaufbau. Sie verbinden Storytelling, Placemaking und Community-Building, und wissen aus eigener Erfahrung genau, woran Gemeinschaft wächst und woran sie scheitern kann.


Warum sehnen sich so viele Menschen ab 50 nach dem Leben im Dorf?
Wenn Kinder ausziehen und Nachbarschaft zu still wird
Die Zahlen sprechen für sich: „Seniorendorf“ gehört zu den meistgesuchten Begriffen auf LIVVING.de. Doch was steckt hinter dieser Suche? Nina Nisar beschreibt es mit einem einfachen gesellschaftlichen Raster:
„Da sind wir als Individuen, da sind Familienkonstrukte, ob es die Herkunftsfamilie ist oder eine eigene gegründete Familie. Und die nächste Einheit, die danach kommt, hat was mit Freundeskreis und Wahl zu tun. Und dann größer wird es in Richtung Nachbarschaft. Und dann ist das Dorf für mich ganz schnell da.“
Katrin Frische benennt, was viele Menschen in der zweiten Lebensbälfte spüren, aber selten so klar formulieren:
„Gerade in dieser Phase, 50 plus, ist eben noch mal so eine Lebensphase. Die Kinder sind aus dem Haus, und viele fühlen sich irgendwie einsam. Da fehlt irgendwas. Da fehlen entweder die Kernfamilie oder es fehlt halt Nachbarschaft, die zu anonym geworden ist. Und das führt für mich dann automatisch eigentlich in dieses Dorfbild so rein.“
Das Dorf ist dabei kein nostalgisches Idealbild vom Landleben der 1950er Jahre. Frische nennt es selbst „Dorf 2.0“: eine überschaubare Gemeinschaft, in der man sich kennt, aufeinander achtet und gegenseitig unterstützt, ohne die eigene Unabhängigkeit aufzugeben. Dazu passt auch der ungewöhnliche Name des Unternehmens bzw.Dorf: „Beziehungsweise zu sein sehen wir als etwas, was wir anstreben, wo wir auch immer wieder dran wachsen“, erklärt Nina Nisar. „Und das im Bezug zu Dorf: Gemeinschaft ist wirklich ein Wohnbedürfnis von Menschen.“

Was unterscheidet ein generationsoffenes Dorfprojekt von einer gewöhnlichen Wohnanlage?
Ein Ort ohne Zäune, mit echter Architektur und echter Mischung
Katrin Frische sträubt sich gegen das, was sie „Monokulturen“ nennt: Kinder unter Kindern, Ältere unter Älteren. Sie sagt:
„Lebendig und lebenswert wird eine Gemeinschaft tatsächlich mit der Vielfalt. Ich bin auch davon überzeugt, dass das für eine gesunde Gemeinschaft das Richtige ist. Ich finde es vor allen Dingen schön, wenn es eine Durchmischung gibt, wo die Jungen den Alten helfen können, die Alten für die Jungen da sind. Eigentlich macht es für mich das Lebenswerte im Leben aus, dieses Durchmischte.“
Diese Haltung setzt sich auch in der Architektur fort. Am Beispiel von Meerleben, einem Dorfprojekt an der Ostsee mit 13 Häusern, beschreibt Frische das Leitprinzip: „Einheit in der Vielfalt weitertragen, verkörpern, versinnbildlichen. Es gibt kleinere Häuser, es gibt große Häuser. Wir haben da ein Häuschen mit 18,3 Quadratmetern, mit Abstand das kleinste. Trotzdem ist es sehr lebenswert.“ Die Materialien sind bewusst gewählt: natürliche Baustoffe, die atmen, ökologische Nachhaltigkeit ohne Dogmatismus. Und ein Detail, das viel sagt:
„Wir arbeiten ohne Zäune. Die Grundstücke gehen ineinander über. Das halten wir für einen ganz wichtigen Bestandteil des Konzeptes.“
Neben Meerleben begleiten Katrin Frische und Nina Nisar weitere Projekte: Borgo Batone in der Toskana, eingeschmiegt in die Hügellandschaft rund um Lucca, ein Ort mit Kapelle, Brunnen und eigener Wasserquelle, der seit Dezember 2022 genossenschaftlich betrieben wird und derzeit bis zu 40 Menschen parallel Platz bietet. Den Neuen Re:hof in der Uckermark, ein Juwel hinter alten Backsteinmauern mit einem weitläufigen Pfarrgarten. Und vielleben Stellshagen an der Ostsee, wo gerade zehn Holzhäuser mit einer parkartig gestalteten Gemeinschaftsfläche entstehen. Nina Nisar bringt das verbindende Prinzip auf den Punkt:
„Selbstwirksamkeit, die darin ist, das ist etwas, was viele von uns im Moment vermissen. Die eigenen Lebensräume wirklich gestalten zu können.“

Was braucht es wirklich, damit Gemeinschaft dauerhaft funktioniert?
Lösungsorientierung als Muskeltraining und das eine Wort, das alles entscheidet
Wer in einer Gemeinschaft lebt, muss gemeinsam entscheiden, manchmal streiten, immer wieder Kompromisse finden. Katrin Frische hat aus vielen Jahren Projektbegleitung eine klare Antwort auf die Frage, was am meisten zählt:
„Das Allerwichtigste in solchen Gemeinschaften, dass die funktionieren können, ist ein gegenseitiges Wohlwollen. Und wenn das nicht vorhanden ist, dann hast du eigentlich schon verloren.“
Als zweite Eigenschaft nennt sie Lösungsorientierung. „Es gibt Menschen, die sind sehr problemorientiert, und es gibt Menschen, die sind lösungsorientiert. Das ist auch eine sehr, sehr wichtige Eigenschaft, die man mitbringen muss.“ Ihr Partner bringt es auf eine kurze Formel, die sie im Podcast zitiert: „Bauen ist Krise.“ Und das, so Frische, müsse man wissen, bevor man anfängt. Für die Baurechtsschaffung sollte man realistischerweise fünf Jahre einplanen. Eine Zahl, die Kommunen gern kleinreden, die Praxis aber immer wieder bestätigt.
Nina Nisar ergänzt die individuelle Perspektive um eine strukturelle:
„Diese Fähigkeit, sich vom Ich zum Wir zu bewegen. Nicht von meins lassen, aber auch die Perspektive: Was dient in der Gemeinschaft gerade? Ist das gerade mein individuelles Interesse und muss ich das jetzt durchdrücken, oder habe ich die Gemeinschaft im Blick? Das immer wieder zu trainieren als Muskel, wir nennen das auch wirklich Muskeltraining.“

Bei bzw.Dorf ist dieser Prozess strukturell verankert. Es gibt einen Onboarding-Prozess, bei dem die bestehende Gemeinschaft selbst über neue Mitglieder entscheidet. Es gibt Delegationen und Kreise, in denen kleine Gruppen konkrete Themen gestalten. Und Spannungen werden nicht wegmoderiert, sondern als kreatives Material genutzt. „Wir versuchen, Spannungen nicht aus dem Weg zu gehen, sondern sie als kreatives Material zu nehmen“, sagt Nisar. Tragfähige Gemeinschaft entsteht nicht durch Harmonie, sondern durch den ehrlichen Umgang mit den unausweichlichen Reibungen.
Was kosten ein Platz im Dorf?
Wer wissen möchte, was ein Platz in einem dieser Dörfer konkret kostet: Bei den temporären Projekten wie dem Neuen Re:hof und Borgo Batone liegt der Einstieg jeweils ab 50.000 Euro für genossenschaftliche Nutzungsrechte. Bei Erstwohnsitz-Projekten hängt es stark vom Ort und der gewünschten Fläche ab. Das Grundprinzip aller Projekte beschreibt Frische so: „Reduzierte Individualflächen und üppigere Gemeinschaftsflächen. Also eher klein und fein wohnen, und dann eben für das, was man on top möchte, die Gemeinschaft nutzen.“ Für diejenigen ohne großes Eigenkapital sind die Genossenschaftsmodelle besonders interessant: Über das KfW-134-Programm sind staatlich geförderte Kredite möglich, die den Einstieg deutlich erleichtern.

Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten
Wenn Sie sich irgendwo zwischen „Ich will nicht allein alt werden“ und „Ich bin nicht der Typ für Kommunen“ verorten, ist dieses Gespräch wie für Sie gemacht.
Katrin Frische und Nina Nisar zeigen, dass gemeinschaftliches Wohnen weder Verzicht bedeutet noch ein bestimmtes Weltbild voraussetzt. Es braucht keine gemeinsame Lebensphilosophie und keinen abgestimmten Ernährungsplan, nur ein gewisses Wohlwollen für die Menschen um einen herum. Und den Mut, neu nachzudenken, wie und wo man die nächsten Jahrzehnte wirklich leben will. Dieses Gespräch macht Lust, genau das zu tun.
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