Maximiliane Kugler, Gründerin der Pflege-App fabel, über digitale Lösungen im Pflegedschungel, den Wert von Pflegenetzwerken und warum jeder sich rechtzeitig Gedanken über Pflege machen sollte
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Je nach Pflegegrad nehmen Pflegeaufgaben bis zu 30 Stunden pro Woche in Anspruch. Eine Belastung, die viele pflegende Angehörige auf Dauer an ihre Grenzen bringt.
Maximiliane Kugler kennt dieses Problem aus nächster Nähe und spricht im Interview mit Claudia Mattheis, Chefredakteuerin von LIVVING.de, über ihre Erfahrungen.
Denn diese waren Motivation genug, um ein Tech-Startup zu gründen, das heute Tausenden von Familien den Pflegealltag erleichtert.
Von der Werbeagentur zum Healthtech-Startup
Der Weg zur Gründerin war für Maximiliane Kugler nicht geplant, aber folgerichtig. „Ich komme auch aus der Werbung, klassische Werbeagentur-Erfahrung und habe in Hamburg von Serviceplan den Healthbereich mit aufgebaut“, erzählt sie im Interview. Ihre Erfahrung mit globalen Healthcare-Kunden zeigte ihr eines deutlich: „Ich kenne die Gesundheitsbranche und weiß, wie weit Digitalisierung dort schon ist – in der Pflege hingegen läuft noch vieles analog.“
Der entscheidende Impuls kam aus dem eigenen Leben. Bei Maximiliane und ihrer Mitgründerin Alicia Faridi wurden zeitgleich die Großeltern pflegebedürftig. „Unsere eigenen Eltern waren dann hauptsächlich mit in der Pflege beschäftigt und wir merkten, wie es dann im Alltag läuft. Oder wie es eben auch nicht lief“, erinnert sich Maximiliane. Die Lösung lag auf der Hand: „Es kann doch nicht sein, dass meine Mutter zu ihrer Mutter 300 Kilometer pro Strecke fährt, um Einkaufen zu gehen. Das kann man doch besser digital lösen.“
Die digitale Pflegefachkraft für zu Hause
Seit Anfang 2022 gibt es fabel. Den Namen kann man sich als „for a better everyday life“ merken, auch wenn er meist deutsch ausgesprochen wird. Auf die Frage, wie sie ihre App in einem Satz erklären würde, antwortet Maximiliane klar: „Fabel ist die digitale Pflegefachkraft für die häusliche Pflege, mit der Menschen wie du und ich es schaffen, im Pflegedschungel zurechtzukommen.“
Drei Säulen für mehr Entlastung für Angehörige in der Pflege
Die App ruht auf drei wesentlichen Säulen:
1. Pflegewissen vermitteln
„Jeder kommt ja aus einer anderen Situation heraus. Bei den einen ist es Demenz, bei den anderen Inkontinenz, beim dritten ist es wiederum ein akuter Sturz gewesen“, erklärt Maximiliane. „Erst mal muss ich als pflegende Angehörige mir ganz viel Wissen aneignen. Wie pflege ich überhaupt? Wie gehe ich mit der Indikation um? Wie wechsle ich Stützstrümpfe?“
Da hilft die kürzlich für iOS gelaunchte Pflege-AI, intern „fabel Assistant“ genannt. Die Funktion ermöglicht es, gezielt Pflegewissen abzurufen, ohne sich mühsam durch Artikel klicken zu müssen.
2. Pflege organisieren und delegieren
Der Kern des Konzepts ist die Entlastung durch Vernetzung. „Es braucht, wie man so schön sagt, ein ganzes Dorf, um ein Kind groß zu ziehen. Und am Ende des Tages ist es bei der Pflege nicht anders“, betont Maximiliane. „Diese Aufgabe kann nicht nur auf einer Person lasten. Das ist ein Irrsinn.“
Die App ermöglicht es, im Kalender einen Pflegeplan zu erstellen. Genau so, wie es eine professionelle Pflegefachkraft tun würde. „Was musst du morgens, mittags, abends, nachts machen? Und dann kannst du gucken, schaffe ich das, schaffe ich das nicht? Und das, was ich nicht schaffe, wer kann diese Aufgaben übernehmen?“
3. Alle Ressourcen an einem Ort bündeln
„Du brauchst ganz viel, wenn du pflegst“, weiß Maximiliane. „Du brauchst zum Beispiel einen Homecare-Anbieter, einen Pflegedienst, einen physischen Ort, wo du dich informierst, Pflegeprodukte.“ All das bietet fabel gebündelt auf einer Plattform an.
Die App für pflegende Angehörige: Kostenlos und niedrigschwellig
Ein entscheidender Faktor für die Akzeptanz: Die App ist und bleibt kostenlos für Angehörige. Das senkt die Schwelle zur Nutzung erheblich und entspricht dem sozialen Anspruch der Gründerinnen.
Entlastung im Pflege-Alltag: Das Netzwerk macht den Unterschied
Ein typisches Beispiel aus dem Alltag: „Du pflegst deine Mutter, hast vielleicht auch noch Nachbarn und einen Pflegedienst, die du einbinden möchtest.“ Genau dafür ist fabel gedacht. Die App ermöglicht es, alle Beteiligten ins digitale Pflegenetzwerk zu holen, z. B. von Familienangehörigen über Nachbarn bis zu professionellen Pflegediensten.
Dies bedeutet auch das Ende des WhatsApp-Gruppen-Chaos: Bei Alicia Faridi, der Mitgründerin, war das ein entscheidender Faktor. „In ihrer WhatsApp-Gruppe ist häufig ein Riesenchaos entstanden, weil das, was gestern geschrieben war, heute nicht mehr aktuell war und keiner mehr wusste, was zu tun ist.“
Die Zukunft: fabel PRO für professionelle Anbieter
fabel hat im September 2025 einen bedeutenden Schritt angekündigt: Mit „fabel PRO“ startet Ende 2025 eine SaaS-Lösung speziell für Homecare-Unternehmen. Die neue B2B-Plattform ergänzt die bestehende B2C-App und schafft eine digitale Brücke zwischen professionellen Anbietern und Familien.
„Wir bauen die digitale Infrastruktur, die Homecare-Unternehmen für die Zukunft brauchen und verbinden sie direkt mit den Familien, die auf ihre Unterstützung angewiesen sind“, erklärt Alicia Faridi, CEO und Mitgründerin.
Für Homecare-Anbieter bedeutet das konkret:
- Mehr Effizienz durch strukturierte Kommunikation
- Entlastung durch weniger Telefonate und Abstimmungsaufwand
- Nahtlose Integration eigener Produkte und Dienstleistungen
- Stärkere Kundenbindung durch direkten Zugang zu Angehörigen
- Wettbewerbsvorteil im Entlassmanagement

Zwei Frauen, ein Tech-Startup und die besonderen Herausforderungen
Dass zwei Frauen ein Tech-Start-up gründen, ist immer noch die Ausnahme. „Frauen haben, das kann man auch nicht wegdiskutieren, einfach einen schwereren Zugang zum Wagniskapital“, sagt Maximiliane offen. Dazu kommt: „Unser Feld, mit dem wir uns beschäftigen, ist Pflege, aber wir sind ein Tech-Start-up. Nur weil wir Frauen sind, sind wir jetzt nicht nur im softeren Bereich unterwegs, sondern wir bauen ein Tech-Start-up und setzen da alles ein, was wirklich top of the notches Technologie ist.“
Auch die Mutterschaft – Maximiliane hat eine fünf Monate alte Tochter – ist ein Faktor, den Investoren kritisch sehen. „Das ist natürlich auch ein Thema. Manche Investoren sagen, die können alle potenziell Kinder kriegen und dann ist es ein Problem“, sagt Maximiliane nüchtern. Ihre Lösung: „Man muss es besprechen, man muss es sichtbar machen, man muss Rolemodels schaffen.“

Tipp: Frühzeitig Gedanken machen, wie man pflegen kann oder gepflegt werden will
Am Ende des Interviews hat Maximiliane eine Botschaft, die sie „immer am Ende“ platziert, „weil ich es so wichtig finde“: die Aufforderung, sich rechtzeitig mit Pflege auseinanderzusetzen.
„Pflege kann jeden betreffen. Es wird kaum jemanden geben, der nicht entweder selber pflegebedürftig wird oder pflegen muss. Das ist einfach eine Tatsache.“ Ihr Appell: „Sich frühzeitig darüber Gedanken zu machen und nicht erst, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Dazu gehören Fragen wie: Wie möchte ich gepflegt werden? Wie möchte ich, dass meine Mitmenschen um mich herum gepflegt werden?“
Es klingt banal, „aber es ist so entscheidend und kann bei einem konkreten Pflegebedarf ganz, ganz viel Stress ersparen“, betont Maximiliane.
Über fabel: fabel ist die digitale Plattform für pflegende Angehörige in Deutschland. Die App bündelt Pflegewissen, Organisationstools sowie Services und wird mit fabel PRO zur Brücke zwischen Familien und professionellen Anbietern. Die kostenlose App ist für iOS und Android verfügbar.
Weitere Informationen:
Website: fabel.care/de
Download iOS: App Store
Download Android: Google Play
fabel PRO für Homecare-Unternehmen:
fabel.care/de/fabel-pro


Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.
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