saba Wäsche wurde nicht in einem Konferenzraum geboren, sondern am Pflegebett. Heute hilft sie pflegebedürftigen Menschen, pflegenden Angehörigen und professionellen Pflegekräften mit einer einfachen wie genialen Lösung: Unterwäsche mit Klettverschluss, die ohne Kraftaufwand einfach an- und ausgezogen werden kann.
Warum dieses Interview?
Pflege betrifft uns alle, direkt oder indirekt. Doch oft wird darüber gesprochen, als sei es ein „Spezialthema“. Dabei leisten Millionen Menschen in Deutschland tagtäglich Pflegearbeit, meist unbeachtet, oft überlastet. In diesem Interview trifft Claudia Mattheis, Chefredakteurin von LIVVING:de, auf eine Frau, die nicht abgewartet hat, bis jemand anderes hilft, sondern selbst angepackt hat. Entstanden ist ein patentiertes Produkt, das Pflegesituationen würdevoller macht.
Der Anfang: Wenn Alltag zur Innovation wird
Wie ein Pflegeproblem zur Produktidee wurde
„Ich hatte einfach ein Problem, das gelöst werden musste“, sagt Gisela-Elisabeth Winkler. Ihr Mann war zunehmend bewegungseingeschränkt. Das tägliche Anziehen wurde zur Herausforderung. „Es wurde immer schwieriger, ihn zu mobilisieren. Aber nur im Bett zu liegen war für uns keine Option. Und dann dachte ich: Warum gibt es eigentlich keine Wäsche, die man nicht über den Kopf ziehen muss?“
Der Gedanke ließ sie nicht mehr los. Sie suchte online, im Handel, in Sanitätshäusern. „Es gab einfach nichts.“ Also rief sie ihre Schwester an: „Pass mal auf, liebe Sigrid, kannst du mir das und das so und so machen?“ Sigrid, Schneidermeisterin, stutzte erst, dann entwarf sie einen Prototyp: Ein Unterhemd, vorne offen, mit Klettverschluss, keine Hebebewegung nötig, mit passender Unterhose. „Wir haben es dann am lebenden Objekt getestet und es funktionierte.“
Vom Pflegealltag zum Patentschutz
„Es kann doch nicht sein, dass das niemand braucht“
Was als Einzelstück für den Ehemann begann, wurde zur Mission. „Ich dachte: Mein Mann ist doch nicht der Einzige, der sowas braucht.“ Und weil sie keine halben Sachen machen, ließen die Schwestern ihr Konzept patentieren und meldeten sich bei einer Erfindermesse an. Ergebnis: eine Goldmedaille. Ein Etappensieg und der Start für das Unternehmen saba Wäsche.
„Wir haben dann eine kleine Produktion in Deutschland gefunden, das war uns wichtig.“ Die Wahl fiel auf eine Textilfirma in Sachsen mit langer Tradition. Dort wird die Wäsche bis heute gefertigt auf Spezialmaschinen, aus Baumwolle, hochwertig verarbeitet.
Pflege in Deutschland und was daran fehlt
Über 5 Millionen Pflegebedürftige, 2,5 Millionen Angehörige
Laut Statistischem Bundesamt waren 2023 rund 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig. Über 85 % werden zu Hause betreut, häufig von Angehörigen, oft rund um die Uhr. „Ich weiß ganz genau, wie schwer das ist“, sagt Gisela-Elisabeth Winkler. „Ich habe meinen Mann neun Jahre gepflegt. Am Anfang war es leichter, aber mit der Zeit wurde es richtig schwer.“
Pflegende Angehörige wie sie sind das Rückgrat des Systems und oft allein. Die Wäsche, die sie erfand, ist mehr als ein Kleidungsstück. Sie ist ein Werkzeug gegen Überlastung, gegen Entwürdigung, gegen Alltagshindernisse.
Die Wirkung von saba Wäsche: Entlastung, wo sie gebraucht wird
Nicht nur für Pflege, auch nach OPs und bei mobilen Einschränkungen
„Ich habe später gemerkt: Unsere Wäsche hilft nicht nur bei dauerhafter Pflegebedürftigkeit. Auch bei einer Schulter-OP oder nach einem Sturz ist sie Gold wert.“ Die Idee wächst mit der Realität. Deshalb baut sie gerade an einer neuen Struktur für den Shop: „Kleidung für …“ – also für Schulter-OP, für Hüfte, für Rollstuhl-Nutzung.
Auf ihrer Website erklärt sie Anwendungsfälle, zeigt Videos, beschreibt den Nutzen. „Man muss es sehen, um es zu verstehen“, sagt sie. „Wenn jemand im Sanitätshaus steht und das Hemd sieht, weiß er noch nicht, wie es funktioniert. Es muss erklärt werden, dann wird es auch gekauft. Ich habe sogar eine Frau kennengelernt, die das Hemd im Heim für ihren Mann abgegeben hat und die Pflegerinnen haben es falsch herum angezogen. Hinten geschlossen! Weil sie dachten, das muss so sein. Da merkt man: Es fehlt nicht nur an Produkten, es fehlt an Wissen.“
Wohin soll die Reise mit saba Wäsche gehen?
„Ich wünsche mir jemanden, der das weiterführt“
„Ich werde das nicht ewig machen. Ich bin jetzt 85, auch wenn ich mich fit fühle.“ Sie wünscht sich eine Nachfolge. Menschen, die die Idee verstehen und weitertragen. Die bereit sind, in neue Produkte zu investieren. „Wir würden gerne T-Shirts entwickeln, Oberbekleidung, alles mit dem gleichen Prinzip. Aber das geht nur mit mehr Unterstützung.“
Ruhestand? Vielleicht später
„Ich kann mir nicht vorstellen, einfach in den Ruhestand zu gehen. Wenn ich nicht weiß, was ich dann machen soll, würde ich in eine Depression fallen.“ Sie liebt, was sie tut. Sie plant, sich auf Wartelisten von Residenzen setzen zu lassen – „aber noch nicht jetzt“. „Ich habe Kinder in Australien, da will ich nochmal hin. So lange ich reisen kann, reise ich.“
„Einfach anfangen“
Zum Schluss gefragt, was sie anderen raten würde, sagt sie: „Wenn jemand wirklich eine Idee hat, die er meint, die wäre so wichtig … Dann soll er sich fragen: Will ich meine Lebenszeit dafür investieren? Ja oder nein? Und wenn ja – dann Action.“
Ein Satz, der bleibt. Wie das Produkt, das sie erfunden hat. Und die Haltung dahinter.
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