Dr. Bettina Held, mit kurzen grauen Haaren und Brille, lächelt im Freien - Bäume und Autos im Hintergrund.

Interview mit Dr. Bettina Held: Wohnen im Alter. Warum früh planen über Freiheit oder Abhängigkeit entscheidet

In der Berliner Wohnschule lernen Menschen, wie sie das Wohnen im Alter rechtzeitig planen können, damit es zu ihren Bedürfnissen passt

Wohnen im Alter ist kein Thema für später. Es ist ein Thema für heute. Und doch schieben es die meisten Menschen vor sich her, aus Bequemlichkeit, aus Angst, oder weil das Nachdenken darüber sich anfühlt wie ein Eingeständnis. Dabei ist genau dieses Nachdenken das Entscheidende. Wer es früh genug angeht, behält die Wahl. Wer zu lange wartet, verliert sie.

In dieser Podcast-Folge spricht Claudia Matheis mit Dr. Bettina Held, promovierter Kunsthistorikerin, ausgebildeter Kultur-Geragogin und Gründerin der Berliner Wohnschule. Seit 2020 begleitet Bettina Held Menschen dabei, einen persönlichen Plan für das Wohnen im höheren Alter zu entwickeln. Ihr Ansatz ist kein theoretisches Konzept, sondern gelebte Praxis. Das merkt man in jedem Satz dieses Gesprächs.

 

Die wichtigsten 5 Erkenntnisse aus dem Gespräch

  1. Früh planen zahlt sich aus. Dr. Bettina Held empfiehlt, spätestens mit dem Renteneintritt ernsthaft über das Wohnen im Alter nachzudenken. Wer zu lange wartet, hat weniger Wahlmöglichkeiten.
  2. Versorgungssicherheit ist das Kernthema. Besonders Alleinstehende ohne Angehörige in der Nähe treiben Fragen um, die selten laut ausgesprochen werden: Was passiert, wenn ich nicht mehr selbstbestimmt leben kann? Die Wohnschule schafft Raum genau dafür.
  3. Frauen planen vor, Männer kaum. In den Wohnschulseminaren sind Männer verschwindend selten vertreten. Bettina Held beobachtet, dass Männer eigene Schwächen schwerer eingestehen und das Thema Alter häufig nicht mit sich selbst in Verbindung bringen.
  4. Bewegung und Begegnung. Die zwei wichtigsten Empfehlungen fürs höhere Alter lassen sich laut Dr. Held auf zwei Worte reduzieren: Bewegung und Begegnung. Beide finden sich am einfachsten in der eigenen Nachbarschaft.
  5. Gemeinschaft muss selbst organisiert werden. Auf staatliche Lösungen zu warten reicht nicht. Mit ihrem neuen Projekt „Sorgende Gemeinschaften” (Caring Community) zeigt Bettina Held, wie sich Nachbarschaften aktiv und konkret gegenseitig absichern können.

Warum wir Dr. Bettina Held eingeladen haben

Dr. Bettina Held ist keine Expertin, die das Thema Alter aus sicherer akademischer Distanz betrachtet. Sie hat die Berliner Wohnschule aus einer sehr persönlichen Erfahrung heraus gegründet. Wie sie im Gespräch erzählt, war es

„das gescheiterte Alterswohnen meiner Eltern, das mich überhaupt auf die Wohnschule gebracht hat.”

Seitdem bietet sie im Nachbarschaftsheim Schöneberg regelmäßig achtteilige Seminare an. Die Teilnehmenden, überwiegend Frauen zwischen 65 und 75 Jahren, lernen dort, ihre eigene Wohnbiografie zu reflektieren, ihre Ängste zu benennen und konkrete Zukunftspläne zu entwickeln. Was Bettina Held mitbringt, ist eine seltene Kombination: wissenschaftliche Tiefe, biografisches Einfühlungsvermögen und die Bereitschaft, Klartext zu reden.

Wann ist der richtige Zeitpunkt, um das Wohnen im Alter zu planen?

Früher als gedacht, und früher als die meisten wollen

Fragt man Dr. Bettina Held nach dem richtigen Zeitpunkt, lautet die Antwort klar und ohne Umschweife:

„Möglichst früh.”

Konkret empfiehlt sie den Renteneintritt als Startpunkt, nicht weil es davor falsch wäre, sondern weil die Praxis zeigt, dass jüngere Seminarteilnehmende das Thema oft noch nicht als ihr eigenes begreifen. Bettina Held beschreibt es so:

„Ich habe ein paar Mal die Erfahrung gemacht, dass Leute, die jünger waren, gesagt haben, das ist mir jetzt noch zu früh, um damit anzufangen.”

Claudia Matheis setzt an dieser Stelle einen eigenen Akzent: Bei LIVVING hat sie in vielen Gesprächen die Erfahrung gemacht, dass Anfang bis Mitte 50 der klügere Zeitpunkt wäre, gerade weil dann noch finanzielle Spielräume bestehen und Entscheidungen aus einer Position der Stärke heraus getroffen werden können. Wer hingegen wartet, bis die Kraft nachlässt oder eine Krise eintritt, hat schlicht weniger Optionen.

Besonders aufschlussreich ist dabei, wer die Einladung zur Reflexion überhaupt annimmt. In der Wohnschule sind Männer eine seltene Erscheinung. Bettina Held beobachtet:

„Ich denke, dass Frauen sich vor allem, wenn sie alleinstehen sind, einfach viel mehr vorsorgend und vorausschauend um ihr Leben kümmern als Männer. Männer bringen das Thema Altwerden nicht mit sich selbst in Zusammenhang und wollen da wirklich noch nicht mal drüber nachdenken.”

Das ist kein Vorwurf, sondern ein Befund. Mit direkten Konsequenzen für die Lebensqualität im Alter.

Welche Fragen treiben Menschen wirklich um, wenn sie über Wohnen im Alter nachdenken?

Nicht die Quadratmeter zählen. Sondern die Angst, niemanden zu haben

Die meisten Menschen, die in die Wohnschule kommen, teilen ein Gefühl. Bettina Held bringt es auf den Punkt:

„Ein großes Thema ist ja auch immer bei älteren Menschen, dass sie niemanden zur Last fallen wollen. Dies ist eine ganz häufige Aussage.”

Viele Teilnehmende leben allein, ohne Angehörige in der Nähe. Und genau das macht das Thema so dringend, nicht als abstraktes Zukunftsszenario, sondern als ganz konkrete Frage: Was passiert, wenn es mir schlechter geht und niemand da ist? Bettina Held formuliert das Kernanliegen ihrer Arbeit so:

„Es geht für mich beim guten Leben im Alter vor allem darum, dass man trotzdem, auch wenn man vielleicht keine Angehörigen hat, eine Versorgungssicherheit hat und sich nicht ständig Sorgen macht, was passiert denn, wenn ich nicht mehr ganz selbstbestimmt leben kann.”

Das achtteilige Wohnschulseminar setzt genau hier an. Es führt die Teilnehmenden von der eigenen Wohnbiografie über die Auseinandersetzung mit Besitz und Wohnlichkeit bis zu konkreten Exkursionen in Pflegeheime, betreute Wohnanlagen und Gemeinschaftswohnprojekte. Besonders eindrücklich ist Kapitel 5 des Seminars mit dem Titel „Brauche ich alles, was ich habe?” (bewusst nicht: „Habe ich alles, was ich brauche?”).

Bettina Held beschreibt die Wirkung dieses Kapitels mit Zahlen, die nachdenklich stimmen:

„Ganz oft sagen Teilnehmende, dieses Kapitel hätte ihnen schwer zu denken gegeben und sie würden jetzt aber wirklich endlich mal mit Ausmisten anfangen.”

Ein europäischer Durchschnittshaushalt besitze ihrer Einschätzung nach durchschnittlich 10.000 Dinge, was ja wahnsinnig viel ist. Und manchmal entstehen in solchen Seminaren Freundschaften, die weit darüber hinauswirken. Eine Gruppe von fünf Frauen, die sich 2022 in der Wohnschule kennengelernt haben, trifft sich bis heute regelmäßig. Sie sagen,

„dass sie nie gedacht hätten, dass sie im Alter noch mal so einen netten neuen Freundeskreis finden würden.”

Warum ist soziale Einbindung im Alter keine Frage des Komforts, sondern der Versorgungssicherheit?

Caring Community: Wer auf den Staat wartet, wartet zu lang

„Der Mensch ist ein soziales Wesen, der braucht einfach Menschen um sich herum.” Dieser Satz von Dr. Bettina Held klingt selbstverständlich und beschreibt dennoch ein ernstes, wachsendes Problem. In Berlin leben immer mehr ältere Menschen allein. Und nach Einschätzung von Bettina Held geschieht viel zu wenig, um das zu ändern, gerade angesichts der absehbaren Unterstützungsbedürftigkeit im hohen Alter.

Anfang 2026 hat sie deshalb ein neues Projekt gestartet: Sorgende Gemeinschaften (auf Englisch: Caring Community). Im Nachbarschaftsheim Schöneberg lädt sie Menschen ein, sich nach Postleitzahl oder gemeinsamen Interessen zusammenzufinden, Vertrauen aufzubauen und kleine Lebenskreise zu bilden. Das Modellprojekt verfolgt zwei Ziele gleichzeitig: Einerseits sollen organische Nachbarschaftsgruppen entstehen, andererseits werden professionelle Institutionen eingebunden, damit Betroffene im Bedarfsfall wissen, auf wen sie zählen können.

Den Berliner Wohnungsmarkt beurteilt Bettina Held dabei nüchtern:

„Es gibt von allem zu wenig auf jeden Fall. Es könnte viel, viel, viel mehr geben und vor allem könnte es auch viel, viel mehr bezahlbare und barriererarme Seniorenwohnungen geben.”

Als konkreten Hoffnungsträger nennt sie die Netzwerkagentur Generationenwohnen Berlin, die mit sogenannten Wohntischen bezirkliche Treffpunkte für Menschen anbietet, die gemeinschaftliche Wohnprojekte entwickeln möchten.

Bettina Held lebt vor, was sie lehrt. Ihr Plan B: die Anmeldung in einem betreuten Wohnprojekt der Caritas direkt am Winterfeldplatz in Schöneberg. Ihr Plan C: der Verbleib in der eigenen großen Altbauwohnung mit barrierearmem Umbau. Und die drei Stockwerke ohne Fahrstuhl? Die begreift sie als Teil ihrer Alltagsformel für das Alter, die zwei großen Bs: Bewegung und Begegnung.

Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten?

Weil Dr. Bettina Held nicht predigt, sondern handelt. Weil sie aus echten Seminaren mit echten Menschen berichtet und dabei sowohl die Fragen benennt, die wir uns alle stellen, als auch jene, die wir lieber vermeiden. Weil Bewegung und Begegnung als Formel fürs Alter leichter klingt, als sie ist. Und weil dieses Gespräch zeigt, warum es sich lohnt, trotzdem anzufangen, heute, nicht irgendwann.

Am Ende geht es nicht darum, die perfekte Wohnung zu finden. Es geht darum, das eigene Leben mit allen Fragen, Ängsten und Wünschen selbst in die Hand zu nehmen, solange man es noch kann. Dr. Bettina Held zeigt, wie das geht.

 

Weitere Informationen finden Sie hier:

Wohnschulseminare ab September 2026 in Berlin:
kiezoase.de: Informationsveranstaltung zum Wohnschulseminar

Wohnschule Düsseldorf:
wohnschule-duesseldorf.de

Dr. Bettina Held, mit kurzen grauen Haaren und Brille, lächelt im Freien - Bäume und Autos im Hintergrund.

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Interview mit Dr. Bettina Held

Wohnen im Alter – warum früh planen über Freiheit oder Abhängigkeit entscheidet


Claudia Matheis: Herzlich willkommen in meinem LIVVING-Podcast-Studio, liebe Frau Dr. Bettina Held. Warum ich Sie eingeladen habe? Weil Sie mit Ihrer Arbeit rund um die Wohnschule seit Jahren zeigen, wie wir heute über das Leben im Alter nachdenken können. Jenseits von Klischees, nah an der Lebensrealität. Als promovierte Kunsthistorikerin und ausgebildete Kultur-Geragogin bringen Sie nicht nur wissenschaftliche Tiefe mit, sondern auch ein feines Gespür für biografische Fragen und gesellschaftliche Entwicklungen. Seit 2020 bieten Sie in Berlin Wohnschulseminare an, in denen es um viel mehr geht als um Wohnungen. Es geht um das, was Menschen mitbringen, was sie loslassen wollen und darum, wie ein gutes Leben im Alter möglich wird. Auch unter schwierigen Bedingungen. Sie schaffen Räume für Austausch, Reflexion und Zukunftsplanung mit Herz und Haltung. Und genau darum soll es heute gehen. Wie wollen wir im Alter leben und was können wir dafür schon jetzt tun? Liebe Frau Dr. Held, herzlich willkommen in meinem Podcast-Studio. Jetzt erstmal die allererste Frage: Was ist eigentlich eine Wohnschule und was machen Sie da überhaupt?

Dr. Bettina Held: Ja, liebe Frau Matheis, ich danke erstmal sehr für die Einladung zu Ihrem Podcast und erkläre gerne kurz, was die Wohnschule ist. Das ist ein mehrteiliges Seminar einschließlich einer Exkursion. Es kommt aus dem Bereich der Erwachsenenbildung und in diesem Seminar setzen sich Teilnehmende aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Thema auseinander, was sie sich wünschen und vorstellen können für das eigene Wohnen und Leben im höheren, eventuell auch unterstützungsbedürftigen Alter. Das Ziel der Wohnschule ist es, einen persönlichen Plan B oder auch Plan B und Plan C zu finden für dieses möglicherweise unterstützungsbedürftige Wohnen im höheren Alter.

Claudia Matheis: Das klingt spannend, aber auch ein bisschen abstrakt. Erzählen wir mal ein bisschen konkreter. Was macht für Sie persönlich gutes Wohnen im Alter aus?

Dr. Bettina Held: Das ist für mich ein Thema. Also ich beschäftige mich vor allem mit alleinstehenden Älteren. Es ist ja so, dass gerade in Berlin immer mehr Leute alleinstehend leben, eben auch im Alter. Und es geht für mich beim guten Leben im Alter vor allem darum, dass man trotzdem, wenn man vielleicht keine Angehörigen hat, eine Versorgungssicherheit hat und sich nicht ständig Sorgen macht, was passiert denn, wenn ich nicht mehr ganz selbstbestimmt leben kann.

Claudia Matheis: Und wann ist überhaupt ein guter Zeitpunkt, um sich mit dem Thema Wohnen im Alter zu beschäftigen?

Dr. Bettina Held: Aus meiner Sicht ist es so, dass man möglichst früh damit anfangen sollte, sich Gedanken zu machen, also zum Beispiel nach dem Eintritt in die Rente.

Claudia Matheis: Okay, das ist ja sehr individuell unterschiedlich. Manche Leute gehen ja schon mit Mitte 50 in Frührente, andere dann Mitte, Ende 60. Bei LIVVING habe ich die Erfahrung gemacht in vielen Gesprächen, dass das schon beinahe ein bisschen zu spät ist. Also ich habe das Gefühl, man sollte eher schon so mit Anfang, Mitte 50 darüber sich Gedanken machen, wie man leben will, auch um auszuloten, wie überhaupt so die finanziellen Kapazitäten sind und was überhaupt so die Pläne sind. Aber Sie meinen, Eintritt der Rente ist der Zeitpunkt, wo man damit starten sollte?

Dr. Bettina Held: Also ich hatte auch schon Wohnschulteilnehmende, die jünger waren. Und es ist ja mit den acht Teilen, also über acht Wochen geht das Seminar schon sehr intensiv. Und ich habe ein paar Mal die Erfahrung gemacht, dass Leute, die jünger waren, dann irgendwann gesagt haben, ach, das ist mir jetzt aber noch zu früh, um damit jetzt anzufangen. Und wenn man dann schon in Rente ist, dann hat man eben auch die Zeit, sich damit intensiv zu beschäftigen.

Claudia Matheis: Sie hatten in unserem Vorgespräch auch schon gesagt, dass tatsächlich die meisten von Ihren Teilnehmenden zwischen 65 und 75 sind und dass es vor allen Dingen Frauen sind, weniger Männer.

Dr. Bettina Held: Woran liegt das? Ja, gute Frage. Ich wundere mich auch jedes Mal immer wieder. Ich hatte schon Herren, aber ganz, ganz selten. Ich denke, dass Frauen sich vor allem, wenn sie alleinstehen sind, einfach viel mehr vorsorgend und vorausschauend um ihr Leben kümmern als Männer. Das ist eine Erfahrung, die ich auch gemacht habe, dass Männer das Thema Altwerden nicht mit sich selbst in Zusammenhang bringen und da wirklich noch nicht mal drüber nachdenken wollen.

Claudia Matheis: So nach dem Motto, wenn ich drüber nachdenke, dann macht mich das gleich alt. Das wäre vielleicht noch mal eine ganz andere Podcast-Folge. Aber jetzt noch mal zu den Leuten, die zu Ihnen in die Wohnschule kommen. Mit welchen Fragen oder Unsicherheiten kommen die zu Ihnen?

Dr. Bettina Held: Ja, es ist tatsächlich, was ich gerade schon geschildert habe, so, dass viele von denen, die an der Wohnschule teilnehmen, alleinstehend sind, vielleicht auch keine Angehörigen haben oder die Angehörigen wohnen ganz weit weg. Ein großes Thema ist ja auch immer bei älteren Menschen: Ich möchte niemanden zur Last fallen. Das ist eine ganz häufige Aussage. Und sie kommen eben in die Wohnschule, weil sie sich erhoffen, dass sie dadurch Klarheit in diese Frage bringen können.

Claudia Matheis: Und um diese Klarheit den Leuten zu vermitteln, hatten Sie im Vorgespräch gesagt, und ich habe das auch auf der Webseite gesehen, arbeiten Sie mit biografischen Zugängen. Also es gibt auch sowas wie Biografiearbeit. Also Sie blicken auch zurück?

Dr. Bettina Held: Ja, also wenn Sie möchten, können wir einfach mal zusammen durch so ein Wohnschulseminar spazieren.

Claudia Matheis: Gerne.

Dr. Bettina Held: Die Wohnschule beginnt mit der Einführung, in der sich auch die Teilnehmenden kennenlernen, mit so einem kleinen Interviewspiel. Denn die Interaktion zwischen den Teilnehmenden ist ein ganz, ganz wichtiger Bestandteil der Wohnschulseminare. In dieser Einführung im ersten Teil geht es um die zwei großen Themen, die die Wohnschule hat: einmal das Alter und einmal das Wohnen. Da gebe ich Ihnen zwei Einführungen. Also gerade bei Alter zum Beispiel die Einteilung in das dritte und vierte Lebensalter. Also vom Rentenalter bis ungefähr 80, und dann auch 80 bis zum Lebensende. Dann gebe ich auch eine kleine Einführung in die Geschichte des Alterswohnens, die sich da eigentlich relativ spät erst entwickelt hat, seitdem es eben diese demografische Entwicklung gibt, zu einem alternden Deutschland hin. Dann sprechen wir auch schon mal über meine Vorschläge für die Exkursion. Das ist Kapitel 7 der Wohnschule.

Und dann gibt es zum zweiten Kapitel eine Hausaufgabe. Und zwar soll da jeder mal seine Wohnbiografie aufschreiben. Also dass man zum Beispiel mal überlegt, was waren denn in meinem Leben positive Wohnerfahrungen. Bestimmte Wohnorte, bestimmte Wohnräume, bestimmte Grundrisse, bestimmte Einrichtungsgegenstände, bestimmte Wohnumgebungen sind ja auch wichtig, bestimmte Nachbarschaften. Dann gehört in dieses zweite Kapitel, wo wir eben die Wohnbiografie alle hören, etwas über das Alterswohnen der Eltern. Das hat ja auch einen großen Einfluss auf das eigene Alterswohnen. Also bei mir zum Beispiel ist es so, dass das gescheiterte Alterswohnen meiner Eltern mich überhaupt auf die Wohnschule gebracht hat. Dann sprechen wir zum Beispiel im zweiten Kapitel auch über das Wohnen in der Pandemie. Wie war das denn, als man ja eigentlich eingeschlossen war, mehr oder weniger in der Wohnung. Was ja auch eine Parallele sein kann zu dem Zustand, wenn man sich nicht mehr gut aus der Wohnung hinaus bewegen kann, aus körperlichen Gründen.

Dann das dritte Kapitel, da geht es um aktuelle Trends im Alterswohnen. Was gibt es da so? Welche Möglichkeiten habe ich, wenn ich zu Hause wohnen bleiben möchte? Was kann man da machen, um seine Wohnung auf das Alter vorzubereiten? Dann die verschiedenen Formen, die es so gibt. Also vom Wohnen mit Service, nennt man auch betreutes Wohnen, sage ich nicht so gerne. Wohnen mit Service oder auch Pflegewohnen, kann ja auch vorkommen. Und dann ein ganz großer Part in diesem dritten Kapitel ist dann auch das gemeinschaftliche Wohnen. Weil viele haben ja gerade Alleinstehende den großen Wunsch, gemeinschaftlich zu wohnen. Was aber auch nicht so einfach ist. Dann, was ich in der Wohnschule auch sehr gerne habe, ist Expertenbesuch. Und im dritten Kapitel kommt eine Expertin zum Thema finanzielle Unterstützung für das Wohnen im Alter.

Dann kommt das vierte Kapitel, das ganz interessante Kapitel. Also ich habe mich sehr lange beschäftigt mit dem Thema der Wohnlichkeit. Was ist überhaupt Wohnlichkeit? Das ist ja ein sehr, sehr schwer fassbarer Begriff. Da sprechen wir dann über verschiedene Wohnsituationen. Und ich habe als Beispiele, wenn man über seine eigene Einstellung zur Wohnlichkeit spricht, das geht überhaupt nicht abstrakt. Also habe ich festgestellt und ich habe dann Beispiele von der Fotografin Herlinde Köbl. Die hat zwei Bücher zum Wohnen gemacht, einmal Wohnzimmer und einmal Schlafzimmer, auch mit Statements der Leute. Und da gucken wir uns, welche Wohnsituationen gibt es einfach von außen mal an. Im vierten Kapitel, wie gesagt, das heißt Wohnträume und Wohn-Albträume, gibt es auch eine Hausaufgabe aufzulösen aus dem dritten Kapitel. Und zwar ein Gewohnheitentagebuch, dass man mal guckt, wie geht es denn so in meiner Wohnung, die ganze Zeit über 24 Stunden. Welche Räume sind mir denn besonders wichtig? Welche Einrichtungsgegenstände sind besonders wichtig? Auf welche kann ich eigentlich verzichten? Auch auf welche Zimmer kann ich vielleicht sogar verzichten? Viele Ältere wohnen ja in viel zu großen Wohnungen allein, wie man weiß. Ja, das ist der vierte Kapitel. Und da geht es aber auch noch um Theorien des erfolgreichen Alterns. Also aus der Gerontologie, da gibt es da ganz interessante Modelle, wobei dieser Begriff erfolgreiches Altern natürlich kritisch gesehen werden kann.

Dann das fünfte Kapitel, ein ganz großes, wichtiges Kapitel. Das heißt: Brauche ich alles, was ich habe? Also nicht: Habe ich alles, was ich brauche? Sondern: Brauche ich alles, was ich habe? Wenn man jetzt daran denkt, sich kleiner zu setzen, vielleicht in ein betreutes Wohnen, in ein kleines Seniorenapartment, was macht man denn dann mit dem ganzen Kram? Und da geht es eben darum, dass man auch herausfindet, was ist mir denn eigentlich besonders wichtig an meinen vielen Besitztümern? Ich glaube, der Europäer besitzt durchschnittlich 10.000 Dinge, was ja wahnsinnig viel ist. Und dass man da einfach mal durchgeht. Und da sprechen wir eben auch über die Möglichkeiten, wie man ausmisten kann, also von Marie Kondo bis, was weiß ich, da gibt es ja wahnsinnig viele Ratgeber, Simplify your Life, wo kann man Sachen abgeben und so weiter. Dann auch, was habe ich an Lieblingsbesitztümern, die ich überhaupt nicht abgeben möchte? Das ist auch ein schönes Thema. Und ich hatte auch mal überlegt, als Expertenbesuch so eine Entrümpelungsfirma einzuladen. Aber die haben ja leider alle nicht geantwortet. Dann kommt aber tatsächlich noch ein Expertenbesuch im fünften Kapitel, und zwar vom Pflegestützpunkt. Das ist ja eine ganz hilfreiche Geschichte für ältere Menschen, die aber sehr wenige eigentlich kennen.

Claudia Matheis: Da ganz kurz eine Ergänzung von uns. Wir hatten den Pressesprecher der Pflegestützpunkte in Berlin und die Leiterin des Pflegestützpunktes hier in Pankow bereits auch schon im LIVVING Podcast zu Gast. Und die haben von ihrer Arbeit auch schon berichtet. Das heißt, kleiner Querverweis an dieser Stelle: Hörtipp.

Dr. Bettina Held: Genau, also das ist auch wirklich eine tolle Einrichtung, die Pflegestützpunkte. Und auch toll, dass Sie die schon eingeladen haben. Dann das sechste Kapitel. Also nach dem „Brauche ich alles, was ich habe?” kommt das sechste Kapitel. Da geht es um lebendige Nachbarschaft. Was habe ich denn in meinem Umfeld eigentlich, was mir auch im Alter helfen kann? Welche Anlaufstellen? Da geht es auch um das beweglich bleiben. Es gibt ja zwei große Empfehlungen für das Alter, auch für das höhere Alter: Bewegung und Begegnung. Die zwei Bs. Bewegung und Begegnung. Und bei beiden Punkten kann man eben in der Nachbarschaft fündig werden. Wo gibt es einen schönen Park, wo ich hinspazieren kann. Wo gibt es eine schöne Bank, die mein Ziel ist. Dann geht es um Einsamkeit und Isolation im Alter in diesem sechsten Kapitel. Um die sozialen Netzwerke, die man hat. Eventuell Verbesserungen der sozialen Netzwerke, also zum Beispiel auch durch freiwillige Arbeit. Dann habe ich im sechsten Kapitel ein sogenanntes Wohnumfeldspiel, wo man eben mal einfach guckt, so spielerisch, was ist denn eigentlich da in meiner Wohnumgebung? Was vermisse ich vielleicht? Was könnte besser sein? Das ist auch immer eine sehr schöne, lebendige Geschichte. Und dann machen wir uns auch Gedanken über die Zukunft unserer Wohnumgebung.

Der siebte Kapitel ist die ganztägige Exkursion. Da gehen wir zu drei verschiedenen Einrichtungen. Einmal Wohnen mit Service, einmal Pflegeheim und einmal Gemeinschaftswohnen. Und die Teilnehmenden sind dann aufgefordert, Berichte zu schreiben. Also jeder sucht sich was aus und schreibt einen Bericht, sowohl einen Informationsbericht als auch einen Erlebnisbericht. Also wie hat man das empfunden, die Einrichtungen, die wir da besuchen? Das ist auch immer eine sehr gute Sache. Und weil ich mich selber auch sehr für diese Einrichtungen interessiere, suche ich auch jedes Mal neue Ziele aus.

Das achte und letzte Kapitel, da geht es um Besprechung, Ableitung und Auswertung. Also erst werten wir die Exkursion aus mit den Informations- und Erlebnisberichten. Und dann werten wir alle anderen Bausteine des Wohnschulseminars aus. Die Erkenntnisse, die die Teilnehmenden gewonnen haben, die Meilensteine, die sie vielleicht hatten. Also ganz oft ist zum Beispiel, dass Teilnehmende sagen, dieses fünfte Kapitel „Brauche ich alles, was ich habe?” hätte ihnen schwer zu denken gegeben und sie würden jetzt aber wirklich endlich mal mit Ausmisten anfangen. Aber dann, dass man eben auch sieht, was für persönliche Notwendigkeiten einem klar geworden sind im Seminar. Welche Ängste habe ich denn? Was kann ich jetzt dagegen tun? Und dann natürlich die große Frage: Ist das Ziel der Wohnschule erreicht? Weiß ich jetzt, so will ich leben? Was natürlich wirklich eine sehr große Frage ist. Und es kann natürlich auch Plan B, Plan C, Plan D sein. Also ich würde gerne eine Einrichtung in meiner Nähe sehen, weil ich die Nachbarschaft sehr liebe. Ich kann mir aber auch parallel überlegen, wie schaffe ich es, zu Hause zu bleiben? Dann die Frage, wie kann ich den Weg zu meinem Plan B antreten? Wann sollte ich den antreten? Und wie könnte es für mich sein, dass ich es rechtzeitig in die Wege leite? Dann wird noch ein bisschen das Seminar besprochen. Was könnte besser bleiben? Was sollte verändert werden? Und dann gibt es immer ein Abschiedspicknick, wo jeder was mitbringt. Und dann überlegen wir auch, ob wir Anschlussprojekte mit der Gruppe, die sich eben dann sehr schön und gut kennengelernt hat, unternehmen.

Claudia Matheis: Das ist ja sehr, sehr umfangreich. Es sind acht Einheiten, hatten Sie jetzt gerade erzählt. Wenn Sie jetzt mal so zurückblicken auf die bisherigen Teilnehmenden, wie haben die denn ihr Leben verändert? Also wie viele bleiben weiterhin in ihrer bisherigen Wohnung leben und wie viele ziehen tatsächlich um? Gibt es da schon Erfahrungswerte?

Dr. Bettina Held: Ja, es gibt einige Erfahrungswerte, aber die wenigsten sind tatsächlich aktiv geworden. Also eine Dame im zweiten oder dritten Wohnschulseminar hat tatsächlich während der Wohnschule eine Wohnung gefunden in senioren-gerechten, also barrierefreien Apartments. Andere haben sich irgendwo angemeldet. Man kann sich ja einfach anmelden, obwohl das Problem ist, dass es viele Wartelisten von bezahlbaren Einrichtungen gibt, weil Einrichtungen und Wohnungsnetzwerke geschlossen sind, was ein großes Problem ist. Aber die meisten regt es eben sehr, sehr stark an, darüber nachzudenken. Auch über solche Dinge wie Patientenverfügung, Betreuungsvollmacht, das gehört ja auch alles mit in die Wohnschule. Also das ist tatsächlich ein ziemlich großes Paket. Und das Schöne ist eben, wenn man danach weiter in Kontakt bleibt, dass man das eben auch weiterverfolgen kann, was die Leute jetzt an Anregungen mitgenommen haben.

Claudia Matheis: Ja, es hat ja auch was mit Selbstbestimmung zu tun, dass man aktiv etwas unternimmt, solange man handlungsfähig ist, auch mental noch, und sein Alter selbst aktiv gestalten kann. Sie machen Exkursionen ja auch zu Wohnprojekten und haben ja da einen ganz guten Überblick auch über den Berliner Markt speziell. Wie schätzen Sie die Lage ein? Es gibt von allem zu wenig oder es ist ausreichend für alle da, oder es gibt zu wenig bezahlbare Projekte? Wie sehen Sie das?

Dr. Bettina Held: Es gibt von allem zu wenig auf jeden Fall. Ich meine, die Mietwohnungsmisere in Berlin ist ja bekannt und es erstreckt sich eben auch auf diesen Bereich. Es gibt Projekte, die aber keine neuen Leute aufnehmen. Es gibt Projekte, die zu teuer für die meisten sind. Es gibt Mehrgenerationenprojekte, was ich persönlich bei älteren Menschen nicht so perfekt finde, weil je älter man wird, desto mehr kann einen das auch nerven mit Kindern und Jugendlichen. Also es könnte viel, viel, viel mehr geben und vor allem könnte es auch viel, viel mehr bezahlbare und barrierearme Seniorenwohnungen geben. Das ist ein großer Faktor.

Claudia Matheis: Was glauben Sie, woran das liegt? Also klar, Immobilienkrise in Deutschland, in Berlin schlägt es noch mal besonders zu. Baupreise extrem hoch, Immobilienpreise extrem hoch. Was ich merke, ist aber auch relativ wenig Engagement. Es gibt relativ wenige Ideen oder Initiativen von Menschen, die was bewegen wollen. Es werden aber mehr und wir versuchen, die schon auch auf LIVVING vorzustellen. Wie schätzen Sie das ein? Gibt es da auch Hoffnungsträger, die was Neues entwickeln wollen?

Dr. Bettina Held: Also es gibt ja, ich weiß nicht, ob Sie die kennen, die Netzwerkagentur Generationenwohnen in Berlin. Die haben ja diese Wohntische, wo man sich bezirklich treffen kann mit Leuten, die an Gemeinschaftswohnprojekten interessiert sind und eben überlegen, ob man vielleicht doch noch irgendwas auf die Beine stellen kann. Oder die haben auch den Ansatz, zum Beispiel der Wohntisch, dass man mit der Berliner Wohnungsbaugesellschaft zusammenarbeitet, als Gruppe ein klares Konzept entwickelt und sich als Gruppe bewirbt, zum Beispiel in eine neu zu bauende Siedlung. Dass man sagt, da sind so und so viele Leute, wir brauchen so und so viele Wohnungen, eine Wohnung legen wir um, bezahlen alle mit, als Gemeinschaftswohnung. Also ich glaube, die Netzwerkagentur Generationenwohnen ist ganz bestimmt der beste Ansprechpartner für solche Projekte.

Claudia Matheis: Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, im Alter nicht nur gut zu wohnen, sondern auch gut eingebunden zu sein? Sie hatten ja gesagt, dass es auch Teil Ihrer Wohnschule ist, dass man halt auch schaut, was gibt es in der Nachbarschaft. Und neben Bewegung ist Begegnung halt so wichtig.

Dr. Bettina Held: Ja, der Mensch ist ein soziales Wesen, der braucht einfach Menschen um sich herum. Und diese vielen, vielen Alleinstehenden in Berlin, das finde ich sehr besorgniserregend, dass das so ist und dass da auch eigentlich wenig dafür getan wird, um das zu ändern, gerade wenn man daran denkt, dass solche Leute natürlich auch irgendwann mal unterstützungsbedürftig werden. Und ich habe gerade im Januar ein neues Projekt angefangen: Sorgende Gemeinschaften, Caring Community, auch hier in dem Nachbarschaftsheim in Schöneberg, wo ich die Wohnschulseminare anbiete, um eben zu schauen, wie können sich Leute in Nachbarschaften, zum Beispiel nach Postleitzahl sortiert oder nach Interessen, nach Themen, zusammenzufinden zu kleinen Gruppen, zu kleinen Lebenskreisen, sich kennenlernen, Vertrauen zueinander entwickeln und solche Kreise eben zu bilden. Und dieses Modellprojekt, was ich da jetzt gerade angefangen habe, ist zweigleisig. Also parallel wollen wir alle relevanten, zuständigen, professionellen Institutionen einladen und kennenlernen, um zu hören, von wem könnten wir als Ältere, vielleicht Alleinstehende, denn welche Hilfe erwarten. Also das war eine Veranstaltung am 23. Januar als Auftakt und da waren 50 Leute da. Also es ist offenbar ein riesiger Bedarf.

Claudia Matheis: Ich finde das Thema super spannend. Also ich melde mich auch gerne mal an zu solcher Veranstaltung. Ich hatte die Pflegebeauftragte vom Land Berlin auch schon im Podcast gehabt und eine sehr resolute Frau mit sehr vielen tollen Ideen. Und sie hat auch davon gesprochen, dass wir Caring Communities brauchen, also tatsächlich selbst organisiert, und dass viel auch aus der Bevölkerung herauskommen muss, dass man nicht einfach immer nur darauf warten darf, dass der Staat irgendwas regelt, sondern dass schon auch sehr viel Eigeninitiative gefragt ist. Deswegen finde ich diesen Ansatz, den Sie da machen, super spannend und das begleiten wir auch gerne weiter mit. Aber noch mal kurz zu Ihren Seminaren zurück. Da entstehen ja wahrscheinlich oft auch sehr persönliche Kontakte und die Leute öffnen sich ja auch sehr stark, weil das ja ein Thema ist, was sehr nahe geht. Gibt es da so Situationen oder Begegnungen, die Ihnen besonders im Kopf geblieben sind, die Sie besonders berührt haben?

Dr. Bettina Held: Also in der Wohnschule 2022 haben sich fünf Damen gefunden, die sich vorher gar nicht kannten und die sind bis heute so eine feste Gruppe. Also das hängt wieder zusammen mit dem Thema der Caring Community, der Vorsorge der Gemeinschaft. Die treffen sich seither regelmäßig und sind ein richtig guter Freundeskreis geworden. Sie sagten fast alle von sich selber, die hätten nie gedacht, dass sie im Alter noch mal so einen netten neuen Freundeskreis finden würden. Also das ist schon mal ein gutes Beispiel, finde ich. Ansonsten gibt es immer wieder auch Leute, wo man denkt, die können sich nicht richtig öffnen. Das ist ganz, ganz schwierig für manche, sich tatsächlich zu öffnen, was ja notwendig ist, wenn man jetzt an sowas denkt wie die Gemeinschaft, dass man eben wirklich Vertrauen zueinander entwickelt. Es gibt in der Literatur so eine Pyramide, wie sich eben so eine Gemeinschaft entwickeln könnte. Erstmal muss man sich kennenlernen, Kontakt haben und dann so nach und nach das Vertrauen entwickeln, bis man auch weiß, hier kann ich mich verlassen auf Leute, die ich jetzt kenne und die ich anrufen kann, wenn ich in Not bin.

Claudia Matheis: Ja, also wenn Sie sagen, Gemeinschaft ist halt auch so ein Riesenthema: Einsamkeit tötet ja auch, das ist ja auch ganz, ganz schlimm. Und dann ist es natürlich besonders tragisch, dass so wenig Männer zu Ihnen in die Seminare kommen. Wenn ich das richtig verfolgt habe, ist die Suizidrate bei Männern 60 plus auf dem steigenden Ast, gerade auch bei alleinstehenden Männern, weil die einfach sehr einsam sind und irgendwie auch keine sozialen Kontakte pflegen und dann wirklich auch vereinsamen. Das ist sicherlich ein großes gesellschaftliches Problem, was vermutlich auch nicht kleiner werden wird in den nächsten Jahren.

Dr. Bettina Held: Nein, das ist wirklich, wirklich richtig traurig. Also ich möchte kurz verweisen auf Karin Nell, die eine Wohnschule in Düsseldorf hat und die eigentliche Erfinderin der Wohnschule. Die hat das früher viele Jahre an der Melanchthon Akademie in Köln angeboten, allerdings nicht so strukturiert wie ich, sondern eher so einzelne Themen immer mal wieder. Und sie hatte jetzt in ihrer Wohnschule in Düsseldorf, sie hat immer so tolle Titel. Also ein Seminar, das hieß Frauenzimmer, das war sehr gut gesucht. Und dann hat sie auch überlegt, sie möchte doch gerne auch mal die Männer aktivieren. Und dann hatte sie ein Seminar, das hieß Mannheim. Auch eine schöne Idee. Frauenzimmer, das war sofort voll und ausgebucht. Und bei Mannheim, ich glaube, da waren es drei oder vier oder fünf Herren.

Claudia Matheis: Ja, Männer öffnen sich da einfach weniger. Und ich glaube, das ist einfach so, dass Frauen auch eher aufeinander zugehen und sich eher öffnen und auch empathischer sind und auch eher so einen gesellschaftlichen Rundumblick haben. Und vielleicht auch sehen, wenn es anderen nicht gut geht und vielleicht auch ein bisschen achtsamer mit sich selbst umgehen.

Dr. Bettina Held: Und auch eigene Schwächen eingestehen. Das macht Männern, glaube ich, ganz, ganz schwer. Dass man auch selber mal sagt, ja, mir geht es nicht so gut, oder das und das. Da könnte ich Hilfe gebrauchen. Nicht nur Frauen, bei Männern gar nicht.

Claudia Matheis: Dann komme ich jetzt schon zu meiner letzten Frage. Ich könnte noch ewig mit Ihnen weitersprechen. Und ich kann mir auch vorstellen, dass wir das gerne auch noch mal fortsetzen. Aber Sie setzen sich so intensiv mit dem Wohnen im Alter auseinander und lernen so viele Menschen und Projekte kennen. Wie hat das Ihre eigene Haltung zum Wohnen im Alter verändert? Und wie möchten Sie selbst leben, die nächsten Jahre, Jahrzehnte?

Dr. Bettina Held: Ja, also meine Einstellung hat sich eigentlich nicht verändert. Ich fand das Thema schon immer spannend und beschäftige mich auch schon sehr, sehr lange damit und finde es auch sehr, sehr befriedigend, Wissen zu erarbeiten in dem Feld, weil es wirklich so viele Lebensbereiche berührt. Das finde ich immer wieder spannend, auf Fachtagungen zu gehen oder was auch immer. Ich selber habe einen Plan B und einen Plan C für mein Wohnen im eventuell unterstützungsbedürftigen Alter. Also ich wohne sehr, sehr gerne hier in Schöneberg in der Nähe von Winterfeldplatz. Es gibt hier auf dem Winterfeldplatz direkt ein Projekt Wohnen mit Service von der Caritas, das Kardinal-von-Galen-Wohnheim. Da bin ich schon lange angemeldet. Und mein anderer Plan ist tatsächlich, dass ich in meiner schönen, großen Altbauwohnung bleibe. Ich wohne im dritten Stock ohne Fahrstuhl, habe wahnsinnig viele Stellen und Stolpermöglichkeiten in der Wohnung und möchte mich da auch noch weiter kundig machen, was man denn verbessern kann und wie ich vielleicht doch hier bleiben könnte.

Claudia Matheis: Also barrierearme Umgestaltung und dann vielleicht auch, wenn es notwendig ist, mit einem ambulanten Pflege- oder Unterstützungsdienst, Alltagshelfer, die dann da sind. Das gibt doch noch einen spannenden Plan. Sie haben ja Plan A, B, C.

Dr. Bettina Held: Oder eben auch, dass man diese drei Treppen, das haben ja ganz viele das Problem, dass sie in Altbauten wohnen ohne Fahrstuhl, dass man sagt, okay, das gehört zu den zwei wichtigen Bereichen: Bewegung und Begegnung. Ich kann die Treppen vielleicht noch ganz lang, ganz vorsichtig hochsteigen.

Claudia Matheis: Okay, liebe Frau Dr. Held, das war ein sehr interessantes, inspirierendes Gespräch. Ich bedanke mich dafür und wünsche Ihnen alles Gute und werde das weiter verfolgen: Sie und Ihre Wohnschule und die Caring Communities.


Weitere Informationen

Wohnschulseminare ab September 2026 in Berlin:
kiezoase.de: Informationsveranstaltung zum Wohnschulseminar

Wohnschule Düsseldorf:
wohnschule-duesseldorf.de

Claudia Mattheis

Frau mit schulterlangem gelocktem braunem Haar, die einen dunklen Blazer und eine silberne Halskette trägt und in die Kamera lächelt.

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.

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