Ein Mann mittleren Alters in einem schwarzen Poloshirt steht mit verschränkten Armen vor einem grauen Hintergrund und lächelt in die Kamera.

Rollatoren und die Freiheit auf vier Rädern: Interview mit Thomas Appel 5/5 (2)

Wie werden Rollatoren zum Symbol für Freiheit statt für Stigma? Thomas Appel, Gründer von Saljol, spricht im LIVVING Podcast darüber, warum Design über Akzeptanz entscheidet, woran man erkennt, dass ein Rollator wirklich sinnvoll wird, und wie Angehörige helfen können, ohne zu bevormunden.

Warum wir Thomas Appel eingeladen haben

Vor etwa einem Jahr war LIVVING Chefredakteurin Claudia Mattheis mit ihrem Vater auf der Suche nach einem Rollator. Er wollte partout keinen, denn das fühlte sich für ihn nach Alter, Einschränkung und Abhängigkeit an. Dann stieß die Familie auf Saljol, ein Modell aus Carbon, das ihn eher an die hochwertigen Rennräder erinnerte, die er früher gefahren war. Heute nutzt er den Rollator selbstverständlich, bewegt sich mehr, läuft aufrechter und wird regelmäßig darauf angesprochen, weil er einfach anders aussieht als die Modelle, die man sonst kennt.
Hier geht es zu dem persönlichen Erfahrungsbericht.

Genau deshalb wollte Claudia Mattheis mit Thomas Appel sprechen. Er beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Mobilität, Hilfsmitteln und selbstbestimmtem Leben. Mit Saljol hat er ein Unternehmen gegründet, dessen Name für „Spaß am Leben, Joy of Life” steht, eine Haltung, die sich durch alles zieht, was das Unternehmen tut: von den Produkten über die Bildsprache bis zu der Frage, wie Menschen möglichst lange selbstständig, aktiv und würdevoll leben können.

Die wichtigsten 3 Erkenntnisse aus dem Interview

Ab wann ein Rollator wirklich sinnvoll wird: Es gibt konkrete körperliche Signale, lange bevor ein Sturz passiert, die zeigen, dass Unterstützung nötig ist.

Warum Design über Akzeptanz entscheidet: Menschen verlieren mit dem Alter oder einer Einschränkung nicht ihren Ästhetiksinn. Genau das entscheidet darüber, ob ein Hilfsmittel genutzt wird oder im Flur stehen bleibt.

Wie Angehörige wirklich helfen können: Nicht mit Druck, sondern mit Gelegenheiten zum Ausprobieren und einem genauen Blick auf das persönliche Umfeld.

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Eine Person, die die Freiheit auf vier Rädern genießt und mit einem blauen Rollator und leichter Kleidung im Freien spazieren geht.
Saljol Rollator: Allrounder Superlight (Foto: Saljol)

Wann ist der richtige Zeitpunkt für einen Rollator?

Die leisen Signale, die der Körper sendet, bevor wir sie wahrhaben wollen

Für Thomas Appel beginnt die Geschichte nicht mit einem Rezept vom Arzt, sondern mit kleinen, oft übersehenen Veränderungen im Alltag. Auf die Frage, wie typisch es sei, dass Menschen einen Rollator zunächst ablehnen, so wie es bei ihrem eigenen Vater der Fall war, antwortet Claudia Mattheis’ Gast unmissverständlich: „Also die Reaktion ist, glaube ich, weltweit sehr typisch. Niemand akzeptiert den nächsten Schritt, es sei denn, dieser Schritt kommt wirklich sehr dramatisch.” Bei manchen Menschen geschieht diese Veränderung schlagartig, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt. Bei den meisten aber schleichend, Tag für Tag ein bisschen weniger Bewegungsradius, ohne dass es bewusst wahrgenommen wird.

Ganz praktisch beschreibt Thomas Appel, woran man das erkennt: „Wenn jemand, der zu Hause lebt, anfängt sich zum Beispiel beim Aufstehen aus dem Sessel so langsam hochzuwippen, also ein, zwei, drei Anläufe braucht, bis er dann seine noch vorhandene Muskelkraft mit ein bisschen Schwungkraft dazu bringt, hochzukommen, dann ist das schon ein sicheres Zeichen dafür, dass die Kraft in den Beinen und dem Körper nachlässt.” Ein weiteres Warnzeichen ist, wenn sich jemand beim Gehen unbewusst an Möbeln oder Wänden festhält. Spätestens wenn ein Sturz droht oder bereits stattgefunden hat, sollte man über ein Hilfsmittel nachdenken, so Appel. Vorstufen wie ein Gehstock oder Nordic-Walking-Stöcke könnten überbrücken, seien aber weder für Stabilität noch für die richtige Stützhöhe wirklich gemacht.

Ein Mann mit einem Rollator begutachtet draußen einen Obstbaum und genießt die Freiheit auf vier Rädern in den Bergen.
Saljol Rollator: Allrounder "Pearl Grey" (Foto: Saljol)

Warum entscheidet Design darüber, ob ein Rollator genutzt wird?

Wenn aus einem Hilfsmittel plötzlich ein Objekt wird, auf das man stolz ist

Für Claudias Vater war ausgerechnet die Optik der Türöffner. Genau diesen Zusammenhang bestätigt Thomas Appel und macht daraus ein Grundprinzip seines Unternehmens: „Wir bei Saljol und ich hoffe auch die allermeisten, wir reden über Menschen und Menschen haben nicht weniger Ästhetiksinn, nur weil sie älter geworden sind oder weil sie eine Behinderung haben als andere.” Deshalb habe Design bei Saljol von Anfang an eine zentrale Rolle gespielt, bis hin zu den geschwungenen Formen, die bewusst an das Automobildesign aus der Jugendzeit der Zielgruppe erinnern, etwa an die Kotflügel eines VW Käfers.

Dass diese Rechnung aufgeht, zeigt eine Marktforschung, die das Unternehmen einige Jahre nach Markteinführung durchgeführt hat: Auf die Frage, warum Kundinnen und Kunden bereit seien, mehrere Hundert Euro für einen Rollator auszugeben, war die häufigste Antwort schlicht die Optik, nicht die Funktionalität. Appel bringt die dahinterliegende Haltung so auf den Punkt: „Der Rollator ist kein Stigma mehr. Der Rollator ist die Chance, deine Selbstbestimmung weiterzuhalten.” Der Rollator, sagt er, stamme ursprünglich aus der Medizintechnik, aus einem Umfeld, in dem Krankheit zuhause sei, nicht Freiheit. Diese Umdeutung zu einem Produkt, das Selbstbestimmung ausdrückt, sei eine bewusste Entscheidung gewesen, die erst 2002 mit dem ersten Premium-Rollator begonnen habe.

Zwei ältere Menschen betrachten abstrakte Skulpturen; einer erlebt „Freiheit auf vier Rädern“ mit einem Rollator.
Saljol Rollator "Copper Red" (Foto: Saljol)

Wie überzeugt man einen Angehörigen, der partout keinen Rollator will?

Eine Schwiegermutter, ein ungesagtes Nein und ein Rollator, der zu spät kam

Auf die Frage, wie Angehörige am besten vorgehen, wenn sie merken, dass jemand im Alltag Unterstützung braucht, wird Thomas Appel sehr konkret. Sein wichtigster Grundsatz vorweg: „Mit Druck geht gar nichts.” Stattdessen empfiehlt er, das Umfeld der Person genau zu betrachten und möglichst niedrigschwellige Gelegenheiten zum Ausprobieren zu schaffen.

Wie entscheidend dieses Umfeld sein kann, illustriert er mit einer Geschichte aus dem eigenen Familienkreis, bei der ein unausgesprochenes Nein jahrelang jeden Versuch blockierte: „Schwiegermutter hat den Rollator nicht benutzt. Irgendwann ist leider der Schwiegervater verstorben und Schwiegermutter ist stolz mit dem Rollator während der Beerdigung hinterhergelaufen und konnte plötzlich wieder gehen.” Erst im Nachhinein sei klar geworden, dass der Schwiegervater seiner Frau inoffiziell von der Nutzung abgeraten hatte, weil er fand, sie sei noch zu jung dafür. Appels Fazit daraus: Es lohnt sich, genau hinzusehen, wer im näheren Umfeld eines Menschen positiv oder negativ auf das Thema Rollator eingestellt ist, denn oft entscheidet das mehr als jedes gute Argument.

Eine ältere Frau in einem orangefarbenen Kleid benutzt einen Rollator, während sie auf einem Markt mit gelb gestreifter Markise einkauft.
Saljol Rollator "Pure Gold" (Foto: Saljol)

Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten

Wer selbst gerade mit einem Elternteil, dem Partner oder der eigenen Unsicherheit beim Gehen ringt, findet in diesem Gespräch mehr als nur Produktinformationen. Thomas Appel erzählt auch, warum er seine Arbeit als Lebensaufgabe versteht, wie der Brief einer Frau vor den Pyramiden von Gizeh sein Verständnis von Mobilität für immer verändert hat, und warum ein 84-jähriger Raucher mit seinem neuen Rollator jeden zweiten Tag zum Kiosk lief. Es geht um Sturzprävention im Alltag, um internationale Unterschiede im Umgang mit Hilfsmitteln und um die Frage, wie Thomas Appel selbst im Alter leben möchte. Hören Sie selbst, wie aus einem medizinischen Hilfsmittel ein Symbol für Freiheit werden kann.

Buchtipp:
Wer noch tiefer einsteigen möchte: Thomas Appel hat seine Erfahrungen und die Geschichten seiner Kundinnen und Kunden in einem Buch gesammelt: Mein Rollator ist mein bester Freund!

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Häufig gestellte Fragen zum Rollator

Woran erkenne ich, dass ich oder ein Angehöriger einen Rollator brauchen?

Typische Warnzeichen sind ein zunehmend mühsames Aufstehen aus dem Sessel, unbewusstes Festhalten an Möbeln beim Gehen und ein bereits erlebter oder drohender Sturz.

Warum lehnen viele Menschen einen Rollator zunächst ab?

Weil der Rollator historisch aus der Medizintechnik stammt und als Zeichen von Krankheit oder Alter wahrgenommen wird, statt als Mittel, um selbstständig zu bleiben.

Wie können Angehörige beim Thema Rollator am besten helfen?

Ohne Druck, mit konkreten Gelegenheiten zum Ausprobieren und mit Blick auf das gesamte persönliche Umfeld der betroffenen Person.

Warum spielt das Design bei Hilfsmitteln eine so große Rolle?

Weil die Nutzung eines Hilfsmittels auch mit Selbstwertgefühl und dem eigenen Auftreten in der Öffentlichkeit zu tun hat. Ein gut gestalteter Rollator wird eher akzeptiert und genutzt.

 

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Lieber lesen, als Podcast hören? Interview zum Nachlesen!

Transkript: LIVVING Podcast Interview mit Thomas Appel

Claudia Mattheis: Hallo, herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast Studio. Lieber Thomas Appel, warum ich dich eingeladen habe: Wir sind vor etwa einem Jahr auf der Suche nach einem Rollator für meinen Vater auf Saljol gestoßen. Genauer gesagt, wir waren auf der Suche, mein Vater eigentlich nicht so sehr. Obwohl er beim Gehen immer unsicherer wurde, wollte er partout keinen Rollator, denn das fühlte sich für ihn nach Alter, Einschränkung und Abhängigkeit an. Dann sind wir auf Saljol aufmerksam geworden, denn uns haben nicht nur die Produkte angesprochen, sondern auch die Art, wie ihr sie zeigt. Da ging es nicht um Defizite oder Pflegebedürftigkeit, sondern um Mobilität, Lebensqualität und Selbstständigkeit. Genau deshalb konnten wir meinen Vater schließlich davon überzeugen, einen Rollator zumindest einmal auszuprobieren. Euer Modell war leicht, aus Carbon gefertigt, und erinnerte ihn eher an die hochwertigen Rennräder, die er früher gefahren ist.

Plötzlich war das nicht mehr dieses stigmatisierende Hilfsmittel, sondern ein durchdachtes Produkt, das zu ihm passte. Heute nutzt er den Rollator ganz selbstverständlich. Er bewegt sich wieder mehr, läuft aufrechter, fühlt sich sicherer und ist wieder häufiger unterwegs. Besonders wichtig ist für ihn dabei, dass er jederzeit eine Sitzgelegenheit dabei hat – eine Sache, an die er vorher gar nicht gedacht hatte, dass er sie brauchen könnte. Wenn er irgendwo warten muss oder eine Pause braucht, kann er sich einfach hinsetzen. Das gibt ihm Sicherheit, aber vor allem auch Freiheit. Und eine Sache hat ihn selbst überrascht: Er wird immer wieder auf seinen Rollator angesprochen, weil er einfach anders aussieht als die Modelle, die man sonst kennt.

Dass ein Hilfsmittel einmal etwas sein könnte, das er gerne nutzt, mit dem er sich wohlfühlt und sogar ein bisschen stolz ist, hätte er früher vermutlich gar nicht für möglich gehalten. Genau deshalb möchte ich mit dir sprechen, Thomas. Du beschäftigst dich seit mehr als 20 Jahren mit Mobilität, Hilfsmitteln und selbstbestimmtem Leben. Mit Saljol hast du ein Unternehmen gegründet, dessen Name für Spaß am Leben steht, Joy of Life. Und genau diese Haltung zieht sich durch alles, was ihr macht: von den Produkten über die Bildsprache bis hin zu der Frage, wie Menschen möglichst lange selbstständig, aktiv und würdevoll leben können. Ich freue mich also auf unser Gespräch über Mobilität und Lebensqualität, über gutes Design und seine Wirkung, über Innovation für eine älter werdende Gesellschaft, über internationale Perspektiven und über die Frage, wie wir das Älterwerden künftig neu denken können. So, Thomas, lange Rede, viel Sinn. Hallo in meinem Podcast Studio, herzlich willkommen.

Thomas Appel: Hallo Claudia, es freut mich sehr, und vielen Dank für dieses tolle Intro. Ich bin gespannt auf deine Fragen, weil du hast schon so viel erzählt, was eigentlich das Thema ausmacht. Aber fangen wir mal an, ich freue mich.

Claudia Mattheis: Ja, das war diesmal auch mit einer persönlichen Perspektive, deswegen hat es ein bisschen länger gedauert. Aber starten wir jetzt erst mal mit dir. Du beschäftigst dich seit über 20 Jahren mit Rollatoren und Mobilität. Warum machst du das? Warum ist das für dich so ein passendes Berufsfeld?

Thomas Appel: Zum einen kommt man zu so einem Thema manchmal, wie man so schön sagt, wie die Jungfrau zum Kind. Ich habe in der Medizintechnikbranche, in der Rehabilitationstechnikbranche, eine neue Aufgabe gefunden und festgestellt, wie schön es ist, sich um Themen zu kümmern, die anderen Menschen wirklich helfen. Am Anfang habe ich mich sehr um das Thema Rollstuhl und Schwerstbehindertenversorgung gekümmert, und durch einen Zufall bin ich auf einen Rollator gestoßen, der aus Norwegen nach Deutschland kam. Dieses Thema hat bei mir plötzlich Klick gemacht, weil dieser Rollator so ganz anders war als das, was wir in Deutschland kannten. In Deutschland war der Rollator zu dem Zeitpunkt ein Hilfsmittel, das Geh- und Mobilitätseinschränkungen als therapeutisches Hilfsmittel ausgleichen sollte. Das Produkt, das ich in die Hand bekam, war ein sehr schönes Produkt, das gar nicht nach therapeutischem Hilfsmittel aussah. Das hat mich getriggert, vor allem in Verbindung mit meiner Erfahrung als Unternehmensberater in anderen Branchen, wo ich festgestellt hatte, dass man den Kunden besser danach fragt, was er will, statt ihm einfach nur etwas anzubieten, was normativ vorhanden ist.

Claudia Mattheis: Und du hast einmal gesagt, dass deine Arbeit eigentlich keine Arbeit, sondern eine Lebensaufgabe ist.

Thomas Appel: Ja, das kam durch einen ganz besonderen Moment. Nachdem wir die ersten Rollatoren aus Norwegen in Deutschland testweise an den Mann oder an die Frau gebracht hatten, sind wir hergegangen und haben Menschen, die ihren klassischen Rollator vom Arzt verschrieben bekommen hatten, einfach ein besseres Modell angeboten. Wir haben ihnen die Möglichkeit gegeben, es kostenfrei zu testen, und im Fall, dass es gefällt, eine kleine Rechnung geschrieben, die den Wertausgleich zum klassischen Rollator dargestellt hat. Wir haben dafür so viel positives Feedback bekommen: Wir haben 100 Rollatoren leihweise, testweise rausgegeben und keinen einzigen zurückbekommen, sondern durften überall eine Rechnung stellen. Das waren die ersten Anfänge, und daraus wurde die Erkenntnis: Nimm die Kunden ernst, rede nicht nur über Patienten, die eine Verordnung bekommen und damit quasi eine Vogel-friss-oder-stirb-Therapie, sondern biete ihnen etwas an, das funktioniert.

Dann kam nach einiger Zeit Post, ein Brief von einer Frau, die mit ihrem Rollator offensichtlich im Urlaub war. Sie hat ein Foto von sich und ihrem Rollator vor den Pyramiden von Gizeh geschickt und geschrieben, wer auch immer dieses tolle Produkt erfunden hat, der hat ihr etwas geschenkt, mit dem sie nicht mehr gerechnet hatte: nämlich ihren Lebenswunsch, die Pyramiden von Gizeh zu sehen, noch zu erfüllen. Mit diesem Foto und diesem handgeschriebenen Brief in der Hand hat es tatsächlich Klick gemacht, und es ging gar nicht mehr um das therapeutische Hilfsmittel, sondern um Freiheit, Selbstbestimmung und Lebensqualität. Als ich das gespürt habe, habe ich festgestellt: Das macht richtig Spaß. Das ist nicht mehr nur Arbeit, sondern hier kann ich einer Branche oder einer Gesellschaft mit einem Produkt und einer Idee helfen und vielleicht einen kleinen Fußabdruck hinterlassen. Das ist der Ursprung des Gedankens: Ich muss heute nicht mehr arbeiten, weil ich das, was ich tue, bis heute gerne mache.

Claudia Mattheis: Das merkt man dir auch an. Aber diese Geschichte von dieser Frau, da muss ich natürlich auch an meinen Vater denken, der ja auch so eine Wandlung durchlebt. Er wollte wirklich keinen Rollator haben, weil das nicht zu seinem Selbstbild passte. Er war Marathonläufer und Sportler und ist jetzt über 80. Er tut sich auch etwas schwer mit dem Altwerden und mit allem, was dazugehört, und ist lieber ein paar Mal gestolpert und konnte nicht gut laufen, statt einzugestehen, dass er Unterstützung braucht. Wie typisch ist diese Reaktion, und was steckt eigentlich wirklich dahinter?

Thomas Appel: Die Reaktion ist, glaube ich, weltweit sehr typisch. Niemand akzeptiert den nächsten Schritt, es sei denn, dieser Schritt kommt sehr dramatisch, etwa nach einem Krankenhausaufenthalt nach einer Hüft-OP oder nach einem Schlaganfall. Danach sieht die Welt häufig anders aus. Ich spreche da lieber von Life-Stage-Events als von einem gewissen Alter: Es passiert etwas mit dir, und danach sieht die Welt ein bisschen anders aus. Bei manchen Menschen entsteht das Ganze schleichend. Dieses sich nicht mehr so richtig bewegen können, der eingeschränkte Bewegungsradius, das passiert nicht auf einen Schlag, sondern ist jeden Tag ein bisschen weniger.

Und wenn man in dem Moment einfach nicht mehr weiterkommt, will man das aber häufig auch gar nicht wahrhaben. Man gleicht es irgendwie aus. Ich vergleiche das gerne mit mir und meiner Lesebrille: Ich habe sehr lange das Buch immer weiter von mir weggehalten, bis mich irgendwann ein Nachbar im Flieger gefragt hat, warum ich auf meinem eBook-Reader die Buchstabengröße so groß eingestellt habe, dass er mitlesen kann. Da wurde mir klar: Mensch, mir passiert gerade etwas mit den Augen. Da habe ich das erste Mal zu einer Lesebrille gegriffen, und heute ist das Standard. Aber cool darf sie schon sein, sie sollte nicht albern aussehen.

Das ist das große Thema: Viele Menschen nehmen diese Veränderung einfach nicht wirklich wahr, und wollen sie natürlich auch nicht wahrhaben. Das ist, glaube ich, sehr menschlich und normal, und nach meiner Erfahrung mittlerweile kulturell unabhängig gleich.

Claudia Mattheis: Das sagt ja auch eine Menge über unseren Umgang mit dem Älterwerden aus. Dass man das nicht akzeptiert, oder das Bild vom Alter.

Thomas Appel: Ja, natürlich. Wer von uns akzeptiert schon, dass die Degeneration ungefähr mit 18 einsetzt und ab 30 dann richtig beginnt? Keiner will das wirklich wahrhaben. Und aus der Werbung, im Fernsehen, in Filmen wird uns suggeriert: Life is endless, alle bleiben schön, alle bleiben wunderbar, und nur da schauen wir gerne hin. Ab und zu gibt es mal echt tolle Fotos von alten, weisen Menschen, die man sich gerne anschaut, aber das ist immer noch die Seltenheit. Es wird immer noch diese heile Welt suggeriert, ich nenne das gerne die Ramawelt oder den weißen Riesen.

Das ist etwas, das komplett irreal ist. Aber die Wahrheit ist, wenn man ein bisschen in sich hineinhört, dass etwas mit einem passiert, und das bedeutet, dass die Mobilität nachlässt. Nennen wir es erste Zipperlein, die kommen je nach Intensität des Lebens früher oder später. Bei manchen Menschen hat das auch gar nichts mit dem Alter zu tun. Denken wir an neurologische Krankheitsbilder, wo Menschen mit vielleicht 35 Jahren oder auch jünger bewegungseingeschränkt werden. Die sind nicht alt, aber sie haben ein Mobilitätsproblem und müssen sich eingestehen, dass sie, wenn sie nichts dagegen tun, letztlich auf die Hilfe Dritter angewiesen sind. Das hat nichts mit dem Alter per se zu tun, sondern damit, dass die Maschine Körper nicht mehr ganz so mitspielt, wie man es gewohnt war.

Claudia Mattheis: Das heißt also, viele Menschen sehen in so einem Rollator oder Hilfsmittel eher ein Zeichen von Schwäche, statt zu erkennen, dass es eigentlich ein Symbol für Freiheit und Selbstständigkeit ist. Oder besser gesagt: Es ist kein Symbol, es gibt einem die Möglichkeit, sich freier und selbstständiger zu bewegen.

Thomas Appel: Genau. Und gleichzeitig kommt dieses Produkt aus der Medizintechnik, aus der Therapie, aus einem klinischen Umfeld, dort, wo Krankheit zu Hause ist, und nicht dort, wo Freiheit zu Hause ist. Aina Wifalk, die den Rollator in Schweden erfunden hat, hat damals ein Gerät entwickelt, mit dem man wieder das Gehen erlernen konnte, und aus dieser Richtung kommt es. Dieses Umwidmen zu einem Produkt, das Freiheit gibt, das vielleicht Freiheit unterstreicht, das ein Symbol für Freiheit sein könnte, damit haben wir eigentlich erst 2002 begonnen. Da ging die Reise erst richtig los, als wir angefangen haben zu sagen: Der Rollator ist kein Stigma mehr, der Rollator ist die Chance, deine Selbstbestimmung weiterzuhalten.

Claudia Mattheis: Da komme ich auch gleich noch zu. Aber ich habe jetzt mal eine ganz praktische Frage, die wir uns auch in der Familie gestellt haben: Ab wann ist ein Rollator sinnvoll? Wenn man Probleme beim Laufen bekommt, greift man zunächst vielleicht zu einem Gehstock. Aber wann sollte man wirklich über einen Rollator nachdenken, und sollte man vorher zum Arzt gehen? Wie ist da deine Erfahrung?

Thomas Appel: Die Erfahrung ist relativ simpel. Wenn jemand, der zu Hause lebt, anfängt, sich beispielsweise beim Aufstehen aus dem Sessel langsam hochzuwippen, also ein, zwei, drei Anläufe braucht, bis er seine noch vorhandene Muskelkraft mit ein bisschen Schwung dazu bringt, hochzukommen, dann ist das schon ein sicheres Zeichen dafür, dass die Kraft in den Beinen und im Körper nachlässt. Wenn er sich dann beim Gehen von A nach B, ohne es selbst zu merken, an der Sesselkante, am nächsten Möbelstück oder an der Wand festhält, ist das der nächste Punkt, weil dann sehr wahrscheinlich eine Gangunsicherheit oder ein Schwindel vorliegt. Und wenn darüber hinaus die Gefahr eines Sturzes droht oder, in den meisten Fällen leider, ein Sturz bereits stattgefunden hat, dann ist spätestens der Zeitpunkt gekommen, über so ein Produkt nachzudenken.

Man kann vorher natürlich eine ganze Menge zum Ausgleich nutzen, zum Beispiel einen Gehstock, das ist so eine Vorstufe zum Rollator, dann kommen zwei Gehstöcke. Weil es so schön cool ist, werden häufig Nordic-Walking-Stöcke benutzt. Man muss sich aber darüber im Klaren sein, dass diese Stöcke eine relativ geringe Auflagefläche haben, um die Stabilität zu gewährleisten. Außerdem sind sie in der Regel viel zu hoch eingestellt, weil sie für Nordic Walking gemacht sind und nicht dafür, dass sich jemand darauf abstützt. Aber sie sehen noch wie ein Sportgerät aus, sie haben das Stigma nicht.

Der Rollator ist spätestens dann angezeigt, wenn man das Gefühl hat: Eigentlich kann ich nicht mehr. Vielleicht noch eine andere Sache für Angehörige, Freunde oder Bekannte: Wenn Menschen mehr zu Hause bleiben, wenn sie Ausreden suchen, warum sie nirgendwo mehr hingehen, dann kann ein Rollator vielleicht die Möglichkeit geben, ihnen die Kraft zu geben, wieder weitere Strecken zu gehen. Der klassische Weg ist: Ein Mensch geht zum Arzt wegen irgendwelcher Beschwerden, der Arzt stellt die Mobilitätseinschränkung fest und sagt dann mit der Autorität des weißen Kittels: Die Zeit ist gekommen, ich schreibe Ihnen ein Rezept für einen Rollator aus. Das ist meistens ein sehr einschneidender Moment, weil es der klare Hinweis ist, dass die nächste Mobilitätsstufe erreicht ist. In dem Fall wird das nicht unbedingt positiv aufgenommen, sondern eher als Verlust wahrgenommen, obwohl es eigentlich kein Verlust, sondern eine Verlängerung der Mobilität sein kann.

Claudia Mattheis: Ich habe in der eigenen Familie gemerkt, wie schwierig dieses Thema ist, gerade wenn man als Tochter mit dem Vater darüber spricht. Das ist vielleicht noch mal eine besondere Konstellation, er will natürlich mir gegenüber möglichst keine Schwächen zeigen. Ich war dann sehr froh, als er zumindest damit einverstanden war, sich mal einen Rollator anzugucken. Wir hatten den dann einfach zum Test von euch, haben ihn ihm hingestellt und gesagt: Guck mal hier. Dann konnte er das ein bisschen ausprobieren, fand das Design toll, fand die Verarbeitung toll. Es hatte für ihn auch etwas von einem Sportgerät, und tatsächlich auch diese Assoziation zum Rennrad, das er ja früher hatte. Und dann hat er sich langsam herangetastet und es ausprobiert.

Was würdest du sagen, wie geht man am besten als Angehöriger, Freund oder Nachbar damit um, wenn man merkt, dass jemand vielleicht Unterstützung im täglichen Leben braucht? Hast du noch ein paar andere Tipps, was man da tun könnte?

Thomas Appel: Erst mal hast du alles richtig gemacht: ausprobieren, Erfahrungen damit sammeln, vielleicht die Person auch ein bisschen alleine mit dem Produkt familiär werden lassen, sich selbst überzeugen können, dass das etwas ist. Das ist schon mal gar nicht so schlecht. Ich habe noch eine ganze Menge mehr Tipps, deswegen habe ich tatsächlich ein Buch dazu geschrieben, das heißt “Mein Rollator ist mein bester Freund”. Darin sind gefühlt 30, 40 Live-Geschichten von Menschen, die genau in solchen Situationen waren und die ich einfach wiedererzählt habe, plus eine ganze Menge sogenannter Live-Hacks rund um das Thema Rollator, einfach um es auszuprobieren.

Das Wichtigste: Mit Druck geht gar nichts. Wenn man versucht, das einem Menschen massiv aufzuzwingen, funktioniert es nicht. Das Zweite ist, das Umfeld zu beachten. Wie stehen die anderen, die in näherer Beziehung zum potenziellen Nutzer stehen, dem Rollator gegenüber? Positiv oder nicht? Das gilt auch für die eigene Familie.

Meine Schwiegermutter brauchte offensichtlich einen Rollator, mein Schwiegervater war der Meinung, dass seine Frau noch viel zu jung dafür sei. Meine Schwiegermutter hat den Rollator nicht benutzt. Irgendwann ist leider mein Schwiegervater verstorben, und meine Schwiegermutter ist stolz mit dem Rollator hinter dem Sarg hergelaufen und konnte plötzlich wieder gehen. Ein wahnsinniges Thema, das wir selbst gar nicht erkannt hatten: dass es hier einen Bremsklotz gab, der für uns gar nicht offiziell sichtbar war. Mein Schwiegervater hat seiner Frau natürlich nicht offiziell abgeraten, den Rollator zu nutzen, das haben die beiden unter sich ausgemacht. Wir haben uns nur immer gewundert, warum alles gute Zureden und Testen nichts gebracht hat. Also: Umfeld anschauen, möglichst niedrige Hemmschwelle, sich Gelegenheiten überlegen, es auszuprobieren. Man muss ja nicht, aber man kann es ja mal versuchen.

Und dann auch schauen, was generell eine Überzeugungsmöglichkeit sein könnte. Bei deinem Vater war es vielleicht die Technik, die Ähnlichkeit zum Rennrad. Es könnte aber auch einfach ein Shopping-Trolley sein: Du kannst wieder besser einkaufen, da passen drei Tüten Milch und ein Sack Kartoffeln rein, und du bist komplett entspannt unterwegs. Oder, was ich auch ein super Argument finde: Du kannst dich jederzeit hinsetzen. Meine Frau und ich waren letztens in München, und wir haben festgestellt, in der Innenstadt findest du kaum noch Parkbänke, keine Möglichkeit mehr, dich kurz abzusetzen. Oder du willst shoppen gehen, stehst in einem riesigen Kaufhaus, während dein Partner 13 Hemden anprobiert, und würdest dich gerne hinsetzen. Mit dem Rollator kein Problem. Also die Lebensmomente heraussuchen, wo er eine echte Unterstützung sein kann, und die nutzen, um diese Unterstützung anzubieten.

Denn hat man es einmal ausprobiert und den Vorteil einmal erlebt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass man es dann auch nutzt.

Claudia Mattheis: Das merke ich auch selbst. Aber vor allem der wichtigste Tipp ist dann wohl: dein Buch lesen. Wir werden das auch verlinken, wir haben das dann auch bei uns in den Buchtipps: “Mein Rollator ist mein bester Freund” – gute Gründe, einen Rollator zu nutzen. Aber jetzt noch mal zu Saljol selbst. Der Name steht für Spaß am Leben, Joy of Life. Wie kam es zu dieser Idee, und warum war sie von Anfang an so wichtig? Also, warum heißt ihr so, wie ihr heißt?

Thomas Appel: Das ist relativ einfach. Wenn du dich an die Geschichte zurückerinnerst, die ich am Anfang erzählt habe, von der Frau bei den Pyramiden, dann geht es letztlich um Spaß am Leben. Da ist jemand, der sich nicht aufgegeben hat, der noch gereist ist. Das ist eine Möglichkeit, Spaß am Leben auszudrücken. Auf der anderen Seite habe ich durch die Beschäftigung mit Menschen mit Behinderung und Menschen in schweren gesundheitlichen Zuständen festgestellt, dass Spaß am Leben ganz anders definiert werden muss, als es vielleicht in der Werbung für die Jugend definiert wird. Spaß am Leben kann ein Lächeln im Gesicht in einer äußerst schwierigen Situation sein. Ich finde, ein Krankenhausclown macht genauso Spaß am Leben wie ein Rollator, man muss einfach das Positive sehen.

Und dann kam die große Frage: Wie findet man einen Namen für ein Unternehmen? Man kann Werbeagenturen beschäftigen, kann alles Mögliche machen. Wir haben einfach über ein halbes Jahr mit Buchstaben und Begriffen herumgespielt, haben auch etwas herumgealbert, hatten Spaß, und irgendwann ist so Saljol entstanden. Interessant war: Wir hatten dem Unternehmen am Anfang einen Claim gegeben, der hieß “Immer weiter”, weil wir gesagt haben, mit unseren Produkten kann man weiterleben, kann man sich weiter bewegen. Für unsere Kunden war es aber immer schwer zu verstehen, wie Saljol geschrieben wird. Also haben wir es buchstabiert: S wie Spaß, A wie am, L wie Leben, J wie Joy, O wie of, L wie Life. Und dann kam die Idee: Warum nehmen wir nicht die Idee, die hinter dem Begriff steht, als Claim? So ist “Saljol – Spaß am Leben” entstanden.

Claudia Mattheis: Schöne Geschichte. Jetzt noch mal zum Thema Design. Bei meinem Vater war das Design ja quasi der Türöffner, damit er sich überhaupt weiter mit dem Thema beschäftigt hat. Und eure Produkte sind extrem ästhetisch. Warum spielt Ästhetik bei Hilfsmitteln eine viel größere Rolle, als viele glauben?

Thomas Appel: Wir bei Saljol, und ich hoffe auch die allermeisten anderen, reden über Menschen. Und Menschen haben nicht weniger Ästhetiksinn, nur weil sie älter geworden sind oder eine Behinderung haben. Ästhetik und Selbstwertgefühl, sich wohlfühlen, das ist ein ganz wichtiger Faktor für uns alle. Deswegen haben wir festgestellt, dass wir, um den Zugang zum Rollator so niedrigschwellig wie möglich zu gestalten, zuallererst etwas machen müssen, das schön ist. Denn mit etwas Schönem kann ich mich auch in der Welt zeigen, damit bin ich vielleicht sogar ein bisschen stolz und fühle mich nicht in meiner Würde eingeschränkt. Design ist für uns also ein ganz wichtiger Faktor.

Wir haben uns dann überlegt, welches Design es sein sollte. Wenn du unsere Rollatoren anschaust, haben die einen leichten Bogen. Das hat einen Sinn: In der Jugendzeit unserer Zielgruppe, also in den 40er-, 50er- und 60er-Jahren, war das gesamte Automotive-Design extrem geschwungen. Erinnere dich an die Kotflügel eines VW Käfers, das lässt sich breit durch alle Automarken ziehen, es war immer viel Rundung dabei. Wir haben gesagt, wir nehmen die Ästhetik dieser Zeit, machen mit diesen Radien etwas, und siehe da, es hat funktioniert.

Wir sind auch bei den Farben so vorgegangen, die wir ausgesucht haben, ähnlich wie die Radien, die traditionell schon lange im Automotive-Design verankert sind. Wir sind also nicht hergegangen und haben es irgendwie fancy bunt gemacht, sondern edel und angepasst, so, dass es nicht schreit, sondern unterstreicht. Das ist, glaube ich, ähnlich wie bei klassischer Mode in Italien oder Frankreich, die in den seltensten Fällen schreiend ist, sondern die Persönlichkeit unterstreicht. Und genau das haben wir, glaube ich, geschafft. Ein oder zwei Jahre, nachdem wir mit unserem neuen Rollator auf dem Markt waren, haben wir eine Marktforschung gemacht: Warum bist du bereit, 699 Euro für so einen Rollator auszugeben? Die Antwort zu 95 Prozent war: Weil er schick ist. Das hat unseren Ingenieuren nicht hundertprozentig gepasst, weil sie dachten, es liegt an der tollen Funktionalität, an den gut laufenden Rädern, an anderen schönen Details. Nein, die Entscheidung ist tatsächlich eher im Bauch getroffen worden, dort, wo die Emotionen liegen.

Claudia Mattheis: Das kann ich gut nachvollziehen. Mein Vater hat ein Rollatorenmodell in Kupfer und Schwarz, zufälligerweise genau die Farben von LIVVING, und das sieht natürlich extrem edel aus. Der Rahmen ist aus Carbon, und die Griffe sind aus Kork, was auch ein schönes Handgefühl ist. Das finde ich extrem gut durchdacht. Es gibt auch eine Leuchte, es gibt einen Beutel, den man ranmachen kann, wo man erstaunlich viel transportieren kann, und man kann sich auch bequem hinsetzen.

Aber jetzt mal zu euren Werbemotiven, denn das ist ja das Erste, was wir von euch gesehen haben. Ich nenne euch auch gerne als Beispiel, wenn ich gefragt werde, wie man gute Werbung für ältere Zielgruppen macht. Wir sind nicht eure Werbeagentur, deswegen ist das wirklich unabhängig und neutral gemeint. Eure Werbemotive unterscheiden sich deutlich von dem, was man sonst in der Branche sieht: Ihr zeigt Menschen nicht als Patienten, sondern aktive Menschen, die mitten im Leben stehen. Warum war dir das so wichtig, und wie seid ihr auf die Idee gekommen, solche Fotoaufnahmen von Lebenssituationen zu machen?

Thomas Appel: Ich glaube, wir haben zum ersten Mal keine Werbeagentur beauftragt.

Claudia Mattheis: Guter Plan.

Thomas Appel: Es ist ja aus dem Leben gegriffen. Alles, was wir machen, auch bei Gestaltung, Design, Funktion und Qualität, entsteht im Wesentlichen dadurch, dass wir hinsehen, mit den Menschen sprechen, hinhören und uns anschauen, was sie eigentlich wollen. Und sie wollen ein ganz normales Leben weiterleben. Wir versuchen, das in einen Rahmen zu bringen, der diesen Spaß am Leben unterstreicht. Manchmal vielleicht ein bisschen an der Kante des zu Schönen, aber wir wollen in keinem Fall albern wirken oder jemandem respektlos gegenübertreten. Alle Motive, die wir zeigen, sind real und für einen Rollatorfahrer machbar. Es ist vielleicht manchmal der schönere Blick durch die Kamera, aber so macht man das ja auch, wenn man Wünsche und Begehrlichkeiten wecken will, und damit auch jemandem Mut machen möchte, es auszuprobieren. So könnte es sein.

So entstehen diese Bilder, aus Alltagssituationen, aus Gesprächen, sogenannten Mutmachern, mit Menschen, die unsere Rollatoren nutzen und uns erzählen: Ich habe jetzt diesen Rollator und war wieder in meinem Lieblingsbiergarten, da war ich zehn Jahre nicht mehr. Warum nicht? Weil da ein Schotterweg war und ich nicht hingekommen bin. Jetzt, mit euren Reifen, die über diesen Schotterweg gut rollen, und mit eurer Schleifbremse, mit der ich super abbremsen kann, während ich den Berg runtergehe, komme ich wieder in meinem Biergarten an. Und wisst ihr, was das ist? Toll. Genau das versuchen wir dann im Bild umzusetzen.

Claudia Mattheis: Warum mich eure Bildsprache auch so angesprochen hat: Ich finde das Altersbild in der Werbung oft einfach schwierig, weil es zwei Pole gibt. Einmal dieses extrem hilfsbedürftige, wo ältere Menschen sehr defizitär dargestellt werden, das hat man gerade in der Corona-Zeit erlebt, mit Pflegeheimen, Menschen im Rollstuhl und ganz ungünstigen Perspektiven. Oder es gibt ein super geschöntes Bild vom Alter, wo ältere Menschen total crazy dargestellt werden. Es gibt aber selten ein wirklich realitätsnahes, ästhetisches Bild, das wird oft einfach nicht umgesetzt. Und ich frage mich dann, was das mit unserem Bild vom Alter allgemein macht. Also meine Frage: Kann gutes Design gesellschaftliche Bilder verändern? Also nicht nur Produkte schöner machen, sondern auch Einstellungen?

Thomas Appel: Natürlich, davon bin ich fest überzeugt. Man muss die Leute nur ernst nehmen. Wenn man Bildsprache kreiert, das machen Werber, das machen Unternehmer, muss man sich auch mal in die Situation dieser Menschen hineinversetzen. Ganz ehrlich, ich glaube, wenn wir sagen, Saljol vermittelt Spaß am Leben durch Freiheit, Selbstbestimmung und Würde, dann ist das absolut richtig. Und wenn unser Maßstab der anspruchsvolle Nutzer unserer Produkte ist, dann muss ich mich mit dem auseinandersetzen, mir die Menschen anschauen, und dann sehe ich nicht unbedingt den crazy dargestellten Menschen.

Ich sehe nicht unbedingt nur den sehr kranken und defizitär dargestellten Menschen, und ich sehe auch nicht unbedingt nur die Leute in Beige. Es gibt ganz viele Facetten dazwischen, und genau an die müssen wir uns wenden. Vielleicht gibt es einen großen Unterschied zwischen uns und vielen anderen: Wir reden ganz viel mit den Leuten, beschäftigen uns mit ihnen, machen Rollatortrainings, machen Rollatorgymnastik mit ihnen. Wir stellen fest: Die Dame ist jetzt 97, aber die hat genauso Spaß an dem Thema. Es gibt auch die Verrückten, die gibt es auch, tatsächlich mit knallrotem Lippenstift und Leo-Schal, aber das ist einer von 100. Es gibt ganz viele, die ganz normal sind, und die versuchen wir darzustellen. Vielleicht so, wie man sich auch gerne im Spiegel sieht: leicht bronziert, ein bisschen netter, als man wirklich aussieht. Aber das macht ein Stück weit den Wunsch aus, und dieser Wunsch ist die Triebfeder, den Mut zu haben, den Schritt in diese Richtung zu gehen.

Das ist unser Ziel. Und der Rest ist intern in unserer DNA verankert und irgendwann auch in unsere Strategie eingeflossen. Aber die Strategie kam nicht zuerst, wir sind nicht hergegangen und haben gesagt, so muss die Bildsprache aussehen, sondern das ist relativ natürlich entstanden. Wenn dann Kunden, Sanitätshäuser, Dritte oder Menschen wie du sagen, eure Bilder sind toll, dann ist das nur motivierend, das auf dem Level zu halten. Und wenn wir sehen, dass unsere Marktbegleiter versuchen, das nachzuempfinden, dann ist das Anerkennung.

Claudia Mattheis: Genau, das beste Kompliment. Ich habe jetzt ein paar Fragen zu euren Produkten und dazu, was ihr noch so vorhabt. Aber zunächst: Wenn du auf eure Produktpalette schaust, worauf bist du heute besonders stolz?

Thomas Appel: Darauf, dass wir im Straßenbild sichtbar sind. Ob ich jetzt in Berlin, in München oder bei uns in Fürstenfeldbruck bin, ich muss nicht lange warten, bis mir einer unserer Rollatoren über den Weg läuft. Das macht mich schon stolz. Und was mich auch stolz macht: Wir bekommen relativ regelmäßig, ich will nicht sagen täglich, aber mindestens zwei- bis dreimal pro Woche, genau das als Feedback von den Nutzern dieser Produkte gespiegelt. Das finde ich wirklich etwas, das stolz macht.

Und das Letzte, was mich auch stolz macht, ist, dass ich weiß, dass ganz viele Menschen wieder Dinge tun können, die ihnen verwehrt waren. Eine kleine Geschichte dazu, vielleicht auch etwas negativ belegt, aber ich finde, sie trifft es: Ein älterer Nachbar von mir konnte sich nicht mehr alleine richtig versorgen, sein Sohn ist für ihn einkaufen gegangen. Der gute Mann war mit seinen 84 Jahren noch leidenschaftlicher Raucher. Sein Sohn hat ihm aber keine Zigaretten mitgebracht vom Einkauf, er hat ihm alles zu essen mitgebracht, aber bei den Zigaretten gesagt: Die kaufe ich dir nicht, Papa, das ist ungesund. Irgendwann konnte ich das nicht mit ansehen und habe ihm einen Rollator geschenkt. Danach ist der gute Mann tatsächlich alle zwei Tage mit seinem Rollator die anderthalb Kilometer bis zum Supermarkt gelaufen, hat sich seine Schachtel Zigaretten gekauft, und ab und zu hat man hinter einem Busch eine Rauchwolke aufsteigen sehen. Dann saß er davor und hat ganz genüsslich seine Zigarette geraucht. Er konnte wieder selbst entscheiden. Ob das gesundheitlich einschränkend war, weiß ich nicht, aber ich habe dem Mann mit diesem Hilfsmittel letztlich seine Entscheidungsfreiheit zurückgegeben, und das macht mich stolz.

Claudia Mattheis: Das war eine schöne Geschichte. Aber noch eine andere Frage: Viele kennen Saljol vor allem über die Rollatoren, ihr habt aber auch noch andere Produkte. Welche Produkte werden aus deiner Sicht noch unterschätzt?

Thomas Appel: Im Prinzip geht es bei den Rollatoren um Mobilitätserweiterung. Das zweite große, wichtige Thema ist Sturzprävention, und das ist extrem wichtig, insbesondere für Menschen, die alleine zu Hause leben, aber auch für ältere Paare. Wenn jemand, der 60, 70 Kilo wiegt, stürzt und auf den Boden fällt, kann den selten ein anderer wieder aufheben. 60, 70 Kilo, insbesondere wenn keine Muskelkraft mehr da ist, sind nahezu unmöglich hochzuheben. Also haben wir uns Gedanken gemacht, was man sonst noch Sinnvolles für Rollatornutzer anbieten könnte, also für Menschen mit gewissen Einschränkungen der Mobilität, aber noch vorhandener geistiger Stärke. Dabei sind wir auf die Idee gekommen, dass jemand, der sich beim Gehen schwertut, sich natürlich auch beim Duschen schwertut, weil er nicht so lange stehen kann. Es gibt Haltegriffe, die helfen aber auch nur bedingt.

Es gibt Duschhocker, die stehen auf der Stelle, damit kann man sich nicht wirklich umdrehen, da muss man gewaschen werden. Also haben wir einen Duschhocker entwickelt, mit dem man sich auf der Stelle drehen kann, was die Möglichkeit gibt, die Intimpflege so zu erledigen, dass man überall gut hinkommt. Dieser Duschhocker ermöglicht letztlich mehr Selbstständigkeit in der Dusche. Was wir auch noch haben, aber nicht selbst entwickelt, sondern nur weiterentwickelt haben, ist ein Ruhe- und Aufstehsessel. Hier geht es im Wesentlichen darum, dass man sicher aus dem Sessel aufstehen, aber auch wieder sicher hinsetzen kann, denn genau das ist ein Moment im Alltag, in dem häufig Stürze entstehen. Diese Pendelbewegung, dieses Herausschaukeln aus dem Sessel, birgt eine Gefahr: Gibt man zu viel Kraft, kann man auch nach vorne überfallen. Mit so einem Ruhe- und Aufstehsessel ist das ein Stück weit eliminiert.

Das sind die Produkte, die wir aktuell haben. Uns geht es immer darum, entweder den Freiheitsgrad der Mobilität zu erweitern oder die Sturzgefahr in den eigenen vier Wänden zu minimieren. Das Ganze nach dem KISS-Prinzip: Keep it simple and stupid. Unsere Produkte müssen intuitiv bedienbar sein. Sie müssen nicht, um Mike Krüger zu zitieren, komplizierte Bedienungsanleitungen brauchen, sondern man muss ganz einfach mit dem Produkt intuitiv arbeiten und leben können, dann wird es auch genutzt. Wenn erst mal zu viel Erklärung notwendig ist, ist die Nutzung letztlich auch in Frage zu stellen.

Claudia Mattheis: Arbeitet ihr bereits an Neuheiten, über die du schon sprechen kannst? Was gibt es demnächst Neues, oder gibt es schon etwas Neues?

Thomas Appel: Aktuell gibt es tatsächlich etwas Neues. Wir haben dem Trend, den leichtesten Rollator der Welt zu bauen, ein Gesicht gegeben: Wir haben einen Superlight-Rollator entwickelt, der mit 4,5 Kilo extrem leicht ist. Das ist ideal für Menschen, die ihn häufig ins Auto heben müssen, auf Reisen sind oder ein paar Stufen hochtragen müssen, dabei aber, das ist ganz wichtig, sehr stabil bleibt. Den haben wir gerade auf der OTWorld in Leipzig vorgestellt. Dazu gibt es einen großen Bruder, einen ultraleichten Outdoor-Rollator, der ebenfalls in seiner Klasse der leichteste ist, mit 5,3 Kilo, der die Möglichkeit gibt, auch auf unebenem Gelände sicher und trotzdem leicht unterwegs zu sein. Das kommt jetzt demnächst in die Geschäfte.

Was wir ansonsten tun: Wir werden das Thema Rollator in seinen Varianten abrunden. Da möchte ich noch nicht zu viele Details verraten, aber es reicht in der Regel nicht, für eine Person nur einen Rollator zu haben. Es gibt Rollatoren, die für einen schwächeren Mobilitätsgrad geeignet sein müssen, Rollatoren für kleinere Menschen, und Rollatoren für größere und schwerere Menschen. Wir werden vermutlich zum Ende des Jahres eine komplette Linie haben, die all diese Bedürfnisse abdeckt. Was wir im Moment bewusst nicht tun, ist einen Rollator mit irgendeiner Art von Antrieb zu entwickeln, also Elektroantrieb oder Motor.

Claudia Mattheis: Gibt es das überhaupt?

Thomas Appel: Ja, das gibt es. Es gibt Unternehmen am Markt, die die Pedelec-Idee, also die E-Bike-Idee, in die Rollatorwelt bringen wollen. Das bedeutet aber immer, dass jemand vom Rollator gezogen wird und nicht mehr seine eigene Geschwindigkeit geht. Das halten wir für ein unterstützendes Hilfsmittel im Moment noch für schwierig, weil dafür ziemlich viele kognitive Fähigkeiten notwendig sind. Wir versuchen, wie ich schon gesagt habe, möglichst alles intuitiv, mechanisch und einfach zu lösen, damit der Nutzer bei der Nutzung des Rollators nicht eine Sekunde nachdenken muss. Denn wenn er erst nachgedacht hat, ist schon eine potenzielle Gefahr entstanden.

Claudia Mattheis: Ihr wollt oder seid dabei, auch international zu wachsen, beziehungsweise seid schon im Ausland vertreten. Gibt es da Unterschiede im Umgang mit Hilfsmitteln, und wenn ja, welche?

Thomas Appel: In jedem Fall gibt es Unterschiede, auch kulturelle, je nachdem, wie viel familiäre Unterstützung noch vorhanden ist. Viele Jahre war zum Beispiel in Süditalien die Nonna Mittelpunkt der Familie, und jeder hat sich darum gekümmert, dass sie abends, wenn die Freunde kommen, unter den Armen gestützt zum Marktplatz gebracht wurde, sich auf den Stuhl setzen und mitreden konnte. Das hört mittlerweile auch in Italien ein bisschen auf, weil dieser familiäre Zusammenhalt nicht mehr so stark da ist. Und wir bekommen dadurch etwas die Möglichkeit, mit Rollatoren diese Freiheit zurückzugeben. In Italien haben wir aber auch ein paar bauliche Themen: Die historische Architektur der Städte lässt die Nutzung eines Rollators nicht unbedingt einfach zu, man hat viel zu hohe Bordsteinkanten, ungleiche Stufen und ähnliche Barrieren, mit denen es mit dem Rollator gar nicht so einfach ist, durchzukommen. Das sind Einschränkungen in manchen Ländern, aber grundsätzlich ist die Bewegungseinschränkung weltweit das gleiche Thema.

Sobald wir in Länder kommen, in denen es demografische Themen und Überalterung gibt, sind wir mit dem Rollator eigentlich immer ganz gut präsent. Es gibt aber auch ein Land, in das ich übermorgen fliegen darf, in dem das Thema Gehen nicht so positiv belegt ist wie bei uns: die USA. Dort wird entweder gelaufen oder man macht Fitness, aber Bürgersteige, Gehen und Flanieren kennt man dort nicht so wie in Europa. Da ist der Rollator dann schon fast eher wie ein Longevity-Sportgerät zu sehen. Wir werden unsere Produkte dort auch eher zusammen mit Herz-Kreislauf-Themen positionieren, um über Steps a Day, oder welchen Slogan wir dort auch immer verwenden, zur Gesundheit beizutragen. In den USA wird es also mehr zu einer Art Sportprodukt, als es in Europa ist. Das sind die großen Unterschiede. Zentraleuropa ist untereinander ziemlich ähnlich, da gibt es keine großen Unterschiede.

Claudia Mattheis: Noch mal ein kleiner Blick in die Zukunft. Wir werden immer älter und möchten gleichzeitig möglichst lange zu Hause leben. Was glaubst du, welche Rolle werden Hilfsmittel in 10 oder 20 Jahren spielen? Was wird sich da noch entwickeln?

Thomas Appel: Ich glaube, es werden relativ viele Commodity-Products sein. Ich glaube, das Thema wird gar nicht so sehr über das reine medizinische Hilfsmittel gespielt, sondern wir werden Einrichtungsgegenstände haben, die genau diese Einschränkungen ausgleichen, ohne dass man es sieht. Dass dieses unterstützende Design Einzug in den Alltag hält, davon bin ich fest überzeugt. Es wird eine sehr große Rolle spielen, weil wir uns einfach nur unsere Demografie anschauen müssen. Wir alle werden es brauchen, das ist Fakt. Die Frage ist nur, wann und wie. Ich glaube, dass Hilfsmittel nicht mehr unbedingt als Hilfsmittel bezeichnet werden, aber in vielen Bereichen weiterhin unterstützend da sein werden.

Claudia Mattheis: Und jetzt noch die allerletzte Frage, auch noch mal ein Blick in die Zukunft: Wie willst du selbst in Zukunft leben, wohnen und vielleicht auch arbeiten?

Thomas Appel: Fangen wir mit dem Arbeiten an. Weil bei mir Leben und Arbeiten sehr ineinander übergehen, kann ich mir gut vorstellen, das so lange zu tun, wie es mir Spaß macht und wie es sinnstiftend für mich, meine Mitarbeiter und meine Umgebung ist. Dieser Zwang, aufzuhören, wäre für mich eher eine Muss-Vorstellung und kein Lebenstraum. Wie will ich leben? Ich glaube, genauso wie heute, möglichst unabhängig, möglichst selbstbestimmt. Kann ich mir heute eine Wohngemeinschaft vorstellen? Schwierig, ich konnte mir schon früher kaum Wohngemeinschaften vorstellen. Ich habe auch WGs ausprobiert, fand ich nicht so prickelnd. Aber ich würde gerne zu Hause wohnen. Ich kann mir vorstellen, dass ich mein Haus so anpasse, mit wenigen Mitteln so gestalte, dass das auch möglichst lange möglich ist.

Und es gibt ja auch mittlerweile tolle Möglichkeiten, sich zu Hause von Alltagshelfern unterstützen zu lassen. Das kann ich mir in jedem Fall eher vorstellen, als mich in eine Situation zu begeben, in der ich mich nur von zu Pflegenden umgeben fühle. Dafür habe ich leider zu viele Pflegeheime gesehen, wobei eine Ausnahme, die ich wirklich toll fand, mein Erlebnis mit zwei Demenzwohngemeinschaften war. In dem Moment wäre ich zwar nicht mehr Herr meiner eigenen Gedanken, aber ich habe die Menschen, die dort zusammengelebt haben, in einer ganz tollen Harmonie erlebt und mir gedacht, das wäre auch etwas, was man sich vorstellen könnte. Dann ist aber das Thema Selbstbestimmung durch die Krankheit bereits genommen.

Claudia Mattheis: Okay, Thomas, ich könnte dir noch ewig zuhören und habe auch noch ganz viele Fragen, aber vielleicht gibt es eine Fortsetzung. Das war es aber jetzt erst mal für heute. Ich bedanke mich ganz herzlich für deine Zeit, für das Interview und die spannenden Einblicke, und bin gespannt, was da noch alles an Innovation kommen mag.

Thomas Appel: Vielen Dank, Claudia. Hat mir auch Spaß gemacht, denn jedes Mal, wenn ich ein bisschen über das Thema erzählen kann, hoffe ich, dass irgendjemand aufsteht und auch Mut hat, sich damit mehr zu beschäftigen. Also weiter so. Und auch danke an LIVVING, dass ihr dieses Thema so positiv nach vorne tragt. Ich glaube, unsere nächsten 20 Jahre werden genauso wie die letzten 20 Jahre: Wir machen einfach das Beste draus, oder?

Claudia Mattheis: Genau, man braucht Mut machende Perspektiven, sonst funktioniert es nicht. Okay, danke. Tschüss.

Claudia Mattheis

Frau mit schulterlangem gelocktem braunem Haar, die einen dunklen Blazer und eine silberne Halskette trägt und in die Kamera lächelt.

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.

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