Vom digitalen Notruf bis zur sozialen Teilhabe: So können intelligente Systeme Senior:innen unterstützen und Angehörige entlasten.
In diesem LIVVING Podcast reden wir mit Dr. Bettina Horster. Warum wir sie eingeladen haben?
Weil sie zusammen mit ihren Co-Autorinnen das Buch “Das Altersheim kann warten” geschrieben hat, ein Ratgeber der zeigt, wie ältere Menschen moderne Technologien nutzen sollten, um länger in den eigenen vier Wänden leben zu können.
Und sie ist eine Pionierin im Bereich der Digitalisierung sowie der künstlichen Intelligenz und entwickelt selbst Lösungen, die den häuslichen Alltag für Senioren und deren Angehörige deutlich erleichtern.
Die wichtigsten 3 Fakten aus dem Interview:
- Pflegenotstand erfordert neue Lösungen:
Bereits bis 2027 fehlen 300.000 Pflegekräfte, weshalb klassische Pflegekonzepte nicht mehr ausreichen. - Die meisten Menschen möchten nicht ins Heim:
83 Prozent aller Menschen ab 65 wollen zu Hause bleiben – digitale Technologien können ihnen helfen. - Innovative Assistenzsysteme können den Alltag erleichtern:
Von Notruf- und Erinnerungsfunktionen bis hin zu Videoanrufen – Technik wird zum persönlichen Begleiter im Alter.
Warum reichen traditionelle Pflegekonzepte nicht mehr aus?
Bettina Horster macht gleich zu Beginn des Interviews klar: „Wir haben einfach nicht genug Pflegekräfte.“
Schon heute sind die Kapazitäten erschöpft – bis 2027 fehlen laut Prognosen weitere 300.000 Fachkräfte.
Die klassische Abfolge – erst ambulante Pflege, dann stationäres Heim – ist so nicht mehr aufrechtzuerhalten. Das belegen auch Zahlen: 55 Prozent der Pflegeheime können nicht alle Zimmer belegen, weil das Personal fehlt.
Doch die Realität zeigt auch: „Die meisten Menschen wollen überhaupt nicht ins Heim. Laut Umfragen wollen 83 Prozent aller Menschen ab 65 Jahren so lange wie möglich zu Hause bleiben.“ Das liegt nicht nur an der besseren Lebensqualität, sondern auch daran, dass ein Umzug ins Heim mit vielen Einschränkungen verbunden ist. „Man gibt dort sehr viel an der Tür ab.“
Welche Technologien helfen Senior:innen im Alltag wirklich?
„Es gibt schon jetzt so viele tolle digitale Lösungen – aber die Menschen wissen oft gar nicht, dass es sie gibt“, sagt Bettina Horster. Der Schlüssel liegt in Assistenzsystemen, die Sicherheit bieten und dabei helfen, den Alltag selbstbestimmt zu gestalten.
Beispiele digitale Assistenzsysteme:
- Erinnerungssysteme: „Gerade Menschen mit kognitiven Einschränkungen profitieren enorm von digitalen Erinnerungen – sei es für Medikamente, Trinken oder Arztbesuche.“
- Sturzerkennung: „Fallen ist nicht das Problem – das Problem ist, nicht mehr aufstehen zu können. Die Technologie erkennt, wenn jemand stürzt und nicht wieder hochkommt, und setzt dann eine Notfallkette in Gang.“
- Vitalwert-Monitoring: „Blutdruck, Zuckerspiegel, Puls – plötzliche Veränderungen können gefährlich sein. Die Systeme erkennen das und alarmieren im Ernstfall automatisch.“
- Soziale Teilhabe: „Viele ältere Menschen vereinsamen, weil sie nicht mehr mobil sind oder Schwierigkeiten haben, digitale Geräte zu bedienen. Wir setzen daher auf barrierefreie Video-Calls und intelligente Sprachassistenten, die echte Unterstützung bieten.“
Welche Rolle spielen Angehörige in der Pflege?
Bettina Horster weiß: Die Digitalisierung in der Pflege hilft nicht nur Senior:innen, sondern auch deren Familien. „Über ein Drittel der Angehörigen lebt über 100 Kilometer entfernt – und die Hälfte nicht mal mehr um die Ecke.“
Hier setzen smarte Lösungen an: „Angehörige können über unsere Systeme sanft eingebunden werden, ohne sich aufdrängen zu müssen. Sie bekommen beispielsweise Mitteilungen, wenn alles in Ordnung ist – oder werden alarmiert, wenn es einen Vorfall gibt.“
Viele Angehörige rufen regelmäßig bei ihren Eltern oder Großeltern an, nur um sicherzugehen, dass alles in Ordnung ist. „Aber was, wenn niemand ans Telefon geht? Dann fängt das Kopfkino an!“ Ein intelligentes System, das automatisch meldet, ob der Alltag normal verlaufen ist, kann hier enorme Entlastung bieten.
Was ist Vivi und wie kann das digitale Assistenzsystem helfen?
Bettina Horster hat mit ihrem Unternehmen VIVAI eine Lösung entwickelt: Vivi, ein digitales Assistenzsystem, das weit mehr ist als ein herkömmlicher Notrufknopf. „Vivi ist ein liebevoller, empathischer Begleiter, der 24/7 da ist.“
Was kann Vivi als digitaler Helfer?
- Erinnerung an Trinken, Medikamente, Termine – individuell und mit Sprachausgabe. Sturzerkennung durch Sensoren, die erkennen, ob jemand nicht mehr aufstehen kann.
- Videoanrufe, um Kontakt zu Angehörigen zu erleichtern.
- Notruf-Funktion, die automatisch eine Kette von Helfenden alarmiert.
Und wie teuer ist das?
„Die Kosten werden komplett von der Pflegekasse übernommen. Kein Eigenanteil! Ein Antrag genügt.“ sagt Bettina Horster.
Warum ist digitale Unterstützung im Alter so wichtig?
Bettina Horster sieht sich selbst als Seniorenaktivistin. „Wir brauchen mehr Lobby für ältere Menschen – und mehr Offenheit für digitale Lösungen.“
Sie betont, dass viele Innovationen nicht in den Fokus rücken, weil Pflege oft noch traditionell gedacht wird. „Dabei könnten wir mit digitalen Assistenzsystemen so viel mehr Menschen ein würdevolles Leben ermöglichen.“
Es geht nicht darum, Pflegekräfte zu ersetzen – sondern darum, sie zu entlasten.
„Die Technologien sind da – wir müssen sie nur endlich nutzen.“
Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten?
Dieses Gespräch mit Bettina Horster zeigt: Die Digitalisierung in der Pflege ist längst keine Zukunftsmusik mehr – sie ist schon da. Es geht um echte Lösungen, drängende Herausforderungen und die Chance, das Leben älterer Menschen nachhaltig zu verbessern.
Erfahren Sie, wie Technologie den Alltag erleichtert – praxisnah, verständlich und inspirierend.
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Interview mit Dr. Bettina Horster:
Wie digitale Helfer das Leben im Alter erleichtern!
Claudia Mattheis:
Herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast Studio, liebe Bettina Horster. Ich freue mich sehr, dass du da bist. Der Grund, warum ich dich eingeladen habe: Du hast zusammen mit deinen Co-Autorinnen das Buch „Das Altersheim kann warten“ geschrieben. Ein Ratgeber, der zeigt, wie ältere Menschen digitale Hilfsmittel nutzen können, um länger in den eigenen vier Wänden leben zu können.
Bettina Horster:
Hallo, ich freue mich, dass ich dabei sein darf.
Claudia Mattheis:
Du bist eine Pionierin im Bereich der Digitalisierung sowie der künstlichen Intelligenz und entwickelst selbst Lösungen, die den häuslichen Alltag für Senioren und deren Angehörige deutlich erleichtern. Das bietet jede Menge Inhalte für ein spannendes Gespräch. Starten wir gleich mit der ersten Frage: Was hat dich dazu inspiriert, das Buch „Das Altersheim kann warten“ zu schreiben?
Bettina Horster:
Das ist eine Geschichte. Mich hat es immer aufgeregt, dass – wenn man über diese Themen spricht, Digitalisierung in der Pflege, was man eigentlich tun kann, um alten Menschen einen besseren Alltag zu bieten, damit sie länger und sicher zu Hause leben können – dann wurde immer gesagt: „Ja, das ist die Zukunft, da geht es hin.“ Und ich habe dann immer gesagt: „Nein, Leute, das ist nicht die Zukunft. Es gibt schon so viele tolle Sachen. Ihr müsst euch lediglich mal drum kümmern.“
Und dann sagten mir die Leute: „Naja, das ist halt so ein vielfältiges Thema, das überfordert uns wirklich. Und zugegebenermaßen, selbst uns Experten überfordert das manchmal schon sehr.“ Dann habe ich mir gedacht, jetzt musst du mal recherchieren oder wir müssen als Co-Autorinnen recherchieren: Was gibt es alles auf dem Markt? Was ist auch gesichert, was funktioniert wirklich?
Und wie kommt man da dran? Was mir auch noch ganz wichtig war: Wir wollten die ganzen Möglichkeiten in Kategorien einsortieren, weil es sonst sehr schwierig ist, den Überblick zu behalten. Das sind die beiden Hauptaufgaben des Buchs.
Claudia Mattheis:
Da schließen sich gleich viele neue Fragen an. Aber erst noch mal kurz zurück: Eine Aussage in deinem Buch ist, dass traditionelle Pflegekonzepte nicht mehr ausreichen und neue Lösungen notwendig sind. Was genau verstehst du darunter?
Bettina Horster:
Der demografische Wandel stellt unsere Gesellschaft wirklich vor riesengroße Probleme. Wir haben einfach nicht genug Pflegekräfte. Bis 2027 fehlen 300.000 Pflegekräfte. Die Idee ist: Zuerst nimmt man einen ambulanten Pflegedienst, und wenn der nicht mehr ausreicht, dann geht es ins Pflegeheim.
Das ist aber ein Konzept, das absolut nicht mehr möglich ist. Laut letztem AOK-Report können schon 55 Prozent aller Pflegeheime nicht mehr alle Zimmer belegen, weil ihnen schlichtweg das Personal fehlt.
Claudia Mattheis:
Okay, also müssen andere Lösungen her und Hilfe zur Selbsthilfe ist dann quasi das Motto. Zumal ja auch die meisten Leute am liebsten so lange wie möglich zu Hause bleiben wollen. Die wollen ja gar nicht ins Heim, das ist ja auch noch so.
Bettina Horster:
Ich kann da auch noch eine Zahl nennen, auch wenn es vielleicht langweilig ist: 83 Prozent aller Menschen ab 65 sagen, sie wollen nicht ins Pflegeheim. Und das ist auch verständlich, denn man gibt da doch sehr viel an der Tür ab. Von daher sind immer mehr Menschen bemüht, so lange wie möglich eigenständig zu bleiben.
Claudia Mattheis:
Genau!
Bettina Horster:
Das muss nicht unbedingt die eigene Wohnung sein. Es gibt auch Servicewohnen – das ist auch der Trend, den wir feststellen: Man bekommt die Hilfe, die man wirklich braucht, und nicht dieses All-Inclusive- und Full-Service-Modell, sondern genau abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse.
Das schaffen wir natürlich nicht ohne Technologie, da sprechen die Zahlen einfach dagegen. Wir müssen also umdenken.
Oh, entschuldige, ich muss hier kurz etwas ausschalten. So, Entschuldigung, jetzt bin ich wieder da. Wo soll ich nochmal anfangen?
Claudia Mattheis:
Wir schneiden das dann einfach. Ich habe direkt die nächste Frage, die passt gut dazu: Welche Technologien bieten aus deiner Sicht das größte Potenzial, den Alltag älterer Menschen zu verbessern?
Bettina Horster:
Das kommt sehr auf den Grad der Einschränkungen an. Wenn jemand nur leichte Einschränkungen hat, wie gelegentliche Schwindelanfälle, gibt es sehr schöne Programme für Angehörige, damit die Familie besser Bescheid weiß. Wenn jemand schon stärker eingeschränkt ist, ist es wichtig, dass Stürze erkannt werden, Trinkerinnerungen, Medikamentenerinnerungen, Terminerinnerungen den Tag strukturieren – und Gefahrenpotenziale ausgeschaltet werden. Wenn die Vitalwerte, wie der Blutdruck, plötzlich stark steigen, muss etwas passieren und ein Notruf abgesetzt werden.
In Deutschland haben wir eine sehr gute Hausnotrufinfrastruktur, die unbedingt genutzt werden sollte.
Claudia Mattheis:
Aber die Technik kommt ja nicht automatisch zu den älteren Menschen nach Hause. Welche Rolle spielen dabei die pflegenden Angehörigen? Sind die Multiplikatoren oder Initiatoren?
Bettina Horster:
Ja, genau das. Sie sind Initiatoren. Über ein Drittel der Angehörigen wohnt schon über 100 Kilometer entfernt, und die Hälfte wohnt auch nicht mehr in der Nähe. Das hat sich stark verändert. Diese Menschen machen sich Sorgen, rufen an – Oma, Mutter, Vater, Onkel – und niemand geht ans Telefon. Dann geht das Kopfkino los: Was könnte da passiert sein? Und von daher muss ein Teil der Blackbox Wohnung wirklich geöffnet werden – zur Beruhigung und zum Wohlergehen der Angehörigen. Denn solange alles gut läuft, ist es kein Problem. Aber wenn Einschränkungen da sind, machen sich die Angehörigen Sorgen. Deshalb sind sie ganz wichtig.
Claudia Mattheis:
Ein Aspekt ist ja auch die soziale Teilhabe und das Wohlbefinden der älteren Menschen. Was kann Technik da leisten?
Bettina Horster:
Das hängt auch wieder vom Pflegegrad ab. Was mir besonders wichtig ist: Es gibt auch Möglichkeiten für Menschen mit starken Einschränkungen, und gerade die haben am meisten Probleme mit Teilhabe. Sie können oft das Internet nicht mehr gut bedienen, wegen Arthrose, Parkinson, Demenz oder Ähnlichem. Studien zeigen: Je stärker die Einschränkung, desto kleiner wird der Wirkungskreis – irgendwann ist es nur noch die eigene Wohnung. Dann wird es schwierig mit Quartierskonzepten, auch wenn die heute vielversprechend sind.
Hier helfen zum Beispiel sehr gut barrierefreie und einfache Video-Calls. Oder auch große Sprachmodelle wie ChatGPT: Wir sehen selbst mit unserem Produkt, dass das eine segensreiche Sache sein kann. Man kann sich mit einem solchen System gut unterhalten, das Gefühl von Einsamkeit und Isolation wird so reduziert.
Claudia Mattheis:
Du hast jetzt schon euer Produkt erwähnt. Zusammen mit deinem Mann hast du die Firma Vivaic gegründet. Das ist ein digitales Assistenzsystem oder mehrere Assistenzsysteme. Was genau ist das, ihr nennt es auch „Vivi“ – was macht ihr da und wie kann es genutzt werden?
Bettina Horster:
VIVICARE ist das Gesamtprodukt, das man aber nicht sieht. Deshalb sprechen wir lieber von der „Vivi“, weil das ist, was der ältere Mensch oder der Mensch mit Einschränkungen in seiner Wohnung tatsächlich erlebt. Die Vivi ist ein digitales Gerät mit Bildschirm und Lautsprechern, aber kein Tablet – es ist unsere eigene Entwicklung. Mit der Vivi kann man sich unterhalten, sie ist aber auch die Notrufzentrale. Sie ist mit vielen Sensoren verbunden, die gut auf den Senior aufpassen, dass nichts passiert. Wenn doch etwas passiert, wird die Vivi aktiv und alarmiert die Notrufkette – das kann bis in die Notrufzentrale gehen.
Wichtig ist auch das Monitoring der Vitalwerte, zum Beispiel bei Zuckerspiegel, Blutdruck, Puls. Auch hier kann die Vivi Notrufe und Alarme an die Notrufkette senden. Sie strukturiert den Tag durch Terminerinnerungen, was besonders bei demenziell Erkrankten wichtig ist, damit Arzttermine wahrgenommen werden. Trinkerinnerungen sind ebenfalls wichtig – es gibt viele Krankenhauseinweisungen wegen Dehydration. Auch Medikamentenerinnerungen, denn Fehlmedikation ist ein großes Problem.
Mein Lieblingsthema ist aber Einsamkeit und Isolation. Große Sprachmodelle ermöglichen sogar Biografiearbeit: Die Vivi weiß, wo man gerne in Urlaub war, wie der Hund hieß, wie der verstorbene Ehemann hieß, und man kann wirklich persönliche Gespräche führen. Es ist mir aber wichtig zu betonen: Das ist kein Mensch dahinter, sondern ein Computer. Das steht auch deutlich auf dem Bildschirm.
Claudia Mattheis:
Das klingt noch sehr abstrakt, wenn man dir so zuhört. Machen wir es mal konkret am Beispiel meiner Eltern: Die wohnen noch zusammen, haben aber auch Pflegestufen, und ich kann auch nicht immer vor Ort sein. Sie wären also die allerbesten Kunden. Wie wäre jetzt der Ablauf, wenn ich sage, wir installieren das?
Bettina Horster:
Zunächst ist unser System komplett von den Pflegekassen abgedeckt. Das heißt, der Mensch zahlt gar nichts – das war uns wichtig, damit es kein System ist, das nur für Menschen mit großem Geldbeutel erreichbar ist. Man muss dafür einen Antrag bei der Pflegekasse stellen, aber das geht einfach, weil wir dabei unterstützen. Einfach bei Vivi melden, dann geht es weiter. Die Webadresse ist https://vivai.care/.
Claudia Mattheis:
Packe ich auch noch in die Shownotes, das geht nicht verloren.
Bettina Horster:
Genau. Dann wird der Antrag gestellt, genehmigt, und ein Installationstermin ausgemacht. Unsere zertifizierten Handwerker bauen das Gesamtsystem auf. Es gibt auch eine Einweisung, damit die Menschen wissen, worauf sie achten müssen, aber das ist sehr überschaubar.
Claudia Mattheis:
Was heißt Gesamtsystem? Ist das einfach nur ein Display oder braucht man WLAN-Anschluss? Was genau wird installiert?
Bettina Horster:
Gute Frage. Die Vivi ist eine Eigenentwicklung, weil wir so etwas nicht kaufen konnten. Wir brauchen viele verschiedene Sensoren, und die Vivi muss verstehen, was der Sensor ihr sagt. Die Sensoren werden in der Wohnung verteilt. Die Vivi hat auch einen Sprachassistenten – man kann sich ganz natürlich mit ihr unterhalten und sie reagiert sehr empathisch, sehr liebevoll. Sie ist eine liebevolle Begleiterin, rund um die Uhr.
Claudia Mattheis:
Um es noch konkreter zu machen: Wie sieht ein Tag einer alleinlebenden älteren Dame aus, die Vivi zu Hause hat? Was passiert morgens, wie läuft das ab?
Bettina Horster:
Die Dame steht zu Hause auf und kann, wenn sie mag, gleich mit der Vivi ein Guten-Morgen-Gespräch führen. Sie wird freundlich begrüßt, bekommt einen schönen Spruch für den Tag. Die Vivi erinnert an die Tabletteneinnahme, sagt, wie viel noch getrunken werden muss. Das ist wichtig, weil die Menschen nicht zu wenig trinken wollen, sondern es einfach vergessen. Dasselbe mit den Tabletten. Hat sie um 10 Uhr einen Arzttermin, erinnert die Vivi eine halbe Stunde vorher daran, sich anzuziehen und loszugehen.
Claudia Mattheis:
Hm.
Bettina Horster:
Ich kann als Angehörige auch Nachrichten über die Vivi ins Haus schicken, zum Beispiel: „Mama, bitte vergiss nicht, dein Blutdruckmessgerät zu prüfen.“
Claudia Mattheis:
Stehen überall Lautsprecher oder wie funktioniert das?
Bettina Horster:
Nein, die Vivi selbst ist laut, was wichtig ist, weil wir viele schwerhörige Menschen haben. Gerade bei eingehenden Nachrichten wird es schon sehr laut. Die Vivi kann auch unterscheiden, ob der Fernseher oder das Radio läuft, das kann sie ausblenden. Also keine Sorge, wenn das Fernsehen an ist. Die Vivi erkennt, was Konversation ist und was vom Fernseher kommt.
Zum Thema WLAN und Internetanschluss: Viele ältere Menschen haben keinen oder einen schlechten Internetanschluss. Deshalb hat jede Vivi eine SIM-Karte als Backup, also einen Mobilfunkanschluss. So ist immer gewährleistet, dass die Vivi auch dann funktioniert, wenn das WLAN ausfällt. Schließlich verstehen wir uns auch als Notrufgerät, das muss zuverlässig funktionieren.
Claudia Mattheis:
Zurück zum Beispiel: Die Dame – nennen wir sie Christel – war um 10 beim Arzt, kommt zurück, isst zu Mittag und stolpert und stürzt.
Bettina Horster:
Das ist natürlich der Worst Case: Sie kommt nicht mehr hoch, wie es vielen alten Menschen geht. Wir haben in den Hauptzimmern einen Sensor an der Decke, weil das die sicherste Methode ist, besonders bei Menschen, denen es nicht gut geht. Der Notrufknopf wird ja oft vergessen oder liegt in der Schublade. Unsere Sensoren sind in jedem Hauptzimmer und funktionieren mit Radar – eine Kamera möchten die wenigsten im Badezimmer. Der Sensor erkennt nicht den Sturz an sich, sondern wenn jemand nicht mehr aufsteht. Dann fragt die Vivi nach, ob alles in Ordnung ist oder ein Notfall vorliegt. Kommt keine Rückmeldung, startet die Vivi sofort die Alarmierungskette. Auch wenn ein Notfall bestätigt wird, geht die Alarmierung los. Sagt die Person „Nein, alles in Ordnung“, kann man das stoppen. Natürlich gibt es auch Fehlalarme, etwa beim Staubsaugen unter dem Sofa oder bei Yoga-Übungen.
Dann wird die Notrufkette alarmiert. Die Notruffunktion ist auf dem Handy der Angehörigen. Wir rufen an, schicken SMS, wer will auch eine E-Mail, damit alle in der Kette Bescheid wissen. Einer nach dem anderen wird gefragt, ob er sich kümmern kann oder verhindert ist.
Claudia Mattheis:
Sie bekommen also eine automatische Nachricht, eine SMS oder eine Sprachnachricht?
Bettina Horster:
Nein, es ist ein richtiger Telefonanruf.
Claudia Mattheis:
Ein richtiger Anruf. Ihr habt also eine Telefonzentrale, wo die Alarme eingehen?
Bettina Horster:
Genau, es ist eine automatische Telefonzentrale, die prüft, wer sich kümmern kann. Wenn jemand sagt, er übernimmt das, fährt er zur Angehörigen und hilft. Dann ist der Fall für uns abgeschlossen, und alle Angehörigen bekommen eine Meldung, in der App sehen sie, dass das Problem behoben ist.
Viele Menschen haben aber niemanden in der Nähe. Dafür gibt es die Aufschaltung auf einen klassischen Hausnotruf direkt von der Vivi aus. Da kann man dann auch in den Raum sprechen, und die betroffene Person kann antworten. Das ist wie eine Gegensprechanlage – das geht mit der Vivi. Schwieriger wird es, wenn sich jemand gar nicht mehr melden kann. Manche Menschen haben wirklich niemanden, und da wird direkt die Hausnotrufzentrale benachrichtigt, und, wenn ein Hintergrunddienst gebucht ist, kommt jemand vorbei.
Claudia Mattheis:
Du hattest eingangs schon gesagt, das wird komplett von der Krankenkasse übernommen, sobald ein Pflegegrad da ist.
Bettina Horster:
So ist es.
Claudia Mattheis:
Welche Hindernisse und Gefahren siehst du bei der Einführung dieser Technologien im Pflegebereich? Das klingt alles sehr einfach, aber es geht ja auch um viele persönliche Daten.
Bettina Horster:
Genau, das war uns ein großes Anliegen. Wir müssen die Datenschutzgrundverordnung beachten, und das erscheint mir hier besonders wichtig. Es ist auch gesetzlich geregelt, wir sind hier in Datenschutzklasse 3 – das ist die strengste Regelung. Da kann man nicht einfach auf die Daten zugreifen, selbst wir nicht. Die Daten sind gekapselt, das war auch einer der Hauptgründe, warum die Vivi eine Eigenentwicklung ist. Wir wollten diese geschützte Beziehung zwischen Hardware in der Wohnung und Software in der Cloud. Unser System kann nur manipuliert werden, wenn man eine Vivi in die Hände bekommt – und dann auch nur die Daten einer einzigen Person. Das ist sehr umständlich. Bei Tablets oder Assistenten von US-Anbietern läuft das ganz anders.
Claudia Mattheis:
Ihr habt lange an eurem Projekt gearbeitet. Bis man eine Krankenkassenzulassung bekommt, ist das bestimmt kein Selbstläufer. Wie ist die Unterstützung durch die Politik bei solchen innovativen Assistenzsystemen? Wird das gefördert?
Bettina Horster:
Es gab mal mehr Enthusiasmus für Digitalisierung in der Pflege. Das ist etwas aus dem Fokus geraten. Es ist wirklich schwierig, in den Pflegehilfsmittelkatalog aufgenommen zu werden. Wir haben dafür dreieinhalb Jahre gebraucht.
Aber man muss verstehen: Es geht hier um viel, das muss sorgfältig geprüft werden – vielleicht könnte das aber noch optimiert werden. Tatsächlich ist das Thema in den Hintergrund geraten. Schaut man in den neunten Altersbericht der Bundesregierung: Auf über 300 Seiten wird Digitalisierung nur rund 60-mal genannt, meist in Zusammenhang mit Internetzugang oder Tablets. Von digitalen Assistenzsystemen ist nur einmal die Rede.
Claudia Mattheis:
Das ist ausbaufähig.
Du bist international unterwegs und im Austausch mit der ganzen Welt. Ist es woanders besser?
Bettina Horster:
Das ist schwierig zu sagen. In Deutschland sind die Menschen eine Art Vollkasko-Mentalität gewohnt – alles soll über die Kasse laufen. Wenn man sagt, das muss man selbst zahlen, kommt gleich: „Aber ich habe doch eine Pflegekasse!“ Das ist nicht einfach zu ändern, da haben viele Kräfte jahrelang daran gearbeitet, die Leute so zu erziehen. Es ist schwer, das wieder zurückzudrehen. Heutzutage fragen manche sogar, ob die Krankenkasse die Stromkosten für die Vivi – rund 20 Euro im Jahr – übernimmt. Ja, bekommen sie tatsächlich. Aber das zeigt, wie stark diese Mentalität ausgeprägt ist.
In anderen Ländern gibt es solche Unterstützungssysteme überhaupt nicht. In der Schweiz zum Beispiel nicht.
Claudia Mattheis:
Du meinst die Kostenübernahme durch die Krankenkassen?
Bettina Horster:
Ja, auch in den USA nicht. Es gibt kein anderes Land, wo so umfassend Dinge an die Versicherten ausgegeben werden. Das ist zwar schön, weil es nie eine Geldfrage ist, aber man muss sich fragen, wie lange das durchhaltbar ist.
Claudia Mattheis:
Ein Platz im Pflegeheim ist ja auch deutlich teurer als ein digitales Assistenzsystem.
Bettina Horster:
Absolut. Das rechnet sich schon nach zwei Monaten.
Claudia Mattheis:
Noch mal kurz zu dir: Du nennst dich selbst pflegende Angehörige und Seniorenaktivistin. Was motiviert dich, dich so leidenschaftlich für ältere Menschen und deren Angehörige einzusetzen? Warum Aktivistin?
Bettina Horster:
Weil ich glaube, dass sie mehr Lobby brauchen – für solche Dinge, damit wir nach vorne kommen und nicht nur die Devise gilt: „satt und trocken“. Das Leben kann man im Alter noch sehr schön gestalten. Ich gehe vom ressourcenorientierten Ansatz aus, der in der Altenpflege immer mehr an Bedeutung gewinnt. Ich finde es großartig, wenn man sagt: „Nutze die Fähigkeiten, die du noch hast, genieße, was noch geht“, statt immer nur auf Defizite zu schauen. Da bin ich leidenschaftlich, weil ich glaube, dass man den Menschen im Alter noch viele Freuden bereiten kann. Vielleicht ist der Geschmackssinn noch da – dann genießt man ein gutes Essen.
Claudia Mattheis:
Siehst du da einen Trend, ändert sich auch die Pflege?
Bettina Horster:
Ja, das ist ein Trend. Es ist noch nicht überall ausgerollt, aber wir brauchen ein anderes Bewusstsein. Es gibt Menschen, die sind über 90 und noch total fit und haben viel Spaß am Leben. Vielleicht hat man sich einfach damit abgefunden: Ja, ich kann nicht mehr alles, aber das Leben ist trotzdem schön, weil noch viele gute Dinge vor einem liegen.
Claudia Mattheis:
Noch eine letzte Frage zu dir. Du bist, wenn ich richtig erinnere, im besten Babyboomerinnenalter. Wie möchtest du in Zukunft leben, arbeiten, wohnen?
Bettina Horster:
Ich finde neue Konzepte wie Generationenhäuser schön, wo viele Menschen zusammenkommen und sich ein Haus teilen. Das nimmt Fahrt auf, dass man sich gegenseitig unterstützt. Ohne Technologie geht das natürlich nicht – da brauchen wir Vivis, damit es einem gut geht und nichts passiert. Das könnte ich mir gut vorstellen. Oder schöne Senioren-WGs – ich meine nicht die Demenz-WGs, sondern für Menschen, die noch nicht so eingeschränkt sind, dass sie sich mit anderen zusammentun und sich gegenseitig unterstützen. Ich glaube, wir werden künftig nicht so viele Kräfte haben, dass wir weitermachen können wie bisher.
Claudia Mattheis:
Hast du da schon etwas in die Wege geleitet, dich mal umgehört, was man machen kann? Du kannst ja mal bei LIVVING vorbeischauen, wir stellen viele verschiedene Wohnformen vor.
Bettina Horster:
Ja, ich interessiere mich tatsächlich sehr dafür und finde es super wichtig. Man sollte damit nicht erst anfangen, wenn man schon sehr eingeschränkt ist. Für mich im Augenblick: Nein, aber ich habe es im Hinterkopf. Sollte sich etwas ergeben – warum nicht?
Claudia Mattheis:
Du bist selbstständig, also wird es für dich gar keinen Ruhestand geben oder doch? Ist Ruhestand für dich eine Option oder wirst du mit deinem Mann weiterarbeiten?
Bettina Horster:
Ich glaube, mit zunehmendem Alter verschieben sich die Interessen und Perspektiven. Je älter ich werde, desto mehr ist mir das Gemeinwohl wichtig. Wir haben ein Haus, da gibt es nicht mehr so viele Wünsche, aber ich setze mich leidenschaftlich dafür ein, dass sich die Situation älterer Menschen verbessert. Das wird mir immer wichtiger. Da gibt es eine leichte Verschiebung, und ich spüre das bei mir selbst.
Claudia Mattheis:
Das ist doch ein großartiges Schlusswort. Herzlichen Dank für dieses tolle Gespräch, liebe Bettina.
Bettina Horster:
Danke auch.