Pflege, Politik, Perspektiven: Was die Pflegebeauftragte in Berlin verändern will
Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der das Leben im Alter ganz unterschiedliche Gesichter hat, braucht es jemanden, der zuhört, vernetzt und konkrete Verbesserungen anstößt. Und genau das tut Prof. Dr. Sinja Meyer-Rötz. Als Pflegebeauftragte des Landes Berlin ist sie eine Stimme für all jene, die sonst oft überhört werden: ältere Menschen, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen.
Sie ist promovierte Gerontologin, Honorarprofessorin an der Alice-Salomon-Hochschule und bringt langjährige Erfahrung aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis mit, unter anderem als Krisenmanagerin in der Pandemie oder als Expertin für die Themen Krisenvorsorge, Klima und Pflege. Und: Sie hat ein feines Gespür dafür, was Menschen im Alter wirklich brauchen.
Im Gespräch mit Claudia Mattheis erzählt sie, wie sich das Altern in Berlin anfühlt und was sich ändern muss, damit ein gutes Leben auch mit Pflegebedarf möglich bleibt.
Die wichtigsten 5 Erkenntnisse aus dem Interview
- Pflege braucht Zugänglichkeit: Nur wer das System versteht und Ansprechpartner findet, kann sich helfen lassen.
- Berlin hat viele gute Strukturen, doch Barrierefreiheit und Kurzzeitpflege bleiben große Baustellen.
- Pflegende Angehörige brauchen echte Entlastung, nicht nur gute Worte.
- Caring Communities können Lücken schließen, wenn Politik die passenden Rahmenbedingungen schafft.
- Altersbilder müssen sich ändern: Altern ist nicht gleich Pflegefall, sondern eine Lebensphase voller Ressourcen.

Warum wir Sinja Meyer-Rötz eingeladen haben
Weil sie als Pflegebeauftragte die Perspektiven vertritt, die sonst kaum jemand hört. Weil sie sich nicht scheut, Missstände zu benennen. Und weil sie in jeder Antwort spüren lässt, dass es ihr um die Menschen geht. Ihre Aufgabe versteht sie nicht als reine Verwaltungsrolle, sondern als Brücke zwischen Politik und Lebensrealität.
Pflege beginnt beim Zuhören
Wenn Betroffene verzweifelt sind, muss jemand da sein
„Hier rufen Menschen an, die mit ihrem Schicksal gerade völlig überfordert sind. Die sind hilflos, die sind verzweifelt.“ Sinja Meyer-Rötz erlebt täglich, wie schwer es vielen fällt, sich im Pflegesystem zurechtzufinden. Umso wichtiger ist ihr eine niedrigschwellige Erreichbarkeit: „Wir haben mehrmals in der Woche eine telefonische Sprechstunde. Es gibt ein Kontaktformular auf unserer Internetseite, das auch anonym ausgefüllt werden kann.“
Dass ihr Amt gelebte Teilhabe ermöglicht, ist ihr ein zentrales Anliegen: „Wir sind Interessensvertretung für Pflegebedürftige und für Pflegende und Zugehörige. Das heißt, wir müssen sicherstellen, dass die uns überhaupt erreichen können.“
Berlin kann Pflege, aber nicht überall
Gute Strukturen, doch große Lücken
„Unsere Strukturen sind sehr breit, sehr vielfältig, unglaublich kompetent.“ Besonders hebt Meyer-Rötz die 36 wohnortnahen Pflegestützpunkte hervor. Dennoch gibt es gravierende Probleme. „Wir haben deutlich zu wenig Plätze für die Kurzzeitpflege in Berlin. Das führt nicht selten dazu, dass Angehörige, die eine Auszeit brauchen, keine Versorgung finden.“
Besonders drastisch sind die Hürden bei der Barrierefreiheit. „Die Wohnung ist in sich barrierefrei, aber wenn dann ein Fahrstuhl nicht funktioniert oder drei Treppenstufen vor der Tür sind, wird das selbstbestimmte Leben unmöglich.“ Auch Pflegedienste verweigern manchmal Einsätze in oberen Stockwerken, wenn der Aufzug dauerhaft ausfällt. „Das eigenständige Verlassen wird ja schwierig.“
Caring Communities: Gemeinsam statt einsam
Wie wir Nachbarschaft neu denken können
„Sorgende Gemeinschaften sind etwas, worauf wir in den nächsten Jahren setzen sollten.“ Sinja Meyer-Rötz spricht sich klar für mehr lokale Netzwerke aus, in denen sich Menschen gegenseitig unterstützen. „Nicht jede pflegebedürftige Person ist so schwer betroffen, dass sie nichts zur Gemeinschaft beitragen kann. Alle profitieren voneinander.“
Dass es in Berlin schon viele Strukturen gibt, müsse man besser nutzen. „Wir haben ganz viele tolle Strukturen: Familienzentren, Seniorenfreizeitstätten, Kiezclubs. Jetzt müssen wir sie besser verzahnen und inhaltlich umbauen.” Entscheidend sei auch, dass Engagement nicht auf Einzelpersonen lastet: “Ich möchte nicht alleine zuständig sein für eine Person.“
Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten?
Weil Sinja Meyer-Rötz nicht nur über Pflege spricht, sondern über das Leben. Weil sie zeigt, wie viel Potenzial in einer gut vernetzten Gesellschaft steckt. Und weil sie Mut macht, frühzeitig Verantwortung für das eigene Altern zu übernehmen. „Selbstbestimmt und sozial gut eingebunden – das sind die zwei Grundprinzipien, die für mich handlungsleitend sind.“
Wer verstehen will, was gutes Altern in einer Stadt wie Berlin bedeuten kann, sollte dieses Gespräch nicht verpassen.
Weitere Informationen finden Sie hier:
www.berlin.de/lb/pflege/
Prof. Dr. Sinja Meyer-Rötz bei LinkedIn

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Interview mit Sinja Meyer-Rötz:
Wie gutes Leben im Alter in Berlin gelingt
Claudia Mattheis:
Herzlich willkommen in meinem LIVVING-Podcast. Liebe Frau Prof. Dr. Meyer-Rötz, warum ich Sie eingeladen habe? Weil Sie als Pflegebeauftragte des Landes Berlin eine Stimme für all jene sind, die sonst oft überhört werden: ältere Menschen, Pflegebedürftige und ihre Angehörigen. Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der das Leben im Alter ganz unterschiedliche Gesichter hat, braucht es jemanden, der zuhört, vernetzt und konkrete Verbesserungen anstößt. Und genau das tun Sie.
Sie sind promovierte Gerontologin, Honorarprofessorin an der Alice Salomon Hochschule und bringen langjährige Erfahrungen aus Wissenschaft, Verwaltung und Praxis mit – unter anderem als Krisenmanagerin in der Pandemie oder als Expertin für die Themen Krisenvorsorge, Klima und Pflege.
Sie haben ein feines Gespür dafür, was Menschen im Alter wirklich brauchen. Heute sprechen wir darüber: Wie lebt es sich im Alter in Berlin? Was läuft gut? Was muss sich dringend ändern? Und was können wir als Bürger:innen dieser Stadt dazu beitragen, dass das Leben auch mit Pflegebedarf lebenswert bleibt? Hallo.
Sinja Meyer-Rötz:
Hallo, Frau Mattheis, vielen Dank für die Einladung.
Claudia Mattheis:
Sehr gerne. Starten wir gleich mit der allerersten Frage: Sie sind jetzt ein Jahr im Amt. Was hat Sie in dieser Zeit am meisten berührt?
Sinja Meyer-Rötz:
Am meisten hat mich berührt, dass ich als Person – auch innerhalb dieses Amtes – so offen und kooperationsfreudig von vielen Menschen aus der Pflegelandschaft in Berlin begrüßt worden bin. Dadurch habe ich von Anfang an einen großen Rückhalt für die Themen gespürt, die ich gesetzt habe. Für das, was ich am Anfang vielleicht noch etwas zaghaft gesagt habe, weil auch ich meine Rolle erst finden musste.
Viele Unterstützungsstrukturen und die Menschen dahinter haben mir geholfen, relativ schnell ein Profil zu entwickeln und zu wissen: Wie und wann treffe ich die richtigen Themen? Das war toll, hat viel Spaß gemacht und mir Freude bereitet. Vielleicht an dieser Stelle gleich ein Dankeschön – viele Menschen werden sich hoffentlich angesprochen fühlen.
Claudia Mattheis:
Sie haben gerade das Wort „zaghaft“ verwendet. Das ist ein Wort, das mir im Zusammenhang mit Ihnen nicht sofort eingefallen wäre. Ich habe Sie bei einer Podiumsdiskussion erlebt, und da waren Sie alles andere als zaghaft, sondern sehr engagiert und deutlich im Ausdruck. Daher meine Frage: Gab es auch Momente, die Sie richtig wütend gemacht haben im letzten Jahr?
Sinja Meyer-Rötz:
Ja, der ein oder andere Fall hat mich in diesen Gefühlszustand versetzt. Das bleibt, glaube ich, nicht aus. Es rufen Menschen an, die mit ihrem Schicksal völlig überfordert sind. Sie sind hilflos, verzweifelt, von ganz unterschiedlichen Stellen weggeschickt worden. Sie verstehen oft gar nicht, was um sie herum passiert, und sind in ihrer Situation vollkommen überfordert.
Dann muss man manchmal wirklich Luft holen und sich fragen: Warum hat diese konkrete Lösung eigentlich vor uns niemand gesehen? Warum sind diese Menschen noch durch drei, vier andere Stellen geschickt worden, während sich ihr Leid und ihr Druck vergrößert haben? Das berührt mich – und macht mich auch wütend. Manchmal macht es mich sprachlos, manchmal fühle auch ich mich hilflos. Und aus Hilflosigkeit entsteht schnell Wut.
Aber wir müssen dann zu unserem Alltag zurückkehren: einmal durchatmen, ein kurzer Spaziergang ums Dienstgebäude, die Gedanken sortieren. Dann noch einmal neu in den Fall einsteigen und neutral fragen: Was ist bisher passiert? Wo können wir ansetzen? Wie können wir helfen?
Claudia Mattheis:
Das finde ich spannend. Ich dachte, Sie als Pflegebeauftragte sind vor allem unterwegs, um Vorträge zu halten und Netzwerke zu knüpfen. Aber man kann Sie auch anrufen?
Sinja Meyer-Rötz:
Genau das ist das Wesen dessen, was hier passiert. Wir sitzen im Dienstgebäude der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Gesundheit und Pflege und haben Büroräume, in denen wir Menschen persönlich empfangen können. Damit es niedrigschwellig bleibt – besonders für pflegebedürftige Menschen –, bieten wir mehrmals in der Woche eine telefonische Sprechstunde an. Dort ist unser Team erreichbar, und Anliegen können uns geschildert werden. Es gibt auch die Möglichkeit, uns E-Mails zu schicken oder ein Kontaktformular auf unserer Internetseite auszufüllen. Das kann auch anonym erfolgen, weil nicht jeder im ersten Kontakt mit Klarnamen auftreten möchte.
Manchmal wenden sich auch professionelle Pflegepersonen an uns, die über Missstände in einer Einrichtung oder einem ambulanten Dienst berichten, aber nicht mit Klarnamen sichtbar sein wollen.
Es gibt also ganz unterschiedliche Möglichkeiten, uns zu kontaktieren. Das ist ja das Grundkonzept des Amtes: Wir sind Interessensvertretung für Pflegebedürftige, Pflegende und Angehörige. Wir müssen sicherstellen, dass uns die Menschen erreichen können. Sonst weiß ich ja gar nicht, für welche Interessen ich mich einsetzen soll.
Claudia Mattheis:
Alle Kontaktdaten werden wir auf der Webseite und in den Shownotes veröffentlichen, damit die Leute Sie schnell erreichen können. Ich habe mich immer gefragt, warum es in diesem großen Land Berlin nur eine Pflegebeauftragte gibt. Aber wenn Sie sagen, dass Sie das mit einem Team machen, erklärt das vielleicht ein bisschen, dass Sie das nicht ganz allein schaffen müssen.
Wenn wir jetzt auf Berlin schauen – ich bin Berlinerin und lebe schon immer hier: Wie gut ist unsere Stadt auf das Älterwerden der Bevölkerung vorbereitet?
Sinja Meyer-Rötz:
Das kommt nicht überraschend: Insgesamt ist Berlin sehr gut aufgestellt. Die Berliner:innen wissen das vielleicht gar nicht, weil sie sich damit noch nicht so sehr beschäftigt haben. Aber unsere Strukturen sind sehr breit, vielfältig und unglaublich kompetent. Bisher habe ich noch keine Institution gefunden, die nicht – im Rahmen ihres etwas weiter gefassten Auftrags – Hilfestellung geben könnte. Das ist ein Fundus, mit dem wir in Berlin wirklich wuchern können. Da können wir uns stolz zeigen. In vielen Dingen sind wir Vorreiter im Vergleich zu anderen Bundesländern.
Ich höre immer wieder von Angehörigen, die erzählen, dass sie bei den Berliner Pflegestützpunkten unglaublich gut beraten und begleitet wurden. Sie haben das Freunden oder Verwandten in anderen Bundesländern erzählt – und die fragen dann: „Pflegestützpunkte? Was ist das? Das kennen wir bei uns gar nicht.“ Wir haben gleich 36 davon, alle wohnortnah erreichbar, telefonisch, schriftlich und persönlich ansprechbar. Das sind tolle, tragfähige Strukturen in Berlin. Da sind wir, glaube ich, nicht so schlecht aufgestellt, wie wir manchmal denken.
Claudia Mattheis:
Das überrascht mich extrem. Berlin-Bashing wird ja gern praktiziert, aber in diesem Fall höre ich das sehr gern und freue mich darüber. Sie haben viel Kontakt mit älteren Menschen in der Stadt. Was erzählen diese Ihnen über ihre persönliche Wohn- und Lebenssituation? Einerseits bieten Sie Unterstützung an, aber trotzdem ist vieles im Argen.
Sinja Meyer-Rötz:
Wir hören immer wieder das Thema Barrierefreiheit. Ein klassisches Beispiel ist der Badumbau: Damit man niedrigschwellig in eine Dusche steigen kann, ohne eine große Kante überwinden zu müssen, und auf einem Duschhocker Platz nehmen kann, um die Körperpflege zu erledigen. Wenn dann aber Stichworte wie Milieuschutz kommen – „die alte Badewanne darf nicht raus“ oder „die alte Toilette darf nicht raus, obwohl sie sehr niedrig ist, und es dürfen keine Haltestangen angebaut werden“ –, dann wird klar: Es ist zwar toll, in einem Altbau im eigenen Kiez zu leben, aber es gibt Situationen, die damit nicht gut vereinbar sind.
Hier müssen wir in der Stadt flexibler werden. Wie kann Barrierefreiheit auch in Milieuschutzgebieten umgesetzt werden? Was können wir uns von anderen Städten abschauen? Barrierefreiheit ist wirklich ein großes Problem – besonders, wenn man sich manche Hauseingänge ansieht. Vielleicht ist die Wohnung in sich barrierefrei, aber wenn der Fahrstuhl nicht funktioniert oder vor der Haustür drei kleine Treppenstufen sind, dann ist das problematisch. Wie kann ich selbstbestimmt das Haus verlassen? Wie kann ich meine Besorgungen erledigen oder einen Arztbesuch allein realisieren, ohne immer jemanden bitten zu müssen?
Claudia Mattheis:
Auf der Podiumsdiskussion, auf der ich Sie kennengelernt habe, haben Sie ein Beispiel genannt, das mich fassungslos gemacht hat: In den Plattenbauhochhäusern im Ostteil der Stadt leben viele Menschen, die seit dem Bau dieser Häuser dort wohnen. Sie sind als junge Menschen mit ihren Familien eingezogen und leben jetzt teilweise sehr hoch. Oft fallen die Aufzüge aus und werden nicht zeitnah repariert. Diese Menschen kommen in ihren Wohnungen gut zurecht, aber sie brauchen Unterstützung durch Pflegedienste. Und die ambulanten Pflegedienste weigern sich mittlerweile, Menschen zu besuchen, die höher als im fünften Stock wohnen. Kann das wirklich sein? Was macht man denn da?
Sinja Meyer-Rötz:
Ja, was macht man denn da? Vielleicht sollten wir das relativieren: Das ist ein Beispiel, das uns im Rahmen unseres Bezirksimpuls Pflege geschildert wurde. Es betrifft ein bestimmtes Quartier, und nicht alle Pflegedienste handeln so. Aber grundsätzlich wird so etwas berichtet.
Wenn es sich um Mietwohnungen handelt, sind natürlich zuerst die Wohnungsbaugesellschaften und Vermieter zuständig. Dass alle älteren Menschen aus den Wohnungen ausziehen müssen, weil der Fahrstuhl ein oder zwei Tage kaputt ist, das ist das eine. Aber es wurde berichtet, dass das teilweise über Wochen geht. Und das ist ein Problem: Wenn niemand hochkommt, kommen die Menschen auch nicht mehr runter.
Ich wünsche mir mehr Sensibilität. Wenn ich Wohnungen an Menschen vermiete, die möglicherweise nicht problemlos in den siebten, achten oder zwölften Stock steigen können, dann muss ich als Vermieter fragen: Was kann ich tun, wenn der Fahrstuhl nicht reparierbar ist? Kann ich einmal am Tag jemanden als Serviceperson hochschicken? Brauchen Sie Einkäufe? Sollen wir ein Rezept einlösen? Oder andere Institutionen ansprechen, die das übernehmen?
Diese Sensibilität fehlt oft. Wenn der Fahrstuhl kaputt ist, wird das zur Kenntnis genommen, ein Reparaturauftrag ausgelöst – aber was in diesem Moment mit den Menschen passiert, das wird nicht bedacht. Gerade große Wohnungsunternehmen sind hier oft nicht sensibel genug.
Claudia Mattheis:
Wie werden Sie da gehört? Gehen Sie dann direkt drauf los?
Sinja Meyer-Rötz:
Ja, es gibt mehrere Kontakte aufgrund unterschiedlicher Fälle mit verschiedenen Vermietungsgesellschaften – auch privaten oder kleineren Firmen. Wir stehen auch in Kontakt mit städtischen und landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Das betrifft also ganz unterschiedliche Vermietungsverhältnisse und Unternehmensformen.
Claudia Mattheis:
Das ist nur ein Teil Ihrer Arbeit. Sie sind auch sehr involviert, was das Berliner Pflegesystem insgesamt betrifft. Sie sagten, Berlin ist gut aufgestellt. Aber wo gibt es Lücken, wo gibt es Lichtblicke? Wie sehen Sie das Berliner Pflegesystem insgesamt?
Sinja Meyer-Rötz:
Das Pflegesystem ist nicht perfekt. Es gibt viele Probleme – und der Fachkräftemangel ist eines der größten. Wenn Sie nach Lücken fragen, dann ist das Thema Kurzzeitpflege ein zentrales Problem in Berlin. Wir haben deutlich zu wenig Plätze. Das führt dazu, dass Angehörige, die eine Auszeit brauchen – und wir reden oft über Menschen, die nicht nur pflegen, sondern noch im Berufsleben stehen und teilweise eigene Kinder haben –, keine andere Versorgung für die pflegebedürftige Person finden. Das ist eine klare Lücke, und das wissen wir schon seit Jahren.
Die Lichtblicke? Da verweise ich auf die Menschen, die in diesem System arbeiten. Ich erlebe so viele tolle, engagierte Menschen, die mit Herzblut dabei sind. Sie arbeiten oft über das Maß dessen hinaus, was sie eigentlich tun müssten. Sie vernetzen sich, kooperieren über Unternehmensgrenzen hinweg und suchen nach Lösungen für komplexe Versorgungssituationen. Sie setzen sich mit den Bedarfen und Bedürfnissen der Pflegebedürftigen und ihrer Angehörigen auseinander und versuchen, die Situation konkret zu verbessern. Das finde ich toll – und das sind die Lichtblicke, die mich immer wieder strahlen lassen.
Claudia Mattheis:
Es gibt auch viel ehrenamtliches Engagement. Ich habe neulich von den „Berliner Hausbesuchen“ gelesen: Menschen ab 70 erhalten eine Einladung zu einem Besuch, bei dem sie über Freizeitaktivitäten und Hilfsangebote informiert werden. Können Sie dazu etwas sagen?
Sinja Meyer-Rötz:
Das ist ein zuwendungsgefördertes Projekt des Landes Berlin, das derzeit von den Maltesern durchgeführt wird. Die Besuche zielen darauf ab, frühzeitig über gutes, gesundes Altern aufzuklären. Pflege ist dabei ein Aspekt, aber es geht um viel mehr: um Prävention, um Freizeitaktivitäten, um Informationen über Veranstaltungen im Kiez, über Beratungsangebote und vieles mehr. Es geht darum, einen Impuls zu setzen, sich selbst mit dem guten Altern auseinanderzusetzen. Das ist wichtig, weil der Übergang aus dem Berufsleben in die Rente vieles verändert – und viele Themen wie Einsamkeit damit verbunden sind.
Über 54 Prozent der Berliner Haushalte sind Ein-Personen-Haushalte. Viele sind nach der Verrentung nicht mehr sozial eingebunden. Die Berliner Hausbesuche zeigen auf, wo man sich engagieren, wo man Gleichgesinnte treffen und Beratung erhalten kann. Das ist ein guter Ansatz, um Isolation zu vermeiden.
Claudia Mattheis:
Großartig! Ich wusste bis vor kurzem gar nicht, dass es so etwas gibt. Besuchen die wirklich jeden über 70?
Sinja Meyer-Rötz:
Nein, es ist kein Zwangsbesuch. Die Menschen erhalten ein Schreiben und können sich melden, wenn sie einen Besuch wünschen. Manche lassen das Schreiben auch ein oder zwei Jahre liegen und melden sich erst später. Das zeigt, dass das Angebot nachhaltig genutzt wird – vielleicht nicht sofort mit 70, aber wenn der Bedarf da ist.
Claudia Mattheis:
Die meisten Berliner:innen sagen, sie möchten im eigenen Zuhause alt werden, im Kiez, in dem sie immer gelebt haben. Dafür braucht es aber Unterstützung: bezahlbaren Wohnraum, Hilfe im Kiez, ein Miteinander. Was wünschen Sie sich hier an gesellschaftlichem Engagement?
Sinja Meyer-Rötz:
Das Stichwort ist „Caring Communities“ – sorgende Gemeinschaften. Wir müssen andere Wege finden, um Menschen mit Pflegebedarf bedarfsgerecht zu versorgen. Caring Communities können einen essentiellen Beitrag leisten – nicht nur für ältere oder hilfsbedürftige Menschen, sondern für alle im Kiez. Jede:r kann profitieren, sei es die junge Familie, der der Babysitter ausgefallen ist, oder ältere Menschen, die Unterstützung brauchen.
Wir müssen Rahmenbedingungen schaffen, damit solche Gemeinschaften entstehen können. Es geht nicht darum, neue Strukturen aufzubauen, sondern die bestehenden besser zu vernetzen: Familienzentren, Seniorenfreizeitstätten, Kiezclubs, Quartiersmanagement. Wir müssen diese Institutionen neu denken und ihre Kompetenzen besser verzahnen.
Claudia Mattheis:
Wie konkret ist das schon?
Sinja Meyer-Rötz:
Es steckt noch in den Kinderschuhen. Wir sensibilisieren und werben für das Thema. Die Babyboomer-Generation ist eine gut situierte, gesunde Altersgruppe, die mit einem anderen gesellschaftlichen Verständnis aufgewachsen ist. Wir sollten sie als Ressource sehen – viele von ihnen haben schon ehrenamtlich gearbeitet und können jetzt mitgestalten. Es geht darum, sie aktiv einzubeziehen und partizipativ mit ihnen zu arbeiten.
Claudia Mattheis:
Tolle Idee! Ich finde es super, dass Sie als Pflegebeauftragte solche Initiativen vorantreiben. Wie wollen Sie selbst in Zukunft leben?
Sinja Meyer-Rötz:
Selbstbestimmt wohnen, sozial gut eingebunden – das sind die beiden Grundprinzipien, die für mich handlungsleitend sind. Ich weiß, welchen präventiven Charakter soziales Miteinander hat. Deshalb möchte ich diese Prinzipien schon lange vor einem bestimmten Alter in meine Lebensplanung einbeziehen.
Claudia Mattheis
Das ist doch ein schönes Schlusswort. Vielen lieben Dank, Frau Meyer-Rötz, für dieses wunderbare Gespräch und die vielen Impulse. Die Idee der Caring Community in Berlin ist großartig – da müssen wir noch mehr drüber nachdenken, wie wir sie befördern können. Vielen Dank!
Sinja Meyer-Rötz:
Vielen Dank, Frau Mattheis.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.
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