Die Generation 50 plus besteht nicht aus einer Zielgruppe, sondern aus sechs. Kommunikationsexperte Detlef Arnold hat das erstmals repräsentativ belegt und zeigt, was das für Wohnen, Leben und Marketing ab 50 bedeutet.
Die Generation 50 plus steht heute für knapp 60 Prozent der privaten Konsumausgaben in Deutschland. In fünf Jahren wird jeder zweite Bundesbürger über 50 sein. Und trotzdem werden diese 44 Millionen Menschen in Werbung, Produktentwicklung und gesellschaftlicher Wahrnehmung immer noch so behandelt, als wären sie eine einzige, gleichförmige Gruppe.
Detlef Arnold, Kommunikationsexperte mit über 30 Jahren Branchenerfahrung und Gründer der Business Impact Company G50UNLEASHED, nennt das den größten strategischen Fehler im deutschen Marketing. Und er kann ihn beurteilen, weil er ihn selbst jahrzehntelang gemacht hat.
Warum wir Detlef Arnold eingeladen haben
LIVVING Chefredakteurin Claudia Mattheis hat Detlef Arnold in den LIVVING Podcast eingeladen, weil er eine Kombination mitbringt, die selten ist: dreißig Jahre Erfahrung in der Kommunikationsbranche, zwei eigene Unternehmensgründungen, zuletzt als geschäftsführender Gesellschafter einer der größten Kommunikationsagenturgruppen Deutschlands, und dazu eine persönliche Geschichte, die genau da beginnt, wo viele Menschen ab 50 sich wiederfinden. Mit 59 ereilte ihn eine Sinnkrise, die er nicht als Einbruch beschreibt, sondern als Anfang. Aus ihr heraus entwickelte er gemeinsam mit Partnern G50PERSONAS: ein Persona-System auf Basis einer repräsentativen Studie mit 1253 Befragten, das die Generation 50 plus erstmals in sechs psychografisch unterschiedliche Gruppen gliedert. Für LIVVING ist diese Arbeit unmittelbar relevant, denn was Detlef Arnold über die Vielfalt des Wohnens und Lebens ab 50 herausgearbeitet hat, ist genau das, wofür diese Plattform steht.
Die wichtigsten 4 Erkenntnisse aus dem Interview
Die Generation 50 plus wird im Marketing bis heute als einheitliche Masse behandelt. Dabei ist die Lebensspanne zwischen einem 50-Jährigen und einem 80-Jährigen genauso weit wie zwischen einem 20-Jährigen und einem 50-Jährigen. Die Folge: falsche Produkte, falsche Kommunikation, falsche Prioritäten. Und das bei der einzig wachsenden Konsumgruppe des Landes.
G50PERSONAS zeigt: Es gibt sechs klar unterschiedliche Lebensrealitäten. Explorer, Gestalter, lebensnah Aktive, Bewusste, Kritische und Vorsichtige unterscheiden sich nicht nach Lebensalter, sondern danach, wie sie mit Veränderung umgehen. Alle sechs Gruppen sind gleichwertig. Keine davon ist das Klischee, das die Werbung jahrzehntelang bedient hat.
Die gängigen Altersklischees stimmen schlicht nicht. 75 Prozent der Befragten probieren gelegentlich neue Marken und Produkte aus. 74 Prozent sind täglich online. 37 Prozent haben in den letzten sechs Monaten bewusst etwas Wichtiges in ihrem Leben verändert. Die Generation 50 plus ist aktiver, neugieriger und offener als jedes Standardbild es zeigt.
Für Wohnen und Leben bedeutet das: Ein Konzept für alle funktioniert nicht. Ein Explorer will Wohnen als Möglichkeitsraum, ein lebensnah Aktiver braucht Gemeinschaft, ein Vorsichtiger sucht Vertrautes in vertrauter Umgebung. Die Seniorenwohnung als Einheitslösung wird der Vielfalt dieser 44 Millionen Menschen nicht gerecht.

Warum behandelt das Marketing die Generation 50 plus bis heute wie eine einheitliche Zielgruppe?
Dreißig Jahre Jugendfixierung: Wie eine ganze Branche den größten Konsummarkt Deutschlands übersehen hat
Detlef Arnold bringt das Problem auf den Punkt: Ein 50-Jähriger und ein 80-Jähriger haben genauso wenig gemeinsam wie ein 20-Jähriger und ein 50-Jähriger. Und doch behandelt die Werbung sie gleich. „50 bis 80 wird immer so getan, als ob die ganzen Menschen gleich sind.”
Was dabei herauskommt, sind Durchschnittswerte, die Detlef Arnold zufolge keiner Unterschiedlichkeit der Menschen gerecht werden. Und die Werbung macht daraus Bilder: Menschen auf dem E-Bike, Menschen mit Enkeln, Menschen, die irgendwo ihren Lebensabend genießen. Klischees, die mit der Lebensrealität der meisten wenig zu tun haben. Aus seiner eigenen Werberkarriere kennt Detlef Arnold die Ursache genau: „In jedem Briefing, was ich von Kunden bekommen habe, stand eben immer drin, wir müssen die jungen Zielgruppen ansprechen, wir müssen die Marke verjüngen.” Die Folge war eine „ausgeprägte Jugendfixierung, die dazu geführt hat, dass das wie ein blinder Fleck war, der da völlig ignoriert worden ist”, obwohl die über 50-Jährigen heute für knapp 60 Prozent der privaten Konsumausgaben stehen und die unter 30-Jährigen gerade einmal für 9 Prozent.
Die Kreativbranche, die diesen blinden Fleck am stärksten produziert, ist selbst betroffen: Nur 5 bis 7 Prozent der Menschen in deutschen Agenturen sind über 50. Wer eine Zielgruppe nicht kennt, weil er ihr nicht angehört, kommuniziert zwangsläufig an ihr vorbei. Detlef Arnold hat dagegen die Initiative „fifty over fifty” gegründet, die Menschen ab 50 in der Kreativbranche eine Plattform gibt, um sichtbar zu machen, dass Erfahrung kein Ablaufdatum hat. Sein Urteil über die Branche, die er selbst mitgeprägt hat, ist klar: „Da ist 40 das neue 60. Solange die Branche so stark auf diese Jugendfixierung ausgerichtet ist und Menschen mit Erfahrung entlässt, beginnt man eben auch den eigenen Ast, auf dem man sitzt, langsam abzusägen.”
Was sind die sechs Lebensrealitäten von G50PERSONAS und was bedeuten sie für Wohnen und Leben ab 50?
Vom Explorer bis zum Vorsichtigen: Sechs Gruppen, die zeigen, wie verschieden Menschen ab 50 wirklich denken, entscheiden und leben wollen
Um die Heterogenität der Generation 50 plus messbar und strategisch nutzbar zu machen, entwickelte Detlef Arnold gemeinsam mit dem Team von G50UNLEASHED das Persona-System G50PERSONAS. Die Grundlage bildet eine repräsentative Studie mit 1253 Befragten (Feldzeit Ende 2025), ein Fragebogen mit 60 Fragen und eine algorithmische Typisierung. Was die sechs Gruppen voneinander unterscheidet, ist nicht das Lebensalter, sondern eine einzige Frage: Wie gehen Menschen mit Veränderung um? „Was wir gemerkt haben ist, und das ist das, was sozusagen die rote Linie ist: Wo sich Menschen zwischen 50 und 70 in dieser Alterskohorte unterscheiden, ist, wie sie mit dem Thema Veränderung umgehen.”
Die sechs Personas: Die Explorer (6 Prozent) glauben, dass das Leben immer wieder neu beginnt. Die Gestalter (20 Prozent) packen Dinge selbst an. Die lebensnah Aktiven (25 Prozent) stellen Familie, Freunde und Gemeinschaft in den Mittelpunkt. Die Bewussten (16 Prozent) orientieren sich an Gesundheit, Regionalität und ökologischem Gleichgewicht. Die Kritischen (10 Prozent) hinterfragen, bevor sie vertrauen. Und die Vorsichtigen (10 Prozent) suchen Stabilität und das Vertraute. Was Detlef Arnold dabei betont, ist wichtig: „Ganz wichtig ist, dass bei all diesen sechs verschiedenen Zielgruppen ein positives Menschenbild dahinter liegt. Das heißt, da gibt es gar keine Wertung zwischen einem ganz links Vorsichtigen, der eben so zufrieden ist, wie er ist, und ganz rechts dem Explorer, der jeden Tag sich neu entdecken möchte, sondern alles hat seine Berechtigung.”
Was die Studie außerdem zeigt, räumt mit gängigen Altersklischees auf. 75 Prozent der Befragten probieren zumindest gelegentlich neue Marken und Produkte aus. 37 Prozent haben in den letzten sechs Monaten bewusst etwas Wichtiges in ihrem Leben verändert. 74 Prozent sind täglich online. Detlef Arnold fasst zusammen: „Das sind sehr moderne Lebensrealitäten. Das widerlegt eben die gängigen Klischees und zeigt eben ein neues Bild von 50 plus.”
Für das Thema Wohnen und Leben hat Detlef Arnold sehr konkrete Ableitungen. Der Explorer betrachtet seine Wohnsituation als Möglichkeitsraum und kann sich ein Hausboot genauso gut vorstellen wie ein urbanes Konzept mitten in der Stadt. Der lebensnah Aktive braucht Gemeinschaft und sozialen Austausch. Der Vorsichtige legt Wert auf räumliche Kontinuität und Vertrautes. Detlef Arnolds Konsequenz daraus: „Es ist eben nicht so einheitlich, wie es eben oft so getan wird, die Seniorenwohnungen oder die Seniorenhäuser, sondern dass es da unterschiedliche Lebens- und Wohnkonzepte gibt und braucht.” Die Dimension, um die es dabei geht, macht Detlef Arnold mit einer einzigen Zahl greifbar: Allein die Gruppe der lebensnah Aktiven umfasst in der DACH-Region rund 10 Millionen Menschen. „Diese Zahl muss man sich klarmachen, dass wir hier nicht über Einzelphänomene sprechen, sondern dass wir hier über Menschen in einer Anzahl sprechen, die wirklich bedeutsam sind.”

Wie hat Detlef Arnold seine Sinnkrise mit 59 in einen Neuanfang verwandelt?
Der Anruf, der alles veränderte: Vom freien Fall in einen vollkommen neuen Blick aufs Leben
Detlef Arnold erzählt diese Geschichte so präzise, dass man merkt: Sie hat ihn wirklich verändert. Es war sein 59. Geburtstag auf Korsika, seiner zweiten Heimat. Seine Frau fragte ihn, wie er seinen 60. feiern wolle. Dann klingelte das Telefon. Seine Tochter war dran: „Alles, alles Gute zum Geburtstag, lieber Opa.” In diesem Moment begann Detlef Arnold zum ersten Mal wirklich, über das Alter nachzudenken. Der Anruf, so sagt er, „hat mich dann tatsächlich den Boden unter den Füßen weggezogen und hat bei mir eine so große Lebens- und Sinnkrise ausgelöst, dass ich mich tatsächlich das erste Mal überhaupt mit dem Alter beschäftigt habe.”
Was folgte, war keine Resignation. Detlef Arnold fing an zu lesen, zu recherchieren und die eigene Lebensphase neu einzuordnen. Eine Forschungsarbeit der Berliner Universität belegt, dass das gefühlte Alter um 11 bis 12 Prozent jünger ist als das biologische, und dieser Effekt nimmt jedes Jahr zu. Wer heute mit 60 noch 20 gute Jahre vor sich hat, lebt nicht im Lebensabend, sondern in einer Lebensphase mit weniger Verpflichtungen und mehr Gestaltungsfreiheit als je zuvor. Dazu kommt: Jeder Zweite, der heute geboren wird, wird über 100 Jahre alt. Die Perspektive, die sich daraus ergibt, ist eine andere. Detlef Arnolds Haltung heute ist unmissverständlich: „Ich bezeichne diese Lebensphase jetzt auch als Lebensphase der Freiheit. Weniger Verpflichtung, mehr Zeit fürs Leben.”
Diese Haltung schlägt sich auch in seinem eigenen Wohnleben nieder. Detlef Arnold lebt in Hamburg und hat gemeinsam mit seiner Frau bewusst downgegraded: Das Haus war nach dem Auszug des Sohnes zu groß. Sie haben sich eine Kriterienliste gemacht, haben alles angeschaut, von St. Pauli bis aufs Land, und schließlich etwas gefunden, das zu ihnen passt. Dazu kommt ein kleines Haus auf Korsika, das ihnen die Freiheit gibt, längere Zeit im Süden zu leben. Für Das Downgrading hat nach seiner Aussage Energie freigesetzt, nicht gebunden.

Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten
Detlef Arnold hat dreißig Jahre lang als Werber dazu beigetragen, die Generation 50 plus zu übersehen. Dass er heute derjenige ist, der ihr ein differenziertes, empirisch belegtes Bild gibt, macht dieses Gespräch besonders direkt. Er redet nicht von außen über eine Zielgruppe, er redet über sich selbst: über seine Sinnkrise, seinen Neustart, sein Downgrading in Hamburg, seinen Enkel, sein kleines Haus auf Korsika. Und gleichzeitig liefert er mit G50PERSONAS ein Instrument, das zeigt, warum die Vielfalt des Lebens ab 50 keine nette Beobachtung ist, sondern eine demografische Tatsache mit wirtschaftlichem Gewicht. Wer wissen möchte, welcher der sechs Lebensrealitäten die eigene am nächsten kommt, sollte dieses Interview hören.
FAQ: Häufige Fragen zu G50PERSONAS und der Generation 50 plus
Was ist G50PERSONAS?
G50PERSONAS ist ein evidenzbasiertes, repräsentativ validiertes Persona-System für die Zielgruppe 50 plus, entwickelt von Detlef Arnold und dem Team von G50UNLEASHED. Die Studie (n=1253, Feldzeit Ende 2025) gliedert die Generation 50 plus in sechs psychografisch unterschiedliche Gruppen. Das System ist algorithmisch typisiert, quantitativ überprüfbar und in weitere Marktforschung integrierbar. Mehr Informationen unter g50personas.de.
Welche sechs Personas unterscheidet G50PERSONAS?
Die sechs Personas sind: Explorer (6 Prozent, offen für ständige Veränderung), Gestalter (20 Prozent, selbstständig und anpackend), lebensnah Aktive (25 Prozent, gemeinschafts- und familienorientiert), Bewusste (16 Prozent, gesundheits- und umweltbewusst), Kritische (10 Prozent, hinterfragend und vorsichtig beim Vertrauen) sowie Vorsichtige (10 Prozent, stabilitätsorientiert). Alle sechs Gruppen werden gleichwertig betrachtet.
Warum ist die Generation 50 plus wirtschaftlich so bedeutsam?
Menschen ab 50 stehen heute für knapp 60 Prozent der privaten Konsumausgaben in Deutschland, während die unter 30-Jährigen nur auf 9 Prozent kommen. In weniger als fünf Jahren wird jeder zweite Bundesbürger über 50 sein. Die Generation 50 plus ist damit die einzig wachsende Konsumgruppe des Landes und wird im Marketing strukturell unterschätzt.
Was bedeuten die sechs Personas für Wohnkonzepte ab 50?
Jede Persona hat andere Anforderungen ans Wohnen. Der Explorer sucht Möglichkeitsräume und experimentelle Konzepte. Der lebensnah Aktive braucht Gemeinschaft und sozialen Austausch. Der Vorsichtige legt Wert auf räumliche Nähe zum Vertrauten. Einheitliche Wohnlösungen für alle Menschen ab 50 spiegeln diese Vielfalt nicht wider. Allein die lebensnah Aktiven umfassen in der DACH-Region rund 10 Millionen Menschen.
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Transkript: LIVVING Podcast Interview mit Detlef Arnold
Claudia Mattheis: Herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast Studio. Lieber Detlef Arnold, warum ich dich eingeladen habe? Weil du einen völlig neuen Blick auf eine der größten und gleichzeitig am meisten unterschätzten Zielgruppen unserer Gesellschaft mitbringst: die Menschen 50 plus. Du bringst über 30 Jahre Erfahrung aus der Kommunikationsbranche mit, hast Unternehmen aufgebaut und geführt und dich mit 60 noch einmal ganz neu erfunden. Aus einer persönlichen Sinnkrise heraus hast du begonnen, das Thema Alter neu zu denken – nicht als Defizit, sondern als wirtschaftliche, gesellschaftliche und individuelle Chance. Heute verbindest du genau diese persönliche Erfahrung mit fundierter Forschung und strategischem Denken. Mit deinen G50PERSONAS zeigst du, dass 50 plus eben keine homogene Zielgruppe ist, sondern aus sechs ganz unterschiedlichen Lebensrealitäten besteht, mit eigenen Haltungen, Bedürfnissen und Vorstellungen davon, wie sie ihr Leben gestalten wollen. Und genau darüber möchte ich gerne mit dir reden. Schön, dass du da bist, lieber Detlef.
Detlef Arnold: Hallo, vielen Dank für die Einladung, Claudia.
Claudia Mattheis: Dann starten wir gleich mit der ersten Frage. Detlef, du sagst, 50 wird systematisch falsch verstanden. Warum?
Detlef Arnold: Wenn man sich das anschaut, wird alles über 50 immer in einen Topf geworfen. Es gibt Studien, es gibt Strategien – da heißt es dann immer: „50 und der Rest.” Dabei ist es doch so, dass ich mit meinen Eltern in einen Topf geworfen werde, und niemand würde auf den Gedanken kommen, einen 20-Jährigen mit einem 50-Jährigen in einen Topf zu werfen. Bei 50 bis 80 wird so getan, als ob alle Menschen gleich wären. Was daraus entsteht, nenne ich „Eintopf”: ein zusammengewürfelter Haufen, aus dem irgendwelche Durchschnittswerte gebildet werden, die der Unterschiedlichkeit der Menschen überhaupt nicht gerecht werden.
Claudia Mattheis: Welche Folgen hat dieses Denken speziell für Unternehmen?
Detlef Arnold: Dadurch, dass alles in einen Topf geworfen wird, entsteht eine sehr defizitäre Betrachtungsweise auf diese Menschen. Ich komme ja aus der Kommunikation, aus der Werbung. Wir kennen die Bilder: Menschen, die irgendwo mit ihrem E-Bike unterwegs sind, mit ihren Enkeln spielen – Bilder, die abseits des realen Lebens stattfinden, die ihren sogenannten „Lebensabend” genießen und damit in ein Klischee gepackt werden. Und wir wissen, dass diese Klischees Stereotypen bilden – und dann wird so getan, als ob die Menschen ab 50 alle gleich wären.
Claudia Mattheis: Du kommst ja aus der Werbung, warst in einer sehr großen Agentur tätig. Hast du das in jüngeren Jahren auch so gesehen – dass Menschen über 50 nicht mehr relevant sind, irgendwie eine beigefarbene, homogene Masse? Bist du auch mitschuldig an diesem Altersbild?
Detlef Arnold: Ja, ich bin insofern mitschuldig, als ich mich mit dem Thema Alter nie beschäftigt hatte. Mit dreißig kein Altersthema, mit 40 kein Altersthema, mit 50 kein Altersthema. Ich habe das komplett von mir weggeschoben. Erst an meinem 59. Geburtstag – wir waren auf unserer zweiten Heimat und Lieblingsinsel Korsika – fragte mich meine Frau abends: „Nächstes Jahr wirst du 60, wie willst du diesen besonderen Tag feiern?” In genau diesem Moment klingelte mein Handy. Meine Tochter Yola war dran und sagte: „Alles Gute zum Geburtstag, lieber Opa.” Das war das erste Mal, dass mich das Thema Alter wirklich getroffen hat. Es hat mir buchstäblich den Boden unter den Füßen weggezogen und eine so große Lebens- und Sinnkrise ausgelöst, dass ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema Alter beschäftigt habe. Vorher hatte ich es total ignoriert.
Claudia Mattheis: Aber noch mal zu deiner Arbeit als Werber: Du hast für dich das Alter ignoriert – aber habt ihr auch die Menschen 50 plus als relevante Zielgruppe ignoriert? Die werberelevante Zielgruppe endet ja angeblich mit 49.
Detlef Arnold: Genau diesem Dogma, diesem Stigma bin ich viele Jahre lang gefolgt. In jedem Briefing, das ich von Kunden bekommen habe, stand drin: Wir müssen die jungen Zielgruppen ansprechen, wir müssen die Marke verjüngen. Und deshalb haben wir die Menschen ab 50 – die heute die größte und einzig wachsende Konsumzielgruppe darstellen – total ignoriert. Eine so ausgeprägte Jugendfixierung, dass dieser Markt wie ein blinder Fleck war, der vollständig übersehen wurde.
Claudia Mattheis: Du sprichst von betriebswirtschaftlichen Folgefehlern – ich habe das in einem deiner Interviews gelesen. Kannst du das greifbar machen?
Detlef Arnold: Wenn man sich die demografische Entwicklung anschaut, sind die Menschen ab 50 die einzig wachsende Zielgruppe, die es gibt. In fünf Jahren wird jeder zweite Bundesbürger über 50 Jahre alt sein. Sie stehen heute schon für knapp 60 Prozent der privaten Konsumausgaben. Wir haben uns jahrzehntelang auf die junge Zielgruppe fokussiert – im Missverständnis, dass das diejenigen sind, die am wichtigsten und bedeutendsten sind – und haben völlig außer Acht gelassen, dass es eine Zielgruppe gibt, die viel größer, bedeutender und relevanter ist. Das erzeugt natürlich betriebswirtschaftliche Defizite, wenn man genau diese Zielgruppe ignoriert.
Claudia Mattheis: Also: Auch Menschen über 50 konsumieren und geben Geld aus – weil sie es haben.
Detlef Arnold: Ja, sie haben es und sie geben es auch aus. Und sie werden immer mehr – und damit auch immer bedeutsamer.
Claudia Mattheis: Das müssen wir vielleicht kurz erklären für alle, die nicht aus dem Marketing oder der Werbung kommen. Was du entwickelt hast, nennt sich G50PERSONAS. Erkläre mal genau, was das bedeutet – und was ist überhaupt eine Persona für Menschen, die keine Marketingfachleute sind?
Detlef Arnold: Menschen ab 50 wurden bisher immer in einen Topf geworfen – und das ist falsch. Das spürt man im eigenen Erleben: Es gibt ganz unterschiedliche Lebenseinstellungen und Lebenskonzepte für Menschen ab 50. Um das fürs Marketing operationalisierbar und darstellbar zu machen, haben wir eine repräsentative Untersuchung durchgeführt, die diese Menschen zum ersten Mal in ihren Lebenseinstellungen, Werten und Verhaltensweisen abbildet und in Gruppen zusammenfasst – sodass sie gezielt adressierbar und mit Marketingaktivitäten erreichbar sind.
Claudia Mattheis: Mach das mal etwas konkreter. Diese Zielgruppen – das sind sechs verschiedene. Wie heißen die, was zeichnet sie aus und wie unterscheiden sie sich voneinander?
Detlef Arnold: Was wir gemerkt haben – und das ist sozusagen die rote Linie – ist, dass sich Menschen zwischen 50 und 70 vor allem darin unterscheiden, wie sie mit dem Thema Veränderung umgehen. Wenn man frühere Lebensphasen anschaut: Mit 20 wollen die Menschen die Welt entdecken, rausgehen. Dann kommt zwischen 30, 35 und 50 die Rush Hour des Lebens, in der man sich sein Leben aufbaut und Karriere macht. Und dann kommt ab 50 eine Lebensphase, die noch einmal extrem von Veränderungen geprägt ist – aus ganz unterschiedlichen Gründen: biologische Veränderungen, der Tod eines Partners, Kinder, die aus dem Haus gehen, oder mehr finanzielle Spielräume, weil das Eigentum abbezahlt ist.
Und da gibt es sechs Gruppen, die unterschiedlich auf diese Veränderungen reagieren. Da sind die Explorer – diejenigen, die sagen: Das Leben beginnt immer wieder neu. Dann die Gestalter, die die Dinge selbst anpacken – das sind rund 20 Prozent. Die lebensnah Aktiven, die sich freuen, wenn sie mit Familie und Freunden zusammen sind – rund 25 Prozent. Die Bewussten, für die Regionalität, Gesundheit und ein ökologisches Gleichgewicht wichtig sind – 16 Prozent. Die Kritischen, die Dinge stärker hinterfragen – rund 10 Prozent. Und die Vorsichtigen, die zufrieden sind, wie sie sind – ebenfalls rund 10 Prozent. Ganz wichtig: Bei allen sechs Gruppen liegt ein positives Menschenbild zugrunde. Es gibt keine Wertung zwischen dem Vorsichtigen, der zufrieden ist, wie er ist, und dem Explorer, der sich jeden Tag neu entdecken möchte. Alles hat seine Berechtigung, alles hat seine entsprechende Lebensform.
Claudia Mattheis: Und wie seid ihr dabei methodisch vorgegangen, um diese Personas zu entwickeln? Ihr müsst sehr viele Gespräche geführt haben.
Detlef Arnold: Genau – insgesamt 1.253 Gespräche. Es handelt sich um eine repräsentative Befragung, die nach soziodemografischen Kriterien so ausgewählt wurde, dass sie die Bundesrepublik Deutschland abbildet. Es gab einen sehr dezidierten Fragebogen mit insgesamt 60 Fragen aus unterschiedlichsten Bereichen, aus deren Antworten sich die sechs Segmente ergeben haben.
Claudia Mattheis: Und was kann man daraus ableiten? Man hat diese Personas – was macht man jetzt damit?
Detlef Arnold: Zunächst einmal belegt die Studie auf repräsentativer Ebene, dass die Menschen ab 50 die gängigen Altersklischees nicht akzeptieren. Es sind sehr moderne Lebensrealitäten. Die Daten widerlegen diese Klischees und zeigen ein neues Bild von 50 plus. Zum Beispiel: 75 Prozent der Befragten probieren gelegentlich neue Produkte und Marken aus. Es gibt ja immer das Klischee, im Alter probiere man nichts Neues mehr aus – stimmt nicht. 68 Prozent legen sehr großen Wert auf Qualität. Und 37 Prozent haben in den letzten sechs Monaten bewusst etwas Wichtiges in ihrem Leben verändert.
Wir haben es also mit einer sehr aktiven, lebendigen und gestalterischen Alterskohorte zu tun – und das widerlegt die gängigen Klischees. Hinzu kommt: Über 74 Prozent sind täglich online. Es gibt eine hohe Digitalität und eine hohe Affinität zu neuen Technologien. Das macht diese Gruppe insgesamt zu einer sehr dynamischen, qualitätsorientierten und aktiven Zielgruppe.
Claudia Mattheis: Habt ihr die Leute auch befragt, wie sie sich ihr Leben in Zukunft vorstellen?
Detlef Arnold: Das konkrete Leben in der Zukunft haben wir nicht direkt abgefragt. Was wir gebildet haben, sind psychografische Muster – keine soziodemografischen Kategorien, sondern Entscheidungslogiken. Wenn ich zum Beispiel den Explorer nehme: Für ihn sind Freiheit und persönliche Weiterentwicklung zentrale Werte. Interpretiert man das auf das Thema Wohnen, sieht er das als Möglichkeitsraum: Er möchte etwas ausprobieren, vielleicht auf einem Hausboot wohnen oder ein urbanes Konzept umsetzen. Beim lebensnah Aktiven hingegen ist soziale Kompetenz entscheidend – er braucht Ausgewogenheit.
Der lebensnah Aktive ist die sozial ausgeprägteste Person. Er möchte mit anderen Menschen zusammenwohnen, sich austauschen – für ihn ist es wichtig, in einer Gemeinschaft zu leben, in der Kontakt möglich ist. Die Vorsichtigen hingegen brauchen etwas sehr Vertrautes, das nicht weit entfernt ist von dem, wo sie bisher glücklich gelebt haben. Daraus lassen sich bereits Prognosen und Ausblicke ableiten: Beim Thema Wohnen und Leben wird deutlich, dass es keine einheitliche Lösung gibt – nicht eine Art von Seniorenwohnungen für alle – sondern dass es unterschiedliche Lebens- und Wohnkonzepte gibt und braucht.
Claudia Mattheis: Da sind wir einer Meinung – oder ich bin deiner Meinung. Das unterstützt genau das, was wir mit LIVVING.de machen: Wir wollen die Vielfalt zeigen, weil wir uns nicht damit einverstanden erklären, dass es keine Optionen außer Pflegeheimen gibt. Ich möchte, dass die Menschen sehen, dass es ganz viele Varianten gibt – beim Leben und Wohnen mit 50, 60 plus.
Detlef Arnold: Darf ich da noch ergänzen? Im DACH-Raum sind die Menschen über 50 insgesamt 44 Millionen. Nehmen wir nur die lebensnah Aktiven – das sind 25 Prozent, also 10 Millionen Menschen – und die möchten nicht so wohnen, wie es heute mehrheitlich angeboten wird. Diese Zahl muss man sich klarmachen: Wir sprechen nicht über Einzelphänomene, sondern über Menschen in einer Größenordnung, die wirklich bedeutsam ist. Wir haben das jetzt auf einer repräsentativen, statistisch belegbaren Basis herausgearbeitet: Die Potenziale beim Thema Lebens- und Wohnform sind so groß, dass es sich für Unternehmen wirklich lohnt, sich zu engagieren, Projekte zu entwickeln und aufzuhören, alle über einen Kamm zu scheren.
Claudia Mattheis: Es entwickeln sich mittlerweile immer mehr neue Ideen. Es geht langsam voran – aber es geht voran. Ein Umdenken findet statt. Und deshalb finde ich das, was du mit deiner Forschung herausgearbeitet hast, so interessant. Es sind ja vor allem marketingrelevante Daten, mit dem Ziel, dass Unternehmen ihre Aktivitäten zielgerichteter gestalten können – von der Produktentwicklung bis zur Kommunikation. Gibt es da schon Beispiele, bei denen ein Unternehmen seinen Kurs dank eurer Arbeit verändert hat?
Detlef Arnold: Die Studie wurde von fünf Unternehmen finanziert – das nennt man eine Beteiligungsstudie, bei der die Unternehmen ihre konkreten Themen einbringen konnten. Ein Beispiel: Ein großes internationales Unternehmen im Bereich Dating-Plattformen. Man weiß ja, dass Menschen ab 50 auch noch einmal einen Partner suchen – sei es, weil der Partner verstorben ist, oder weil man nach dem Auszug der Kinder merkt, dass der bisherige Partner vielleicht doch nicht der optimale ist. Trennungen und Scheidungen sind in dieser Alterskohorte durchaus häufig. Die Frage war: Was ist diesen Menschen wichtig? Und da gab es zwei große Erkenntnisse. Erstens: Der Begriff Beziehung und Liebe verändert sich. Es geht nicht mehr um das große Verliebtsein, sondern darum, einen Partner zu finden, mit dem man große Vertrautheit, Stabilität und Verlässlichkeit erlebt. Jeder kennt das aus dem eigenen Leben: Die frühen großen Lieben waren Verliebtsein bis über beide Ohren – jetzt geht es um Vertrautheit und Stabilität.
Und der zweite große Aspekt: Die Menschen haben eine enorme Sehnsucht nach einem Partner, aber sie tun sehr wenig dafür und es gibt kaum passende Angebote. Das bedeutet: In der Kommunikation haben wir das zurückgenommen und es eher als Möglichkeit interpretiert, Menschen kennenzulernen – weniger als direkte Partnersuche. Bis hin dazu, dass Möglichkeiten geschaffen wurden, sich in größeren Gruppen auch real in Städten zu treffen. Das Verständnis von Partnerschaft ist ein anderes – und auch die Bereitschaft, etwas dafür zu tun, erfordert eine andere Kommunikation und Aktivierung als bei jüngeren Zielgruppen.
Claudia Mattheis: Konkret bedeutet das für dieses Datingportal also: weg vom reinen Matchen, hin zu Freundschaften?
Detlef Arnold: Zu Community, zu Vertrautheit. Es geht weniger darum, sich Hals über Kopf zu verlieben, sondern darum zu sagen: Ich möchte mein Leben die nächsten Jahre mit einem Partner gestalten. Das bedeutet, etwas abwartender zu sein, vorsichtiger – und trotzdem irgendwann tatsächlich Ja zu sagen.
Claudia Mattheis: Das bedeutet also, dass Unternehmen konkret auf euch zukommen können und sagen: Ich habe diese Zielgruppe und möchte das und das erreichen. Was passiert dann? Wie berätst du die?
Detlef Arnold: Ein konkretes Beispiel: Unternehmen aus dem Gesundheitsbereich kommen zu uns und fragen, was das Thema Longevity für diese Zielgruppe bedeutet. Sie wollen verstehen, welche der sechs Gruppen für sie am relevantesten ist und was diese über bestimmte Produktkonzepte, Innovationen oder Kommunikationsmaßnahmen denkt. Wir stellen dafür einen digitalen Dialog her – zwischen dem Unternehmen, seinem Thema und der Alterskohorte 50 bis 70 – in dem Unternehmen jede Art von Fragen stellen, analysieren und Antworten bekommen können.
Claudia Mattheis: Das geht also noch viel stärker in das, was Marketing im Grunde sowieso macht: Welches Bedürfnis hat meine Zielgruppe – und darauf abgestimmt entwickle ich das Produkt.
Detlef Arnold: Genau. Und man hat jetzt die Möglichkeit, innerhalb dieser Alterskohorte zwischen 50 und 70 sehr gezielt anzusprechen. Nicht alle wollen gleich angesprochen werden. Ein Produktkonzept kann für Gestalter oder lebensnah Aktive hochrelevant sein und für Vorsichtige und Kritische überhaupt keine Relevanz haben. Oder andersherum: Bestimmte Versicherungsprodukte passen eher zu Vorsichtigen und Kritischen, aber nicht zu jemandem, der sich jeden Tag neu erfindet und über Absicherung gar nicht nachdenkt. Wir haben oft festgestellt, dass das gleiche Thema einfach nur einen anderen Blickwinkel braucht. Man ist damit viel näher am Menschen. Und von diesen 44 Millionen kann ich mir einen bestimmten Kuchen rausschneiden – und mit dem sehr direkt agieren und kommunizieren, mit dem richtigen Produkt und der richtigen Botschaft.
Claudia Mattheis: Da ist noch viel zu tun. Wie siehst du das: Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern, wenn es um Marketing und Ansprache für ältere Zielgruppen geht?
Detlef Arnold: Nun, es ist gleichzeitig gut und schlecht. Für mich ist es durchaus positiv, dass noch so viel zu tun ist – es bedeutet Potenzial. Insgesamt ist es aber noch sehr viel Pionierarbeit. Das hängt mit einem typisch deutschen Phänomen zusammen: In der Kreativbranche sind nur 5 bis 7 Prozent der Menschen über 50. Die Alterskohorte 50 bis 70 ist dort schlicht nicht vertreten – und wo nur junge Leute arbeiten, entsteht naturgemäß eine starke Jugendfixierung. In angelsächsischen Ländern, in Norwegen und anderen skandinavischen Ländern ist das ganz anders. Dort gehen Menschen erst mit 60 in Rente – sie verlassen die Branche nicht schon mit 50.
In anderen Ländern ist die Altersdiversität in der Branche viel stärker ausgeprägt. Deshalb setze ich mich auch sehr dafür ein, dass Menschen ab einem gewissen Alter in der Kreativbranche ihren Platz und ihre Berechtigung haben – nicht als Gnadenbrot, sondern als Wachstumschance für eine Branche, die ohnehin gerade mit großen Schwierigkeiten kämpft. Denn nur wer diese Alterskohorte wirklich versteht, kann für sie auch wirkungsvolle Kommunikation und Werbung machen.
Claudia Mattheis: Aber wo sind die ganzen Werber hin? Die sterben ja nicht plötzlich mit 50 – was passiert konkret in den Agenturen? Die werden einfach entlassen?
Detlef Arnold: So hart es ist: Sie werden entlassen. Es gab gerade eine Reportage auf ZDF 37 Grad über Top-Kreative ab 50, die über Jahrzehnte ausgezeichnet wurden und wirklich Bedeutendes geleistet haben – und die von heute auf morgen feststellen mussten, dass man ihnen keinen Platz mehr einräumt. Manche haben bis zu 100 Bewerbungen geschrieben und nicht eine einzige Antwort bekommen. Letztes Jahr hat jemand sehr treffend formuliert: 40 ist das neue 60. Solange die Branche so stark auf Jugendfixierung ausgerichtet ist und Menschen mit Erfahrung entlässt – vermeintlich, weil sie nicht technologieaffin sind, weil sie nicht modern sind, weil sie zu teuer sind – sägt sie den Ast ab, auf dem sie sitzt. Denn der demografische Wandel ist absehbar: In ein paar Jahren braucht man genau diese Menschen wieder, um diese Zielgruppe bearbeiten zu können. Deshalb habe ich die Initiative fifty over fifty gegründet – eine Bühne und Plattform für Menschen ab 50, um zu zeigen, dass man in dieser Branche auch jenseits der 50 noch Herausragendes leisten kann.
Das haben wir letztes Jahr mit einer Fachzeitschrift zum ersten Mal ins Leben gerufen und machen es dieses Jahr zum zweiten Mal. Ziel ist es zu zeigen, dass Menschen ab 50 im Hier und Jetzt einen großen Impact haben – im Marketing, im Business – und der Altersdiskriminierung etwas entgegenzusetzen.
Claudia Mattheis: Ich erlaube mir an dieser Stelle ein bisschen Eigenlob: Ich bin das beste Beispiel dafür. Ich bin 59 Jahre alt, habe mit meinem Mann eine Werbeagentur – er ist Mitte 60 – und mit LIVVING.de haben wir noch einmal ein komplett neues Projekt gestartet. Wir merken, dass uns unsere Lebenserfahrung dabei deutlich hilft. Vor allem, wenn es darum geht, eine Zielgruppe anzusprechen, die man wirklich erst dann richtig versteht, wenn man selbst in dem Alter ist. Und deshalb frage ich mich: Warum schließen sich ältere Kreative nicht viel mehr zusammen und gründen eigene Agenturen? Du hast das ja auch selbst gemacht.
Detlef Arnold: Genau, ich habe das auch gemacht.
Claudia Mattheis: Eben – das kann man doch machen.
Detlef Arnold: Mit 61 bin ich ausgestiegen und habe mich neu erfunden. Und es gibt wirklich gute Beispiele: In Amerika gibt es eine Agentur, die ausschließlich Menschen ab 50 einstellt – mit genau dieser Positionierung. Und erst gestern haben einige der Kreativen, über die in der ZDF-Reportage 37 Grad berichtet wurde, veröffentlicht, dass sie sich zusammengetan haben. Sie nennen sich Werbe-Supermarkt.de – ein Angebot von hochqualifizierten Leuten, die zu günstigen Preisen relevante Konzepte liefern. Das tut gut. Es gibt Veränderungen, es gibt positive Beispiele – so wie du es gerade von dir erzählt hast. Es müsste noch viel mehr davon geben. Wenn sich das, was gerade als Pflänzchen entsteht, weiter trägt, wird sich die Branche verändern. Sie hat 30 Jahre lang anders gedacht – und wie bei einem Tanker, den man langsam in eine andere Richtung dreht: Das geht nicht von heute auf morgen. Aber es gibt einige positive Beispiele.
Claudia Mattheis: Man könnte natürlich auch sagen – gerade bei den Werbern, die selbst 30 Jahre lang dem Jugendkult gehuldigt haben: selbst schuld. Das Grab wurde sich da schön selbst gegraben. Mitleid dürfte sich in der Gesellschaft in Grenzen halten. Aber klar: Da müssen wir Werber selbst raus. Noch mal zu dir: Du hast vorhin erzählt, dass du mit 59 eine große Lebens- und Sinnkrise hattest. Du bist da wieder rausgekommen. Was machst du heute – und wie hast du dich neu erfunden?
Detlef Arnold: Gefunden habe ich mich dadurch, dass ich mich zum ersten Mal ernsthaft mit dem Thema Alter beschäftigt habe – und dabei gemerkt habe: Ich bin nicht allein. Wie vorhin gesagt: Wir sind beinahe die Hälfte der Bevölkerung. Wir sind diejenigen, die Geld ausgeben, besitzen und vermehren. Wir sind diejenigen, die in einer glücklichen Lage sind, sich noch einmal neu zu erfinden. Meine Eltern sind nach dem Krieg groß geworden – als sie 60 waren, haben sie sich im wahrsten Sinne auf ihren Lebensabend gefreut. Heute sind wir mit 50 oder 60 in einer völlig anderen Vitalität. Es gibt eine Studie einer Berliner Universität, die nachgewiesen hat, dass unser gefühltes Alter um 11 bis 12 Prozent jünger ist als unser biologisches Alter – und dieser Effekt nimmt jedes Jahr zu.
Das heißt: Mit 60 fühle ich mich wie 50 – und in ein paar Jahren wird sich jemand mit 60 noch viel jünger fühlen. Und wenn man weiß, dass jeder Zweite, der heute geboren wird, über 100 Jahre alt wird, dann ändert sich die Perspektive auf das Alter fundamental. Das hat mir klargemacht: Ich habe all die Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ich in den letzten 30 Jahren gewonnen habe – und ich habe noch 20 gute Jahre vor mir, die ich mit weniger Verpflichtungen gestalten kann als in jungen Jahren. Deshalb bezeichne ich diese Lebensphase als Lebensphase der Freiheit. Weniger Verpflichtung, mehr Zeit fürs Leben. Und deshalb sage ich heute: Es ist die geilste Lebensphase, die ich habe. Ich bin der geilste Opa der Welt – und ich bin total stolz darauf.
Ich kam gestern vom zweiten Geburtstag meines Enkelkindes aus Köln zurück und finde das eine totale Bereicherung. Bei mir hat sich die Perspektive um 180 Grad gedreht. Ich freue mich jeden Tag, so alt zu sein, wie ich bin, so viel gestalten zu können und noch so viel vorhaben zu können.
Claudia Mattheis: Das wäre eigentlich schon ein wunderbares Schlusswort – damit hast du meine letzte Frage fast vorweggenommen. Wie willst du selbst in Zukunft leben und wohnen? Vielleicht noch einen Satz dazu?
Detlef Arnold: Wir haben diese Phase tatsächlich gerade hinter uns. Unser Sohn hat mit seiner Freundin die letzten Jahre bei uns gewohnt, und dann haben wir festgestellt: Unser Haus ist zu groß. Wir wollten kleiner werden. Ich wohne in Hamburg – wir haben uns alles angeschaut, von der Szene in St. Pauli bis hin aufs Land, eine Kriterienliste gemacht und dann etwas gefunden, das genau passt. Dazu haben wir noch ein kleines Häuschen auf Korsika. Wir genießen dieses Downsizing sehr – das Überschaubarere, das Kleinere – und haben gleichzeitig die Freiheit, in den Süden zu fahren und dort auch längere Zeit zu verbringen. Wir gestalten das sehr gerne: Wir sind die Gestalter. Wir malen selbst, wir wohnzimmern selbst, machen die Tapeten, streichen die Treppen – alles, was handwerklich möglich ist, machen wir mit Begeisterung. Wir haben gerade diese Transformation hinter uns und merken, wie viel Energie und Lust das uns gegeben hat.
Claudia Mattheis: Das ist ein wunderbares Schlusswort. Lieber Detlef, herzlichen Dank für dieses tolle Gespräch. In den Shownotes wird alles verlinkt – deine Website, wer dich ansprechen möchte, auch LinkedIn. Und den Link zur ZDF-37-Grad-Reportage werde ich ebenfalls noch einfügen – ein wirklich spannendes Thema. Vielen Dank und liebe Grüße nach Hamburg.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.











