Das Haus ist zu groß, die Kinder sind raus, die Reiselust wächst: Wie lebt man ab 50plus selbstbestimmt, aber trotzdem in Gemeinschaft? Eine Berliner Baugemeinschaft zeigt, wie es geht.
In Berlin Reinickendorf entsteht mit dem Jardin Hermsdorf ein Wohnprojekt, das ein neues Modell für gemeinschaftliches Wohnen zeigt. 44 barrierefreie Eigentumswohnungen, ein Gemeinschaftsgarten mit Sauna, eine begrünte Dachterrasse und Räume für Begegnungen: Das Besondere an diesem Projekt ist, dass es als Baugemeinschaft realisiert wird und sich explizit an Menschen ab 50plus richtet, die selbstbestimmt in Gemeinschaft leben möchten.
Im Gespräch mit LIVVING Chefredakteurin Claudia Mattheis erklären Anna Schingen und Malte Schröder, wie sie gemeinsam das Konzept entwickelt haben. Anna Schingen ist Senior Living-Expertin mit langjähriger Erfahrung in der Entwicklung von Wohnkonzepten für Menschen ab 65. Malte Schröder ist Architekt und Geschäftsführer des Berliner Büros URBANSKY Architekten, das bereits über zwölf Baugemeinschaften in Berlin, Potsdam und Umgebung realisiert hat.
Die wichtigsten 5 Erkenntnisse aus dem Gespräch
- Senior Living bedeutet Selbstbestimmung:
Das Jardin Hermsdorf richtet sich an aktive Menschen ab 50plus, die in Gemeinschaft leben möchten, dabei aber ihre Autonomie und Freiheit bewahren. Der Fokus liegt auf selbstbestimmtem Leben, nicht auf Betreuung. - Standortanalyse entscheidet über das Konzept:
Nicht jeder Standort braucht dieselbe Lösung. In Hermsdorf war die Nachfrage klar: Menschen wollen aus großen Häusern in kleinere, barrierefreie Wohnungen ziehen, aber in Gemeinschaft leben. - Community Manager statt Concierge:
Statt umfassender Serviceleistungen gibt es einen Community Manager als Ratgeber und Impulsgeber, der die Gemeinschaft unterstützt, aber nichts abnimmt oder vorgibt.
Baugemeinschaften bieten finanzielle Vorteile: Durch das Baugemeinschaftsmodell entfallen Entwicklermargen, was zu günstigeren Quadratmeterpreisen führt. Zudem gestalten die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner aktiv mit. - Enormer Bedarf nach gemeinschaftlichem Wohnen:
Während viele Investoren derzeit Vertriebsprobleme im Eigentumswohnungsmarkt haben, stößt das Jardin Hermsdorf auf außergewöhnlich hohe Nachfrage. Das Konzept trifft einen Nerv.


Senior Living neu definiert: Selbstbestimmung statt Betreuung
Das Jardin Hermsdorf ist, wie Malte Schröder erklärt, „im Prinzip ein logisches Resultat aus der Tatsache, dass wir uns seit über fünf Jahren mit der Zielgruppe der Seniors beschäftigen“. Die Herausforderung: In Deutschland wird Senior Living oft noch reflexartig mit Betreuung und Versorgung verbunden. Im angloamerikanischen Raum meint der Begriff jedoch eine Zielgruppe 50plus, die in den dritten Lebensabschnitt geht und das Leben genießen möchte, oft wenn die Kinder aus dem Haus sind.
Malte Schröder und sein Team wollten zeigen, dass Senior Living auch anders gedacht werden kann: „Und dem wollten wir einen anderen, vollständig andersartigen Entwurf entgegensetzen“, so der Architekt. Als sie das Grundstück in Hermsdorf fanden, wurde schnell klar, dass genau diese Zielgruppe dort zu finden ist.
Der Unterschied zwischen einem regulären Wohnprojekt und einem Senior Living-Projekt ist dabei kleiner als gedacht. „Wir haben festgestellt, dass dieser Schritt Senior Living zu denken ein ganz kleiner sein kann. Der findet halt auch sehr im Kopf statt. Wir machen ja nichts anderes als Wohnraum zu schaffen“, erklärt Malte Schröder. Es geht vor allem um das Mindset und die Ausrichtung: Bieten wir die richtigen Angebote? Schaffen wir Barrierefreiheit? Schaffen wir es, uns in die Menschen reinzuversetzen, für die wir planen?
Standortanalyse als Schlüssel zum richtigen Konzept
Anna Schingen betont, dass es nicht das eine perfekte Konzept für Senior Living gibt. „Ich glaube, dass es nicht das eine Konzept und die richtigen Bausteine per se gibt, sondern dass man sich immer anschauen muss, an welchem Standort bin ich, was bietet die Mikrolage überhaupt schon, wie sieht das Einzugsgebiet aus und was gibt es dort für einen Bedarf oder für eine Nachfrage“, so die Expertin.
Es gibt Standorte, an denen ein hoher Servicegrad und umfassende Betreuungsangebote sinnvoll sind. In Hermsdorf ergaben sich jedoch andere Anforderungen. Als Malte Schröder Anna Schingen fragte, ob das Grundstück für Senior Living geeignet sei, war ihre Antwort eindeutig: „Ich habe eigentlich noch nie so etwas Perfektes vorgefunden, was die Makro-Mikro-Lage-Gegebenheiten angeht.“
Die Analyse zeigte: Die Zielgruppe vor Ort ist jung geblieben, 50plus, lebt meist in großen Häusern in der Empty-Nest-Situation. Der Ruhestand steht vor der Tür oder ist bereits eingetreten. Diese Menschen haben ein klares Bedürfnis: „Sie haben ein Bedürfnis, in Gemeinschaft zu leben, aber halt auf gar keinen Fall das Gefühl zu haben, es gibt irgendwie eine Vormundschaft, es werden Dinge vorgegeben.“
Gemeinschaftsflächen, aber mit Maß
Das Konzept sieht Gemeinschaftsflächen vor: einen Garten mit Sauna, eine begrünte Dachterrasse, ein Atelier, eine Co-Working-Zone und eine Gästewohnung. Hinzu kommen digitale Community-Tools. Bewusst wurde jedoch darauf verzichtet, zu viele Gemeinschaftsflächen zu schaffen. Der Fokus liegt auf großzügigen Wohnungen mit attraktiven Außenbereichen.
Anna Schingen erklärt: „Der Fokus liegt eher darauf, zum Beispiel großzügige Wohnungen zu haben, auch mit einem großen Außenbereich.“ Die Gemeinschaftsflächen sind da, aber in moderatem Umfang, weil die Zielgruppe vor allem Wert auf Privatsphäre und Selbstbestimmung legt.
Statt eines 24-Stunden-Concierge gibt es einen Community Manager, der partizipativ arbeitet: „Es gibt eigentlich eher einen Community Manager, der Ratgeber und Anstoßhilfe ist, aber halt nicht alles abnimmt und alles vorgibt.“ Diese Rolle unterstützt die Gemeinschaft dabei, sich selbst zu organisieren, ohne die Verantwortung abzunehmen oder vorzugeben, was die Gemeinschaft tut.

Baugemeinschaft: Mehr als nur Kostenersparnis
Ein zentraler Baustein des Projekts ist die Organisationsform als Baugemeinschaft. Der wesentliche Unterschied zu klassischen Eigentumswohnungen liegt in der Entwicklermarge. Malte Schröder erklärt: „Bei einer Baugemeinschaft fällt diese Entwicklermarge weg.“ Die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner schließen sich zusammen, erwerben gemeinsam das Grundstück und beauftragen gemeinsam Planer und Baufirmen. Am Ende teilen sie sich die tatsächlichen Kosten ohne Entwickleraufschlag.
Doch das Baugemeinschaftsmodell bringt mehr als finanzielle Vorteile. Die Gemeinschaft entsteht bereits während der Bauphase. Die künftigen Nachbarinnen und Nachbarn lernen sich über Monate kennen, treffen gemeinsam Entscheidungen über Farbkonzepte, Materialien und Gemeinschaftsräume. Diese gemeinsame Gestaltungsphase schweißt zusammen und schafft eine Basis für das spätere Zusammenleben.
Für die Zielgruppe 50plus ist dieser Aspekt besonders wichtig. Viele Menschen in dieser Lebensphase suchen bewusst nach Gemeinschaft, wollen aber gleichzeitig ihre Autonomie bewahren. Die Baugemeinschaft bietet diese Balance: Man ist Teil von etwas Größerem, ohne die Kontrolle über das eigene Leben abzugeben.

Fünf Jahre Vorarbeit: Die Finanzierungsherausforderung
Die Realisierung eines solchen Projekts ist kein Spaziergang. Malte Schröder und sein Team haben fünf Jahre Entwicklungsarbeit investiert, bevor der erste Euro fließt. Die größte Herausforderung: die Finanzierung. „Das Eigenkapital wiederum, das kommt im klassischen Fall von den Fremdkapitalgebern, also von den Banken. Und die geben es dir aber nur, wenn du ein Projekt in der Hinterhand hast“, erklärt Malte Schröder.
Eine paradoxe Situation: Man braucht ein Projekt, um Eigenkapital zu bekommen, aber man braucht Eigenkapital, um ein Projekt zu starten. Das Team hat Grundstücke akquiriert, Konzepte entwickelt, Netzwerke aufgebaut und viele Gespräche mit Banken geführt, um diesen Kreislauf zu durchbrechen.
Die gute Nachricht: „Mittlerweile ist der Markt reifer geworden. Die Banken haben die Bereitschaft, in solche Konzepte zu investieren.“ Das liegt auch daran, dass die demografische Entwicklung unübersehbar ist und der Bedarf enorm wächst.

Hermsdorf: Die perfekte Lage
Das Grundstück in der Schloßstraße 18 in Berlin Hermsdorf bietet optimale Voraussetzungen. Die Lage nahe dem Waldsee, dem Tegeler Fließ und dem gewachsenen Dorfkern verbindet Natur mit urbaner Infrastruktur. Die Anbindung an die Berliner Innenstadt ist gut, gleichzeitig bietet der Standort Ruhe und Grün.
Die Analyse der Bevölkerungsstruktur zeigte: Viele Menschen im Umfeld leben in großen Einfamilienhäusern, sind zwischen Anfang und Mitte 60 und denken über Veränderung nach. Sie suchen eine Alternative, die ihnen ermöglicht, sich zu verkleinern, ohne auf Lebensqualität zu verzichten. Genau diese Zielgruppe spricht das Jardin Hermsdorf an.
Barrierefreiheit als selbstverständlicher Standard
Das Jardin Hermsdorf besteht aus zwei Baukörpern mit insgesamt 44 barrierefreien Eigentumswohnungen. Die Architektur folgt den Prinzipien von URBANSKY Architekten: klare Gestaltung, Nachhaltigkeit und Funktionalität ohne Kompromisse bei der Ästhetik. Barrierefreiheit wird nicht als Notlösung verstanden, sondern als selbstverständlicher Bestandteil guter Architektur.
Anna Schingen selbst hat beim Kauf ihrer eigenen Wohnung Anfang 30 bereits auf Barrierefreiheit geachtet und wurde dafür von Freunden ausgelacht. Heute findet sie es beruhigend, eine Wohnung zu haben, in der sie theoretisch alt werden könnte. Sie kann sich aber auch sehr gut vorstellen, in ein Projekt wie das Jardin Hermsdorf zu ziehen: „So was wie das Jardin, wo man eigenständig lebt, aber trotzdem gemeinschaftlich und mit Gemeinschaftsflächen, wo aber halt alles kann, nichts muss.“
Enormer Bedarf trifft auf hohe Nachfrage
Die Resonanz auf das Projekt ist außergewöhnlich. Während viele Investoren derzeit große Vertriebsprobleme im Eigentumswohnungsbereich haben, kann sich das Team vom Jardin Hermsdorf glücklich schätzen. „Wir haben die wirklich glückliche Situation, dass wir eine erhebliche Nachfrage haben“, so Malte Schröder. Die hohe Nachfrage zeigt, dass das Konzept einen Nerv trifft.
Das kann auch Claudia Mattheis von LIVVING bestätigen. Einer der Hauptsuchbegriffe, über den Menschen auf LIVVING.de kommen, ist „Wohnen in Gemeinschaft“. Das Projekt bedient eine große Sehnsucht, und dieser Bedarf wird in Zukunft noch weiter wachsen.
Das Prinzip „first come, first serve“ gilt. Wer Interesse hat, sollte sich zeitnah melden. Momentan finden zweiwöchige Informationsveranstaltungen statt. Ende Dezember 2025, Anfang Januar 2026 soll das Grundstück gekauft werden. Dann beginnt die Entwurfsphase mit individuellen Gesprächen. Der Bauantrag soll im April oder Mai 2026 eingereicht werden. Ab September 2026 sollen die Erdbauarbeiten beginnen.
Ein Leuchtturmprojekt für die Zukunft
Malte Schröder ist überzeugt: „Wir bilden eine Baugemeinschaft für Menschen 50plus. Und ich glaube, die Projekte kann man tatsächlich an einer Hand abzählen, die so entstanden sind.“ Die Kombination aus Baugemeinschaft und Senior Living für die Zielgruppe 50plus ist selten.
Die Resonanz ist enorm. Ob Gespräche mit Banken, großen Investoren oder Projektentwicklern: Alle hören zu und sind neugierig auf das Konzept. Das zeigt, dass das Jardin Hermsdorf tatsächlich als Leuchtturmprojekt dienen könnte, das anderen Bauherren Mut macht, ähnliche Wege zu gehen.
Malte Schröder lebt selbst bereits in einem Mehrgenerationsprojekt in Weißensee, das URBANSKY Architekten gebaut hat. Er ist, wie er sagt, ein Überzeugungstäter. Erst am vergangenen Wochenende gab es in seinem Wohnprojekt einen gemeinsamen Arbeitseinsatz und ein Winterfest. „Da habe ich wieder diesen Vibe gespürt, den so eine Gemeinschaft hat und das macht mich einfach sehr glücklich“, erzählt er.
Projektdetails auf einen Blick
- Projekt: Jardin Hermsdorf
- Standort: Schloßstraße 18, 13467 Berlin Hermsdorf
- Wohnungen: 44 barrierefreie Eigentumswohnungen in zwei Baukörpern
- Gemeinschaftsflächen: Garten mit Sauna, begrünte Dachterrasse, Atelier, Co-Working-Zone, Gästewohnung, digitale Community-Tools
- Projektform: Baugemeinschaft für Menschen 50plus
- Zeitplan: Grundstückskauf Dezember 2025/Januar 2026, Baubeginn September 2026
- Architektur: URBANSKY Architekten
- Konzept: Anna Schingen, Senior Living-Expertin
- Kontakt: info@jardin-hermsdorf.de
- Website: www.jardin-hermsdorf.de
Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten?
Dieses Interview zeigt eindrucksvoll, wie Wohnen im Alter als selbstbestimmte Gemeinschaft funktionieren kann. Anna Schingen und Malte Schröder beweisen, dass Senior Living Selbstbestimmung, Gemeinschaft und architektonische Qualität vereinen kann, ohne dass man dabei auf Autonomie verzichten muss.
Weitere Informationen finden Sie hier:
Webseite Urbansky Architekten
Webseite Anna Schingen
LinkedIn Anna Schingen
LinkedIn Malte Schröder

Jetzt LIVVING Podcast anhören!
Zum Beispiel mit einem kostenlosen Account bei Spotify:
Kein Account? Kein Problem!
• Sie können alle Podcast-Folgen auch direkt hier auf unserer Webseite anhören
• Klicken Sie dazu einfach rechts im Kasten auf “Inhalt entsperren” und dann auf den Abspielpfeil
• Sie finden uns auch auf allen anderen bekannten Podcast-Plattformen.
• Und natürlich gibt es den LIVVING Podcast auf YouTube
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Spotify. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf den Button unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Weitere Informationen 'Lieber lesen, als Podcast hören? Interview zum Nachlesen!
Interview mit Anna Schingen und Malte Schröder:
So entsteht die Baugemeinschaft Jardin Hermsdorf für Menschen 50+
Claudia Mattheis:
Herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast Studio, liebe Anna Schingen, lieber Malte Schröder. Warum ich euch eingeladen habe? Weil ihr mit dem Jardin Hermsdorf in Berlin-Reinickendorf ein Wohnprojekt auf den Weg bringt, das zeigt, wie Gemeinschaft, Architektur und Selbstbestimmung im Alter ganz neu gedacht werden können. Geplant sind 44 barrierefreie Eigentumswohnungen, dazu ein Gemeinschaftsgarten mit Sauna, eine begrünte Dachterrasse sowie Räume für Begegnungen oder Veranstaltungen.
Das Besondere: Errichtet wird das Projekt in Form einer Baugemeinschaft. Kurz zu euch: Anna, du bist Senior Living Expertin mit Erfahrung in der Entwicklung von Wohnkonzepten für Menschen ab 65. Malte, du bist Architekt und Geschäftsführer des Berliner Büros Urbansky Architekten, das für klare Gestaltung und nachhaltige Architektur steht. Gemeinsam setzt ihr ein Zeichen dafür, dass gutes Wohnen im Alter weit mehr ist als nur barrierefrei und funktional.
Wir von LIVVING begleiten euer Bauprojekt Jardin Hermsdorf von Anfang an und wollen künftig regelmäßig über den Baufortschritt berichten. Dazu war ich auch schon bei der ersten Baugruppensitzung vor drei Wochen mit dabei. Was ich dabei besonders spannend fand: Viele Interessierte kommen aus dem näheren Umfeld, sind Anfang bis Mitte 60, möchten sich räumlich verkleinern, freier leben, reisen und trotzdem Teil einer Gemeinschaft bleiben. Heute sprechen wir über genau dieses Spannungsfeld und darüber, wie ihr es in Architektur und Konzept übersetzt.
Hallo nochmals, herzlich willkommen.
Anna Schingen:
Hallo.
Claudia Mattheis:
Dann starte ich gleich mal mit der ersten Frage. Wie ist die Idee zum Jardin Hermsdorf überhaupt entstanden und was ist das Besondere daran, Malte?
Malte Schröder:
Hallo! Ja, Claudia, erstmal auch von uns ein Hallo und herzlichen Dank für die Einladung. Das Jardin Hermsdorf ist im Prinzip das logische Resultat daraus, dass wir uns seit über fünf Jahren mit der Zielgruppe der Seniors beschäftigen. Die Seniors sind in Deutschland noch reflexartig mit Pflege und besonderer Zuwendung konnotiert.
Im angloamerikanischen Raum meint der Begriff aber eigentlich eine Zielgruppe 50 plus, die in den dritten Lebensabschnitt geht und das Leben genießen möchte. Kinder sind aus dem Haus, Lebensumstände verändern sich. Wir haben in der Community von Senior Living immer wieder festgestellt, dass Menschen, Planer, Finanzierer und Projektentwickler reflexartig mit Pflege reagieren, sobald es um Senior Living geht.
Dem wollten wir etwas völlig Neues entgegensetzen. Mit dem Grundstück in Hermsdorf haben wir schnell gemerkt, dass wir dort genau die Zielgruppe finden, die wir ansprechen wollen. Wir bearbeiten das Feld der Baugemeinschaften schon viele Jahre und haben über zwölf Projekte in Berlin, Potsdam und Umgebung realisiert. Wir haben uns gefragt, ob wir nicht auch selbst als eigene Projektentwickler ein solches Projekt anschieben können – jenseits gängiger Investorenprojekte.
Claudia Mattheis:
Wie genau das aussieht, darauf kommen wir gleich zurück. Anna, du bist Senior Living Expertin und begleitest das Projekt als Beraterin. Du hast das Konzept mitentwickelt. Was sind aus deiner Sicht die wichtigsten Bausteine für ein gutes Wohnkonzept im Alter?
Anna Schingen:
Ich glaube, es gibt nicht das eine Konzept oder die perfekten Bausteine. Man muss sich immer anschauen: An welchem Standort bin ich? Was bietet die Mikrolage? Wie sieht das Einzugsgebiet aus? Welche Bedarfe und welche Nachfrage gibt es dort?
Natürlich gibt es Standorte, an denen klar ist, dass man ein hohes Serviceangebot oder pflegerische Versorgung benötigt. Aber es gibt eben auch Standorte, an denen man bei der Analyse der Bewohnerstruktur erkennt, dass andere Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Genau das beeinflusst, welche Bausteine man wählt und welches Konzept entsteht.
In Hermsdorf war es tatsächlich so, dass ich nach der Anfrage von Malte – er sagte: „Kannst du dir das Grundstück mal anschauen, eignet es sich für Senior Living?“ – sofort dachte: Das ist ideal. Ich screen seit fünf Jahren Grundstücke und Projekte und habe selten etwas so Passendes gesehen. Nach Analyse und Workshop war klar: Die Zielgruppe dort ist nicht zwingend pflegebedürftig. Sie ist jung geblieben, 50 plus, lebt oft im großen Haus mit ausgezogenen Kindern und hat den Wunsch nach Gemeinschaft, aber ohne bevormundet zu werden.
Sie wollen eigenständig und selbstbestimmt, aber trotzdem eingebettet sein. Diese Bedürfnisse waren der Ausgangspunkt unseres Konzeptes.
Claudia Mattheis:
Ich habe das Projekt ja von Anfang an begleitet und war auch vor Ort. Die Lage hat mich begeistert, weil es ein Wohnen „mittendrin“ ist. Berlin-Hermsdorf ist nicht wuseliger Innenstadtbereich, aber auch nicht Stadtrand. Es wirkt fast kleinstädtisch: ein Wochenmarkt, gute Nahverkehrsanbindung, schnelle Wege in die Stadt oder zur Autobahn. Anna, was findest du an der Lage besonders?
Anna Schingen:
Die Lage ist wirklich toll. Die S-Bahn ist direkt vor der Tür, aber nicht laut, denn zwischen Grundstück und Bahn liegt ein hübscher Vorplatz mit altem Baumbestand. Gegenüber ist ein Ärztehaus, daneben ein Italiener und ein Supermarkt. Auf der anderen Seite der S-Bahn gibt es eine kleine, fast dörfliche Ladenzeile: Fischladen, Käseladen, Fleischer, Bäcker, Friseur, Wochenmarkt, Weinladen. Man kann alles fußläufig erledigen und ist dennoch hervorragend angebunden. Für mich hat der Ort einen beschaulichen, aber trotzdem städtischen Zauber.
Claudia Mattheis:
Finde ich auch. Es ist die Idealform der Fünf-Minuten-Stadt. Malte, lass uns über die Architektur sprechen. Du sagtest, es sei eigentlich kein typisches Seniorenwohnen, sondern ein modernes, zeitgemäßes Design. Wie habt ihr das Haus konzipiert?
Malte Schröder:
Zunächst haben wir die Bedarfe der zukünftigen Bewohner ermittelt und daraus einen Wohnungsmix entwickelt. Entstanden sind Zwei- bis Vierzimmerwohnungen. Außerdem war uns wichtig, dass das gesamte Projekt vollständig barrierefrei ist. Alles – Wohnungen, Gemeinschaftsflächen, Küche, Garten – ist barrierefrei zugänglich. Damit folgt das Projekt dem Universal Design. Menschen mit jeglichem Unterstützungsbedarf, ob bewegungseingeschränkt, blind oder taub, sollen das Angebot nutzen können.
Unser Ziel ist soziale Teilhabe. Menschen sollen lange in diesen Räumen leben können, mit oder ohne Unterstützung. Pflege spielt nur eine untergeordnete Rolle, wird aber mitgedacht, etwa über die Möglichkeit eines mobilen Pflegedienstes.
Anna Schingen:
Zum Thema Pflege möchte ich ergänzen: Wir haben architektonisch bewusst darauf geachtet, dass zum Beispiel das Badezimmer nahe am Schlafzimmer liegt, damit Wege kurz sind. Die Badezimmer sind so konzipiert, dass eine Pflegesituation problemlos möglich ist – aber ohne wie ein Krankenhaus auszusehen. Universal Design bedeutet: generationenkompatibel, aber unaufdringlich.
Claudia Mattheis:
Auf eurer Website gibt es Bilder vom Projekt. Für die Zuhörenden: Malte, beschreibe das Haus.
Malte Schröder:
Viele Menschen, die zu uns kommen, leben in großen Häusern, in denen das Obergeschoss kaum noch genutzt wird. Die Kinder sind ausgezogen, der Garten ist zu groß geworden. Sie wollen frei sein, reisen, Verpflichtungen reduzieren. Wir holen sie genau dort ab. Wir schaffen eine inspirierende Umgebung mit Menschen in ähnlichen Lebenssituationen.
Gleichzeitig wollten wir den Bezug zum Garten nicht ganz nehmen. Deshalb gibt es Urban-Gardening-Flächen in den Gemeinschaftsbereichen, dazu kleine, individuelle Pflanzbereiche vor jeder Wohnung. Daraus entstand die Idee der begrünten Fassade. Wie beim Bosco Verde in Mailand haben wir das Thema Garten in die Vertikale gezogen.
Claudia Mattheis:
Das ist ein großartiges Konzept, eigentlich eine meiner Traumvorstellungen für das Wohnen im Alter. Das Projekt steht aber noch ganz am Anfang und ihr habt es als Baugemeinschaft geplant. Das bedeutet: Man kauft nicht einfach eine fertige Wohnung, sondern bringt sich ein. Was steckt rechtlich dahinter und was bedeutet das für die Beteiligten?
Malte Schröder:
Wir bilden nicht nur eine Baugemeinschaft, sondern eine Baugemeinschaft speziell für Menschen 50 plus. Solche Projekte kann man in Deutschland an einer Hand abzählen. Wir sind stolz darauf, weil wir eine Antwort auf eine große gesellschaftliche Frage geben – nicht allein, aber wir leisten unseren Beitrag. Egal ob Banken, Investoren oder Projektentwickler: Alle hören uns zu und sind neugierig auf das Konzept.
Claudia Mattheis:
Was sind denn die nächsten Schritte im Projekt? Bis Jahresende wollt ihr das Grundstück kaufen, richtig?
Malte Schröder:
Genau. Momentan sammeln wir Menschen, die sich für das Projekt interessieren. Alle zwei Wochen gibt es Informationsveranstaltungen. Wir planen, Ende Dezember oder Anfang Januar das Grundstück zu kaufen. Danach beginnt die Entwurfsphase. Wir setzen uns mit allen einzeln zusammen, führen Entwurfsgespräche zur eigenen Wohnung und möchten zügig das Baurecht schaffen. Das wird voraussichtlich im April oder Mai nächsten Jahres passieren.
Während die Baubehörde prüft, beginnen wir mit der Ausführungsplanung und den Ausschreibungen. Ab September nächsten Jahres planen wir den Start der Erdbauarbeiten. Auf dem Grundstück stehen noch alte Gebäude – ein Kino, ein Restaurant – die müssen weichen. Es gibt etwas Topografie, wir müssen viel Erde bewegen. Dann beginnt der Rohbau.
Claudia Mattheis:
Das heißt, wenn ich mich interessiere, sollte ich mich möglichst bald entscheiden?
Malte Schröder:
Ja. Wir haben eine erfreulich hohe Nachfrage. Viele Investoren haben aktuell große Vertriebsprobleme im Eigentumswohnungsbereich, und wir sind sehr glücklich, ein Angebot geschaffen zu haben, das auf Begeisterung stößt. Also ja, schnell entscheiden lohnt sich.
Claudia Mattheis:
Was wäre der konkrete Ablauf? Was mache ich als Interessentin zuerst?
Malte Schröder:
Man kann sich unser Exposé auf der Website anschauen. Dort sind alle Wohnungen mit Zeichnungen und Informationen dargestellt. Man erkennt, was man braucht, welche Lage einem zusagt und was finanziell möglich ist. Danach nimmt man Kontakt zu unserem Vertrieb – zu Eike Schröder – auf, der alle Fragen beantwortet und zu den Sitzungen einlädt.
Claudia Mattheis:
Und muss man dann sofort alles bezahlen?
Malte Schröder:
Nein. Uns ist wichtig, dass die Gruppe einen geschützten Raum bekommt. Wer reserviert, hinterlegt eine Gebühr von 5000 Euro. Das wird später auf die Wohnung angerechnet. Damit hat man eine verbindliche Reservierung. Die Finanzierungsgespräche mit der Bank starten im Dezember. Der Ankauf des Grundstücks erfolgt dann durch eine Mischung aus Eigenkapital der Teilnehmenden und Zwischenfinanzierung durch die Bank.
Claudia Mattheis:
Während der gesamten Zeit bleibt die Baugruppe also eingebunden und kann mitgestalten?
Malte Schröder:
Ja, aber in einem klaren Rahmen. Demokratisches Design funktioniert nicht. Wir entwickeln Vorschläge und führen durch den Prozess. Das Konzept, wie man es heute sieht, ist schon weit. Trotzdem werden Entscheidungen getroffen: Gestaltung der Gemeinschaftsflächen, Ausstattung der eigenen Wohnung, Fliesen, Türen, Platz für Erbstücke. Es gibt aber auch Phasen, in denen einfach gebaut wird. Die Bauleitung übernehmen natürlich wir.
Das Projekt soll Mitte 2028 fertig sein.
Claudia Mattheis:
Gibt es ein Mindestalter, wenn man bei euch wohnen möchte?
Anna Schingen:
Nein. Wir adressieren das Projekt als 50-plus-Konzept. Interessant ist: Die meisten Interessenten sind 60 bis 69 Jahre alt. Bei anderen Konzepten, die ab 65 ausgeschrieben sind, liegt das Durchschnittsalter der tatsächlichen Interessenten oft bei 75 oder höher. Man muss also etwa 20 Jahre jünger positionieren, als es am Ende genutzt wird.
Aber wir sind offen für Familien. Es ist ein generationenkompatibles Wohnprojekt. Auch junge Familien interessieren sich – etwa weil die aktuelle Wohnung zu klein wird oder ihnen die Infrastruktur gefällt.
Malte Schröder:
Manche kaufen sogar zwei oder drei Wohnungen, um sie zusammenzulegen oder Familienmitglieder unterzubringen. Später können sie eine Wohnung vermieten. Diese Modularität haben wir zwar mitgedacht, aber die Menschen greifen sie inzwischen aktiv auf.
Claudia Mattheis:
Was sind denn die typischen Fragen und Wünsche der Interessenten?
Anna Schingen:
Am häufigsten: Sie möchten sich verkleinern. Das Haus ist zu groß, der Garten zu aufwendig. Manche möchten Hermsdorf nicht verlassen, andere möchten in eine stabile Infrastruktur ziehen. Viele denken auch voraus: Sie kaufen zwei Wohnungen, legen sie zusammen, oder erwerben eine dritte für eventuelle Pflegekräfte. Zusammengefasst: Sie wollen Erleichterung, Verkleinerung und gleichzeitig möglichst viele Optionen.
Claudia Mattheis:
Anna, du bist die Jüngste hier. Wie möchtest du selbst einmal wohnen?
Anna Schingen:
Ich habe früher gedacht, etwas wie das Tertianum, nur nicht ganz so luxuriös, wäre ideal. Als ich dann Anfang 30 eine Wohnung gekauft habe, wurde ich von Freunden belächelt, weil ich schon auf Barrierefreiheit geachtet habe. Für mich war aber entscheidend: eine innerstädtische Traumlage, alles fußläufig erreichbar, eine nette Hausgemeinschaft. Heute weiß ich: Vielleicht ist es nicht diese Wohnung, in der ich alt werde. Aber das Jardin Hermsdorf kann ich mir perfekt vorstellen.
Claudia Mattheis:
Kann ich gut nachvollziehen. Malte, du wohnst doch schon fast in deinem eigenen Konzept, oder?
Malte Schröder:
Ganz genau. Ich wohne in einem Mehrgenerationenprojekt in Berlin-Weißensee, das wir selbst gebaut haben. Ich fühle mich dort sehr wohl. Ich denke nicht fünf oder zehn Jahre im Voraus, dafür passiert zu viel im Leben. Vielleicht werden meine Kinder ausziehen, vielleicht lebe ich dann irgendwo anders. Aber Berlin ist für mich Heimat. Und ich reise gern. Eine Mischung aus beidem ist denkbar. Aber so wie ich jetzt lebe, kann man sehr gut alt werden. Wir haben eine starke Community. Letztes Wochenende haben wir wieder gemeinsam Winterfest gemacht – da spürt man einfach diesen besonderen Gemeinschaftsvibe.
Claudia Mattheis:
Ein schönes Schlusswort. Euch beiden ein herzliches Dankeschön. Alle weiteren Informationen zu diesem Interview gibt es wie immer in den Show Notes. Ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg. Wir bleiben verbunden und ich werde weiter über das Projekt berichten.
Anna Schingen:
Danke dir.
Malte Schröder:
Vielen Dank. Tschüss.
Claudia Mattheis

Claudia Mattheis (Jahrgang 1966) bringt mit 30 Jahren Führungserfahrung als Geschäftsführerin einer Werbeagentur und Chefredakteurin von Print- und Online-Medien strategische Expertise und ein starkes Netzwerk mit. Diese Kombination bildet das Fundament für ihre Mission: LIVVING.de zur führenden deutschsprachigen Plattform für Wohnen & Leben 50plus zu entwickeln. Ihre Leidenschaft für zielgruppengerechte Kommunikation verbindet sie mit einem tiefen Verständnis für die Bedürfnisse der Generation 50plus. Als versierte Netzwerkerin schafft sie Verbindungen zwischen Partnern, die gemeinsam die Lebenswelt einer wachsenden demografischen Gruppe neu denken wollen. Mit ihrem Mann Siegbert Mattheis lebt sie in Berlin-Prenzlauer Berg.























