Warum der Kampf gegen Altersarmut auch ein Kampf für mehr Würde im Alter ist.
Über 31.000 Seniorinnen und Senioren in Deutschland sind auf die Soforthilfe und Patenschaften von LichtBlick Seniorenhilfe e. V. angewiesen, weil ihre Rente nicht reicht. Wie Lydia Staltner Lichtblicke schafft, wo andere wegsehen, erzählt sie im LIVVING Podcast. Ein Gespräch, das berührt und aufrüttelt.
Altersarmut bleibt für viele eine stille Realität, mitten unter uns, aber oft unsichtbar. Mehr als die Hälfte der Rentenempfänger:innen erhält heute weniger als 1.250 Euro im Monat, und die von der Initiative LichtBlick Seniorenhilfe unterstützten Menschen kommen im Schnitt sogar nur auf 769 Euro. Während die Armutsgrenze in Deutschland 2025 bei 1.450 Euro netto für Alleinstehende liegt, reicht das Geld bei immer mehr älteren Menschen nicht einmal für das Allernötigste.
LichtBlick Seniorenhilfe e. V., gegründet von Lydia Staltner, stellt sich seit 22 Jahren gegen diese Entwicklung. Bundesweit begleitet der Verein inzwischen über 31.000 ältere Menschen – mit finanzieller Soforthilfe, Patenschaften, gemeinschaftlichen Aktionen und viel persönlicher Zuwendung. Für dieses Engagement wurde Lydia Staltner mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Doch die größte Auszeichnung ist, wenn aus existenzieller Not neue Hoffnung wächst: Würde, Gemeinschaft und der Mut, Hilfe anzunehmen.
Warum wir Lydia Staltner für unseren Podcast interviewt haben:
Wer Altersarmut verstehen will, muss zuhören: Lydia Staltner hat 2003 den ersten Verein in Deutschland gegründet, der sich ausschließlich älteren Menschen in Not widmet. Ihr Antrieb ist persönlich und direkt: „Vor 22 Jahren ist immer, wo ich wohne, eine alte Frau vorbeigegangen. Sommer wie Winter, hat die einen Wintermantel angehabt… Und dann habe ich gesagt, jetzt mache ich was für alte Menschen, weil mir war klar, die hat nichts anderes.“
Lydia Staltner kommt ursprünglich aus der Werbung, doch ihr Herz schlägt für das Soziale: „Vielleicht war mir vorgegeben von irgendeinem Schicksal, dass ich was für alte Menschen mache, weil ich bei meiner Oma aufgewachsen bin und die immer so gut zu mir war.“ Mit ihrem Team hat sie eine Organisation geschaffen, die nicht nur Zahlungen leistet, sondern Begegnungen ermöglicht, Einsamkeit lindert und Mut macht, sich Hilfe zu holen.
Die wichtigsten 3 Erkenntnisse aus dem Interview:
1. Altersarmut bleibt oft unsichtbar
„Die schaut ja gar nicht arm aus“: Warum Not so schwer zu erkennen ist
Wer an Altersarmut denkt, hat selten ein Gesicht vor Augen. Lydia Staltner weiß, warum: „Diese Leute, die arm sind, pflegen sich, die möchten nach außen nicht arm erscheinen. Die haben eine gepflegte Bluse an, Rock, schmücken sich auch mit dem künstlichen Schmuck, den sie vielleicht schon viele Jahre haben.“ Viele Betroffene schämen sich, Hilfe zu suchen. „Die wollen von der Nachbarin, darum gehen sie auch manchmal nicht zur Tafel, einfach nicht als arm abgestempelt werden. Weil das heißt, lapidar sagen manche, ja, die hat ja nie gearbeitet.“
Besonders Frauen sind betroffen: „Altersarmut ist ein weibliches Thema. Die Frauen verdienen ja auch in der heutigen Zeit noch weniger wie Männer… und das ist doch logisch, dass die dann auch weniger Rente kriegen.“ Die eigene Lebensleistung bleibt oft unsichtbar – und damit auch die Not.
2. Die Not wächst rasant und trifft immer mehr Menschen
„Wir werden regelrecht überrannt“: Die Zahlen sind dramatisch
In den letzten vier Jahren hat sich die Zahl der von LichtBlick unterstützten Rentner:innen fast verdoppelt. „Wir werden regelrecht überrannt“, berichtet Lydia Staltner. Täglich erreichen den Verein rund 50 neue Anträge. Das sind Menschen, die im Alter plötzlich nicht mehr wissen, wie sie Lebensmittel, Medikamente oder die nächste Nebenkostenrechnung bezahlen sollen.
Oft ist der Weg in die Armut schleichend: „Viele, die jetzt 50, 60 Jahre sind, haben sich in jungen Jahren keine Gedanken gemacht um die Rente. Und jetzt plötzlich kriegen sie einen Rentenbescheid und sehen, aha, das ist ja eine Bruttorente, da wird ja die Krankenversicherung abgezogen, dann haben sie ja nur Abzüge.“ Selbst nach 40 Jahren Arbeit reicht die Rente häufig nicht: „Dann muss er anschließend zum Sozialamt gehen und Bittsteller werden, weil er weniger hat als Bürgergeld oder Grundsicherung.“
LichtBlick kann allen helfen – noch. „Bis jetzt mussten wir noch keinen hilfesuchenden Rentner abweisen. Damit das so bleibt, sind wir dringend auf Spenden angewiesen.
3. Hilfe bedeutet mehr als Geld: Gemeinschaft gegen Einsamkeit
„Einsamkeit ist die neue Armut“: Wie LichtBlick Hoffnung spendet
LichtBlick leistet schnelle und unbürokratische Hilfe, aber das ist nur der Anfang. „Wir nehmen ihnen einfach die Angst. Viele gehen vor unserem Ladenbüro auf und ab, tun so, als würden sie auf jemanden warten, bis sie sich trauen reinzukommen. Und wenn sie dann eine Tasse Kaffee bekommen und merken, dass sie würdevoll behandelt werden, blühen sie auf.“
Die Organisation steht für mehr als finanzielle Unterstützung. Für viele ist der Kontakt zu LichtBlick der erste Schritt zurück ins soziale Leben: „Wir haben Leute, die kommen zum Geburtstag zu uns her, weil sie das ganze Jahr kaum mit jemandem sprechen. Die haben niemanden, wo sie Geburtstag feiern können. Einsamkeit ist ein großes Thema.“
Patenschaften ab 35 Euro monatlich ermöglichen Teilhabe, ohne Rechtfertigungsdruck: „Diese 35 Euro, da müssen die sich nicht rechtfertigen, was sie damit tun, das ist, um ihnen Würde zu schenken, am Leben teilzunehmen.“
Warum Sie dieses Podcast-Interview hören sollten?
Dieses Gespräch macht sichtbar, was sonst oft verborgen bleibt: Wie schnell Altersarmut entstehen kann und wie entscheidend echte Zuwendung und Würde für einen Menschen sind. Lydia Staltner zeigt, dass Hoffnung und Menschlichkeit stärker sind als jede Statistik. Wer wissen möchte, wie Hilfe wirklich ankommt, sollte zuhören. Vielleicht ist dieses Interview der Moment, in dem auch Sie zum Lichtblick werden.
Spendenkonten: Unterstützen Sie LichtBlick mit einer Spende, Patenschaft oder ehrenamtlichem Engagement – jeder Beitrag macht einen Unterschied.
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Interview mit Lydia Staltner:
Wie LichtBlick Senioren in Not bundesweit unterstützt mit Geld und Gemeinschaft
Claudia Mattheis:
Herzlich willkommen in meinem LIVVING Podcast, liebe Lydia Staltner. Warum ich Sie eingeladen habe? Weil Sie die Gründerin der Initiative LichtBlick Seniorenhilfe e. V. sind, die sich seit 22 Jahren unermüdlich gegen Altersarmut einsetzt. Mit Ihrem Team unterstützen Sie mehr als 31.000 Seniorinnen und Senioren in Deutschland mit Soforthilfen, Patenschaften, Gemeinschaftsaktionen und persönlicher Zuwendung.
Kurz zu den Fakten: Die Armutsgrenze in Deutschland liegt 2025 bei 1.450 Euro netto für eine alleinlebende Person. Mehr als die Hälfte der Rentenempfänger:innen bekommt jedoch weniger als 1.250 Euro pro Monat. Durchschnittlich beziehen die von Ihnen unterstützten Rentner:innen sogar nur 769 Euro. Und doch bleibt das Thema Altersarmut für viele unsichtbar. Sie ändern das, sorgen für Lichtblicke und haben dafür im September 2023 sogar das Bundesverdienstkreuz erhalten. Mit Ihrem Engagement geben Sie nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern vor allem etwas, das unbezahlbar ist: Würde, Gemeinschaft und Hoffnung.
Ich freue mich sehr auf unser Gespräch. Die allererste Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen? Was war Ihr persönlicher Antrieb, LichtBlick zu gründen?
Lydia Staltner:
Vor 22 Jahren ist immer dort, wo ich wohne, eine alte Frau vorbeigegangen – Sommer wie Winter, immer im Wintermantel. Sie war vielleicht um die 90 Jahre alt und ist, wie es früher oft war, leicht gebückt gegangen. Sie hatte einen Buckel und ist mit einem Teewagen unterwegs gewesen. Manchmal blieb sie stehen, immer in den gleichen, alten Winterschuhen – und das auch, wenn es draußen 30 Grad hatte. Diese Frau ging jahrelang so gekleidet umher. Da war mir klar: Sie hat nichts anderes. Das hat mich sehr beschäftigt, und ich habe mir gesagt, jetzt muss ich etwas für alte Menschen tun. Ich wollte, dass Menschen, die unser Land aufgebaut und viel bewegt haben, wenigstens etwas zum Anziehen haben. So habe ich angefangen.
Claudia Mattheis:
Wie ist denn Ihr persönlicher Hintergrund? Sie kommen ja eigentlich nicht aus dem sozialen Bereich, sondern aus der Werbung, oder?
Lydia Staltner:
Ja, ich habe schon immer eine kleine Werbeagentur gehabt, komme also tatsächlich nicht aus dem sozialen Bereich. Aber ich glaube, egal, was jemand macht – wenn man ein Herz für ein bestimmtes Thema hat, kann man etwas bewirken. Vielleicht war es auch Schicksal, dass ich bei meiner Oma aufgewachsen bin, die immer sehr gut zu mir war. Vielleicht will man im Unterbewusstsein auch etwas zurückgeben, wenn man im Leben selbst Gutes erfahren hat. Das könnte der Grund sein, warum ich mich für ältere Menschen engagiere.
Claudia Mattheis:
Das ist ein wunderbarer Ansatz. Unsere Gesellschaft braucht Engagement und Ehrenamt. Sie haben in den letzten 22 Jahren ja sehr intensive Einblicke in die Altersarmut in Deutschland bekommen. Wie hat sich das in dieser Zeit verändert? Ist es schlimmer geworden? Wie schätzen Sie das ein?
Lydia Staltner:
Es hat sich gravierend verändert. Zum einen wird inzwischen in den Medien mehr über Altersarmut berichtet, das Thema ist präsenter, auch durch die Babyboomer-Generation. Die Politik nimmt das zumindest am Rande wahr. Zu Beginn haben wir vielleicht 50 Menschen unterstützt – inzwischen begleiten wir über 31.000 Seniorinnen und Senioren lebenslang. Das ist ein Unterschied wie Tag und Nacht. Wir bekommen jeden Tag zwischen fünf und zehn neue Anträge von alten Menschen, die Hilfe brauchen. Diese Anträge kommen über Sozialbürgerhäuser, öffentliche Stellen oder Nachbarschaftshilfe.
Viele kommen jetzt aus ihrem Versteck heraus. Auch diejenigen, die sich schämen zum Sozialamt zu gehen, die vielleicht „nur“ einen Kühlschrank oder einen Essensgutschein für 20 Euro brauchen, trauen sich inzwischen, um Hilfe zu bitten – weil es einfach hinten und vorne nicht mehr reicht.
Claudia Mattheis:
Sie sprechen oft von einer „unsichtbaren“ Armut. Warum ist Altersarmut in unserer Gesellschaft so schwer zu erkennen, und was macht das mit den betroffenen Menschen?
Lydia Staltner:
Wir hatten schon Sponsoren, die Menschen kennengelernt haben, die wir betreuen, und sagten dann: „Die sehen ja gar nicht arm aus.“ Die Menschen pflegen sich, wollen nach außen hin nicht arm erscheinen. Sie tragen eine gepflegte Bluse, einen Rock, manchmal auch Schmuck, den sie schon viele Jahre haben. 80 Prozent der Menschen, die wir unterstützen, sind Frauen – sie haben ihr Leben lang gearbeitet, Kinder bekommen, gepflegt, waren aktiv. Warum sollten sie „heruntergekommen“ aussehen? Altersarmut ist meist unsichtbar, weil die Betroffenen sich bemühen, nicht aufzufallen. Viele gehen auch nicht zur Tafel, weil sie nicht als arm abgestempelt werden möchten. Es wird oft pauschal behauptet, „die hat ja nie gearbeitet“ – dabei haben alle, denen wir helfen, eine Lebensleistung erbracht.
Claudia Mattheis:
Das hat viel mit Würde und Scham zu tun, oder?
Lydia Staltner:
Absolut. Man darf nicht vergessen: Viele unserer Rentnerinnen und Rentner haben noch die Nachkriegszeit erlebt, in der es wirklich an allem fehlte. Damals hat man einfach überlebt – die Leute haben Kartoffeln gesammelt, wenig verdient, manche Arbeitgeber haben gar nicht für die Rente eingezahlt. Es war eine andere Zeit, und viele haben noch diese Haltung: „Es geht schon irgendwie.“ Manche Menschen behaupten sogar, Altersarmut gäbe es gar nicht – dabei betrifft sie viele.
Claudia Mattheis:
Sie haben es gerade schon angesprochen: Es sind vor allem Frauen betroffen. Ich habe gelesen, etwa 70 Prozent Ihrer Unterstützten sind Frauen?
Lydia Staltner:
Ja, am Anfang waren es sogar 90 Prozent. Mittlerweile sind auch mehr Männer dabei, aber Altersarmut bleibt vor allem ein weibliches Thema. Frauen verdienen auch heute noch weniger als Männer – etwa 18 bis 20 Prozent weniger für die gleiche Arbeit. Das führt dazu, dass sie im Schnitt auch 30 bis 35 Prozent weniger Rente bekommen als Männer.
Claudia Mattheis:
Wenn Sie auf die Rentnerinnen schauen, die Sie unterstützen: Kam der Schritt in die Armut überraschend, oder ist es ein schleichender Prozess? Viele sind erstaunt, wie wenig Rente nach Abzug aller Steuern tatsächlich bleibt, und irgendwann ist vielleicht auch das Ersparte aufgebraucht. Gibt es typische Wege in die Altersarmut?
Lydia Staltner:
Wir haben gerade eine Zeitung gemacht, „Jung und Alt“, weil wir wissen wollten, wie junge Leute darüber denken. Viele sagen: „Rente bekomme ich sowieso nicht, man muss vorsorgen.“ Wer jetzt 50 oder 60 Jahre alt ist, hat sich früher kaum Gedanken gemacht – und ist dann überrascht, wenn der Rentenbescheid kommt. Da steht dann ein Bruttobetrag, von dem noch die Krankenversicherung und andere Abzüge weggehen. Wenn jemand 40 Jahre als Arzthelferin oder Verkäuferin gearbeitet hat – also in normalen Berufen, nicht studiert –, dann bleibt nach Abzug der Miete oft so wenig übrig, dass man zum Sozialamt muss. Nach 40 Jahren Arbeit ist die Rente teilweise niedriger als Bürgergeld oder Grundsicherung. Das ist demotivierend. Ich finde, die Rente müsste so grundlegend reformiert werden, dass Menschen motiviert sind zu arbeiten und sich auf den Ruhestand freuen können.
Claudia Mattheis:
Was wäre aus Ihrer Sicht eine angemessene Mindestrente?
Lydia Staltner:
1.500 Euro netto.
Claudia Mattheis:
Halten Sie das für realistisch?
Lydia Staltner:
Leider nicht. Es wird immer mal wieder darüber gesprochen, aber der Staat sagt: Wir haben doch die Grundsicherung und übernehmen Miete und Nebenkosten. Das ist zwar gut, aber es hat nichts mit Würde oder Motivation zu tun. Menschen möchten stolz auf ihre Lebensleistung sein, und dazu trägt die Politik bisher nicht bei.
Claudia Mattheis:
Noch eine Frage zur Wohnsituation: Müssen die Menschen, die Sie betreuen, umziehen oder können sie in ihrer Wohnung bleiben? Wird die Miete übernommen?
Lydia Staltner:
Ein Alleinstehender darf in der Regel bis zu 50 Quadratmeter haben. Wer deutlich mehr hat, dem wird das von der Grundsicherung abgezogen, weil das Amt sagt, er könne ja untervermieten.
Claudia Mattheis:
Und machen die Leute das – untervermieten?
Lydia Staltner:
Viele haben mit ihrem Mann in einer Wohnung gelebt, zum Beispiel auf 60 oder 65 Quadratmetern. Wenn der Partner verstirbt, will man nicht plötzlich einen Untermieter in der Wohnung haben, die man vielleicht ein Leben lang geteilt hat. Ich fände es richtig, dass man wenigstens die 60 Quadratmeter allein nutzen darf oder eine kleinere Sozialwohnung beantragen kann. Das Problem ist, dass es viel zu wenige kleine Wohnungen gibt. Bedürftige warten oft fünf, sechs oder sieben Jahre auf eine passende Wohnung.
Claudia Mattheis:
Wie alt sind die Menschen, die zu Ihnen kommen? Ab 60 darf man sich an Sie wenden, richtig? Aber wie ist das Durchschnittsalter?
Lydia Staltner:
Die Ältesten sind bei uns über 100 Jahre alt. Man darf ab 60 zu uns kommen, und da wir viele lebenslang begleiten, sind viele heute natürlich über 80. Im Schnitt kommen die Menschen so ab 65, 66, 67 zu uns – oft dann, wenn das Ersparte aufgebraucht ist.
Claudia Mattheis:
Altersarmut ist ja nicht nur eine finanzielle Frage, sondern reicht oft tiefer. Viele Menschen schämen sich, um Hilfe zu bitten. Wie begegnet Ihr Team dieser Scham?
Lydia Staltner:
Wir sind ein junges Team von Frauen, darunter auch Jüngere. Viele Bedürftige haben große Angst, zu uns zu kommen – manche laufen erst eine Weile vor der Tür auf und ab, bevor sie sich hineinwagen. Wenn sie dann hereinkommen und merken, dass sie mit einer Tasse Kaffee freundlich empfangen und würdevoll behandelt werden, fällt die Angst ab. Viele sagen hinterher: „Wenn ich das früher gewusst hätte, wäre ich schon eher gekommen.“ Bei uns lernen die Menschen Gleichgesinnte kennen, manchmal entstehen sogar Freundschaften oder Paare. Es geht um Gemeinschaft, nicht nur um Hilfe. So nehmen wir den Menschen die Angst.
Claudia Mattheis:
Wie sieht die Hilfe konkret aus? Es geht ja nicht nur ums Geld, sondern auch um soziale Teilhabe. Was passiert, wenn jemand den Mut fasst und ins Büro kommt?
Lydia Staltner:
Zunächst müssen die Menschen einen dreiseitigen Antrag ausfüllen und Nachweise wie Kontoauszüge oder den Rentenbescheid vorlegen. Am Ende des Fragebogens können sie angeben, ob sie an Veranstaltungen teilnehmen möchten. Wir prüfen die Bedürftigkeit sehr genau und arbeiten dabei mit einer Datenbank. Wenn jemand z. B. einen Lebensmittelgutschein erhält, muss er uns auch die Belege schicken. Transparenz ist uns wichtig – wir wollen nicht, dass es heißt, „da kriegt man einfach so etwas geschenkt“. Die Bedürftigkeitsprüfung und der Nachweis über die Verwendung sind für uns entscheidend.
Claudia Mattheis:
Wie lange dauert diese Prüfung? In Deutschland dauert so etwas auf Ämtern oft sehr lang – geht das bei Ihnen schneller?
Lydia Staltner:
Wir sind kein Amt und können schneller agieren. Wenn heute jemand einen Antrag stellt und die Unterlagen vollständig sind, wird er meist am gleichen oder am übernächsten Tag bearbeitet. Die Menschen bekommen dann spätestens am übernächsten Tag einen Brief mit der Entscheidung. Das ist uns wichtig, weil viele Dinge wie Medikamente, Brillen oder Essen einfach nicht warten können.
Claudia Mattheis:
Sie haben schon einige Gründe genannt, warum Menschen zu Ihnen kommen. Was sind die häufigsten Anliegen?
Lydia Staltner:
Vor allem geht es um Medikamente, Elektrogeräte und – seit etwa zwei Jahren – zunehmend um Hunger. Viele Tafeln haben Aufnahmestopp, und wer knapp über der Bemessungsgrenze liegt, bekommt keine Unterstützung vom Staat, hat aber trotzdem kaum genug zum Leben. Sie müssen trotzdem die GEZ-Gebühr zahlen und haben keine Vergünstigungen für Mobilität oder Krankenkassenzuzahlungen. Auch Dinge wie Kleidung, Fernseher, Mobilität oder Fußpflege sind oft ein Thema.
Claudia Mattheis:
Macht Armut einsam?
Lydia Staltner:
Ja, Einsamkeit ist die neue Armut. Viele können sich nicht mal mit der Nachbarin auf einen Kaffee treffen oder ein Eis essen gehen, weil das Geld fehlt. Manche kommen zu uns, um wenigstens am Geburtstag mit jemandem sprechen zu können. Einsamkeit ist ein großes Thema, und unser Telefon steht deshalb vormittags kaum still. Manchmal merkt man, dass es den Menschen eigentlich mehr ums Gespräch als um die finanzielle Hilfe geht.
Claudia Mattheis:
Und das bieten Sie auch?
Lydia Staltner:
Natürlich. Unsere Mitarbeiterinnen nehmen sich Zeit für Gespräche – und das ist oft genauso wichtig wie materielle Unterstützung. Wir wollen für die Menschen ein Lichtblick sein, damit sie das Gefühl haben, weiterleben zu wollen und nicht aufzugeben.
Claudia Mattheis:
Haben Sie das Gefühl, dass Resignation eine Folge der Armut ist, dass Menschen irgendwann nicht mehr weiterleben wollen?
Lydia Staltner:
Ja, viele sind krank und arm, können sich die notwendigen Medikamente nicht leisten – das macht mürbe. Ich muss ehrlich sagen: Ich würde mich irgendwann auch aufgeben.
Claudia Mattheis:
Aber es gibt zum Glück Sie und LichtBlick. Sie arbeiten ehrenamtlich, finanzieren sich aber auch über Spenden. Wie funktioniert das genau?
Lydia Staltner:
Wir finanzieren uns ausschließlich über Spenden und erhalten keine öffentlichen Gelder, weil wir flexibel und schnell helfen wollen. Öffentlichkeitsarbeit ist uns sehr wichtig – je mehr Menschen von uns wissen, desto mehr können wir erreichen. Viele Spender unterstützen uns, manche sogar vor der eigenen Haustür. Früher mussten viele der von uns unterstützten Menschen Flaschen sammeln – das müssen sie heute dank unserer Hilfe nicht mehr.
Claudia Mattheis:
Es gibt viele Möglichkeiten, LichtBlick zu unterstützen, zum Beispiel über eine monatliche Patenschaft ab 35 Euro. Wie funktioniert das?
Lydia Staltner:
Rentnerinnen und Rentner, die wir geprüft haben, erhalten eine monatliche Patenschaft von 35 Euro zusätzlich zur regulären Unterstützung. Das Geld ist für Cafébesuche, Kinotickets oder kleine Geschenke für die Enkel. Die Patenschaft soll Würde schenken und Teilhabe ermöglichen. Das Geld wird direkt per Dauerauftrag überwiesen, ohne Rechtfertigungsdruck. Die Patenschaften sind meist anonym, weil es in der Vergangenheit unangenehme Situationen gab, wenn Spender und Empfänger sich kannten.
Claudia Mattheis:
Es gibt auch Unternehmensspenden und die Möglichkeit, LichtBlick im Nachlass zu bedenken. Welche Formen der Unterstützung gibt es sonst noch?
Lydia Staltner:
Viele Unternehmen spenden anstelle von Weihnachtsgeschenken für uns, veranstalten Spielenachmittage oder Ausflüge. Einige begleiten uns schon viele Jahre, engagieren sich vielfältig. Erbschaften sind für uns auch sehr wichtig, um die Zukunft des Vereins zu sichern – gerade, wenn Spenden mal weniger werden. Auch kleine regelmäßige Spenden helfen uns.
Claudia Mattheis:
Kann man Sie auch ehrenamtlich unterstützen?
Lydia Staltner:
Ja, wir haben das Projekt „Seniorenassistenz“. Zwei Krankenschwestern führen Menschen zusammen, die jemanden zum Reden oder für kleine Besorgungen brauchen. Es gibt verschiedene Projekte, zum Beispiel die Verteilung von Lebensmittelkisten. Es muss einfach für beide Seiten passen, aber wir finden gemeinsam einen Weg.
Claudia Mattheis:
Sie sitzen in Bayern, wachsen aber deutschlandweit. Es gibt neue Standorte, zum Beispiel in Berlin-Neukölln?
Lydia Staltner:
Ja, in Berlin-Neukölln, Rollbergstraße 30, kann man Kontakt aufnehmen. Dort werden viele Veranstaltungen organisiert, und Hilfe ist immer willkommen. Am besten einfach melden, gemeinsam finden wir Möglichkeiten, sich einzubringen.
Claudia Mattheis:
Frau Staltner, vielen Dank. Die abschließende Frage, die ich all meinen Gästen stelle: Wie möchten Sie selbst in Zukunft leben? Was haben Sie noch für Pläne, wie möchten Sie wohnen?
Lydia Staltner:
Ich wohne sehr klein, große Wohnungen sind mir nicht wichtig. Am wichtigsten ist mir, gesund zu bleiben und jeden Tag kleine Erlebnisse zu haben. Glück findet man im Jetzt – ich will im Moment leben und mir nicht zu viele Gedanken machen, was noch alles sein müsste.
Claudia Mattheis:
Möchten Sie in den Ruhestand gehen? Sie wirken nicht so.
Lydia Staltner:
Doch, doch, ich möchte schon irgendwann in den Ruhestand gehen – vielleicht nicht gleich morgen, aber bald.
Claudia Mattheis:
Liebe Frau Staltner, ich danke Ihnen für dieses Gespräch und wünsche Ihnen alles Gute. Alle Kontaktdaten schreibe ich in die Shownotes.
Lydia Staltner:
Danke, tschüss, Ihnen auch eine gute Zeit.
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