Älterer Mann auf Bank von hinten

Filmtipp: ZDF Dokumentation zum Thema Einsamkeit “Allein unter Millionen”

Die Epidemie der Einsamkeit

Wir leben in modernen Zeiten, in einer vernetzten Welt. Wir kommunizieren mit Menschen auf der anderen Seite des Globus, und dennoch: Noch nie zuvor waren die Menschen so einsam wie heute.

Experten sprechen von einer „Epidemie der Einsamkeit“: niemand, der da ist, niemand, der mit einem spricht. Viele haben keine Person, an die sie sich wenden können, sie fühlen sich von der Gesellschaft ausgeschlossen. Alleinsein kann uns auf Dauer krank machen.

Für „ZDFzeit“ geht Tennisprofi Andrea Petković der Epidemie der Einsamkeit auf den Grund. Auch sie kennt das Gefühl. Oft Tausende Kilometer entfernt von zu Hause, tritt sie bei internationalen Tennisturnieren an, wohnt in anonymen Hotels und ist mit ihren Gefühlen nach gewonnenem oder verlorenem Match allein. Petković führt durch die Dokumentation und zeigt den Zuschauern die verschiedenen Facetten des Tabuthemas Einsamkeit.

Vereinsamung gilt mittlerweile als eines der größten sozialen Probleme westlicher Gesellschaften. In Umfragen erklärte jeder zehnte Deutsche, sich einsam zu fühlen. Das Gefühl der Einsamkeit trifft Menschen jeden Alters: vor allem Senioren, aber auch Jugendliche und Mittdreißiger, Menschen, die mitten im Berufsleben stehen. Denn, wer beruflich vorankommen will, muss mobil sein. Um der Karriere willen an einen Ort ziehen, wo es bessere Ausbildungs- und Berufschancen gibt. Meist in den Großstädten, fernab der Heimat. Familie und Freunde in weiter Ferne, die Nachbarn kennt man kaum. Und der stressige Job lässt wenig Zeit, neue Kontakte aufzubauen. Einsamkeit ist ein Problem unserer modernen Zeit, das durch Corona und daraus folgende Vereinzelung noch verstärkt wird.

Karrieredrang statt Sozialleben

„ZDFzeit“ hat Menschen gefunden, die über das Tabuthema Einsamkeit sprechen und Einblick geben, wie sie mit dem belastenden Gefühl umgehen. Für Dominik hat sein Beruf oberste Priorität: “Mein Job definiert schon immer, wo ich wohne.” Der 38-Jährige arbeitet als Wirtschaftsjurist – seine Berufsangebote haben ihn quer durch Deutschland getrieben, immer der Arbeit hinterher. Erfolg im Beruf kompensiert viel in seinem Leben – nur das Privatleben bleibt auf der Strecke. Das Verhältnis zu seinen Kollegen ist gut, aber Treffen nach der Arbeit gibt es nicht. Emotional auftanken kann Dominik bei seiner Familie und seinem besten Freund – Menschen, die er aufgrund der räumlichen Distanz viel zu selten sieht.

Auch Bärbels Tochter ist einem attraktiven Jobangebot gefolgt. Zurück blieb die 74-jährige Rentnerin – Kind und Enkel weit weg. Vor allem ältere Menschen tun sich schwer, neue Kontakte aufzubauen. Das Bundesfamilienministerium stellt fest: Jede fünfte Seniorin oder jeder fünfte Senior ab 75 Jahren fühlt sich einsam. Erst mit therapeutischer Hilfe fand die Rentnerin wieder Halt und hat sogar ein neues Hobby für sich entdeckt: tanzen.

Älterer Mann auf Bank von hinten
Tabu-Thema Einsamkeit betrifft alle Generationen, nicht nur Senioren (Foto © Adobe Stock, Bujia)

Einsamkeit macht krank:
Die Menschen und die Gesellschaft

Wieder am gesellschaftlichen Leben teilnehmen: ob gärtnern, schreinern, backen. In Großbritannien wird Gesellschaft als Rezept verordnet: „Social Prescribing“, so der Begriff. Auf dem Inselstaat hat man erkannt: Vereinsamung hat Folgen für Gesundheit und Wirtschaft. 2018 wurde das weltweit erste „Einsamkeitsministerium“ eingerichtet. CDU-Politikerin Diana Kinnert hat zum Thema geforscht und sieht massive Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft: „Wir haben ein Einsamkeitsproblem. Unser Gemeinwesen ist mit einer neuen Form von Vereinzelung konfrontiert. Es kann dazu führen, dass sich ein Gemeinwesen nicht mehr als Gemeinwesen fühlt, dass Solidarität abnimmt, dass kein Zusammenhalt da ist, dass Spaltung zunimmt.“

Soziale Medien sorgen für Vereinsamung

Mitursache für die zunehmende Vereinzelung sind laut Experten soziale Medien. Wir sind ständig online, die Zahl der Follower bestimmt, wie beliebt wir sind. Facebook und Instagram werden zum Ersatzleben. Doch Likes sind eine Illusion – was nutzen Hunderte virtuelle Freunde, wenn echte Beziehungen fehlen?

Pauline ist 16 Jahre alt und sagt: „Social Media ist toxisch.“ Und dennoch hat sie sich jetzt wieder bei Instagram angemeldet, um nichts zu verpassen. Dass Jugendliche in so großer Zahl von Einsamkeit betroffen sind, führt Kinder- und Jugendpsychologin Elisabeth Raffauf auf den wachsenden Druck zurück. Die Anforderungen an die jungen Menschen seien enorm. Es gebe 1000 Möglichkeiten, viele seien mit der Entscheidungsfindung überfordert. Zudem herrsche ständige Vergleichbarkeit. Über Social Media könne man sehen, was die anderen machten. Das erzeuge Unzufriedenheit mit sich und dem eigenen Leben.

In der Dokumentation kommen Menschen zu Wort, die offen über dieses schambehaftete Thema sprechen und zeigen, wie ihr ganz persönlicher Weg hinaus führt aus der Einsamkeit.

“Die Epidemie der Einsamkeit” jetzt ansehen

Die Dokumentation von Anne Kauth, Roger Melcher und Rita Stingl ist in der ZDF Mediathek bis zum 22.02.2024 verfügbar.
Link zur Mediathek

 

Text: ZDF

Das könnte Sie auch interessieren:

Wie Umzug und Roadtrip die Nähe zum eigenen Vater stärken: Interview mit Tobias Fruh

Vom altersgerechten Wohnen bis zur Reise in die Familiengeschichte: Tobias Fruh erzählt, wie der Umzug seines Vaters ihr Verhältnis verändert hat und warum gemeinsame Pläne keinen Aufschub vertragen.

Wie können Städte älteren Menschen in Krisen besser helfen?

Hitzewellen, Stromausfälle oder Überschwemmungen treffen ältere Menschen besonders hart. Was können Kommunen, Nachbarn und wir alle dagegen tun?

Sicherheitsschirm im Test: Gibt er uns älteren Menschen wirklich mehr Sicherheit?

Im Test ergab der Sicherheitsschirm im Alltag ein spürbar besseres Sicherheitsgefühl. Aber was ist ein Sicherheitsschirm?

Testbericht Patronus Uhr im Alltag. Wie gut ist die Notrufuhr wirklich? Update 2026

Wie zuverlässig ist die Uhr? Wie lange hält der Akku? Und wie einfach funktioniert die Einrichtung? Wir haben die Patronus Uhr erneut getestet …

Warum Hitze für ältere Menschen lebensgefährlich werden kann

Mit zunehmendem Alter reagiert der Körper deutlich schlechter auf hohe Temperaturen. Das Durstgefühl nimmt ab, der Kreislauf wird instabiler und Warnsignale werden häufig zu spät erkannt.

Smart Ageing: Wie Technologie das Altern revolutionieren kann

Die Digitalisierung eröffnet neue Möglichkeiten für ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben im Alter. Doch wie kann Technologie älteren Menschen wirklich helfen?

Wohnen im Ausland: Welche Länder bieten finanzielle Vorteile im Ruhestand?

Einige Staaten gewähren Ruheständler:innen Steuer- und andere Erleichterungen, um deren Kaufkraft ins eigene Land zu holen.

Fußball-Legende Gernot Rohr: Warum er nicht an Ruhestand denkt

Mit 73 Jahren trainiert er eine Nationalmannschaft, führt zwei Hotels, reist zwischen Afrika und Frankreich hin und her. Was treibt Gernot Rohr an, während andere längst ihren Ruhestand genießen?

LIVVING Interview mit Styling-Expertin Lilo Rödder (75+): Mode kennt kein Alter

Ein Gespräch über zeitlose Eleganz, typgerechte Kleidung und einen beruflichen Neustart mit Mitte Sechzig statt Ruhestand in Spanien.

Warum wir ab 50 neue Vorbilder brauchen und wo wir sie finden: Interview mit Christoph Kamps

Warum uns im Alter die richtigen Bilder fehlen und was passiert, wenn wir sie endlich finden.

Baugemeinschaft Jardin Hermsdorf: Grundstück gesichert. Wie Wohnen ab 50 in Berlin entsteht.

Wie entsteht eine Baugemeinschaft ab 50 in der Praxis? Jardin Hermsdorf nimmt konkret Gestalt an und zeigt, warum dieses Modell weit über Berlin hinaus relevant […]

CityCaddy, Senior Entrepreneurship und selbstbestimmtes Altern: Interview mit Elke Jensen

Mit 70 ein Unternehmen gegründet, mit 76 noch täglich im Büro: Wie Produktdesignerin Elke Jensen die Lücke zwischen Einkaufstrolley und Rollator mit dem CityCaddy gefüllt hat.

Lassen uns „toxische” Menschen schneller altern?

Haben Sie auch Menschen in Ihrem Umfeld, die belastend sind und ständig nerven? Jede:r Dritte jedenfalls hat mindestens einen dieser „toxischen“ Menschen im näheren Umfeld. [...]

Notrufarmband oder Sturzmelder: welches Gerät schützt besser?

Wir erklären Ihnen die Unterschiede, Vor- und Nachteile und welche Lösung zu Ihrer Situation passt. Mit einem Überblick über die gängigsten Anbieter im Vergleich.

Was ein Testament leistet und was Pflege mit dem Vermögen macht: Interview mit Carola Hanemann

Wenn Pflege teuer wird: Was Familien über Nachlassvorsorge, Schenkungen und das Berliner Testament wissen sollten.

Das Dorf als Wohnmodell der Zukunft: Interview mit Katrin Frische und Nina Nisar

Warum das Dorf der klügste Wohnplan für die zweite Lebenshälfte sein könnte z.B. an der Ostsee, in Brandenburg, in der Altmark, in der Toskana …

Seniorendorf Projektidee: Wie könnte das LIVVING-Wohndorf aussehen?

Unsere Vision für ein Wohndorf für ältere Menschen. Was wir uns vorstellen und wie auch Sie Ihre Ideen für dieses Modellprojekt Seniorendorf Berlin einbringen können, erfahren Sie hier.

Claudia Mattheis moderierte Panel beim Jahreskongress Wohnen und Pflege im Alter 2026

Wieso LIVVING Chefredakteurin Claudia Mattheis als Branchenfremde beim Fachkongress das Panel „Vom Servicewohnen bis zur Pflege-WG – (innovative) Wohnformen mit Zukunft” moderiert.

Schlafapnoe und das CPAP-Gerät: Meine persönlichen Erfahrungen

Ein persönlicher Bericht über meine Erfahrungen und eine ehrliche Empfehlung für die Nutzung von CPAP-Geräten.

Interview mit Dr. Bettina Held: Wohnen im Alter. Warum früh planen über Freiheit oder Abhängigkeit entscheidet

In der Berliner Wohnschule lernen Menschen, wie sie das Wohnen im Alter rechtzeitig planen können, damit es zu ihren Bedürfnissen passt

Ruhestand in Portugal: Was kostet der Lebensabend unter südlicher Sonne?

Portugal gilt als eines der beliebtesten Auswanderungsziele für Menschen im Ruhestand. Aber ist es auch 2025 noch das versprochene Paradies für deutsche Rentnerinnen und Rentner?

Buchtipp: „Alt genug” von Ildikó von Kürthy – endlich frei von den eigenen Ansprüchen

Ein Memoir über das Leben jenseits der Lebensmitte, über Ängste, die man überwindet, und solche, die man einfach mitnimmt.

Pflegekraft aus dem Ausland vermitteln lassen: Wie Sie seriöse Agenturen erkennen

Worauf man dabei achten sollte, erklärt Petra Kirstein, die Co-Direktorin des Europäischen Verbraucherzentrums Deutschland im Interview.

Ist man als Kind für seine Eltern verantwortlich?

Haben wir unseren Eltern gegenüber eine Verantwortung? Müssen wir Schuldgefühle haben, wenn wir uns nicht ständig bei ihnen melden?